
Foto: Dimas Fernández González via wikimedia
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(Buenos Aires, 5. März 2026, Agencia Presentes).- Der 8. März wurde als internationale Kampftag der Arbeiterinnen eingeführt. Aber wie oft sieht man Trans*frauen in formellen Beschäftigungsverhältnissen? Sehen wir Trans*frauen an irgendeiner Theke bedienen, die nicht zu einer Szenekneipe gehört? Kennen wir eine Transperson, die in einer leitenden Position in einer Bank beschäftigt ist? Was bedeutet es, einer formellen Beschäftigung außerhalb von Szenestrukturen nachzugehen? Inmitten der aktuellen Arbeits- und Wirtschaftskrise fragen wir uns: Womit verdienen Trans*frauen und Travestis ihren Lebensunterhalt, und was bedeutet das für sie?
Brisa Escobar, Allison Gebel und Fabiana Cruz sind Trans*frauen und Trasvestis, die aus der Sexarbeit ausgestiegen sind. Jahrelang haben sie sich mit Prostitution über Wasser gehalten. Übereinstimmend sagen sie: „Es war das Einzige, was wir arbeiten konnten oder was man uns arbeiten ließ”. Agencia Presentes wollte wissen, wie sich ihr Leben durch die Ausübung einer formellen Arbeit verändert hat und warum es für Trans*personen auch im Jahr 2026 noch so schwierig ist, einen Arbeitsplatz zu finden. Und was wäre anlässlich des 8. März ihre Botschaft an die berufstätigen Frauen – vor dem Hintergrund der Arbeits- und Wirtschaftskrise in Argentinien?
Brisa: „Die Arbeit in der Genossenschaft hat mein Leben verändert”
Brisa Escobar stammt aus Salta und lebt seit vielen Jahren in Buenos Aires. Eins der großen Anliegen ihrer Freundin, der argentinischen Queer-Aktivistin Lohana Berkins,bestand schon vor 20 Jahren darin, „die Mädels von der Straße zu holen“. Um diese Idee umzusetzen, stellte sie 2007 einer Gruppe Trans*frauen das Projekt einer Textilgenossenschaft vor. Heute ist die Textilgenossenschaft Nadia Echazú in Avellaneda tätig und hat Niederlassungen in anderen Provinzen eröffnet. Brisa ist Gründungsmitglied, war Schatzmeisterin und erfüllt derzeit ihre dritte Amtszeit als Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft. „Ich bin aber eine Kollegin wie jede andere“, stellt sie klar. „Diese Arbeit war für mich eine radikale Veränderung. Ich war eine von denen, das nachts leben und tagsüber schlafen, ich führte ein Leben wie eine Fledermaus. Am Anfang war es schwer, denn auf der Straße arbeiten bedeutete schnelles Geld, zumindest damals war das so“, erinnert sich Brisa. „Aber diese Form der Nachtarbeit geht oft einher mit Drogen- und Alkoholkonsum. Hin und wieder musst du dich einfach betrinken oder Drogen nehmen, um einen Typen zu ertragen, der dich bezahlt. Ich wollte schon immer mein Leben ändern, und das mit der Genossenschaft war eine Veränderung zum Besseren.“ Brisa kannte sich mit der Arbeit mit Textilien aus. In der Kooperative lernte sie die Fertigungsprozesse kennen. „Bei der Textilindustrie geht es nicht nur darum, ein T-Shirt zu nähen. Es gibt verschiedene Druckverfahren, Stickerei, Konfektion, Zuschnitt…. Das habe ich hier gelernt, und dank dieser Kenntnisse kann ich mich im Leben behaupten. Ich kann ein Kleidungsstück von Grund auf herstellen“, sagt sie stolz. Sie weiß, dass der Zugang zu Arbeit für Transgender-Personen heute sehr begrenzt ist. „Viele meiner Kolleginnen verlieren ihre Arbeit. Siehst du irgendwo eine Trans*frau als Kassiererin im Supermarkt? Siehst du eine Trans*frau als Managerin? Oder in einer Bank? Nein. Wir haben Schwierigkeiten, einen formellen Arbeitsplatz zu finden. Als Travesti oder Transgender wirst du immer als Prostituierte abgestempelt. Und manchmal ist das die einzige Möglichkeit, überhaupt Geld zu verdienen.“
Recht auf Arbeit für alle
Das Recht auf Arbeit ist für viele Travestis und Transgender-Personen nach wie vor eine offene Forderung. Seit Jahren kämpfen sie unermüdlich um Zugang zu regulären Arbeitsplätzen. Travestis und Transgender wie Lohana Berkins, Diana Sacayán oder Nadia Echazú haben viele Jahre ihres Lebens damit verbracht, dafür zu kämpfen.
Das Gesetz zur Geschlechtsidentität (2012) versprach unter anderem eine Erweiterung ihrer beruflichen Perspektiven. Der Zugang zu Bildung und das Recht auf Selbstbestimmung waren grundlegend, um andere Arbeitsplätze in Betracht ziehen zu können. Fast zehn Jahre später, im Jahr 2021, regelte das Gesetz über die Beschäftigungsquote für Travestis und Transsexuelle (27.636) den Zugang zum öffentlichen Dienst. Es schloss auch die Ausbildung für die Besetzung dieser Stellen ein. Bis Ende 2023 hatten fast 955 Travestis und Transsexuelle eine Anstellung im öffentlichen Dienst gefunden, weil die in diesem Gesetz geforderte Quote von einem Prozent erfüllt werden musste. Der Anstieg von mehr als 900 Prozent bei ihrer formellen Eingliederung in den Arbeitsmarkt ist heute zurückgegangen. Obwohl sie gesetzlich geschützt sind, wurden Trans*personen von der Welle der Massenentlassungen unter der Regierung Milei erfasst. Einige konnten wiedereingestellt werden, aber viele andere warten auf eine positive Entscheidung der Justiz. Und heute wird dieses Gesetz nicht eingehalten. „Wir versuchen, das Gesetz zur Beschäftigungsquote durchzusetzen. Viele von uns hatten diese Chance. Aber mehrere Ministerien und Einrichtungen, in denen Trans*frauen arbeiteten, wurden geschlossen. Und was wurde aus den entlassenen Frauen? Sie sind wieder in die Sexarbeit gegangen, weil sie Geld für Essen, Kleidung und für die Miete brauchen.“
Fabiana: „Die Arbeit in der Pflege verdient Respekt”
Fabiana Cruz arbeitete als Altenpflegerin. „Alten Menschen meine Zeit und Energie zu widmen, war für mich eine Chance.” 2012 wurde ihr dank einer Vereinbarung zwischen dem Ministerium für soziale Entwicklung und der Medizinischen Fakultät der Universität Buenos Aires ein Praktikum als Pflegekraft angeboten. So kam sie zum ersten Mal zu einer festen Anstellung. „Ich war total nervös, ich wusste nicht einmal, wie ich mich anziehen sollte!”, erzählt sie im Gespräch mit Agencia Presentes. „Heute erinnere ich mich an diese Angst als etwas Komisches, aber damals war es etwas Neues für mich, eine Chance. Und ich bin ihr mit Verantwortung, Lernbereitschaft und Engagement begegnet”, fügt sie hinzu. Als Pflegekraft habe sie vor allem gegenüber älteren Menschen mehr Sensibilität entwickelte. „Es waren meist alleinstehende Menschen ohne Familie. Ich konnte zeigen, dass wir Trans*frauen arbeiten und Verantwortung übernehmen können. Ich musste mir erstmal selbst beweisen, dass ich die Kraft aufbringen kann, einen Zeitplan einzuhalten, Verantwortung zu übernehmen und im Team zu arbeiten. Ich habe gelernt, Geduld zu haben. Das hat meine Sicht auf die kleinen Dinge im Leben verändert. Sich um jemanden zu kümmern und einen Menschen zu begleiten ist das Schönste, was es gibt. Pflegearbeit verdient Respekt. Jede Art von Arbeit verdient Respekt, aber bei der Pflege musst du dir das wirklich klarmachen. Sonst überwältigt sie dich.“ Während der Pandemie musste Fabiana den Job aus gesundheitlichen Gründen aufgeben. Das Gesundheitsministerium hat diese Stellen mit Krankenpflegerinnen und -pflegern besetzt, um dem Coronavirus entgegenzutreten. Fabiana bedauert, dass sie sich nicht einmal von den Menschen verabschieden konnte, die sie gepflegt hat. Dafür bewahrt sie die Briefe auf, die sie ihr geschickt haben. Heute arbeitet sie in einer Apotheke in einem Gesundheitszentrum. Sie erinnert sich, dass sie den Wandel als eine Art Wachstumsphase erlebt hat, aber es fiel ihr schwer, die Unsicherheit der Arbeitslosigkeit zu überwinden. „Es gibt immer noch viele Vorurteile, und wir sind immer noch nicht besonders sichtbar in der Gesellschaft. Die Vorurteile und der Mangel an Möglichkeiten für Leute wie uns, von denen die große Mehrheit Sexarbeit ausgeübt hat und weiterhin ausübt, müssen überwunden werden. Ich glaube auch, dass dies ein Moment der gesellschaftlichen Transition ist. Hin zu einem menschlicheren Bewusstsein für alles.“ Die Verbindung Trans*frauen und Sexarbeit geht Hand in Hand mit Ausgrenzung, sagt Fabiana. „Sexarbeit ist besonders dann problematisch, wenn du keine andere Wahl hast. Sicher, einige von uns verdienen gutes Geld in der Sexarbeit, aber sie hätten eben auch keine Chance, etwas anderes zu machen. Keinen Zugang zu Bildung, zu einem Arbeitsplatz, zu Ausbildungsmöglichkeiten zu haben, führt zu Marginalisierung. Aber da sehe ich eine Veränderung. Heute leben die meisten Mädels, die gerade in der Transition stecken, bei ihren Eltern, gehen zur Schule, studieren und werden von ihrer Familie begleitet. Also ganz anders als in den 90er Jahren, als ich Jugendliche war.“
Allison: „Sie wollen, dass wir für immer diese prekäre Arbeit machen.“

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Im Laufe ihres Lebens arbeitete die heute 50-jährige Allison Gebel als Sexarbeiterin, unterrichtete Schneidern in einer Genossenschaft, arbeitete in der Verwaltung des Bonaparte-Krankenhauses und im Umweltministerium. Sechs Monate nach ihrer Entlassung begann sie am Bachillerato Popular Mocha Celis als Koordinatorin des Programms Teje Solidario zu arbeiten. „Die Frauen unserer Generation hatten nur sehr wenige Möglichkeiten. Hinzu kamen die Polizeiverordnungen und die ständigen Festnahmen. Es war nicht üblich, dass eine von uns einen formelleren Job hatte, der nicht mit Sexarbeit zu tun hatte. In der Regel haben wir uns mit eher informellen Jobs durchgeschlagen.“ Allison stammt aus Olavarría und lebt seit ihrer Jugend in Buenos Aires. Aus ihrer Zeit als Verwaltungsangestellte im Hospital Bonaparte (vor dem Gesetz zur Quotenregelung für Transgender) erinnert sie sich, dass sie immer „wie eine von ihnen“ behandelt wurde. „Wir hatten eine andere Regierung, die sozialer und integrativer war. Ich hatte keine gewalttätigen oder unangenehmen Situationen im Krankenhaus. Dass Menschen das binäre Schema durchbrechen, wurde nicht automatisch als negativ empfunden.“ Das Programm Teje Solidario, das Allison heute koordiniert, dient der Unterstützung von Travestis und Trans*personen, die ihren Lebensunterhalt nicht bestreiten können. Es entstand während der Pandemie und ist nach wie vor notwendig. „Die Travestis und Trans*personen der Generationen der 70er, 80er und 90er Jahre haben viele Situationen von Gewalt und Diskriminierung erlebt. Viele von uns haben emotionalen Beeinträchtigungen davongetragen und stecken in komplexen Lebenssituationen. Heute haben die Jüngeren andere Möglichkeiten.“ Das Programm richtet sich vorrangig an Travestis und Trans*personen über 50 Jahre. „Wir haben fast 1000 Transvestiten und Trans*personen, und wir können 450 davon unterstützen. Also versucht man, ein bisschen Hoffnung zu haben, aber es ist kompliziert. Im letzten Jahr haben einige Genossinnen ihre Arbeit verloren, immer mit irgendwelchen Ausreden. Aber eigentlich will man einfach keine Travestis in formellen Arbeitsbereichen. Wenn es nach ihnen ginge, sollen wir wieder in unsere prekären Jobs gehen und die Arbeit machen, die sie sich für uns vorstellen können.“
Allison findet es extrem wichtig, Trans*personen beim Übergang in formelle Arbeitsplätze zu begleiten. „Es ist ein großer Veränderungsprozess für Leute, die Sexarbeit gemacht haben. Sie waren nachts unterwegs, hatten einen anderen Rhythmus, und sich an einen neuen Job anzupassen, ist manchmal nicht so einfach. Immer wieder gibt es Vorurteile wie „Travestis sind faul, kommen zu spät und wollen nicht arbeiten“. Die Anpassung geht nicht so schnell, und das System versagt bei der Frage der Begleitung. Es muss berücksichtigt werden, wie jede hierherkommt. Im Allgemeinen wird als Grundlage die Sekundarschulbildung verlangt, und das ist für Menschen wie uns schon ziemlich viel. Und eine Person, die das nicht hat, braucht mehr Unterstützung und Begleitung.“
Botschaft an die arbeitenden Frauen*
„Meine Botschaft ist, dass wir weitermachen und für unsere Rechte, für echte Gleichberechtigung kämpfen müssen. Jede Arbeit, die frei ist von Aggressionen und Gewalt, verdient Respekt. Wir fordern Arbeit ohne Diskriminierung und Vorurteile, wir wollen echte Gleichberechtigung. Wir werden uns immer als Teil des Frauenkampfs verstehen. Wir sind widerstandsfähig, wir sind Kämpferinnen. Nichts und niemand darf uns das Recht nehmen, zu träumen und Räume einzunehmen, die uns immer verwehrt wurden. Es macht mich sehr glücklich, den Kampf der arbeitenden Frauen zu begleiten“, sagt Fabiana. „Auch dieses Jahr begehen wir am 8. März den Internationalen Frauentag im Kampf für Gleichberechtigung, Gerechtigkeit und gegen geschlechtsspezifische Gewalt. Dieser Kampf dauert schon seit vielen Jahren an, es ist kein Festtag, sondern eine Hommage an die gesamte Bewegung der berufstätigen Frauen.“ Dazu Brisa: „Meine Botschaft an die arbeitenden Frauen lautet, dass wir nicht aufgeben und weiterkämpfen. Und ich glaube, dass wir gemeinsam stärker sind. Was auch immer passiert, wir müssen weitermachen. Wir sind viele Aktivistinnen, Trans*frauen und Travestis. Lasst uns ein wenig zurückstecken, lasst uns ein wenig unser Ego zurücknehmen. Wenn wir uns nicht zusammenschließen, Chicas, dann gehen wir unter. Versuchen wir, Bündnisse zu schließen, Travestis, Trans*frauen, Trans*männer. Manchmal vergessen wir, die anderen einzubeziehen. Wenn wir irgendwo ankommen, müssen wir über die Schulter schauen und zurückblicken. Denn es gibt viele, die zurückbleiben. Und auch für sie ist es wichtig, dass wir weitermachen und weiterkämpfen.“
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