Karibik

Poonal Nr. 044


Deutsche Ausgabe des wöchentlichen Pressedienstes lateinamerikanischer Agenturen Nr. 44 vom 18.05.1992

Inhalt


GUATEMALA

EL SALVADOR

CHILE

PUERTO RICO


GUATEMALA

Verteidigungsminister: CUC ist politischer Arm der Guerilla

(Guatemala, 13.Mai 1992, NG-POONAL).- Nach einer Reihe von Drohungen der Regierung gegen das Kommitee für die Einheit der Campesinos (CUC) akzeptierte der Präsident Jorge Serrano Elias jetzt, die Führung dieser Organisation zu empfangen. Das CUC ist die größte Organisation dieser Art in Guatemala. Einen Höhepunkt hatte die Kampagne gegen den CUC erreicht, als nur wenige Tage vor dem Treffen der Verteidigungsminister General José Domingo García Samayoa den CUC beschuldigte, der „politische Arm“ der Guerilla Nationale Revolutionäre Einheit Guatemalas (URNG) zu sein und sie aufforderte, sich zu legalisieren, um Repressalien gegen sie zu vermeiden. Stunden nach dieser Deklaration nahm die Polizei drei Jugendliche fest. Der einzige Grund war, daß sie verdächtig wirkten, als sie sich in einem Wagen gegenüber dem Gebäude des Amtes für Grundbucheintragungen in Guatemala Stadt aufhielten. Sie wurden später angeschuldigt, dem CUC anzugehören. Juan Mendoza, Führer des CUC, bekräftigte, daß die Organisation weiter für die Rechte der Campesinas und Campesinos kämpfen werde, „um der Ausbeutung, der dieser Bevölkerungsteil seit vielen Jahren zum Opfer fällt, ein Ende zu bereiten.“ Präsident Serrano erklärte vor der Presse nach einem zweistündigen Treffen, daß er den CUC aufgefordert hat, seine Bewegung zu legalisieren „und wir werden es ihnen leicht machen, einen rechtlichen Status zu erreichen.“ Er fügte hinzu, er fühle sich „beruhigt, da er (der CUC) eine Reihe Zweifel geklärt hat und unter anderem verneint, mit den aufständischen Gruppen zusammenzuarbeiten.“

Ende April hatte das CUC anläßlich seiner Gründung vor 14 Jahren einen Marsch von Landarbeiter*innen vom nordöstlich gelegenen Department Huehuetenango zur Hauptstadt organisiert. Der Protestzug, den 500 Personen im Hochland Guatemalas begonnen hatten, wuchs nach fünftägigem Marsch auf über 10 000 Personen an. Die Demonstranten forderten Land und Frieden für die Landarbeiter*innen und kritisierten die Repression gegen die Volksbewegungen. Wenige Tage später wurde ein Anschlag gegen Amílcar Méndez Urízar, den Gründer und Vorsitzenden des Rates der ethnischen Gemeinschaften „Runujel Junam“ (CERJ), verübt. Unbekannte warfen eine Granate in das Haus von Amílcar Méndez Urízar im Zentrum der Stadt Santa Cruz del Quiché, der Hauptstadt des gleichnamigen Departments. Der Campesino-Führer und seine Familie wurden bei dem Attentat nicht verletzt, von den Tätern fehlt bislang jede Spur.

Bombenterror hält an

(Guatemala, 13.Mai1992, Cerigua-POONAL).- In den letzten drei Wochen gab es in Guatemala-Stadt mehr als 500 Bombendrohungen gegen Schulen, öffentliche Büros, Unternehmen und Geschäften. Fünf Bomben explodierten und verursachten Sachschäden. Damit hält die Gewaltwelle, die zu Beginn des Jahres einsetzte, unvermindert an. Am 30. Januar dieses Jahres begann die Welle von Anschlägen in Guatemala, als im Sitz der Vereinigung der Universitätsstudent*innen (AEU) eine Bombe explodierte, die das Zentrum der Universitätsstadt erschütterte. Am Morgen des 23. April explodierte ein Sprengkörper im Erdgeschoß des Gebäudes, in dem sich das Amt für Grundbucheintragungen und ein Nebengebäude des Kanzleramts befinden. Fünf Menschen wurden verletzt. Diesem Anschlag folgten vier weitere in den letzten drei Wochen. In dem Gebäude der Galerías Reforma, wo sich eine akademische Institution befindet, detonierte eine Granate, eine weitere in der Nationalen Bank für Wohnungsbau, die 23 Verletzte forderte. Ein Sprengkörper explodierte in einem Nachbargebäude des Nationalpalasts, in dem sich ein Büro des Erziehungministeriums befindet. Dieser Anschlag wurde in dem Moment verübt, als Lehrer*innen und Schüler*innen der Sekundärschulen die Freiheit von 186 Schüler*innen forderten, die von Sicherheitskräften rechtswidrig in zwei Instituten der Hauptstadt festgehalten wurden. Schließlich explodierte ein Sprengkörper in einem MacDonald's-Restaurant. Diese Athmosphäre des Terrors wurde weiter angeheizt durch Drohungen gegen Medien, die Postzentrale, das Nationaltheater, Polizeiwerkstätten, sehr viele private Schulen und Kindergärten und ein Kindervergnügungspark. Der Präsident Jorge Serrano erklärte, die Regierung und die Sicherheitskräfte hätten die Situation unter Kontrolle, der Verteidigungsminister General José García setzte eine Belohnung für Informationen über die Verantwortlichen aus. Die Nationale Revolutionäre Einheit (URNG) behauptete indes, die Regierung und das Heer wüßten, wer die Verantwortlichen dieser Anschläge seien. Die Regierung bleibe jedoch untätig und nutze die Anschläge als Vorwand, um den Dialog mit der URNG über eine Beendigung des Bürgerkriegs in Guatemala auszusetzen.

EL SALVADOR

FMLN und Regierung wollen Befriedung beschleunigen

(San Salvador, 10.Mai 1992, Salpress-POONAL).- Die Regierung Alfredo Cristianis und die Guerillaorganisation Frente Farabundo Marti (FMLN) haben in direkten Gesprächen beschlossen, die Umsetzung des Friedensabkommens zu beschleunigen, gab die die Beobachtermission der Vereinten Nationen (ONUSAL) bekannt. In einem offiziellen Kommunique heißt es, beide Seiten wollten Arbeitsgruppen bilden, die strittige Punkte des Abkommens klären sollen. ONUSAL soll die Arbeit der Gruppen koordinieren, um weitere Verzögerungen zu verhindern. „Die vereinbarte Anstrengung schließt die Themen ein, die bislang die Erfüllung der Abkommen blockiert haben“, führte das internationale Gremium aus. Der Präsidentschaftsminister Oscar Santamaría sagte am 8. Mai, Ende Mai könnten bereits 19 Punkte der Friedensabkommen erfüllt und somit der ursprünglich vereinbarte Zeitrahmen zur Umsetzung der Friedensverrträge eingehalten werden. Die Regierung „wird alle Anstrengungen unternehmen, um bis zum 31. Mai verlorengegangene Zeit wieder eingeholt zu haben“, sagte Santamaría, der „Fehltritte und Unebenheiten bei der Umsetzung“ der Abkommen einräumte. Ein Mitglied des Politischen Kommitees der FMLN sagte, sie seien übereingekommen, daß vor allem die Regierung mehr Engagement erkennen lassen müsse. Die Verzögerungen bei der Umsetzung der Friedensabkommen müßten von beiden Seiten aufgeholt werden, der Prozeß müsse beschleunigt werden und die Arbeit der Nationalen Kommission zur Konsolidierung des Friedens (COPAZ) gestärkt werden. Die direkten Treffen mit der Regierung wurden von der FMLN als „sehr positiv“ eingeschätzt.

CHILE

Volksküchen zu Friseurläden?

(Mexiko, Mai 1992, APIA-POONAL).- Die Volksküchen, die arme Familien während der Miltärdiktatur in Chile mit der Unterstützung von Nichtregierungsorganisationen und der Kirche gründeten, um das Überleben zu sichern, sollen sich in produktive Projekte umwandeln. Die christedemokratische Regierung drängt auf diesen Wandel und findet bei einigen Nichtregierungsorganisationen, die die Gemeinschaftsküchen unterstützen, Zustimmung. Der Sozialarbeiter Pablo Rosales vom „Programm der sozialen Aktion“ (PAS) jedenfalls glaubt, daß „die Zeit der Gemeinschaftsküchen zuende geht, da die Frauen, die lange Zeit hindurch an ihnen mitgewirkt haben, diese Initiativen heute verändern wollen.“ Die Erfahrungen in der Organisation der Küchen habe ihnen neue Möglichkeiten eröffnet. Sie hätten sich im Kampf um das Überleben große organisatorische Fähigkeiten angeeignet, die sie nun in „produktiven Projekten“ einsetzen wollten. Es sei daran gedacht, einige Küchen in Näh- und Strickwerkstätten umzuwandeln. Eine andere Idee sei, Serviceleistungen anzubieten und beispielsweise Friseurläden einzurichten. Eine dritte Option sei, öffentliche Läden zu eröffnen, die von den Mitgliedern der Gemeinschaftsküchen unterhalten werden. Dieser Prozeß werde durch Wirtschaftler*innen, Wirtschaftsprüfer*innen und Wirtschaftsigenieur*innen begleitet, die die Menschen ausbilden und beraten sollten. Zu den Zukunftsprojekten zählen auch große Investitionen, um „Amasanderías“ und kommerziell arbeitende Volksrestaurants zu eröffnen. Das PAS betreibt derzeit 27 Küchen für 600 Familien im Süden der chilenischen Hauptstadt. In den ärmsten Vierteln wird der Umwandlungsprozeß der Gemeinschaftsküchen zu 50 Prozent durch den Regierungsfond der Solidarität und Sozialeen Investition (Fosis) finanziert. Unterstützung haben auch einige Nichtregierungsorganisationen zugesagt; den Rest müssen die Bewohner*innen selbst beisteuern. Die Regierung propagiert die Umwandlung der Volksküchen mit dem Argument, Arbeitsplätze für Familien mit geringen Einkünften zu schaffen. Fraglich ist jedoch, ob die Armen künftig tatsächlich auf die Volksküchen werden verzichten können. Die Ernährungswissenschaftlerin Margarita Fernandez hat darauf hingewiesen, daß aufgrund der wirtschaftlichen Situation in vielen Familien Unterernährung und Hunger herrschten, da sie nicht täglich Lebensmittel kaufen könnten. Die Nichtregierungsorganisationen, der Staat, die Kirchen und die Volksorganisationen unterhalten derzeit 161 Gemeinschaftsküchen in den 13 ärmsten Vierteln Santiagos und 4 in der Provinz Antofagasta, im Norden des Landes, 26 in Valparaíso, im Zentrum, und 30 in der südlich gelegenen Stadt Concepción.

Selbsthilfe im Überlebenskampf

Die Volksküchen entstanden Anfang 1975. Zwei Jahre nach dem Militärputsch hatten viele Menschen ihre Arbeit verloren, da die Reigerungsjunta einen harten Sparkurs eingeleitet hatte und zahlreiche staatliche Unternehmen geschlossen wurden. Die Katholische Kirche begann als eine der ersten Organisationen, sich um die verarmten Familien zu kümmern. Sie unterstützte die Gründung von Kinderspeiseräumen und von Arbeitsvermittlungen. Die letzteren versuchten, Arbeiter*innen außerhalb der Industrie zu organisieren und ihnen Jobs als Maurer, Maler oder Schreiner zu besorgen. Die Speiseräume entstanden mit Hilfe der Pfarreien in den Randgebieten der Städte, um für Kinder Frühstück und Mittagessen zu bereiten. Zentren für Unterernährte wurden eingerichtet und Ausbildungskurse für die Organisation der Volksküchen und der Arbeitsvermittlungen angeboten. Ende der siebziger Jahre entstanden aus den provisorischen Kinderspeiseräumen Gemeinschaftsküchen, die sich zunehmend von der Kirche lösten. Die Bewohner*innen nahmen die Ernährungsprojekte selbst in die Hand. In den Jahren 1982 und 1983 verschärfte sich die wirtschaftliche Lage erneut. Unternehmen wurden geschlossen, die Zahl der Arbeitslosen stieg an. Die Krise führte zu einer raschen Zunahme der Gemeinschaftsküchen in der Hauptstadt und den größten Städten Chiles. Die Familien steuerten selbst einzelne Nahrungsmittel bei, zahlten einen geringen Betrag ein oder sammelten in den Straßen Geld, um die Lebensmittel zu kaufen, die benötigt wurden. Die wirtschaftliche Verelendung führte 60 000 chilenische Familien zu den Gemeinschaftsküchen. Die Ernährungswissenschaftlerin Margarita Fernández sagt, die Not der Armen habe alle sozialen Fonds der Nichtregierungsorganisationen (NGO), der Kirchen und der humanitären Organisationen überfordert. Viele Familien trockneten Mohrrüben und kochtten eine Suppe daraus, um den Kindern zumindest eine warme Mahlzeit am Tag anbieten zu können. Die Militärregierung zeigte sich indes völlig unfähig oder uninteressiert, die Verarmung zu bekämpfen.

Volksküchen politisch subversiv?

Die Diktatur griff die Gemeinschaftsküchen sogar an, weil sie darin eine subversive politische Organisierung sahen, die sich ihrer Kontrolle entzog. Tatsächlich beschränkten sich die Stadtteilküchen nicht nur auf die Versorgung, sondern formulierten beispielsweise Kritik an der Verletzung von Menschenrechten. Sicherheitskräfte überfielen Volksküchen, verwüsteten und plünderten die Häuser. Unterstützung gegen die Repression des Staates erfuhren die Volksküchen von der Katholischen Kirche und von humanitären Organisationen. Heute, nachdem die christdemokratische Regierung Patricio Aylwins die Militärjunta abglöst hat, ist die Zukunft der Küchen ungewiß. 1990 haben sie sich in der Vereinigung der „Ollas Comunes“ organisiert. Sie verlangen von der Regierung eine wirksame Bekämpfung von Armut und Hunger. Doch Aylwin hält unvermindert an dem rigiden wirtschaftspolitischen Kurs fest, der das Elend von Tausenden zementiert. Und ob die Umwandlung der Küchen in Werkstätten und Läden eine wirksame Methode sein kann, ist mehr als zweifelhaft.

Kritik an starrer Haltung zu Kuba

(Santiago, 10. Mai 1992, ANCHI-POONAL).- Vertreter der Christlichen Linken (IC), haben die Regierung aufgefordert, wieder normale diplomatische Beziehungen zu Cuba aufzunehmen. Bislang hat die christdemokratische Regierungskoalition „Konzertation der Demokratie“, der auch die Christliche Linke angehört, lediglich zugestimmt, die Beziehungen zu dem sozialistisch regierten Land auf der Konsulatsebene wiederaufzubauen. Gabriel Reyes Arriagada, Regionalsekretär der IC in Concepcion und Carlos Morales, Gemeindesekretär der IC in Talcahuano warrfen der Regierung Inkonsequenz vor. Sie habe angekündigt, sie werde mit allen Ländern der Welt normale diplomatische Beziehungen aufnehmen. Es gebe keinen Grund, warum sie im Fall Kuba anders verfahre. Reyes und Morales beklagten in einer Erklärung, „wichtige Führer*innen der Parteien der Regierungskoalition haben die Solidarität des kubanischen Volkes vergessen“. Kuba sei „eine wahre Bastion der internationalen Solidarität im Kampf gegen die Diktatur“ des Generals Augusto Pinochet gewesen. Doch heute lasse die Regierung den Beziehungen zu Kuba immer noch nicht den Rang zukommen, der ihnen zustehe. Auch die politischen Gefangenen Belinda Zubicueta und Valentina Alvarez, die im Gefängnis „Santo Domingo“ in der chilenischen Hauptstadt inhaftiert sind, kritisierten die Haltung der chilenischen Regierung. Die Gefangenen schrieben in einem Brief an den chilenischen Konsul Ramon Perez Yero, daß nach 17 Jahren Militärdiktatur, in denen tausende politischer Verbrechen begangen wurden, noch kein Verantwortlicher für die Greueltaten von der Justiz zur Rechenschaft gezogen worden sei. Belinda Zubicueta und Valentina Alvares kritisieren die chilenische Regierung, Kuba wegen seiner Menschenrechtsverletzungen zu verurteilen, aber gleichzeitig ein Amnestiegesetz zu erlassen, das „in den Fällen von hundert Verschwundenen keine Gerechtigkeit zuläßt“. Die beiden politischen Gefangenen teilten mit, daß es in Kuba „ein soziales System gibt, daß das Recht der Menschen essentiell schützt. Es schafft ihnen die Grundvoraussetzungen für eine integrale Entwicklung und hat nicht die Menschenrechte verletzt.“ Ebenso haben sich hunderte von Intellektuellen und Künstler*innen mit Kuba solidarisiert. „Der chilenischen Regierung fehlt jegliche Autorität, Menschenrechtsverletzungen zu verurteilen“, deshalb sei ihre Stimme gegen Kuba, die sie in den Vereinten Nationen abgegeben hat, nichts wert. Sie beschuldigten die Regierung, die Menschenrechtsverletzungen in ihrem Land nicht aufgeklärt zu haben. Nun aber verbünde sie sich mit den Vereinigten Staaten, um Kuba anzugreifen. Die Solidaritätserklärung unterzeichneten unter anderen der Choreograf Patricio Bunster, der Schriftsteller Juan Radrigan, der Sänger Roberto Marquez, der Schriftsteller Francisco Colonae, der Dichter Mauricio Redoles, die Sängerin Rebeca Godoy, der Komponist Patricio Solovera und der Schriftsteller Poli Delano.

PUERTO RICO

Im eisernen Griff des großen Bruders: Die letzte Kolonie der USA

(Ecuador, Mai 1992, alai-POONAL).- Die Demokratische Volkspartei hat am achten Dezember des vergangenen Jahres einen Gesetzentwurf der „demokratischen Rechte“ vorgelegt, der von der Mehrheit der Bevölkerung in einem Referendum abgelehnt wurde. Die autonomen und unabhängigen Kräfte Puerto Ricos standen vor einem unangenehmen politischen Szenarium in einem Moment, in dem bereits die Vorbereitungen für die nächsten Wahlen im November dieses Jahres getroffen wurden. Das Veto der Bevölkerung hat zwar keine unmittelbare Rechtswirkung. Dennoch öffnet sie Puerto Rico die Türen, nicht weiterhin der 51. Staat der Vereinigten Staaten zu sein und den Status als frei assozierter Staat der USA zu revidieren. Die öffentliche Befragung fand nach dem Scheitern der Verhandlungen zwischen der Regierung Puerto Ricos und dem Kongreß der Vereinigten Staaten über die hinlänglich diskutierte Volksabstimmung statt, die den definitiven Status der Insel festlegen sollte. Damals entstand in den Reihen der Unabhängigen und der Volksorganisationen eine Verwirrung sowohl in Bezug auf die Interpretation des Prozesses, als auch der Aktionen, die in Zukunft durchgeführt werden sollen. ELIECER COLON RIVERA, Koordinator der Werkstatt der Alternativen Erziehung, hat diese Problematik in einem Interview mit ALAI dargelegt. Die Industrie Puerto Ricos ist sehr stark entwickelt. Der Agrarsektor dagegen stagniert seit langem und hat jegliche Dynamik eingebüßt. Diese Entwicklung ist durch den übermächtigen Einfluß der USA forciert worden. Der wirtschaftliche Aufschwung konzentriert sich vor allem auf die staatlichen Stellen und die Stellen der sagenannten „Corporaciones 936“, das sind von Steuern befreite Industrien, in erster Linie pharmazeutische Unternehmen.

Überbevölkerung und kaputte Umwelt

Puerto Rico ist eines der Länder der Welt, die im Verhältnis zur Bevölkerungszahl die meisten pharmazeutischen Güter produzieren. In Puerto Rico leben 3,6 Millionen Menschen, das Staatsterritorium umfaßt 8 897 Quadratkilometern. Die Überbevölkerung in den Städten ist eines der gravierendsten Probleme des Landes, die Verkehrsprobleme, die schlechte Infrastruktur, die Verseuchung der Umwelt. Puerto Rico kann sich nicht selbst regieren, im rechtlichen Sinn ist es eine Kolonie und in ökonomischem ein modernes, industrialisiertes Land. „Auf der anderen Seite haben die Volksbewegungen im Moment große Schwierigkeiten, ein alternatives Projekt aufzustellen, das von den Teilen der Bevölkerung ausgeht, die am direktesten von der kapitalistischen und kolonialen Dominierung unseres Landes betroffen sind“, sagt Elicier Colon Rivera. „Die Umweltzerstärung und die Verschmutzung des Wassers haben in den letzten Jahren am stärksten soziale Mobilisierung und Proteste ausgelöst. Es gab viele gemeinsame Kämpfe auf diesem Gebiet. Wir verleihen ihnen Bedeutung, indem wir versuchen, daß die Leute sich organisieren und das Problem globaler verstehen, das mit anderen, sozio- politischen Problemen des Landes zusammenhängt.“ Es seien auch zunehmend Proteste der Arbeiter*innen gegen die Privatisierung der Dienstleistungen entstanden. „Die staatliche Telefongesellschaft zum Beispiel hat einen Streik durchgeführt, der durch die Bevölkerung unterstützt wurde“, sagt Colon Rivera. „Auf diese Weise wurde ein Verkauf verhindert. Es gibt Kämpfe auf dem Niveau christlicher Basisgruppen, die Schulen kämpfen für Unterrichtsverbesserungen, für mehr Beteiligung an den Entscheidungsprozessen in der Erziehung. Eine soziale Bewegung ist im Entstehen, die nicht direkt mit dem zusammenhängt, was traditionell die Parteien der Linken in Puerto Rico waren; eine junge Bewegung, ein wenig zerstreut, die aber für die Zukunft eine Art alternatives Projekt skizziert, mit dem Ziel, daß die Menschen ihre Bestimmung selbst in die Hand nehmen.“

Die nationale Idedentität wiedererlangen

Durch die koloniale Abhängigkeit werde dem Volk die Souveränität abgesprochen. „Es entsteht eine Mentalität der völligen Unterwerfung des Kolonisierten dem Dominierenden gegenüber. Die Volkserziehung dagegen ist darauf ausgerichtet, das Selbstwertgefühl der Puertoricaner*innen zu stärken und außerdem unsere Identität als karibisches und lateinamerikanisches Volk wiederzuerlangen“, erklärte der Koordinator der alternativen Bildungswerkstätten. „Dieser Widerstand manifestiert sich manchmal aktiv, manchmal aber auch passiv: die Menschen haben die spanische Sprache und viele Traditionen erhalten. Es muß jedoch anerkannt werden, daß ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung für eine völlige Annexion durch die Vereinigten Staaten ist“, räumte Colon Rivera ein. Die Volksorganisationen sind in dieser Frage gespalten. Der Teil, der für die Annexion durch die Vereinigten Staaten ist, hat eine Basis im Volk und eine Basis bei den Arbeiter*innen und der autonome und unabhängige Teil ebenfalls. „Aber das Problem lag bislang darin, daß die Unabhängigkeitsbewegungen die Unabhängigkeit bloß als ein juristisch-politisches Problem innerhalb der Parameter des Kapitalismus dargestellt haben, so wie die anderen Länder der Karibik auch. Sie haben weder den sozialen Inhalt noch die Beteiligung des Volkes in Betracht gezogen. Ein anderer Teil vertritt die Ansicht, daß sie einen starken sozialen Charakter braucht, daß sie mit Gerechtigkeit, Demokratie und der Beteiligung des Volkes gefüllt werden muß.“

Anschluß an USA?

In den letzten Jahren ist die Fraktion, die für die Annexion votiert, stark angewachsen. Zu übermächtig erscheint den meisten die Dominanz der USA. Zu den vehementesten Vertretern der Annexion durch den großen Bruder zählt die regierende Demokratische Volkspartei. „Die Währung, die Migration, die Post, alle fundamentalen Gebiete des ökonomischen und sozialen Lebens werden durch die Vereinigten Staaten kontrolliert. Die USA haben verschiedene Mittel angewandt, um ihre Vorherrschaft auszuüben, die Repression und die direkte Verfolgung eingeschlossen – es gibt politische Gefangene der Unabhängigkeitsbewegungen in nordamerikanischen Gefängnissen. Sie haben auch Mechanismen des ideologischen Zwangs durch die Kommunikationsmedien, die Kirchen, die Schulen etc. angewandt“ sagt Colon Rivera. Es gab Momente der Rebellion für die Unabhängigkeit des puertorikanischen Volkes, Momente des offenen bewaffneten Kampfes. Augenblicklich gibt es klandestine Organisationen, die für die Unabhängigkeit Puerto Ricos kämpfen, sowohl auf der Insel als auch in den Vereinigten Staaten. Eine der traditionellen Organisationen der Linken Puerto Ricos ist die Partei der Unabhängigkeit Puerto Ricos (Partido Independista Puertorriqueno), sie vertritt ein sozialdemokratisches Programm und vereint Teile der Mittelklasse, Arbeiter*innen und Angestellte. Ihre zentrale Forderung ist die Unabhängigkeit, sie verhandelt mit den Vereinigten Staaten die Präsenz der Militärbasen in Puerto Rico und geht davon aus, daß den USA die Unabhängigkeit der Insel mehr zugute kommt als die Einverleibung der Insel oder den aktuellen kolonialen Status eines Freien Assoziierten Staates zu belassen. Sie ist eine Partei, die zu Beginn viel Stimmen bekam, die aber schwächer wurde und sich bei den letzten Wahlen bei 5% der Stimmen stabilisiert hat. Weiter gibt es die Sozialistische Partei, die wie eine marxistisch-leninistische Organisation entstand, kleine Gruppen wie die Revolutionäre Partei der Arbeiter*innen, die Werkstatt der Politischen Formierung, die Bewegung der Sozialistischen Aktion… „Einige von ihnen haben sich in der „Frente Socialista“ zusammengeschlossen und einen Vorschlag für die Arbeit mit den Volkssektoren ausgearbeitet. Sie ist eine organische Kraft und ein weiterführender Versuch eines Teils der revolutionären Linken in Puerto Rico“, urteilt der Alternativpädagoge.

Die Suche nach der Einheit

Es gibt viele kleine, ökologische, kulturelle und Gemeinschafts- Organisationen; christliche Basisgruppen, Arbeitsgruppen auf dem Gebiet der Erziehung. Sie haben sich gegründet, um ein konkretes Problem zu lösen. „Meine Interpretation ist, daß diese kleinen Gruppen und Bewegungen eine teifgreifendere Unabhängigkeit fordern. Sie wollen Gerechtigkeit, Demokratie, sie vertreten ein sozialistischen Ansatz. Aber es fehlt an der Verknüpfung der einzelnen Gruppierungen und insbesondere zwischen den neuen Bewegungen und den traditionellen Kräften der Linken“, räumt Colon Rivera ein. „Auf jeden Fall sehe ich in diesem Moment, daß der Widerstand gegen die Dominierung durch die USA sich nicht mehr in den politischen Parteien abspielt, sondern sich weiter auf die sozialen Bewegungen verlagert hat.“ „Es gibt Compañeros in den Volksgruppen, die planen, an den Wahlen im November 1992 mit unabhängigen Kandidaten teilzunehmen, um dann die Vorschläge dieser jungen Bewegung umzusetzen. Wir haben über diesen Vorschlag nachgedacht und halten ihn für verfrüht, da es eine noch instabile und verstreute Bewegung ist“, sagt Colon Rivera. „Was wir als Organisation planen, ist die Arbeit auf die Volkserziehung zu konzentrieren, die gemeinschaftliche Organisation zu stärken, die Treffen zwischen allen Gruppen zu stärken, damit dieser Dialog beitragen kann, einen Konsens zu finden und eine gemeinsame Position zu erarbeiten.“

500 Jahre Invasion und Sklaverei

Der offiziellen Feiern des 500. Jahrestag der „Entdeckung“ verherrlichten die spanische Invasion in Puerto Rico, die Ausrottung und die Versklavung der ursprünglichen Bevölkerung. „Verherrlicht wird gleichsam auch die nordamerikanische Invasion, die gewaltmäßige Aufstülpung einer Regierung, einer Kultur und einer Sprache, die weit vom puertorikanischen Volk entfernt sind; Mehr als 100 Millionen Dollar werden für die Feiern ausgegeben, während das Volk im Elend lebt. Und außerdem wird verschleiert, daß das Volk von Puerto Rico nach 500 Jahren sein unveräußerliches Recht zur Selbstbestimmung und Unabhängigkeit nicht ausüben kann“, kritisiert Colon Rivera. Die Regierung hat einen Pavillon auf der Ausstellung in Sevilla gebaut, der 17 Millionen Dollar kostete, sie hat mehrere Monumente und Plätze anläßlich des „Quinto Centenario“ eingeweiht, und außerdem hat sie angeregt, in jedem Dorf der Insel eine öffentliche Veranstaltung zu Ehren der 500 Jahre vorzubereiten. „Wir haben nichts zu feiern. Was gemacht werden muß ist, die Beispiele des Widerstands unseres Volkes wiederzubeleben, vom bewaffneten Kampf unserer indianischen Vorfahren (1493-1520) gegen die spanische Invasion, den Aufständen gegen die spanische Kolonialherrschaft, wie dem Schrei von Lares von 1868, dem nationalen Aufstand gegen die nordamerikanische Vorherrschaft 1950, den bewaffneten nicht-militanten Widerstand in den achtziger Jahren. Wir müssen darauf aufmerksam machen, daß es immer noch politische puertorikanische Gefangene in den nordamerikanischen Gefängnissen gibt“, fordert Colon Rivera. Am 19. November des vergangenen Jahres – dem Jahrestag der „Entdeckung“ Puerto Ricos – wurde ein Skulptur eines Indios, von einem spanischen Schwert durchbohrt, aufgestellt; zu Füßen der Kolumbusstatue wurde das Bild eines geköpften Schwarzen aufgehängt. „Es war das erste Mal in der Geschichte Puerto Ricos, daß die Invasion verstoßen wurde.“ Am 20. Dezember, als die Karavellen in purtorikanischen Häfen einliefen, marschierten mehr als hundert Personen mit schwarzen Fahnen, Plakaten, Bildern von ermorderten Indios und geköpften Schwarzen, um gegen die spanische Invasion zu demonstrieren. Eine junge Frau verbrannte eine spanische Fahne – sie wurde von der Polizei vverhaftet. „Doch die Demonstranten erreichten die Freilassung der Compañera. Das hatte eine starke Rückwirkung auf die Demostration und zeigte, daß der Widerstandsgeist in Puerto Rico nach wie vor existiert und nicht ausgeschaltet werden kann“.

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