Kanada

Poonal Nr. 204


Deutsche Ausgabe des wöchentlichen Pressedienstes lateinamerikanischer Agenturen Nr. 204 vom 1. August 1995

Inhalt


GUATEMALA

MEXIKO

LATEINAMERIKA


GUATEMALA

Montt droht mit Verfassungsbruch

(Guatemala, 27. Juli, cerigua-poonal).- Efraín Ríos Montt, der Anfang der achtziger Jahre durch einen Staatsstreich in Guatemala an die Macht kam, hat einen Verfassungsbruch angekündigt, um als Kandidat für die Präsidentschaftswahlen im November zugelassen zu werden. Die Aufnahme des früheren Diktators in das Wahlregisters war wegen seiner Beteiligung an dem Putsch verweigert worden. Montt und seine Partei versuchten nun einen Zustand der Unregierbarkeit im Land herbeizuführen, sagte am 27. Juli ein Abgeordneter des Parlaments.

Gabriel Orellana, Mitglied der Fraktion Ríos Montts, beantragte die Widerrechtlichkeit der 80 Parlamentarier des Kongresses, weil diese es nicht geschafft hatten, zu einer Übereinstimmung bezüglich der Wahl der 5 Richter des Obersten Wahlgerichts (TSE) zu kommen; dies wurde von dem Abgeordneten Jesús Ayerdi als „Putschversuch“ bezeichnet. Ayerdi fügte hinzu, daß die „Ríosmonttisten“ versuchten, das Land zu destabilisieren, in dem sie das Verschwinden eines der wichtigsten politischen Instanzen des Staates forderten; dies würde zwangsläufig ein Machtvakuum und die Unterbrechung des Wahlprozesses zur Folge haben. Ríos Montt bestätigte diese Mutmaßung recht unverblümt: „1990 stellten sie mich nicht auf und zweieinhalb Jahre später brach das ganze System zusammen; und heute weigern sie sich erneut mich aufzustellen“ sagte Ríos Montt und wies auf die nicht absehbaren Folgen hin, die sein erneuter Ausschluß für Guatemala haben könnte.

Guatemaltekischer Oberst war CIA-Agent

(Guatemala 26. Juli, cerigua-poonal).- Das Generalkomissariat (inspección general) der CIA hat am 26. Juli bestätigt, daß der guatemaltekische Oberst Julio Alpírez als Informant für sie gearbeitet habe und für diese Tätigkeit eintausend US-Dollar monatlich erhalten habe. Dies war bislang sowohl von dem guatemaltekischen Präsidenten Ramiro de León als auch von Alpírez selbst abgestritten worden. Frederick Hitz, Generalkommissar der CIA, gab dies vor der US-amerikanischen Presse bekannt. Der Bericht bestätigt auch, daß die in Guatemala tätigen CIA-Agenten Informationen vor den Botschaftern Marylin McAffe und ihrem Vorgänger Thomas Stroock, dem US-amerikanischen Kongreß sowie dem CIA selbst gegenüber verborgen hätten. Auf die in der Washington Post und der New York Times veröffentlichten Informationen angesprochen, leugnete Ramiro de León, einen Bericht von der CIA erhalten zu haben. Sofern die Berichte überhaupt der Wahrheit entsprächen, sei die Verantwortung auf beiden Seiten zu suchen, meinte der Staatspräsident: in Guatemala und in den USA, wobei Letztere mehr Schuld träfe, da diese sich im Laufe der Geschichte immer wieder in die inneren Angelegenheiten anderer Länder eingemischt hätten.

De León versichert, daß seine Regierung eine öffentliche Stellungnahme abgeben werde, wenn die Ergebnisse der Nachforschungen der CIA offiziell bekanntgegeben werden. Es handele sich um einen sehr heikle Angelegenheit, die unwahrscheinliche Dimensionen annehme und sicherlich weltweite Auswirkungen haben werde. Nach Auskunft des Pentagons und des State Departments geben die Nachforschungen der CIA keine eindeutigen Anhaltspunkte über die Verantwortung des Obersten Alpírez für die außerordentlichen Hinrichtungen Michael Devines und des Guerillaführers Efraín Bámacas, der in einem geheimen Militärlager zu Tode gefoltert wurde. Die Nachforschungen bezüglich der Aktivitäten Alpírez wurden durchgeführt, nachdem der Kongreßabeordnete Robert Toricelli im April bekannt gegeben hatte, daß der Oberst der Verantwortliche für die Morde Devines (1990) und Bámacas (1992) sei.

Menchú fordert Strafe für Folterer

(Mexico City 27. Juli, cerigua-poonal)Rigoberta Menchú, Friedensnobelpreisträgerin von 1992, forderte die Bestrafung der für die Menschenrechtsverletzungen in Guatemala verantwortlichen Militärs sowie die Aufklärung der Beteiligung des CIA an politischen Verbrechen in dem Land. Menchú begrüßte die Entscheidung des Wahlregisters (s.o.), die Aufstellung des Putsch-Generals Ríos Montt als Kandidat für die Präsidentschaftswahlen im November diesen Jahres zurückzuweisen. Auf einer Pressekonferenz in Mexiko-Stadt wies sie darauf hin, daß die am „schmutzigen Krieg“ beteiligten Militärs nach wie vor auf freiem Fuß seien. Dadurch werde die Glaubwürdigkeit der Regierung in Frage gestellt. Die Bestrafung der kriminellen Militärs würde einen Präzendenzfall gegen die Straffreiheit (impunidad) schaffen, den Miltärs würde eine Lektion erteilt.

In Bezug auf die Tatsache, daß der CIA guatemaltekische Militärs als Informanten bezahlt habe, forderte die Nobelpreisträgerin, daß die Akten öffentlich gemacht werden, damit sich das guatemaltekische Volk ein Bild über die Geschehnisse machen könne. Zwar sei die Beteiligung der USA an den politischen Ereignissen in Guatemala bekannt, aber die genauen Umstände seien nach wie vor im Dunklen. Bezüglich der Zurückweisung Ríos Montts als Präsidentschaftskandidat versicherte Menchú, daß dies den Erwartungen des Volks entspräche und die einzig glaubwürdige Entscheidung gewesen sei. Die Indígena erinnerte daran, daß der Ex-Diktator eine finstere Vergangenheit habe. In diesem Sinne stelle die Entscheidung seines Ausschlusses ein Pro für die Demokratisierung des Landes dar; seine Kandidatur hätte den Wahlprozeß behindert und seine Glaubwürdigkeit dem Volk gegenüber in Frage gestellt.

MEXIKO

Papsttreuer Erzbischof eingesetzt

(Mexiko-Stadt, 27. Juli 1995, POONAL).- Das bevölkerungsreichste Bistum der Welt hat seit dem 26. Juli offiziell einen neuen Erzbischof. Norberto Rivera Carrera folgt dem Kardinal Ernesto Corripio Ahumada an der Spitze der Erzdiözese von Mexiko-Stadt. Ahumada hatte sein Amt 17 Jahr lang inne. Der Papst akzeptierte im vergangenen Jahr sein Rücktrittsgesuch, das jeder Bischof mit Erreichen der Altergrenze von 75 Jahren in Rom stellen muß. Rivera Carrera mußte sich in den Wochen vor seinem Amtsantritt fragen lassen, ob er nicht ein allzu bedingungsloser Anhänger des Papstes und des päpstlichen Nuntius in Mexiko, Girolamo Prigione sei. Der 53jährige, in den letzten Jahren Bischof im Bundesstaat Puebla, hat im Gegensatz zu seinem Vorgänger Corripio Ahumada während seiner Laufbahn eine konservative Kirchenpolitik betrieben. In einem Presseinterview stritt er es jedoch ab, die Linie des Vatikan nach Mexiko zu tragen. Dies wäre ein „Fehler“, so der neue Erzbischof.

Dennoch wird die seit längerem feststehende Ernennung Carreras als Sieg des Nuntius gewertet. Wenn die mexikanische Bischofskonferenz sich auch nicht als besonders fortschrittlich darstellt, hat sie in der jüngeren Vergangenheit doch mehrmals durchblicken lassen, wie wenig sie von der häufigen Einmischung und Intriganz des päpstlichen Vertreters hält. Der Bischofskonferenz wäre wohl ein anderer Erzbischof lieber gewesen. Die Meinungsverschiedenheit zeigte sich auf darin, daß Nuntius Prigione zur Abschiedsmesse von Kardinal Corripio Ahumada Mitte Juni nicht erschien. Bis Ende des kommenden Jahres wird der Vatikan viele Möglichkeiten haben, seine Linie innerhalb der mexikanischen Bischofskonferenz noch stärker durchzusetzen: Bis dahin stehen 13 weitere Bischofsernennungen für Diözesen des Landes an.

LATEINAMERIKA

Wirtschaft wächst, Armut auch

– von Luciano Chauvin

(Lima 27. Juli, NA-poonal).- Die lateinamerikanische Wirtschaft befindet sich in einer Zeit des Wachstums und der niedrigen Inflation. Der Wirtschaftsumschwung Anfang der neunziger Jahre brachte jedoch weder mehr Arbeitsplätze noch eine Verbesserung der Situation der Armen mit sich. Die Idee, daß der aus Privatisierungen und ausländischen Investitionen kommende Reichtum, das Lebensniveau der Gesamtbevölkerung heben würde, hat sich nicht bestätigt. Peru erlebt heute seine beste wirtschaftliche Konjunktur seit Dekaden. Die Inflation ist einstellig, das Bruttosozialprodukt wächst um etwa 10 Prozent pro Jahr und die ausländischen Investoren kommen massenweise ins Land. Fujimori steht jedoch in den nächsten fünf Jahre vor der Herausforderung, einen Weg zu finden, damit dieser Reichtum auch die Menschen der unteren Bevölkerungsschichten erreicht. Jede dritte LateinamerikanerIn lebt in Armut

Eine jüngst erschienene Untersuchung, die der kolumbianische Wirtschaftswissenschaftler Juan Luís Londoqo im Auftrag der Weltbank durchgeführt hatte, ergab, daß ein Drittel der 427 Millionen Lateinamerikaner*innen in Armut leben; 166 Millionen Menschen haben ein Einkomen von unter 2 US$ pro Tag und die Hälfte von ihnen verdient sogar weniger als 1US$. „In den letzten Dekaden hat sich an der Verteilung des Reichtums nichts geändert. In Lateinamerika existiert ein Elend, das mit dem Afrikas vergleichbar ist“, sagte Lodoqo. Dabei ist das Fehlen von Arbeitsplätzen eines der schwerwiegendsten Probleme. Seit dem Zusammenbruch des mexikanischen Peso im Dezember 1994 ist die offizielle Arbeitslosenrate dieses Landes auf 6,3 Prozent gestiegen. Über 2,2 Millionen Mexikaner*innen sind arbeitslos, allein im April sind 210.000 hinzugekommen. Nichtsdestotrotz sind die offiziellen Ziffern trügerisch, denn sie erfassen nicht die 15 Millionen Mexikaner*innen, die dem informellen Arbeitsektor angehören (die Zahl der Erwerbspersonen beträgt rund 35 Millionen). Die tatsächliche Arbeitskraft dürfte demnach wesentlich höher sein als die amtlich ausgewiesene Ziffer.

In Argentinien ist – nach Nicaragua – die Arbeitslosigkeit am größten

In Argentinien hat sich die offizielle Arbeitslosigkeit in den vergangenen drei Monaten um 6,6 Prozentpunkte auf 18,6 Prozent erhöht. Das ist nach Nicaragua, dort sind 24 Prozent der Erwerbspersonen ohne Beschäftigung, die zweithöchste Arbeitslosenrate in Lateinamerika. Bei seiner Antrittsrede am 8. Juli gab der wiedergewählte argentinische Präsident Carlos Menem zu, daß die Arbeitslosigkeit das größte Problem des Landes sei. „Mir ist bewußt, daß das Volk in dieser Beziehung eine Lösung von mir erwartet und ich werde es nicht enttäuschen“, sagte Menem und fügte hinzu, daß seine Regierung bis 1999 jährlich 300.000 neue Arbeitsplätze schaffen werde. Diese Aufgabe wird nicht leicht sein da Argentinien Anfang des Jahres, aufgrund der mexikanischen Krise eine schwierige wirtschaftliche Situation durchlebte. Nach Aussagen der Wirtschaftsanalytker wird das Bruttosozialprodukt dieses Jahr nicht steigen. Auch in Brasilien, wo die Regierung die zweistellige Inflationsrate von 1994 auf heute 4% gebremst hat, wurde die wirtschaftliche Stabilität auf Kosten der Arbeitsplätze erreicht. Seit April haben über 30.000 Menschen in Sao Paulo und Rio de Janeiro ihre Arbeit verloren. Venezuela, welches in einem kurzen Zeitraum vom Reichtum zur Armut abstieg, ist eines der wenigen lateinamerikanischen Länder mit einer negativen Wachstumsrate. Die Arbeitslosigkeit dieses Landes beträgt um die 12 Prozent.

Wiederkehr der Epidemien

(Lima 25. Juli, NA-poonal).- Experten Lateinamerikas und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) äußerten sich besorgt über das Wiederauftauchen und die Ausbreitung ansteckender Kranheiten, von denen man angenommen hatte, daß sie unter Kontrolle seien. Grund dafür sei die Besiedlung von unerschlossenen Gebieten, der Verfall der Frisch- und Abwassersysteme, eine mangelnde Gesundheitsversorgung, die Überbevölkerung der Städte sowie die wachsende Armut.

9000 Menschen starben an Cholera

Abgesehen von der rasanten Ausbreitung des AIDS-Virus, erlebte die Region 1991 eine Cholera-Epidemie, die 2 Millionen Menschen erfasste und 9000 Todesopfer forderte. Nach Aussagen der WHO würden 200 Billionen US-Dollar benötigt, um diese Krankheit wieder unter Kontrolle zu bekommen. Ebenso bedenklich ist die Ausbreitung des Dengue-Fiebers und der wiederaufgetauchten „Dengue-Homorrágico“. Die Zahl der bekanntgewordenen Fälle zwischen 1989 und 1993 ist sechzig mal höher als in den fünf Jahren davor. In der letzten Dekade erlebten fünf Länder eine schwere Denguefieber-Epidemie und 1995 trat das Fieber in vierzehn lateienamerikanischen Ländern auf. Zwischen 20-30 Prozent der Erkrankten sterben, weil sie keine angemessene Behandlung bekommen.

Mitte Juli rief der hondurenische Gesundheitsminister ein nationales Notprogramm aus, um die Ausbreitung der Cholera und der Dengue-Hemorrágico in seinem Land zu bremsen. Der „Sandvirus“ (so genannt, weil er die Form von Sandkörnchen hat), der von Nagetieren übertragen wird und häufig in neubesiedelten Gegenden auftaucht, hat schwere Gesundheitsprobleme in Argentinien, Bolivien und Venezuela hervorgerufen. Die Sandviren, die dieselbe Todesrate wie das Denguefieber haben, erscheinen seit ihrer Entdeckung 1956 alle drei Jahre. Obwohl die Mehrzahl dieser Viren keine Gefahr für den Menschen darstellen, verursachen fünf von ihnen das Dengue-Hemorrágica. In Argentinen tauchte das mörderische Fieber zum ersten Mal 1958 in der landwirtschaftlichen Region der Pampas auf und hat sich seitdem auf ein zehnmal größeres Gebiet ausgebreitet. Hunderte von Menschen werden jährlich mit dem Virus infiziert.

Der bolivianische Virus, scharzer Typhus genannt, tauchte zu Beginn der sechziger Jahre im Gleichzug mit der Besiedlung der Anden auf. Nachdem man ihn für ausgestorben hielt, erkrankte im letzten Jahr ein Hausfrau im abgelegenen Bezirk Beni am schwarzen Typhus. Die venezolanische Version des Virus wurde zum ersten Mal 1990 in den neuerschlossenen tropischen Wäldern entdeckt.Spezialisten der WHO zufolge tauchen diese Krankheiten mit der Ausbreitung der Menschen auf bisher unerschlossene Gebiete auf. Die durch die Besiedlung hervorgerufenen ökologischen Veränderungen und die Anwesenheit kleiner Nager, die in die Häuser eindringen, bewirken die Ausbreitung der Viren auf den Menschen. Dies sind jedoch nicht die einzigen Krankheiten , die in erhöhtem Masse die Region bedrohen: das Gelbfieber, welches für lange Zeit auf abgelegene Gebiete Südamerikas beschränkt war, tauchte 1995 erneut in Peru wieder auf. Bislang wurden 350 Fälle mit einer Sterblichkeitsrate von 50% gemeldet.

Die Frauen machen sich auf den Weg, Teil IV

(Lima, Juni 1995, noticias aliadas-POONAL).- Die 21jährige María berichtet, daß sie mit mindestens 30 Männern in einer Woche geschlafen hat. Bei ihrer 18jährigen Freundin Luisa waren es 42 Männer. Einmal im Monat sprechen die beiden Prostituierten über ihrer sexuelle Tätigkeit mit Ricio Duria, einer Sozialarbeiterin des paraguayischen Aids-Programmes. „Die Mädchen werden normalerweise von ihren Zuhältern geschickt“, sagt Duria. „Sie müssen Atteste vorweisen, daß sie kein Aids haben. Die Hiv-Analyse muß alle drei Monate erneuert werden, die Untersuchung über Geschlechtskrankheiten jeden Monat. Sonst gibt es das Risiko, durch die Polizei verhaftet zu werden.“ Die Gespräche mit den Prostituierten sind Teil eines intensiven Kampfes gegen Aids in Paraguay. Es ist eines der wenigen Länder auf der Welt, in denen die Prostitution legal ist; eine Abtreibung allerdings nicht. „Während der Diktatur (unter Alfredo Strössner) waren viele Themen tabu – Abtreibung, Scheidung, Aids“, meint Cristina Muñoz, die in der Regierung für Frauenfragen zuständig. Und der Arzt Nicolas Aguayo, Direktor des Anti-Aids-Programmes in der Hauptstadt Asunción, fügt hinzu: „Bis zum September 1992 gab die Regierung keine monatlichen Aids-Statistiken heraus.“

Frauen und Gesundheit – Aids-Vorsorge in Paraguay

Im Vergleich mit Argentinien oder Brasilien ist das Problem in Paraguay noch gering. Nach Aguayo gibt es im Land 568 registrierte Hiv-Fälle. Bei 178 Menschen ist die Krankheit derzeit ausgebrochen. Seit 1986, als Aids in Paraguay bekannt wurde, starben 128 Personen daran. Mit statistisch 1,2 Aidskranken auf 100.000 Einwohner*innen hat Paraguay eine der niedrigsten Raten auf dem Kontinent. Dennoch ist das Unwissen über die Krankheit nach wie vor sehr verbreitet. Das Büro von Aguayo kann auf Regierungsgelder von 8,4 Millionen US-Dollar zurückgreifen. Etwa die Hälfte davon wird für die Laborausrüstung und Blutproben verwandt. Weitere zwei Millionen Dollar kostet der Kauf der Medizin AZT, die das Immunsystem stärkt. Der Rest ist für vorbeugende Maßnahmen und Bildungsmaterial bestimmt. Zu den Aspekten des Programmes gehört es, die Prostituierten über die Krankheit aufzuklären und von ihnen zu verlangen, sich regelmässig medizinischen Untersuchungen zu unterziehen. Rocio Duria berichtet, daß die Hiv-Proben kostenlos sind. Die Frauen müssen jedoch die Einwegspritzen selber mitbringen und bereit sein, auf Fragen über ihre Arbeit zu antworten. „Um das zu machen, muß die jeweilige Person ein großes Vertrauen haben“, ist sich Rocio bewußt. Jeder Prostituierten übergibt sie ein großes Packet Kondome. Aber niemand kann versichern, daß sie benutzt werden. Dabei spielt nicht nur die strikte Haltung der in Paraguay sehr mächtigen katholischen Kirche gegen den Gebrauch von Präservativen eine Rolle. Dazu kommt ein finanzieller Aspekt. „Viele Männer Männer bieten den Frauen mehr Geld an, wenn sie nicht auf den Gebrauch vin Kondomen bestehen“, sagt Rocio.

Fehlender Mutterschutz in Brasilien

Das Fehlen eines angemessenen Gesundheitssystems in Brasilien macht die Mutterschaft zu einer Angelegenheit mit hohem Risiko. Von 1989 bis 1993 verringerten sich die Pro-Kopf-Ausgaben des öffentlichen Gesundheitssystems von 80 auf 48 US-Dollar, erklärt die Bevölkerungswissenschaftlerin Elía Berquo, die an der Universität Campinas und dem Brasilianischen Analyse- und Planungszentrum in Sao Paulo arbeitet. Der chronische Geldmangel im Gesundheitswesen ist direkt mit der Tatsache verknüpft, daß in den ärmsten Regionen des Landes nur 42 Prozent der Frauen irgendeine Voruntersuchung vor der Geburt ihrer Kinder machen konnten. In den wohlhabenderen Regionen im Süden und Südosten liegt dieser Anteil bei 75 Prozent.

Die Frauenorganisationen sprechen davon, daß es bei der Schwangerschaft, der Geburt und der Mutterschaft die größten Mängel im Gesundheitswesen gibt. Die Folge ist eine hohe Müttersterblichkeitsrate in Brasilien. Sie beträgt 134,7 Frauen auf 1.000 lebend geborene Kinder. Das ist 14mal höher als in den USA und sogar 34mal höher als in Kanada. Die chirugischen Eingriffe bei der Geburt, insbesondere die Kaiserschnitte sind in besondere Weise für die hohe Rate der Müttersterblichkeit verantwortlich. Das Risiko verdreifacht sich fast. 1990 waren bereits 34 Prozent aller Geburten in Brasilien Kaiserschnitte. Das internationale Mittel sind 10 bis 12 Prozent. Nach Untersuchungen der Gesellschaft für das familiäre Wohlergehen im Nordosten des Landes und von Berquo in Sao Paulo, ist die Praxis des Kaiserschnittes eng mit der Tatsache verbunden, daß bei dieser Operation gleichzeitig die Eierstöcke durchtrennt werden, eine Verhütungsmethode, die von den armen Frauen am meisten benutzt wird. Im Nordosten benutzten wendeten lediglich 40 Prozent der Frauen Verhütungsmethoden an. Von diesen griffen knapp 63 Prozent auf die Sterilisation zurück und nur 23 Prozent auf die Pille. In Sao Paulo zeigte sich, daß die Sterilisation in 80 Prozent der Fälle während des Kaiserschnittes stattfand. „Diese beeindruckenden Daten legen die Inexistenz einer öffentlichen Gesundheitspolitik offen, die den Frauen, besonders den ärmsten und am wenigsten informierten, erlaubt, über angemessene Wege zu entscheiden, damit die Mutterschaft nicht zu einer Lebensbedrohung für sie wird“, unterstreicht Berquo.

Frauen und Bildung – Revision der Schulbücher in Kolumbien

In Kolumbien gehen Lehrer*innen und die Regierung inzwischen gemeinsam vor, um die sexistische Sprache im Schulalltag abzuschaffen. Die frauenfeindlichen Beispiele wie „Mama knetet den Teig und Papa liest die Zeitung“, die in einigen Lesebüchern für die Kinder auftauchen, werden dort bald nichts mehr zu suchen haben. Die Kommission für Frauenangelegenheiten der Distriktvereinigung der Erzieher*innen (Ade) in der Hauptstadt Bogota überprüft gerade die Bücher. Sie untersucht gleichzeitig die Haltung der Lehrer*innen gegenüber den sexistischen Stereotypen. In der Ade sind 20.000 der 23.000 Lehrer*innen organisiert, die in den staatlichen Bildungszentren Bogotas arbeiten. Die Organisation besteht seit 1956. Sie spielt eine wichtige Rolle, was die Bildungspolitik und die Arbeitsbedingungen der Lehrerschaft angeht.

Die Absicht der 1992 begonnenen Textrevision ist, die Schulbücher so zu verändern, daß sie keinen Anlaß mehr für die Diskriminierung von Personen aufgrund von Geschlechtsaspekten bieten. So heißt es beispielsweise in einigen Büchern: „In der Geschichte des Mannes gab es Zeiten des Aufblühens und des Niedergangs.“ Die Beteiligung der Frau kommt nicht vor. Künftig soll es heißen: „In der Geschichte der Menschheit…“ Judith Jiminez, Lehrerin in der Ade erklärt: „Die Kommission fing an, über die Erzieherinnen zu arbeiten. Die brachte uns dazu, die Rolle der Frau in der Gesellschaft zu untersuchen. Dabei merkten wir, daß wir nicht einfach nur diskriminiert werden, sondern wir selber diese Diskrimierung auch übermitteln. In Kolumbien wird 85 Prozent der Lehrerschaft von Frauen gestellt. In den Schulen sind nach den jüngsten Daten des Bildungsministeriums mehr Mädchen als Jungen eingeschrieben. Jiminez weiter: „Wir begannen daher, uns selbst über verschiedene Themen kundig zu machen. Wie Sexualität, Frauenorganisationen und Sozialisierung der Rollen des jeweiligen Geschlechtes. Dann kamen wir auf die Idee, diese Themen könnten in richtigen Kursen für die Lehrer und Lehrerinnen unseres Verbandes münden.“

Bislang sind bereits 270 Lehrer*innen geschult worden

Der Vorschlag wurden von der staatlichen Schulbehörde, die mit der Ausbildung der Dozent*innen betraut ist, aufgenommen. Sie stimmte dem Kurs „Geschlechterfrage und Schulleben“ zu. Die Lehrer*innen können durch die Teilnahme an diesem Kurs Punkte sammeln, die für ihre Beförderung zählen. Über den ersten Kurs übernahm der Präsidentschaftsrat für Sozialpolitik die Schirmherrschaft. Das Programm umfaßt 120 Unterrichtsstunden. Dabei „wird auch der sogenannte verborgene Lebenslauf analysiert, der durch ideologische und wertende Inhalte geformt wird, die durch die LehrerInnen-SchülerInnenbeziehung, zwischen den Lehrer*innen und allgemein zwischen allen Personen im Erziehungswesen übermittelt werden“, erklärt Judith Jiminez.

Für die UNESCO existiert Sexismus dann, wenn die Texte und Illustrationen die Männer und Frauen – Erwachsene und Jugendliche – bei stereotypisierten Arbeiten zeigen, die die Verschiedenheit der existierenden Rollen nicht reflektieren und wenn eine tatsächliche Situation beschrieben wird, ohne Alternativen anzubieten. Um dies zu verhindern, gab das Präsidentschaftsbüro in Kolumbien einen Leitfaden für die Produktion von Schulmaterialien heraus. Er legt besonderen Wert auf die Gleichberechtigungsperspektive. Ein weiterer Leitfaden ist in Arbeit. Dieser sollen die Lehrerschaft orientieren, die Texte auf nicht sexistische Weise im Unterricht zu behandeln.

Seit 1993 hat die Kommission für Frauenangelegenheiten fünf der beschriebenen Kurse durchgeführt. 270 Lehrer und Lehrerinnen nahmen bisher teil. Die zwei Kurse in diesem Jahren werden von der holländischen Botschaft unterstützt. Luz Marcelo, eine Lehrerin, die an einem Kurs teilnahm, berichtet: „Für mich war das sehr gut. Ich habe viel darüber gelernt, daß wir Frauen etwas wert sind und was wir alles machen können.“ Von Auswirkungen kann bisher jedoch noch keine Rede sein. Es handelt sich um den Beginn einer langen Entwicklung, in die nicht nur die Lehrer*innen, sondern ebenso die Autor*innen der Schulbücher, die Eltern, die Abgeordneten, die Schulbehörden und die Ausbidungszentren für die Lehrer*innen einbezogen sind. „Der Einstellungswandel ist ein sehr langsamer Prozeß, in der Vereinigung selbst gibt es immer noch Widerstände. Auf dem pädagogischen Kongreß der Erzieher*innen (Mai 1994) wurde kein Referat über das Thema Geschlechterfrage und Bildung zugelassen, obwohl es mehrere (Vorschläge) gab“, berichtet Jiminez. Dennoch wird der Spielraum mehr und mehr größer. Die kolumbianische ErzieherInnengewerkschaft FECODE hat inzwischen eine eigene Frauenabteilung geschaffen. Und Jiminez hofft „auf eine Schule, in der wir eine andere Form der Erziehung unter Beweis stellen könnten“.

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