
Foto: Knut Hildebrandt
Mitte April kamen Nini Daza, Oberste Rätin der Consejería Mayor des Indigenen Regionalrats des Cauca (CRIC) und Manuel Bustos von der indigenen Kaffeekooperative CENCOIC zu einer Vortragsreise nach Deutschland. Sie berichteten über die Schaffung von Alternativen zum Anbau von Kokablättern für die Produktion von Kokain in ihrer kolumbianischen Heimatprovinz Cauca. Die Rundreise wurde von der Rosa-Luxemburg-Stiftung und dem Kaffeekollektiv Aroma Zapatista, welches den Kaffee von CENCOIC in Deutschland vertreibt, organisiert. Onda sprach mit Martin Mäusezahl von Aroma Zapatista über den Zweck der Reise und wie das Kollektiv die indigenen Organisationen in Kolumbien unterstützt.
Onda: Martin, bist Du Kaffee-Liebhaber?
MM: Liebhaber im engeren Sinne, also hauptsächlich auf den Konsum von Kaffee fokussiert, bin ich nicht. Ich finde es eher spannend, die Vielfalt und die Breite von verschiedenen Geschmäckern von Kaffee zu entdecken, je nachdem, wie er produziert, angebaut und weiterverarbeitet wurde, was das für eine Varietät von Kaffee war. Es gibt einfach eine Riesenbandbreite an Geschmäckern und ich bin dann überrascht, dass er immer wieder ganz anders schmeckt.
Onda: War das Interesse an den verschiedenen Kaffeesorten der Grund, Dich dem Kaffeekollektiv Aroma Zapatista anzuschließen? Und was muss ich mir überhaupt unter einem Kaffeekollektiv vorstellen?
MM: Nee, es war eher umgekehrt. Als ich bei Aroma Zapatista angefangen habe, wusste ich eigentlich noch nicht viel von Kaffee und ich habe eher durch die Arbeit im Kollektiv viel mehr über Kaffee gelernt. Ich bin, glaube ich, auch darüber zu einem Liebhaber im eben genannten Sinne geworden. Zu Aroma Zapatista bin ich gegangen, weil ich schon vorher in Kollektiven und viel zu Solidarität zwischen dem globalen Süden und dem globalen Norden gearbeitet habe. Ich konnte das, was ich an Erfahrungen habe, hier ganz gut einbringen.
Wir als Kaffeekollektiv sind eine Genossenschaft. Aktuell sind wir acht feste Angestellte, denen auch als Kollektiv der Betrieb gehört. Wir haben eine betriebsinterne Demokratie und versuchen alle wichtigen Entscheidungen im Konsens zu treffen. Hauptsächlich importieren wir Rohkaffee über den solidarischen Handel, von drei Kooperativen der zapatistischen Bewegungen aus Chiapas/Mexiko und seit 2015 auch von der CENCOIC, die Teil der indigenen Bewegung der Region Cauca in Kolumbien ist.
Onda: Du hast gerade den Solidarischen Handel erwähnt. Was versteht Ihr unter Solidarischem Handel?
MM: Mit unserem solidarischen Handel möchten wir zum einen kämpferische und symbolträchtige Bewegungen im globalen Süden unterstützen. Zum anderen geht es uns darum, in einer politisch und wirtschaftlich extrem ungleichen Welt konkrete und langfristige Formen der Solidarität aufzubauen – trotz eines ausbeuterischen globalen Wirtschaftssystems. Wir wollen damit andere globale Beziehungen schaffen: Beziehungen, die nicht allein auf Profit, sondern auf dauerhafter Solidarität beruhen. Dadurch wollen wir ganz konkret die Lebensrealität der Kaffeeproduzentinnen und -produzenten sowie ihrer Familien verbessern. Gleichzeitig verändert dieser Ansatz aber auch uns selbst und unsere Art des Wirtschaftens.
Dass wir ausgerechnet im Kaffegeschäft arbeiten, ist kein Zufall. Der Kaffeehandel ist ein emblematisches Beispiel für ein Wirtschaftsfeld, das durch und durch ein Produkt des Kolonialismus.
Onda: Kannst Du kurz erklären, inwiefern der globale Kaffee-Handel ein Produkt des Kolonialismus ist?
MM: Kaffee hat eine lange Gewaltgeschichte. So wie heute Kaffee und die Kaffeewirtschaft aufgebaut sind, basiert sie auf vielen Jahrhunderten von Gewalt und Ausbeutung Europas gegen Menschen, die in anderen Teilen der Welt kolonisiert wurden und auch gegen die Natur in diesen Teilen der Welt. Und ein anderer wichtiger Aspekt ist, dass Kaffee ausschließlich im globalen Süden produziert wird, vor allen Dingen von etwa hundertfünfundzwanzig Millionen Kleinbäuerinnen und Kleinbauern, aber zum großen Teil im globalen Norden konsumiert wird. Und das auch heute über einen komplett ungleichen Handel.
Onda: Was bedeutet dieser ungleiche Handel für diese hundertfünfundzwanzig Millionen Kleinbäuerinnen und Kleinbauern im globalen Süden? Wie wirkt er sich auf ihr tägliches Leben aus?
MM: Es gibt viele Studien, die zeigen, dass das Einkommen von diesen kleinbäuerlichen, Kaffee produzierenden Familien nur ein Bruchteil von dem ist, was ein existenzsicherndes Mindesteinkommen sein müsste, also ein Einkommen, das eine Grundversorgung an Essen, Unterkunft, Gesundheit, Bildung und Transport ermöglicht und auch noch ein paar Rücklagen für Notfälle. Oder einfach auch, um ab und zu mal den eigenen Betrieb wieder ein bisschen in Schuss zu bringen oder eine Innovation zu tätigen.
Um’s auch von der anderen Seite aus zu betrachten: Ungefähr vier Prozent der weltweit mit Kaffee erwirtschafteten Einnahmen kommen in den Anbauländern an. Die restlichen 96% gehen vor allem in den globalen Norden und bleiben da bei den großen Unternehmen im Kaffee-Business. Es gibt fünf Handelsunternehmen, die circa 50% des weltweiten Kaffeehandels kontrollieren. Neben diesen fünf Handelsunternehmen gibt’s noch zehn Rösterei-Konzerne, die ungefähr 35 Prozent des weltweiten Röstkaffees produzieren. Und diese 15 Unternehmen nutzen ihre Macht dafür, dass die Gewinne hauptsächlich bei ihnen bleiben und die Risiken vor allen Dingen die Produzent*innen tragen müssen.
Ein weiterer Grund ist, dass sie untereinander in großer Konkurrenz stehen. Es gibt einen krassen Preisdruck beim Kaffee und auch einen Renditedruck durch die Anteilseigner*innen dieser Unternehmen. Dieser Druck wird an das strukturell schwächste Glied in der Kette weitergegeben, nämlich die 125 Millionen Kleinbäuerinnen und Kleinbauern, die den Kaffee anbauen. Die haben keine Verhandlungsmacht gegenüber den Aufkäufern und deswegen sind sie gezwungen, den Kaffee zu deren Bedingungen zu verkaufen.
Onda: Und diesem auf Ausbeutung der Schwächsten beruhenden Kaffee-Handel wollt Ihr mit Eurem Solidarischen Handel etwas entgegen setzen? Wie sieht das konkret aus, wie läuft der im Gegensatz zum konventionellen Handel?
MM: Genau. Unser Ansatz versucht all das aufzubrechen, diese gewaltvollen Strukturen, ihnen zumindest kleine Risse im Gesamtgefüge zuzufügen. Wie gesagt, wir sind klein, aber ich denke mit der Hilfe von vielen könnten wir diese Risse auch Stück für Stück ausweiten.
Einerseits zahlen wir stabile und auch höhere Rohkaffeepreise als der Weltmarkt oder auch als sie bei Fairtrade üblich sind. Wir Ondan auch die Kooperativen, welchen Preis sie brauchen und wir haben den Grundsatz, die Preise nicht zu senken, selbst wenn die Weltmarktpreise gefallen sind.
Ein anderer wichtiger Aspekt ist, dass wir den Kaffee direkt von den Kooperativen importieren. Das ist kompliziert, bedeutet aber, dass ein wesentlich größerer Anteil des Verkaufspreis an die Produzent*innen geht. Aktuell sind es ungefähr 45 %, was gegenüber dem konventionellen Handel ein Mehrfaches ist, wo auf jeden Fall unter 10 % des Verkaufspreises an die Produzent*innen gehen.
Ein weiterer zentraler Aspekt unseres solidarischen Handels ist die enge Zusammenarbeit mit sozialen Bewegungen und ihren Formen der Selbstverwaltung. Dahinter steht die Überzeugung, dass alternative Wirtschaftsmodelle allein nicht ausreichen, um die tiefen Ungleichheiten im globalen Handel zu überwinden. Dafür braucht es auch grundlegende politische und gesellschaftliche Veränderungen.
Die Bewegungen, mit denen wir zusammenarbeiten, haben auf diesem Weg bereits viel erreicht: Sie kämpfen gegen Diskriminierung und Ausbeutung, organisieren Selbstverwaltung in ihren Gemeinden und entwickeln konkrete Alternativen zu bestehenden gesellschaftlichen Strukturen. Damit sind sie nicht nur in ihren Ländern, sondern auch international wichtige Vorbilder. Deshalb beziehen wir unseren Kaffee ausschließlich von Kooperativen, die Teil solcher sozialer Bewegungen sind.
Onda: Wie genau übt Ihr Solidarität mit diesen sozialen Bewegungen?
MM: Diese Solidarität hat konkret zwei Aspekte. Einerseits die Informationsarbeit, die wir leisten. Wir haben ja diese Rundreise mitorganisiert. Und wir haben letztens eine kleine Broschüre mit entworfen, die Informationen über die indigene Bewegung des Caucas auf Deutsch vermittelt. Und der zweite Aspekt ist eine materielle Solidarität. Im Verkaufspreis sind pro Kilo Röstkaffee 60 Cent für die Selbstverwaltung der Bewegung enthalten. 2025 haben wir darüber ungefähr 20.000 Euro generiert.
Onda: Du erwähntest gerade die Rundreise von Nini Daza und Manuel Bustos. Wer sind die beiden und was war der Zweck ihrer Reise durch Deutschland?
MM: Nini Juana Daza ist Mitglied der Consejería Mayor, also des obersten Rates des CRIC und ist innerhalb dieses Gremiums auch die einzige Frau. Der Consejo Regional Indígena del Cauca, auf Deutsch Indigener Regionalrat des Cauca oder kurz CRIC, wurde 1971 im kolumbianischen Departamento Cauca gegründet. Aktuell sind 138 indigene Lokalverwaltungen und 94 indigene Selbstverwaltungsgebiete im CRIC zusammengeschlossen. Nini Daza kommt aus dem indigenen Selbstverwaltungsgebiet La Concepción. Und was auch wichtig war, ihre Familie baut selbst Kaffee an. Nini wurde begleitet von Manuel Bustos, der als Repräsentant der Kooperative CENCOIC geschickt wurde. Auch die CENCOIC hat eine sehr lange Geschichte. Sie wurde 1980 vom CRIC gegründet, um die lokale Wirtschaft der Gemeinden zu fördern.
Zweck der Reise war die Sichtbarmachung der Kämpfe und auch der Probleme der Gemeinden und andererseits die Bewegung und deren Lösungsansätze auch hier in Deutschland bei verschiedenen Akteuren und insgesamt in der Öffentlichkeit bekannter zu machen. Und klar, auch den Kaffeeverkauf der CENCOIC noch mal einen Anstoß zu geben oder ihn auszuweiten. Ich denke auch – mit allen Beteiligten haben wir das jetzt schon so ’n bisschen ausgewertet – dass das total gut gelungen ist.
Onda: Die Veranstaltungen mit Nini und Manuel trugen den Titel „Kaffee statt Koks“ und drehten sich um die Schaffung eines Gegenmodells zur Drogenökonomie. Welche Rolle spielt Kokain im Cauca?
MM: Da starte ich mit einem Exkurs, weil Koka und Kokain in Deutschland als Synonyme angesehen werden. Das ist aber falsch. Der Kokastrauch ist eine sehr traditionsreiche und wichtige Pflanze in den indigenen Gesellschaften der Anden. Einerseits wird Koka für die Nahrungsmittelproduktion genutzt. Ein anderer Aspekt ist, dass es als Medizin sehr gut geeignet ist. Und ein dritter, wichtiger Aspekt ist, dass Koka von den Gemeinden als heilig angesehen wird, eine ganz wichtige Rolle hat für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und auch für die emotionale Gesundheit der Gemeindemitglieder.
Und man muss auch unterscheiden zwischen der Varietät, die diese traditionsreiche Pflanze in den indigenen Gemeinden ist, und einer anderen Varietät, die heute für die Kokainproduktion angebaut wird. Was die traditionelle Koka-Varietät angeht, da ist es so, dass nach langen Kämpfen der indigenen Gemeinden jede Familie eine gewisse Anzahl an Kokasträuchern für den Eigenbedarf haben darf. Aber wirtschaftlich bedeutender im Cauca ist diese andere Varietät, die zur Produktion von Kokain genutzt werden kann. Da gibt’s im Cauca einen großflächigen Anbau in Monokulturen, wo auch sehr viel Natur zerstört wird und viele Chemikalien eingesetzt werden.
Onda: Wenn der Anbau von Koka für die Kokain-Produktion nicht Teil der indigenen Tradition und darüber hinaus extrem umweltschädlich ist, warum betreiben ihn viele Kleinbäuer*innen?
MM: Für viele ist der Anbau von Koka aktuell einfach eine individuelle Lösung wirtschaftlich einigermaßen Sicherheit und Stabilität für ihre Familie zu ermöglichen. Da kommen die Aufkäufer direkt zu den Fincas, was fast bei keinem anderen Produkt in Kolumbien der Fall ist. Bei denen müssen die Produzentinnen zu einem Aufkäufer hinfahren, lange Wege über schlechte Straßen in Kauf nehmen und haben immer das Risiko, dass sie vielleicht nichts verkauft kriegen oder nur zu einem sehr schlechten Preis. Außerdem bekommt man für Koka bessere und stabilere Preise. Also es gibt sehr viel mehr wirtschaftliche Sicherheit beim Anbau von Koka als von Kaffee.
Was eine individuelle Lösung ist, ist aber leider sozial verheerend für den Cauca und die indigenen Gemeinden. Es ist so, dass der Drogenhandel und die bewaffneten Gruppen die Kontrolle haben wollen, es zu Kämpfen kommt und auch zu Drohungen, Morden gegenüber der Selbstverwaltung, weil die sich kollektiv gegen den Anbau von diesen Pflanzen entschieden haben.
Die Gemeinden und die indigene Bewegung im Cauca bauen als MM auf diese Probleme eine gemeinschaftsbasierte Wirtschaft auf. Dabei spielen Selbstversorgung und eine vielfältige lokale Produktion eine wichtige Rolle. Gleichzeitig ist aber auch die Kaffeeproduktion für den Export ein zentraler Bestandteil ihrer wirtschaftlichen Strategie. Über den konventionellen Welthandel ist das jedoch kaum tragfähig: Die Preise sind oft zu niedrig und die Risiken für die Produzentinnen und Produzenten zu hoch. Genau hier setzt unser solidarischer Handel an. Wir versuchen, bessere und verlässlichere Preise zu zahlen und die wirtschaftlichen Risiken gerechter zu verteilen.
Kaffee statt Koks – Interview mit Martin Mäusezahl von Aroma Zapatista von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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