Poonal Nr. 025


Deutsche Ausgabe des wöchentlichen Pressedienstes lateinamerikanischer Agenturen Nr. 25 vom 16.12.1991

Inhalt


BRASILIEN

GUATEMALA

EL SALVADOR

CHILE

MITTELAMERIKA

LATEINAMERIKA


BRASILIEN

Landarbeiter*innen bekommen Alternativen Nobelpreis

(Ecuador, Dez. 1991, alai-POONAL).- Der Alternative Nobelpreis 1991 wurde in Stockholm, Schweden, an zwei brasilianische Organisationen vergeben. Mit der Prämiierung der „Bewegung der Landarbeiter ohne Boden“ (MST) und die „Hirtenkommission des Bodens“ (CPT) soll der Kampf der Landarbeiter*innen für eigenes Land international unterstützt werden. Der Alternative Nobelpreis wurde 1980 von Jakob Von Üxkell geschaffen und wird vom schwedischen Parlament vergeben. Bis heute haben ihn mehr als 30 Personen oder Organisationen erhalten, die sich für die Rechte von gesellschaftlichen Randgruppen eingesetzt haben. Sprecher*innen der brasilianischen Organisationen sagten, daß der Preis gleichzeitig allen Bauern und indianischen Organisationen Lateinamerikas verliehen werde, die für eine Agrarreform, Menschenrechte, soziale Gerechtigkeit und gesellschaftliche Veränderungen gekämpft haben. „Unterstützt werden fast 500 Jahre Volkswiderstand gegen Kolonialismus und Imperialismus“, sagten sie.

Vier Millionen Familien ohne Land

In den ländlichen Regionen Brasiliens ist das Land nach wie vor in den Händen weniger Großgrundbesitzer konzentriert. Etwa vier Millionen Familien besitzen keine eigenen Anbauflächen. Die Mehrzahl der Landarbeiter*innen muß sich auf den großen Plantagen und Agrarunternehmen für einen Hungerlohn verdingen. Die Folgen sind Hunger, Arbeitslosigkeit und Armut im ländlichen Sektor. Die beiden Organisationen der Landarbeiter*innen, MST und CPT, kämpfen daher für eine Agrarreform: Brachliegende Flächen sollen an landlose Landarbeiter*innen verteilt werden und ihnen ein ausreichendes Einkommen sichern. Dagegen sträuben sich bislang mit Erfolg die Großgrundbesitzer. “ Wir haben nicht den Anspruch, Repräsentant aller Bauern ohne Boden zu sein, aber wir versuchen, sie zu organisieren; wir glauben, daß an dem Tag, an dem wir alle organisieren, nicht nur den Boden erobern, sondern auch die Agrarreform und die Macht“, erklärte Joao Pedro Stedile vom MST. Die MST unterstützt auch radikale Aktionen der Bauern und organisierte beispielsweise Landbesetzungen. Diese Aktionen sind nicht ungefährlich. Die Regierung hat innerhalb der federalen Polizei Brasiliens eine spezialisierte Abteilung geschaffen, um die Aktionen der MST zu überwachen. Hunderte von Indianern wurden bereits von Großgrundbesitzern ermordet, weil sie Ackerflächen besetzt hatten. Als größten Erfolg bezeichnet Stedile bisher die „kollektive Betitelung des Boden“. Sie ermöglicht, die Bodenrechte gemeinsam auf mehrere Campesinos/as zu übertragen, selbst wenn jeder seine Parzelle weiterhin allein bestellt. Der Vorteil: Es entsteht ein Schutzmechanismus gegen den Druck der Großgrundbesitzer, die versuchen, von kleinen Parzellenbesitzern Boden zu kaufen.

Agrarkooperativen: Überlebenschance für Kleinbauern

Ziel der MST ist es auch, die Kleinbauern und -bäuerinnen von den Vorteilen der Agrarkooperativen, also der gemeinschaftlichen Produktion, zu überzeugen. Auf Dauer sieht sie in dieser Form die beste Überlebenschance für die Kleinbauern. „Zur Zeit unterstützen uns etwa 100.000 Familien. Die Hälfte lebt in Agrarkooperativen, die anderen arbeiten allein. Sie unterstützen uns, indem sie anderen beim Besetzen von Land helfen und Demonstrationen veranstalten“, sagt Joa Pedro Stedile. Die MST will die Landarbeiter*innen anregen, für politische Veränderungen zu kämpfen. „Wir versuchen zu vermitteln, daß Veränderungen nicht von allein kommen. Deswegen spornen wir alle an, in der Gewerkschaft, der CUT, mitzumachen und in den politischen Parteien“, sagt Stedile. Zur Zeit wird die MST von fünf Parlaments-Abgeordneten der Arbeiterpartei unterstützt. Doch diese Unterstützung ist nur ein erster Erfolg: „Wir sehen uns in einem Prozeß der Sammlung der Kräfte und des politischen Bewußtseins. Wir müssen Erfahrungen im Kämpfen und Organisieren gewinnen. Die MST ist gezwungen, eine Bewegung zu schaffen, die die Gesellschaft als Ganzes umfaßt. Nur dann können wir die Regierung unter ausreichenden Druck setzen, um die Agrarreform zu verwirklichen. Wir allein, „Die ohne Boden“, haben noch nicht die Kraft, um das jetzige Kräfteverhältnis zu verändern.“

GUATEMALA

Friedensverhandlungen vertagt: Das Militär besetzt Posten neu

(Guatemala, 10. Dez. 1991, Cerigua-POONAL).- Die Friedensverhandlungen zwischen der guatemaltekischen Regierung und der Guerilla Guatemalas (URNG) werden von Seiten der Regierung bis Januar ausgesetzt. Dies verkündete der Chef der Regierungsdelegation im Verhandlungsprozeß, Manuel Conde. Am gleichen Tag wurden tiefgreifende Umstrukturierung im militärischen Oberkommando Guatemalas bekannt. So wird seit dem 6. Dezember Verteidigungsminister General Luis Mendoz durch General Jose Domingo Samayoa ersetzt. Den Posten des militärischen Stabschefs Edgar Godoy übernahm General Jorge Perussina. Zudem rückte Mario Enriquez in die Position des Unterschefs der Streitkräfte auf. Überraschend an dem Wechsel ist der Zeitpunkt, denn normalerweise werden solche Veränderungen im Januar, Juni oder Oktober durchgeführt. Beobachter*innen vermuten, daß die militärische Führung auf diese Art Zeit gewinnen will, um zu bestimmen, wie in Zukunft auf den bewaffneten Konflikt reagiert werden soll. In einer Rede vor dem militärischen Hauptquartier Mariscal Zavala am 4. Dezember deutete Präsident Jorge Serrano einige Gründe für den plötzlichen Aufschub der Verhandlungen an. So ist zu vermuten, daß die Militärs das Tempo der aktuellen Verhandlungen drosseln wollen, um die militärische Kontrolle über die zivile Bevölkerung zu verstärken. Serrano sagte wörtlich: „Wir werden keinen Schritt in diesem Kampf zurückgehen, denn Legitimität haben solche Institutionen wie die Streitkräfte.“ Serrano deutete an, daß sich die Streitkräfte und die Regierung in den Verhandlungen weniger kompromißbereit zeigen werden. So verkündete Serrano, daß „nicht in Rechnung genommen wird, daß wir angegriffen werden und unser Land durch einen ungerechten Kampf verletzt wird, der nicht von Guatemalteken, sondern durch internationale Strategen motiviert ist.“ Serrano griff die internationale Gemeinschaft für ihre ständigen Verweise der guatemaltekischen Regierungen wegen massiver Menschenrechtsverletzungen an. „Trotz der Aggressionen haben wir aber unzweifelhafte Beweise von Zivilisation und Demokratie gezeigt, und wir haben Taten toleriert, welche zivilisierte Gesellschaften niemals toleriert hätten“, so der Präsident. Gleichzeitig wurde allerdings bekannt, daß der Vorsitzende der nationalen Versöhnungskonferenz, Monsenor Rodolfo Quezada, und der Beobachter der Vereinten Nationen, Francesco Vendrell, dem Präsidenten zuvor ein Dokument mit Vorschlägen zur Verbesserung der Sicherung der „Menschenrechte“ überreicht hatten. Trotz drei Verhandlungsrunden konnten sich die Guerilla und die Regierung in der Frage der Menschenrechte bislang nicht einigen.

US-Botschafter protestiert gegen Beschattung der Familie von Myrna Mack

(Guatemala, 11. Dez. 1991, NG-POONAL).- Die Familie der guatemaltekischen Anthropologin Myrna Mack, die am 11. Dezember 1990 ermordet wurde, wird ständig von Unbekannten beschattet. Dies gab der nordamerikanische Botschafter in Guatemala, Thomas Stroock, nach einem Solidaritätsbesuch bei der Familie Mack bekannt.

Der Mord an Myrna Mack Chang hat sich für den guatemaltekischen Staat zu einer peinlichen Angelegenheit entwickelt. Untersuchungen sind zu dem Ergebnis gekommen, daß der Mord in Verbindung mit einer Studie der Anthropologin über die Situation vertriebener Menschen in Guatemala, steht. Die potentiellen Verantwortlichen des Mordes an der Anthropologin haben außerdem Verbindungen zum militärischen Geheimdienst. Als mutmaßlicher Mörder der Anthropologin gilt Noel de Jesus Betea Alvarez, ehemaliger Angestellter des präsidentialen Stabschefs. Beteta Alvarez war in Los Angeles, Kalifornien, festgenommen und nach Guatemala ausgeliefert worden. Hier ist er gegenwärtig in Haft und erwartet die Anklage wegen Mordes. Die Schwester der Ermordeten Myrna Mack, Helen Beatriz Mack Chang, hat Anklage erhoben.

EL SALVADOR

Verhandlungen erfolgreich: Das Kriegsende ist in Sicht

(San Salvador, 11. Dez. 1991, Salpress-POONAL).- Trotz der Vertraulichkeit, mit der die Friedensverhandlungen behandelt werden, weist einiges darauf hin, daß sich das Ende des jahrzehntelangen Krieges nun rasch nähert. In San Miguel de Allende verhandelten die beteiligten Parteien über drei Punkte: Über die Schaffung einer nationalen Polizei, über wirtschaftlich- soziale Fragen und über eine Reduzierung der Streitkräfte. Nach Aussagen der Regierung, der Guerrillaorganisation, Frente Farabundo Marti (FMLN), und des UNO-Vermittlers, Alvaro de Soto, hat es Fortschritte in den Verhandlungen gegeben. De Soto, der die Verhandlungen im Namen des Generalsekretärs der UNO, Javier Perez de Cuellar, beobachtet, zeigte sich optimistisch darüber, die Diskussion der ungeklärten Themen abzuschließen, bevor die Delegationen zum Sitz der internationalen Organisation reist. In New York soll am 15.Dezember weiter verhandelt werden, um die wichtigsten Punkte zu klären, die nicht nur den Krieg beenden, sondern auch einen stabilen Frieden garantieren sollen.

Kommision untersucht Menschenrechtsverletzungen

Perez de Cuellar kündigte an, daß am Dienstag bereits ein von den Verhandlungsparteien vor sieben Monaten unterschriebenes Abkommen in Kraft treten würde. Dieses Abkommen bezieht sich auf die Arbeit der „Wahrheitskommission“. Diese Kommission soll die Massaker, Morde und andere Verletzungen der Menschenrechte, die seit Anfang der 80er Jahre begangen worden waren, aufklären. Mitglied der Kommission ist unter anderen der Expräsident von Kolumbien, Belisario Betancur, und der Expräsident des interamerikanischen Gerichtshofes für Menschenrechte, der Nordamerikaner Thomas Bürgenthal. Der Optimismus der UNO-Vertreter, in wenigen Tagen ein Abkommen schließen zu können, daß den Krieg beendet, wird von den Verhandlungsdelegationen der Regierung, von Präsident Alfredo Cristiani und von der Guerilla, FMLN geteilt.

Doch es sind auch kritische Stimmen zu hören. So wies Joaquin Villalobos, Mitglied der Generalkommandantur der FMLN in den letzen Tagen auf die Existenz von Leuten hin, die Angst vor dem Frieden haben, weil dadurch ihre ökonomischen Interessen und politischen Privilegien eingeschränkt würden.

CHILE

Neue Freundschaft? – Chile ernennt Botschafter für Cuba

(Santiago, 12.Dez.1991, ANCHI-POONAL).- Neuer chilenischer Generalkonsul in La Havanna, Cuba, wird der Diplomat Benjamin Concha. Damit hat sich die Regierung von Präsident Aylwin für einen Berufsdiplomaten entschieden. Als weiterer Konsul in Cuba wurde Francisco Sepulveda ernannt. Es wird erwartet, daß das chilenische Konsulat im kommenden Januar seine Arbeit auf der Insel aufnehmen wird. Dies gilt als wichtiger Schritt zur Verbesserung der Beziehungen zwischen Chile und Cuba. Seit dem chilenischen Militärputsch 1973 gegen die Regierung von Salvador Allende waren die diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden Ländern unterbrochen gewesen.

Im den letzten Monaten haben sich sowohl die kulturellen als auch die Handelsbeziehungen zwischen Chile und Cuba gefestigt. Zur Zeit nimmt auch der chilenische Tourismus in Cuba erheblich zu. Mit der Ernennung von Bemjamin Concha zum Konsul enden in Chile die Spekulationen darüber, wen Präsident Aylwin nach Cuba schicken werde. Im Gespräch waren auch Enrique Silva Cimma, Schwiegersohn des chilenischen Kanzlers, mehrere ehemalige Führer der chilenischen Linken und verschiedene Akademiker. Die Regierung hat sich nun für jemanden aus dem auswärtigen Dienst entschieden, dem bisher keine politischen Verflechtungen nachgesagt werden. Concha war bisher im Außenministerium Chiles als Vizedirektor der Polizeidirektion tätig, und hat bereits im diplomatischen Dienst in Spanien und Paraguay gearbeitet. Von cubanischer Seite wurde bisher kein Konsul für die Vertretung in Chile ernannt.

Jobwechsel: Sowjetischer Botschafter verdient demnächst Dollars

(Santiago, 12.Dez.1991, ANCHI-POONAL).- Der Botschafter der ehemaligen Sowjetunion, Yuri Pavlov, hat offiziell sein Amt in Chile niedergelegt, um eine Anstellung als Professor in einer Universität der USA anzutreten. Während seiner Zeit als sowjetischer Botschafter in Chile hatte Pavlov seinen Absprung durch verschiedene antikommunistische Äußerungen bereits vorbereitet. Der nach 17 Jahren diplomatischen Schweigens erste sowjetische Botschafter in Chile hatte seine Aufgaben unter anderem darin gesehen, unter sowjetischen Unternehmern für das ökonomische Modell der früheren chilenischen Militärregierung von General Augusto Pinochet zu werben.

Freier Flug: Keine Visumplicht zwischen Chile und Norwegen

(Santiago, 12. Dez. 1991, ANCHI-POONAL).- Nicht alle schließen ihre Grenzen: Freies Reisen ist ab sofort für die Bürger Chiles und Norwegens möglich. Wie das chilenische Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten bekannt gab, wurde die Visumspflicht zwischen Chile und Norwegen aufgehoben. Die Reisefreiheit sei Teil der kulturellen, und diplomatischen Annäherung beider Länder.

MITTELAMERIKA

Frauenbewegung in Guatemala und El Salvador wächst

(Mexiko, Dez. 1991, Apia-POONAL).- „Geschichte der Geschlechter in Zentralamerika: Eine neue Frau“. Unter diesem Motto wird das erste zentralamerikanische Frauentreffen im März 1992 in Nicaragua stattfinden. Für das Frauentreffen in Nicaragua hat sich bereits eine große Zahl von Gruppen angekündigt. Daher wird ein Forum zu erwarten sein, das zur Sprache bringt, was bisher verschwiegen wurde. Vorbereitet wird der Kongreß vom Frauenprogramm der Sedepac. Die Organisation Sedepac, Dienst für Entwicklung und Frieden, wurde 1983 gegründet. Seit 1986 werden in einem speziellen Programm Frauen unterstützt. Sie bekommen Hilfestellung beim Umgang beispielsweise mit juristischen Probleme oder auch Gesundheitsfragen. Hauptziel ist es, Frauen in ihrem Organisationsprozeß zu unterstützen und die Geschlechterfrage auch in der Politik zum Thema zu machen. Zu diesem Zweck bereisten Mitarbeiterinnen von Sedepac verschiedene Länder Lateinamerikas und stellten eine Dokumentation über die Frauenbewegung zusammen. In dem folgenden Interview informiert Patricia Quezada über die Frauenbewegung in Zentralamerika.

Apia: Patricia, Ihr seid vor kurzem aus Zentralamerika zurückgekehrt. Ihr habt mit vielen Frauengruppen gesprochen, welchen Eindruck habt ihr von der dortigen Frauenbewegung?

Patricia Quezada: Seit mehr als eineinhalb Jahren entsteht durch die Frauen der Region eine Bewegung, die nicht nur die bekannten ökonomischen und politischen Forderungen stellt. Die beteiligten Frauengruppen sind sehr verschieden: So gibt es sogar Gruppen von Luteranerinnen, Baptistinnen und Christdemokratinnen. Sie eröffnen Wissenschafts- und Förderungszentren für Frauen; Gesundheitszentren zur medizinischen und psychischen Versorgung und als Fluchtpunkt für mißhandelte Frauen. Die Koordination der Gruppen wächst, so entstehen gemeinsame Aktionen wie beispielsweise eine Gedenkfeier am 8.März, dem internationalen Frauentag, in El Salvador.

Apia: Was für Erfahrungen hast Du in Guatemala und El Salvador gemacht? Patricia Quezada: In Guatemala entstehen genau wie in El Salvador viele neue Frauengruppen. Nichtregierungsorganisationen, die schon Jahre arbeiten, beginnen nun Frauenprogramme. Das ist nicht nur eine Modeerscheinung. Mit diesen Programme werden Forderungen von Frauen erfüllt. Für Arbeit in organisierter und systematischer Form benötigen sie Unterstützung und finanzielle Ressourcen. In El Salvador gibt es jetzt mindestens dreißig Frauengruppen, in Guatemala sind es ungefähr 25.

In Guatemala habe ich bei Indigena-Frauen eine sehr bewegende Erfahrung gemacht. Bisher galt es als schwierig, mit Indigena- Frauen über geschlechterspezifische Probleme zu sprechen. Es gab die Annahme, daß die Tradition die Indigenas in eine Position der quasi natürlichen Unterdrückung versetzte, als sei die Unterdrückung Teil der Kultur. Aber als wir in Centracap (Zentrum zur Unterstützung von Hausangestellten) eine Gruppe von indianischen Hausarbeiterinnen nach Bedürfnissen fragten, sprachen sie über Verliebt- und Verlobtsein.

Diese Frauen sind aus ihren Dorfgemeinschaften auf der Suche nach Arbeit in die Städte gewandert. Zur der ökonomischen Krise, der Arbeitslosigkeit und der Ausbeutung kommt nun ein spezielles Problem: Sie leben einsam. Dann verlieben sie sich und werden schwanger. Die Gespräche sind ein klares Beispiel dafür, daß man mit Indigenas über geschlechtsspezifische Fragen arbeiten kann.

Klassenfrage mit Geschlechterfrage verbinden

Apia: Es gibt den Begriff „zentralamerikanischen Feminismus“. Was bedeutet er?

Patricia Quezada: Wir erleben Jahrzehnte des revolutionären Prozesses zur nationalen Befreiung. Nun wird versucht, die Klassenfrage – die Ursache der revolutionären Bewegung ist – mit der des Geschlechts zu verbinden. Das heißt, die Frauen fordern heute nicht nur die Demokratie im öffentlichen Leben, sondern auch im Haus. Dies tun sogar Frauen, die sich nicht als Feministinnen bezeichnen. Der neue Feminismus, nennt ihn wie Ihr wollt: revolutionär oder sozialistisch oder… Die Verbindung der Klassenfrage mit der Geschlechterfrage ist hier noch am Anfang, wird aber viel diskutiert.

Apia: Was erhoffst Du von dem zentralamerikanischen Frauentreffen in Nicaragua?

Patricia Quezada: Ich bin gefragt worden, ob ich die Hoffnung habe, daß eine dauerhafte zentralamerikanische Koordinationsgruppe entstehe. Ich glaube, daß die Bedingungen dafür noch nicht vorhanden sind. Aber ich meine, daß das Treffen für die Entwicklung der Frauenbewegung sehr wichtig sein wird. Positiv ist schlicht die Möglichkeit, daß viele Frauen sich zusammensetzen um das zentrale Thema zu diskutieren: die Macht. Es wird über Macht im öffentlichen und im privaten Bereich diskutiert, über die Macht, die wir nicht haben und die Macht, die wir wollen. Ein anderer wichtiger Aspekt ist: Auf dem fünften feministischen Treffen Lateinamerikas, in Argentinien, gab es eine Arbeitsgruppe der zentralamerikanischen Frauen. Hier entstand der Vorschlag, daß das sechste feministische Treffen in Zentralamerika stattfinden soll. Dies könnte auf dem Treffen in Nicaragua vorbereitet werden.

LATEINAMERIKA

Indianischer Kongreß gegen Bushs Idee eines vereinigten Amerikas

(Guatemala, Dez. 1991, NG-POONAL).- Mit einem vierwöchigen Streik im Oktober in allen Ländern des amerikanischen Kontinents sowie Demonstrationen am 8. März und am 1. Mai wollen soziale Bewegungen im kommenden Jahr gegen die offiziellen Feierlichkeiten anläßlich der Landung von Christoph Columbus in Lateinamerika protestieren. 224 Delegierte aus allen Ländern Amerikas beschlossen auf einem Kongreß Mitte Oktober in Quezaltenango, der zweitgrößten Stadt Guatemalas, einen genauen Zeitplan für die Gegenkampagne „500 Jahre indianischer, schwarzer und allgemeiner Volkswiderstand“.

In der Ausgabe Nr. 24 von POONAL dokumentierten wir die Positionen, die sechs Arbeitsgruppen auf dem Treffen formuliert hatten. Darin wurde der „pluralistische, multiethnische und demokratische Charakter“ der Gegenbewegung hervorgehoben und die Kontinuität von dem Beginn der Kolonialisierung bis zur heutigen Unterdrückung der indianischen Bevölkerung in den postkolonialen Nationalstaaten betont. Die indianische Bevölkerung müsse sich bewußt werden, daß sie eine eigene Geschichte habe, einen eigenen Begriff von Demokratie, eine „andere Vision von der Welt, die mit dem kolonialistischen Weltbild frontal zusammenprallt“. Im folgenden dokumentieren wir den zweiten Teil der Ergebnisse, die die Arbeitsgruppen ausarbeiteten:

„Wir betteln nicht um unsere Rechte“

4) Menschenrechte – indianische Rechte „Weder Menschenrechte noch indianische Rechte sind veräußerbar. Wir betteln nicht um sie; wir sind uns bewußt, daß wir ihre volle Geltung nur durch organisierten Kampf und Widerstand erreichen werden.“ Mit diesen Worten nimmt die 4. Arbeitsgruppe des Treffens dazu Stellung, daß es zwar gültige internationale Regeln gibt, daß aber die gleichen Regierungen, die diese verbal unterstützen, sie nicht erfüllen.

Aus der langen Liste der Rechtsverletzungen in Amerika werden folgende Punkte hervorgehoben: Die aufgezwungene Bildung der Nationalstaaten und deren Demokratiemodell des neoliberalen Kapitalismus; die brutale und systematische Unterdrückung und deren Straflosigkeit, der Ausverkauf der Umwelt im Tausch gegen die Auslandschulden, der Zwang zu anderer Religion und Kultur, das Wuchern der religiösen Sekten, die paternalistischen Verfassungen und Gesetze mit ihrer Diskriminierung der jeweiligen Muttersprachen.

Weiterhin wird die US-Militärpräsenz in verschiedenen Ländern angeprangert, die Politik der sogenannten wirtschaftlichen Anpassungsmaßnahmen, die Instrumentalisierung des Kampfes gegen den Drogenhandel als neue Interventionsstrategie, sowie die Blockade Kubas. Die „Initiative für die Amerikas“ von US-Präsident Bush, mit der dieser den Kontinent zu einem Handelsraum vereinen will, wird zurückgewiesen, genauso wie die anderen „unverschämten Interventionen der USA“.

5) Land und Leben „Die Erde Amerikas gehört historisch den ursprünglich dort lebenden Völkern“. Weil sie ihnen geraubt wurde, müssen sich diese Völker organisieren und für eine Agrarreform kämpfen, so die Teilnehmer*innen der 5. Arbeitsgruppe auf dem Treffen in Quezaltenango. „Das Jahr 1992 muß ein Jahr der Wiedererlangung unseres Landes werden.“

Das geraubte Land wiedererlangen

Da die Agrarreformen, die bisher in Lateinamerika durchgeführt wurden, fast nie den Erhalt des Landes garantieren konnten, müssen neue Formen von Organisierung und Auseinandersetzung gefunden werden. Als Ziel wird auch hier der Begriff „Autonomie“ genannt. Er umfaßt eine selbstbestimmte Nutzung der natürlichen Ressourcen. Teil der neuen Kampfformen soll eine internationale Solidaritätskampagne sein. Mit ihr sollen diejenigen unterstützt werden, die wegen ihres Kampfes für eigenes Land inhaftiert wurden. So sollte eine Liste aller politischen Gefangenen und Verfolgten erstellt werden.

6) Frau und Leben In allen Belangen, „außer dem Verweis auf den ihnen gegebenen Status als Fortpflanzungsobjekte“, werden die Frauen in Amerika seit 500 Jahren „marginalisiert, diskriminiert und unterdrückt. Im Vergleich zu den Männern werden sie doppelt ausgebeutet“, im Fall der indianischen und afroamerikanischen Frau handelt es sich um eine „dreifache Unterdrückung“: weil sie „indianisch, arm und Frau ist“.

Die Teilnehmerinnen dieser Arbeitsgemeinschaft erklärten, daß „die herrschende Kultur und die gesetzlichen Regeln des Systems“ ihren Zugang zu Land, Arbeit, Krediten und Märkten behindern. Die Abhängigkeit, Unterordnung und Unsichtbarkeit der weiblichen Arbeit werde weiter andauern, wenn Frauen deren Bedingungen und die Beziehungen zu den Männern nicht ändern. Es gehe um die „Emanzipation der Frau als indianische Frau, afroamerikanische Frau, als Campesinas oder als eine Frau anderer Volksgruppen“.

In der AG wird ein gegenseitiger Respekt unter Frauen gegenüber den verschiedenen Ideen und Positionen zum Selbstverständnis als Frau verlangt. Der Kampf um die Emanzipation der Frau sei gleichzeitig ein Kampf gegen Ungleichheiten von Klassen, Ethnien und Geschlechtern. Ziel sei es, jeder Art von Unterordnung, Ausbeutung und Diskriminierung ein Ende zu bereiten.

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