Poonal Nr. 082

Deutsche Ausgabe des wöchentlichen Pressedienstes lateinamerikanischer Agenturen Nr. 82 vom 22.02.1993

Inhalt


NICARAGUA

HAITI

GUATEMALA

KUBA


NICARAGUA

Sandinisten wieder in der Regierung

(Mangua, Februar 1993, Apia-POONAL).- Präsidentin Chamorro entlässt den Finanzprokurateur, der ihren Schwiegersohn Antonio Lacayo absetzen wollte, und nimmt erstmals in ihrer bald dreijährigen Amtszeit auch Sandinisten in das Kabinett auf. Schon seit längerer Zeit versucht die nicaraguanische Rechte, Mitglieder der Chamorro-Regierung und Abgeordnete der Zentrumsgruppe mit Korruptionsvorwürfen zu diskreditieren und zu stürzen. In der letzten Januarwoche hatte Finanzprokurator Guillermo Potoy, der oberste staatliche Finanzkontrolleur, sogar die Absetzung von Präsidialminister Antonio Lacayo verfügt, dem er vorwarf, in einen Korruptionsskandal verwickelt zu sein. Präsidentin Chamorro ersuchte daraufhin die Nationalversammlung, Potoy abzusetzen, was diese auch prompt verfügte.

Rechte Opposition ausgebootet

Der wegen „Unregelmäßigkeiten“ aus dem Amt entlassene Politiker ist Präsident der „Sozialdemokratischen Partei“ (PSD) und zählt zu den prominentesten Gegnern einer Zusammenarbeit der Regierung mit den Sandinisten. Die Nationalversammlng verfügte seine Absetzung in Abwesenheit der 43 Mitglieder der UNO-Fraktion. Seit dem Sturz von Parlamentspräsident Alfredo César und der Neuwahl des Parlamentspräsidiums am 9. Januar boykottiert die UNO – die vor drei Jahren Violeta Chamorro an die Macht brachte, sich mittlerweile jedoch zum Oppositionsbündnis erklärt hat – alle Sitzungen und Beschlüsse der Nationalversammlung. Mehrere Mitglieder der Zentrumsfraktion, die nun für die Absetzung Potoys votierten, waren von diesem im vergangenen Jahr beschuldigt worden, von der Regierung Schmiergelder erhalten zu haben. Die politisch entmachteten Alfredo César und Vizepräsident Virgilio Godoy sowie der somozistische Bürgermeister Managuas, Arnoldo Alemán, verstärken nun ihre außerparlamentarischen Aktivitäten. Auf einer Publicity-Tour werben sie für ein Referendum, das die Amtszeit der Präsidentin (bis 1996) verkürzen soll. Da nicht nur die Staatschefin selbst die Forderung nach vorgezogenen Neuwahlen ablehnt, sondern für das von der rechten Troika geforderte Referendum die notwendige Zweidrittel-Mehrheit im Parlament nicht in Sicht ist, ist ihre Forderung politisch nicht durchsetzbar. Die letzte große Machtposition der Rechten im Regierungs- und Verwaltungsapparat sind nun noch die Bürgermeister und Gemeinderäte, die mehrheitlich der oppositionellen UNO angehören. Hier besitzt die Regierung allerdings die Möglichkeit, finanziellen Druck auszuüben. Das widerspricht zwar der Gemeindeautonomie, die die FSLN in ihrer Regierungszeit eingeführt hatte, doch ist nicht anzunehmen, daß sich die sandinistische Parlamentsmehrheit gegen solche Praktiken wenden wird.

Keine Aussicht auf vorgezogene Neuwahlen

Bei der im Januar erfolgten Kabinettsumbildung wurden erstmals seit dem Amtsantritt der Chamorro-Regierung vor drei Jahren auch zwei Sandinisten aufgenommen, wenngleich in politisch untergeordneten Funktionen. Die international völlig unbekannten FSLN-Mitglieder Fernando Guzmán und Alevaro Oyanguren wurden zum Tourismus-Minister und zum Vizechef des Instituts für Agrarreform (INRA) ernannt. Guzmán tritt an die Stelle des ehemaligen Contras Alvaro Chamorro Mora, der unter Somoza Bürgermeister von Granada war. Wichtiger könnte das Amt von Oyanguren als INRA-Vizeminister werden. Das Institut für Agrarreform ist eine bedeutende Instanz bei der nach wie vor heftig umkämpften Neuregelung der Eigentumsfrage. Bedeutsam ist auf jeden Fall der politische Effekt dieser Maßnahme: Mit der Aufnahme von Sandinisten in das Kabinett ist die Zusammenarbeit zwischen der oppositionellen FSLN und der Regierung offiziell geworden. Es ist allerdings zweifelhaft, ob sich die Sandinisten damit für die Wahlen von 1996 eine bessere Ausgangsposition schaffen werden. Schließlich tragen sie nun inmitten einer schweren wirtschaftlichen und politischen Dauerkrise Mitverantwortung für die Regierungspolitik. Sollte es nicht gelingen, durch diese Zusammenarbeit für die Bevölkerung spürbare Verbesserungen zu erzielen, so wird die FSLN auch von ihrer Stammwählerschaft für die Misere verantwortlich gemacht werden. Und derzeit haben die Sandinisten allem Anschein nach weder Konzepte, um die soziale und wirtschaftliche Lage der Bevölkerungsmehrheit zu verändern, noch verfügt der Staat über genügend Mittel, um die Folgen der neoliberalen Wirtschaftspolitik sozial abzufedern. Bei einem Fortdauern der Krise bis zu den Wahlen, so hoffen die Ultrarechten um César, Godoy und Alemán, könnten sie die verhaßte Regierung stürzen.

Linkes Strafkommando ermordete Unternehmer-Chef

(Managua, Februar 1993, Apia-POONAL).- Am 31. Januar nahmen die selbsternannten „Linken Strafbataillone (Fuerzas Punitivas de Esquierdas – FPI) die Täterschaft für die Ermordung des Viehzüchters und Führers des Unternehmerverbandes COSEP, Arges Sequeira, vor zwei Monaten, auf sich. Die ehemaligen Armeemitglieder, Oberstleutnant Frank Ibarra, Hauptmann Diego Espinoza und der Polizeihauptmann German Lacayo, die wegen der mutmaßlichen Ermordung des prominenten Viehzüchters derzeit im ganzen Land gesucht werden, „kämpfen in unseren Reihen weiter“, heißt es in dem Kommunique der FPI. Es werden darin weiterhin der Direktor der Tageszeitung „La Prensa“, Pablo Antonio Cuadra, der oberste Rat der COSEP und der Bürgermeister von Managua, Arnoldo Alemán sowie „Radio Corporación“ beschuldigt, den Krieg anzuheizen. „Wir sind keine Terroristen“, so das FPI-Kommunique, „aber wir werden die Feinde des Volkes vernichten“.

Gewerkschaften übernehmen staatliche Unternehmen

(Managua, Februar 1993, Apia-POONAL).-Anfang Februar haben die Regierung Chamorro und die pro-sandinistische Gewerkschaftsvereinigung „Nationale Arbeiterfront“ (FNT) die Privatisierungen von 34 staatlichen Unternehmungen zugunsten von Mitgliedern dieser Gewerkschaftszentrale vereinbart. Die Vereinbarung sieht außerdem vor, daß die FNT-Mitglieder bis zu 50 Prozent an weiteren Arzneimittel- und Streichholzunternehmen beteiligt werden könnten, während der Rest den ehemaligen Eigentümern zurückgegeben wird. Die meisten dieser Unternehmen waren von den Sandinisten in den achtziger Jahren verstaatlicht worden. Das Übereinkommen zwischen Regierung und FNT rief die Kritik des „Ständigen Rates der Arbeiter“ (CPT), einer von nicht- sandinistischen Gewerkschaften gebildeten Zentrale, hervor. Wie CPT-Chef José Espinosa erklärte, „herrscht in den Reihen der im CPT vereinigten Gewerkschaften Unruhe darüber, daß sie vom Privatisierungsprozeß zugunsten der Arbeiter ausgeschlossen sind“. Der CPT hatte Chamorro bei den Wahlen von 1990 unterstützt.

HAITI

Ohne Landreform kein Ausweg aus der Armut

(Port-au-Prince, Februar 1993, HIB-POONAL).- Zwei Drittel des fruchtbaren Landes in Haiti gehören nur 1,15 Prozent der Landbesitzer*innen, während nur zehn Prozent der Anbaufläche von zwei Drittel der ländlichen Bevölkerung bewirtschaftet wird. Diese Zahlen wurden in einem kürzlich veröffentlichten Artikel von Gabriel Herard bekanntgegeben. Herard weist darauf hin, daß das größte Problem der Landwirtschaft in Haiti nicht der Mangel an Wasser und Investitionsmitteln, sondern die ungerechte Landverteilung ist. Der Agrarexperte Gerald Brisson, der unter der Regierung Duvaliers umgebracht wurde, stellte schon fest, daß sich der Großteil der Agrarflächen in Händen von Politiker*innen, Armeeoffizieren, Geschäftsleuten und Spekulant*innen befinde. „Über Generationen hinweg wurde ihr Besitz durch dubiose Manöver immer größer“ sagt Herard.

Extreme Ungleichverteilung der Landflächen

In der Zeit zwischen den Unabhängigkeitskriegen im Jahre 1804 und der Besetzung durch die Marinetruppen der Vereinigten Staaten im Jahre 1915 verteilten die Regierungen Land an Freund*innen und Familienangehörige. Während der Besetzung beschlagnahmte der von den USA verwaltete Staat große Landflächen ohne Besitztitel und wandelte es in „staatseigenes“ Land um. Heute haben zahlreiche Regierungsfreunde – ehemalige Politiker*innen, alte Generäle und einflußreiche Geschäftsleute- Agrarland zu einem geringen Preis oder kostenlos gepachtet. Diese wiederum verpachten die Flächen häufig zu höheren Preisen. Trotz des Bevölkerungswachstums seit 1804 konzentrierte sich der Landbesitz zunehmend in den Händen der Machthaber*innen. Kleine Landbesitzer*innen verloren ihr Land: Sie mußten ihren esitz verkaufen, weil sie die Schulden nicht zurückzahlen konnten oder wurden von Großgrundbesitzern mit Gewalt von ihren Parzellen vertrieben. Auch benutzen die Führungsschicht das Rechtssystem, um sich das Land ahnungsloser Bauern und Bäuerinnen überschreiben zu lassen. Die meisten Bauern und Bäuerinnen besitzen gar kein Land mehr. Manche pachten es im Austausch gegen einen Teil ihrer Ernte. Andere sind kleine Farmpächter*innen. Die Tagelöhner*innen erhalten weniger als einen US-Dollar pro Tag oder werden mit einer Mahlzeit und etwas „kleren“ (Zuckerrohrschnaps) bezahlt.

Bauern von Parzellen vertrieben

Herard führt eine Reihe von Beispielen aus dem Norden, Nordwesten und Nordosten des Landes an. Zum Beispiel gibt es in der Plaine de l'Arbre-Region im Nordwesten 22.000 Hektar Land, aber aufgrund der Trockenheit in der Region sind nur 2.000 Hektar kultivierbar. Davon gehören 1.500 der Familie Metayer, der das Land von König Henry-Christophe (1811-1820) zugesprochen wurde. In dem nahegelegenen Jean Rabel besitzen zwei ehemalige Parlamentarier 50 Hektar bewässertes Land und weitere 380 Hektar unbewässertes Land. Der Staat besitzt große Landflächen in der Nähe von Quanaminthe im Nordosten, die von mächtigen Geschäftsleuten aus Cap Haitien „gepachtet“ werden. Den Landarbeiter*innen werden weniger als 25 Cents pro Tag bezahlt. „Die Bauern und Bäuerinnen sind nicht 'faul' oder 'rückständig', sondern es werden ihnen nicht die Mittel gegeben, das Land zu bearbeiten,“ schreibt Herard über Haiti. „Es sind vielmehr die Verteilung des Landes, die rückständig ist.“

Repression dauert an

(Port-au-Prince, Februar 1993, HIB-POONAL).-Gisele Saint-Firmin, die 53-jährige Mutter der Aktivistin Marie Josee Saint-Firmin, wird weiterhin im Gefängnis festgehalten. Frau Saint-Firmin war am 8. Januar an Stelle ihrer Tochter in Cayes gefangengenommen worden. Diese hatte geholfen, eine Gedenkmesse und ein lokales Radioprogramm zu Ehren eines örtlichen Studenten und eines Lehrers zu organisieren, die ein Jahr zuvor von Soldaten umgebracht worden waren. Zivile Behörden haben Menschenrechtsorganisationen gegenüber erklärt, daß sie bereit seien, die Frau freizulassen, jedoch Repressalien örtlicher Armeeoffiziere fürchteten. Am 19. Januar wurde der 30 Jahre alte Benet Boyer um sieben Uhr morgens von mehreren bewaffneten Männern auf einer Hauptstraße von Petion-Ville erschossen. Zeug*innen beobachteten das Verbrechen. Der Leichnam blieb bis zum Mittag auf der Straße liegen. Antoine Izmery, ein bekannter Geschäftsmann und Unterstützer von Präsident Jean-Bertrand Aristide, wurde am 23. Januar in Port-au- Prince festgenommen, nachdem er an einem Treffen mit dem US- Menschenrechtler Jesse Jackson teilgenommen hatte. Izmery wurde, trotz der Bemühungen örtlicher und internationaler Organisationen bis zum 26. Januar im Gefängnis festgehalten. Der angebliche Grund seiner Festnahme: „Fahren ohne Führerschein“. Am 27. Januar wurden in Petit Goave Gymnasiast*innen bedroht, nachdem sie eine Demonstration in ihrer Schule für die Rückkehr des gestürzten Präsidenten Aristide und gegen das Putsch-Regime durchgeführt hatten. Ihr Lehrer wurde festgenommen, weil er die Student*innen dabei unterstützt hatte, den Unterschied zwischen Aristide und den derzeitigen Machthabern herauszuarbeiten.

GUATEMALA

UNO-Experte fordert Entmilitarisierung

(Guatemala, 16. Februar 1993, NG-POONAL).- Der deutsche UNO- Experte Christian Tomuschat empfiehlt in einem Bericht an die UNO- Menschenrechtskommision, die demnächst in Genf tagt, die Macht der Streitkräfte in Guatemala zu begrenzen. Auf der anderen Seite hat Präsident Jorge Serrano Elías die Forderungen der Aufstandsbewegung URNG, die im wesentlichen denen Tomuschats entsprechen, kategorisch zurückgewiesen. Die Guerilla fordert in den Friedensverhandlungen mit der Regierung, die Armee um die Hälfte zu reduzieren und von Offizieren, die an Menschenrechtsverletzungen beteiligt waren, zu säubern sowie die paramilitärischen Zivilpatrouillen abzuschaffen. Tomuschat empfiehlt in einem Bericht der guatemaltekischen Regierung, den aus Militärs zusammengesezten Sicherheitsstab des Präsidenten aufzulösen und ihn durch einen zivilen Körper zu ersetzen. Mitglieder des Sicherheitsstabes, so Tomuschat, hätten im September 1990 die guatemaltekische Anthropologin Myrna Mack Chang ermordet.

Sicherheitsstab ermordete Anthropologin Myrna Mack

Tomuschat hob ebenfalls hervor, daß eines der Hauptprobleme Guatemalas die „übermäßige Militärgewalt“ sei, die ständig die Durchführung von Prozessen behindere, in denen Mitglieder der Armee angeklagt sind. Tomuschat fordert, die Polizei ziviler Kontrolle zu unterstellen und diese Aufgabe der Armee zu entziehen. Er empfahl, die Militärs, die Menschenrechtsverletzungen an der Zivilbevölkerung begangen haben, in zivilen Gerichtshöfen abzuurteilen. Die Militärjustiz solle nur noch die Fälle bearbeiten, in denen Mitglieder der Streitkräfte selbst Opferwurden. Der Einschätzung Tomuschats zufolge müßten diese Maßnahmen eingeleitet werden, um „die militärische Ehre wiederherzustellen und ihre Legitimität zu etablieren.“ Dieser direkte Hinweis bezeichnet den derzeitigen Zustand der Armee unverhohlen als ehrlos und illegal. Weiterhin beschuldigte der Experte die Armee, das Internationale Humanitäre Recht zu verletzen, indem sie im Rahmen der Aufstandsbekämpfung unterschiedslos zivile Ortschaften bombardiere. Er fügte hinzu, daß die Notwendigkeit, die Streitkräfte umzubilden, auch in der Tatsache begründet liege, daß sie gegenwärtig „niemandem Rechenschaft schuldig sind“. Guatemaltekische Medien und Menschenrechtler griffen die Forderungen Tomuschats auf. Die guatemaltekische Zeitschrift „Crónica“ beispielsweise verlangte ebenfalls, die Armee von Offizieren zu säubern, die an Menschenrechtsverletzungen beteiligt waren, da sie das Ansehen der Streitkräfte gefährdeten. Der Abgeordnete Héctor Orantes Troccolli bemerkte, daß die Reduzierung der Streitkräfte durchführbar sei, wie das Beispiel El Salvadors zeige.

Streitkräfte bombardieren Dörfer

Der ehemalige Menschenrechtsbeauftragte César Alvarez Guadamuz besteht darauf, die paramilitärischen Zivilpatrouillen aufzulösen, weil sie nicht notwendig seien und zahlreiche Menschenrechtsverletzungen unter der Bevölkerung begangen hätten. Rosalina Tuyuc von der Nationalen Witwenkoordination (Conavigua) bemerkte, daß sich die Bevölkerung nicht für die Auflösung der Armee ausspräche. Vielmehr wende sie sich gegen Militärs als Instrument der Kontrolle und der Spaltung unter den Menschen. Die Regierung und die Armee indes lehnen derartige Forderungen nach wie vor hartnäckig ab. Der Heeressprecher, Capitán Julio Yon Rivera, und der Verteidigungsminister, General José Domingo García Samayoa, wandten sich strikt gegen die Initiative der Nationalen Revolutionären Einheit Guatemalas (URNG) und demonstrierten damit, daß die Streitkräfte nach wie vor die wahre Macht in Guatemala sind. Trotz der verhärteten Positionen lassen vereinzelte Aussagen von beiden Seiten wieder Hoffnung auf ein Ende des Bürgerkrieges aufkommen: Die Regierung sagte unverbindlich zu, den Frieden in einer bestimmten Frist zu erreichen; die Guerillaführung ihrerseits schlug vor, das Land sofort unter internationaler Kontrolle zu entmilitarisieren.

Extreme Armut unter Kindern und Jugendlichen

(Mexiko, 16. Februar 1993, Cerigua-POONAL).-Verschiedene Studien, die in Guatemala durchgeführt wurden, haben offengelegt, daß das neue neoliberale Wirtschaftsmodell zur Verarmung eines Großteils der Bevölkerung geführt hat. Betroffen sind vor allem Kinder und Jugendliche. So stellte eine Studie des medizinischen Zentrums CODETS/APROFAM fest, daß die sozialpolitischen und ökonomischen Bedingungen im Land eine fortschreitende Verschlechterung des Lebensstandards der guatemaltekischen Bevölkerung zur Folge haben. Daten der UNICEF zufolge leben 85 Prozent der Guatemaltek*innen unterhalb der Armutsgrenze und in extremer Armut. Das nationale Statistische Institut seinerseits vermerkte einen Anteil von 31 Prozent der arbeitenden Bevölkerung der Hauptstadt, die bei einem Einkommen unterhalb des garantierten Mindestlohnes 40 Stunden oder mehr pro Woche arbeiteten. 43 Prozent der Angestellten verdienen täglich weniger als 5,50 Quetzales, was weniger als einem Dollar entspricht. Besonders schlimm ist die Situation von Jugendlichen in Guatemala. Einer Untersuchung der Vereinigung für den Fortschritt der Sozialwissenschaften (AVANCSO) zufolge arbeiten in der Hauptstadt elf Prozent der Kinder zwischen 11 und 14 Jahren regelmäßig, bei den 15 bis 19-jährigen steigt dieser Anteil sogar auf 42 Prozent.

Kinderarbeit weit verbreitet

Die jugendlichen Arbeiter*innen werden der Studie zufolge übermäßig ausgebeutet. 31 Prozent der gesamten Arbeiter*innen der Stadt verdienen weniger als einen Dollar täglich. Bei den 15 bis 19- jährigen sind es 45 Prozent, unter den 11 bis 14-jährigen sogar 60 Prozent, die für diesen geringen Lohn arbeiten müssen. Die Mehrzahl dieser Jugendlichen lebt in Verhältnissen größter Armut. Darum werden sie von den Behörden als Menschen am Rande der Gesellschaft abgestempelt und kriminalisiert. Das Zentrum für urbane und Regionalstudien der nationalen San Carlos-Universität von Guatemala (USAC-CEUR) warnt jedoch davor, diese Jugendlichen auszugrenzen. Viele von ihnen seien direkt in den Produktionsprozeß integriert. Sie arbeiten als Lohnempfänger*innen, im Dienstleistungsbereich oder als Straßenverkäufer*innen im informellen Sektor. Die Wirtschaftspolitik der Regierung hat sich bislang lediglich damit beschäftigt, eine wirtschaftliche Stabilität im Land zu schaffen. Maßnahmen wie Massenentlassungen oder Preis- und Steuererhöhungen sind Teil dieser Politik; sie hat Gesetze außer Kraft gesetzt, die zuvor den Arbeiter*innen und den Agrarexporteuren zugute kamen. Letztere haben sich dadurch ausgezeichnet, die niedrigsten Löhne zu zahlen. Die Einkommen auf dem Land liegen weit unter denen in der Stadt. Deshalb sind Phänomene wie Landflucht oder die Migration in andere Länder typisch für Guatemala, weil, wie den genannten Studien zu entnehmen ist, die Arbeitsplatzsituation in der Hauptstadt, insbesondere für die Jugend, desolat ist. Es ist nicht verwunderlich, daß Guatemala den zweiten Platz in Lateinamerika in punkto Unterernährung einnimmt; was Analphabetismus und Kindersterblichkeit angeht, steht es sogar an erster Stelle. Es gibt mehr als 5000 Straßenkinder, die statt Aufmerksamkeit Mißachtung, Ausgrenzung und Repression von offizieller Seite erfahren. Durch Marginalisierung und Kriminalisierung von tausenden von Jugendlichen soll ignoriert werden, daß diese einen wichtigen Teil des Fundamentes bilden, auf das sich die veralteten Strukturen der guatemaltekischen Gesellschaft stützen.

KUBA

Staatliche Maßnahmen gegen AIDS

(Havanna, 16. Februar 1993, PL-POONAL).-Die kubanische Regierung hat auf einem Kongreß in Havanna über die Verbreitung von AIDS auf der Karibikinsel berichtet und die staatlichen Maßnahmen zur Behandlung von HIV-Infizierten vorgestellt. In Kuba gab es von 1983 bis Mitte 1986 eine Vorbereitungsphase in der Untersuchung der Krankheit, als landesweit der erste Infizierte bekannt wurde, der sich in den Vereinigten Staaten infiziert hatte. Im gleichen Jahr wurde der Virus bei 899 Personen festgestellt, und die kubanischen Gesundheitsbehörden ordneten die Krankenhauseinweisung für alle HIV-Infizierten an. Von diesen sind 71 Prozent Männer (60 Prozent Homosexuelle und Bisexuelle) und 29 Prozent Frauen. Über 98 Prozent hatten sich über den Geschlechtsverkehr infiziert. Die Dauer als Träger*innen des HIV- Virus ohne Symptome ist dem weltweiten Durschschnitt vergleichbar. In Kuba sind dies 506 Personen, das entspricht 56 Prozent. Von den Infizierten starben bislang 96 an der Krankheit.

Einweisung von HIV-Infizierten in Krankenhäuser

Die Gesundheitspolitik, so heißt es in einer offiziellen Stellungnahme, kümmere sich zunehmend um die individuelle Wiedereingliederung der Patient*innen in das soziale Leben. Rund 50 Prozent der HIV-Infizierten auf Kuba – vorwiegend Heterosexuelle und Personen ab zwanzig Jahren, deren Diagnose schon geraume Zeit feststeht – wurden in Krankenhäuser eingewiesen und mit Passierscheinen ausgestattet. Sie stehen unter direkter ärztlicher Aufsicht. Seitdem dieses System besteht, wurde 24 Infizierten der Passierschein wieder abgenommen, weil sie gegen die ethischen Verpflichtungen verstoßen hatten, vor allem, weil sie nicht die Gesundheit anderer Personen geschützt hatten. In einem informellen Gespräch mit PRENSA LATINA sagten Patient*innen des Sanatoriums „Los Cocos“ im Südwesten der Hauptstadt, die seit ca. 12 Jahren infiziert sind, sie seien bereit für ihr Leben zu kämpfen und hätten Vertrauen in die weltweite Wissenschaft. Die Kubaner*innen, die mit dem HIV-Virus infiziert sind, durchlebten die gleichen psychischen Stadien wie Infizierte in anderen Ländern. Die Hilfe des Krankenhauspersonals, die Orientierung und die wirtschaftliche Sicherheit (einschließlich der kostenlosen Versorgung mit allen erforderlichen Medikamenten) gebe ihnen jedoch neue Kraft. Sie wollten der Gesellschaft nützlich sein, auch mit der Angst, zurückgewiesen zu werden.

CC BY-SA 4.0 Poonal Nr. 082 von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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