
Foto: Wotancito via wikimedia
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(Mexiko-Stadt, 20. Dezember 2025, cimacnoticias).- Nach 24 Jahren Kampf um Gerechtigkeit, Wahrheit und Würde hat der Interamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte (Corte IDH) den mexikanischen Staat für schuldig erklärt an der Folter und Ermordung von Lilia Alejandra García Andrade in Ciudad Juárez, Chihuahua, sowie an mangelnden Schutzmaßnahmen für ihre Mutter, Norma Esther Andrade. Norma Andrade war wegen ihres Kampfes um Gerechtigkeit jahrelang Angriffen und Drohungen ausgesetzt.
Norma: eine von Vielen und eine der Ersten
Das Urteil ist symbolträchtig. Norma Andrade ist eine von vielen Müttern, die Gerechtigkeit fordern. Sie war eine der ersten Angehörigen, die ihre Suche nach Gerechtigkeit für Opfer von Gewalt gegen Frauen an die Öffentlichkeit gebracht haben. Ihr und ihrer Gruppe von Müttern in Ciudad Juárez ist es zu verdanken, dass sowohl gesellschaftlich als auch in den Institutionen ein Bewusstsein darüber herrscht, dass die tödliche Gewalt an Frauen ein Menschenrechtsthema ist, das nicht nur Ciudad Juárez erschüttert, sondern ein ganzes Land. Und dass Kinder durch Feminizide zu Waisen werden, was im Strafrecht besondere Berücksichtigung finden muss. Als Lilia García Andrade ermordet wurde, war sie 17 Jahre alt, Mutter von zwei Kindern und Arbeiterin in einer Maquiladora in Ciudad Juárez. Am 14. Februar 2001 ging Lilia Alejandra wie jeden Tag zur Arbeit, doch an diesem Mittwoch kehrte sie nicht nach Hause zurück. Ihre Mutter Norma ging zur Polizei und hatte sofort das Gefühl, dass ihre Anzeige nicht mit der gebotenen Sorgfalt behandelt wurde. Am 21. Februar wurde Lilia Alejandras Leiche auf einem Brachgelände mit Spuren von Gewalteinwirkung gefunden. Ihr Vater kam über das Schicksal seiner Tochter nie hinweg und starb zwei Jahre später an Krebs. Norma Andrade sah sich von einem Tag auf den anderen mit der Aufgabe konfrontiert, allein für ihre Enkelkinder zu sorgen, die lähmende Trauer zu überwinden, für Gerechtigkeit zu kämpfen und den Anschlägen standzuhalten, denen sie nach der Ermordung ihrer Tochter ausgesetzt war. Im Laufe der letzten 24 Jahre erlebte sie zahlreiche viktimisierende Situationen und musste sich mit einer ganzen Reihe von Gouverneuren herumschlagen, die sie bei ihrem Kampf um Gerechtigkeit behinderten und dafür eigentlich ebenfalls zur Rechenschaft gezogen werden müssten: Patricio Martínez García und José Reyes Baeza Terrazas, beide PRI, 1998 bis 2004 resp. 2004 bis 2010; César Duarte Jáquez, 2010 bis 2016, Javier Corral Jurado, PAN, 2016 bis 2021 und María Eugenia Campos Galván, die das Amt im Bundesstaat Chihuahua seit 2021 innehat. Darüber hinaus sah sie vier Staatspräsidenten kommen und gehen, ohne dass in ihrem Fall etwas vorangegangen wäre: Vicente Fox Quesada (2000-2006), Felipe Calderón (2006-2012), Enrique Peña Nieto (2012-2018), Andrés Manuel López Obrador (2018-2024).
Die Anhörung
Im März 2025 begann vor dem Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte das Verfahren „García Andrade gegen Mexiko” mit einer ersten dreistündigen Anhörung, bei der Norma Andrade mit ihrem Anwaltsteam ihre Argumente vortrug. Andrades Anwältin Karla Michel legte die grundlegenden Punkte vor dem Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte dar: die Versäumnisse bei der Untersuchung des Todes von Lilia García, das Versagen, Norma Andrade nach zwei Mordversuchen Schutz zu gewähren, und was das Verschwinden bzw. der Femizid der Mütter für die Kinder der Opfer bedeutet, was der Staat nie anerkannt hat. Nach einer ausführlichen Stellungnahme hatte Norma Andrade zum ersten Mal in den 24 Jahren seit dem Mord an ihrer Tochter Gelegenheit, persönlich über die Unstimmigkeiten in dem Fall zu berichten, darüber, wie sich ihr Leben seither verändert hat und wie die gesamte Suche nach den Tätern ausschließlich auf ihren Schultern lastet. Der Vertreter der mexikanischen Regierung, Anwalt Fernando Romero Pérez vom Sonderreferat der Staatsanwaltschaft für Frauenangelegenheiten in Chihuahua, kam bei der Verteidigung der Maßnahmen der Behörden nicht besonders gut weg. Er fand nur schwache Worte, um die Arbeit des Bundesstaates Chihuahua zu verteidigen, nämlich: „Chihuahua verfügte 2001 nicht über die ausreichende Infrastruktur, um den Fall zu bearbeiten”. Cristina Blanco von der Interamerikanischen Menschenrechtskommission erklärte zu Beginn der Anhörung in Ciudad Juárez, dass der IACHR bereits Aufzeichnungen über die Ereignisse vorlagen und dass diese vom Gerichtshof seit dem Urteil im Fall Campo Algodonero vollständig anerkannt worden seien. Die Verantwortung des Staats sei somit erwiesen, da er trotz seines Wissens um die Vorgänge in Chihuahua nicht von Anfang an alles unternommen habe, um Lilia Alejandra Andrade zu finden, obwohl die Frau vor ihrer Ermordung noch mindestens fünf Tage am Leben war. „Der Staat hat gegen Artikel 7 der Konvention von Belém do Pará verstoßen, wie die Interamerikanische Menschenrechtskommission festgestellt hat, haben Norma und die beiden Kinder von Lilia ebenfalls unter den Folgen der Gewalt gelitten“, doch die Opfer erhielten nie eine umfassende Wiedergutmachung, deshalb habe sie sich an den Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte gewandt, der heute die Möglichkeit hat, Vergewaltigung als Folter, den Kontext schwerer Gewalt und darüber hinaus die Auswirkungen des Verschwindens von Frauen auf die Familien anzuerkennen.
Norma
„Ich bin die Mutter von Lilia Alejandra García Andrade“, stellte Norma Andrade sich in ihrem ersten Satz vor dem Interamerikanischen Gerichtshof vor. In ihrer ersten Stellungnahme beschrieb sie den Richtern ihre Tochter als „eine fröhliche 17-Jährige mit starkem Charakter, intelligent und entschlossen, ihre Ziele zu erreichen“. „Sie schrieb Gedichte, sie sang gern, spielte Schach, sie mochte Literatur und träumte davon, Journalistin zu werden.“ Sie sei als sehr junge Frau Mutter geworden. Obwohl die Möglichkeit eines Schwangerschaftsabbruchs bestand, war Lilia entschlossen, die Kinder zu bekommen, und sie vereinbarten, dass sie für die Kosten des Babys selbst aufkommen würde; sie würde arbeiten und zur Schule gehen, um ihre Tochter großzuziehen. „Zum Zeitpunkt ihrer Ermordung arbeitete Alejandra in einer Maquilaladora, um ihre beiden Kinder großzuziehen. Jade García war ein Jahr und acht Monate alt und José Caleb fünf Monate. Alejandra ging aufs Gymnasium, und ihr Vater und ich hatten vereinbart, dass wir die Kosten für ihre beiden Kinder übernehmen würden, damit sie studieren konnte, wenn sie gute Noten hätte“.
Von ihrer Verteidigerin Karla Michel aufgefordert, schilderte Norma, wie es zur Entführung und Ermordung von Lilia gekommen war. Sie sei an jenem 14. Februar wie jeden Morgen um sechs Uhr aus dem Haus gegangen, aber nicht wie sonst um 22 Uhr nach Hause gekommen. Norma Andrade verbrachte die ganze Nacht damit, Lilias Freunde zu kontaktieren, und die Antwort war immer dieselbe: Sie habe gesagt, sie würde nach Hause gehen. Am nächsten Tag wandte sich Norma an die Staatsanwaltschaft und bat um die Ausstellung einer Suchmeldung, bekam jedoch zur Antwort, dass das erst 72 Stunden nach dem Verschwinden möglich sei. Die Behörden rieten ihr, selbst nach ihr zu suchen, wenn sie wolle. Also suchte Norma in Polizeistationen, fragte in Krankenhäusern, Polizeidienststellen und bei Bekannten nach; es war ein anstrengender Tag. Erst am 16. Februar willigte die Staatsanwaltschaft ein, die Suchmeldung rauszugeben. Einer der Beamten meinte zu ihr: „Machen Sie sich doch nicht lächerlich. Ihre Tochter ist abgehauen, weil sie es bei Ihnen nicht mehr ausgehalten hat. Bestimmt haben Sie sie zu sehr unter Druck gesetzt.“ Außerdem kämen nur zwei Ermittlungsbeamte auf über 2.000 Vermisstenfälle. „Da wurde mir klar, dass sie niemals nach ihr suchen würden“, erzählte Norma.
Von der gleichgültigen Reaktion der Behörden ließen sich Norma und ihre Familie nicht entmutigen. In Einkaufszentren, auf den Straßen und auf öffentlichen Plätzen verteilten sie Flugblätter mit einem Foto von Lilia. Die Vermisstenmeldung wurde im Fernsehen und Radio gesendet. Zu diesem Zeitpunkt war Lilia bereits fünf Tage verschwunden, am 20. Februar lief ein erster Beitrag, der zeigte, dass die Behörden tatsächlich nichts unternommen hatten, um gegen das Veschwinden in Ciudad Juárez vorzugehen, geschweige denn, um den Aufenthaltsort von Lilia Andrade ausfindig zu machen. Am 20. Februar erzählte eine Zeugin in einer Nachrichtensendung, dass sie am Abend des 19. Februar mehrfach die Polizei angerufen habe, weil sie von der Garage ihres Hauses aus eine Vergewaltigung beobachtet habe. Die Polizei sei zwei Stunden nach ihrem ersten Anruf eingetroffen. Einen Tag später fand man Lilias Leiche, exakt dort, wo die Zeugin den Vorfall beobachtet hatte. Die Autopsie ergab, dass Alejandra zwischen 24 und 36 Stunden zuvor erdrosselt worden war.
Der Gerichtsbeschluss
Gefragt, was sie von dem Verfahren erwarte, erklärt Norma: „Ein Urteil, das Alejandra gerecht wird, aber auch allen anderen Frauen und Mädchen in Mexiko. Ich möchte die Gewissheit haben, dass meine Enkelinnen auf die Straße gehen und heil nach Hause kommen, dass Mädchen in meinem Land spazieren gehen können, ohne belästigt zu werden. Dass Alejandras Mörder festgenommen werden, denn solange sie auf freiem Fuß sind, werden sie weiter morden. Heute bin ich hierhergekommen, aber ich bin nicht allein. Norma wird begleitet von Ramona, Soledad und Irinea, die wie ich Mütter sind, deren Töchter ermordet wurden. Auch sie hoffen auf ein faires Urteil. Wir hoffen, dass Maßnahmen für die Kinder getroffen werden, die zu Waisen geworden sind, damit sie sich voll entfalten können. Dass das Gericht den Staat dazu verpflichtet, seine Unterlassung ihnen gegenüber anzuerkennen und alles zu tun, damit unsere Kinder glücklich aufwachsen können“. Bei einer Pressekonferenz nach der Urteilsverkündung bezeichnete Norma Andrade das Urteil als zufriedenstellend und zeigte sich bewegt und begeistert vom Erfolg des gemeinsamen Kampfes um Gerechtigkeit für ihre Tochter, der in den letzten 24 Jahren so bestimmend gewesen war: Norma hatte zwei Attentate überlebt, ihren Heimatort verlassen, ihre beiden Enkelkinder großgezogen, alle Instanzen des Landes durchlaufen und sogar ihren Beruf aufgegeben, um sich ganz für die Verteidigung der Menschenrechte einzusetzen. Das Urteil stellt einen historischen Erfolg dar. Zum vierten Mal wird der Interamerikanische Gerichtshof tätig, um vom mexikanischen Staat wirksame Maßnahmen gegen Morde an Frauen zu fordern. Die früheren Urteile des Gerichtshofs beziehen sich auf die Fälle Campo Algodonero in Ciudad Juárez, Digna Ochoa in Mexiko-Stadt und kürzlich Ernestina Ascencio in Veracruz. Im Urteil zu Andrade stellte der Interamerikanische Gerichtshof fest, dass eine Verletzung der Rechtsgarantien, des Rechtsschutzes und der Gleichheit vor Gericht vorliegt, da der Mord an Lilia Alejandra ihren Eltern Norma Andrade und José García und ihren Kindern Jade Tikva und José Kaleb das Recht auf den Schutz der Familie und der Kindheit und vor allem ihr Recht auf die Wahrheit genommen habe.
Sowohl Norma Andrade als auch ihr Anwaltsteam von der Menschenrechtsorganisation Grupo de Acción por los Derechos Humanos hatten darauf hingewiesen, dass der Mord an Lilia Alejandra sowie weitere Morde aus derselben Zeit einem systematischen Muster folgten, was auf eine Serie von Frauenmorden hindeutet, die in diesem Land bisher noch nie dokumentiert wurde. Allerdings wurde die Untersuchung zehn Jahre lang von verschiedenen Staatsanwaltschaften ohne nennenswerte Fortschritte geführt. Aufgrund der zahlreichen Versäumnisse in den letzten zwei Jahrzehnten kam das Gericht zu dem Schluss, dass der Staat bei der Untersuchung der Vorfälle sowohl den geschlechtsspezifischen Ansatz als auch die verschiedenen Gefährdungsfaktoren vernachlässigt habe, die im Fall von Lilia Alejandra zusammenkamen. Ebenso sah es das Gericht als erwiesen an, dass Lilia Alejandra Opfer sexualisierter Gewalt geworden war, wobei die direkt Verantwortlichen bisher nicht mit Sicherheit identifiziert werden konnten.
Die Tatsache, dass seitens der Behörden keine sorgfältige Suche veranlasst wurde, obwohl Alejandras Verschwinden in einem Kontext sexualisierter Gewalt gegen Frauen in Ciudad Juárez bekannt war, zeuge von Fahrlässigkeit und Unterlassung. Darüber hinaus kam das Gericht zu dem Schluss, dass der Staat zum Zeitpunkt der Ereignisse nicht über eine angemessene institutionelle und normative Struktur verfügte, um auf die Gewalt gegen Frauen zu reagieren, die zu diesem Zeitpunkt bereits in Ciudad Juárez herrschte, und mit der gebotenen Sorgfalt zu handeln, um geschlechtsspezifische Gewalt zu verhindern und wirksame Maßnahmen zu ihrer Prävention, Bestrafung und Beseitigung zu ergreifen. All dies habe die Vergewaltigung und den Feminizid an Lilia Alejandra begünstigt. Zwar gebe es seit dem Urteil im Fall Campo Algodonero Fortschritte, die Wirksamkeit der umgesetzten normativen und institutionellen Maßnahmen sei jedoch nach wie vor unzureichend: Allein zwischen Januar und Oktober 2025 wurden 217 Morde an Frauen registriert, von denen nur 41 als Feminizide eingestuft wurden. Nach Angaben der Nationalbehörde für öffentliche Sicherheit steht der Bundesstaat Chihuahua hinsichtlich der Tötungsdelikte landesweit an vierter Stelle, übertroffen nur von den Bundesstaaten Mexiko, Sinaloa und Mexiko-Stadt.
Wiedergutmachung
Wie das Zentrum für Menschenrechte der Frauen A.C. (CEDEHM) und andere Organisationen berichten, sind es meist die Mütter der Verschwundenen und der Opfer von Feminiziden, die ihr Leben riskieren, um die Wahrheit herauszufinden und Gerechtigkeit und Wiedergutmachung zu fordern. Angesichts des offensichtlichen Versagens von Seiten des Staates ordnete der Interamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte verschiedene Wiedergutmachungsmaßnahmen an, darunter: die Fortsetzung der Ermittlungen im Mordfall Lilia Alejandra García Andrade, Aufklärung der Angriffe auf ihre Mutter Norma, internationale Anerkennung der Verantwortung und öffentliche Entschuldigung; Erarbeitung umfassender Maßnahmen gegen geschlechtsspezifische Gewalt und Verschwindenlassen, verbesserte Umsetzung und Harmonisierung des Alba-Protokolls sowie Maßnahmen zum Schutz von Müttern von Feminizidopfern und von Kindern und Jugendlichen, die durch den Feminizid ihrer Mütter und der zu Waisen geworden sind. Darüber hinaus ordnete der Gerichtshof an, die Begriffe „suchende Mütter”, „suchende Personen” und „Mütter von Opfern von Feminiziden” formell in die mexikanische Gesetzgebung aufzunehmen, um sicherzustellen, dass die Betroffenen wirksamen Zugang zu den Schutzmechanismen für Menschenrechtsverteidiger*innen und Journalist*innen erhalten.
Sucherfolge und Angriffe auf Norma
Anschließend schilderte Norma Andrade die Odyssee, die sie auf sich nehmen musste, um die Verantwortlichen für den Tod ihrer Tochter zu finden, und verwies auf die Gleichgültigkeit der Regierungen und die verzweifelten Versuche der Staatsanwaltschaft, ihr bei ihrer Suche Steine in den Weg zu legen. Zum Fall Lilia García wurden acht Ermittlungsverfahren eingeleitet, die Jahre dauerten und zu keinem Ergebnis führten. So wurde beispielsweise ein Mann mit dem Spitznamen „Tyson” verdächtigt, der jedoch seit 1999 im Gefängnis saß. Sieben Jahre später, im Jahr 2008, wurden die Ermittlungen eingestellt, und damit endete auch die Chance auf Gerechtigkeit; es gab keine Verantwortlichen und auch keine Hinweise darauf, wer Lilia ermordet hatte. „Es wurde eine erneute Überprüfung aller Ermittlungen beantragt, bei der weiteres genetisches Material auftauchte. Der Abgleich mit der Datenbank der Staatsanwaltschaft von Chihuahua ergab eine Übereinstimmung mit der Probe eines 2010 ermordeten Beamten namens Enrique Castañeda, die darauf hindeutete, dass der Täter ein Mann aus der Familie Castañeda war, jedoch nicht Enrique selbst. „Dank dieser DNA-Tests wurde klar, dass Alejandra nicht die einzige war, die von diesen Tätern ermordet wurde, sondern dass es vor ihr drei weitere Mädchen gab und nach ihr noch eins. Dieser Gruppe werden vier Fälle zugeordnet“, so Norma. Der Druck auf die Regierung von Chihuahua stieg; offensichtlich hatte in Ciudad Juárez eine Gruppe von Vergewaltigern völlig ungestraft eine Mordserie begangen, und noch dazu gab es genügend Hinweise darauf, dass mindestens einer von ihnen mit einem Beamten der Stadt in Verbindung stand. Norma suchte immer entschlossener nach Antworten, bis sie 2011 durch ein Attentat außer Gefecht gesetzt wurde. Sie erlitt fünf Schusswunden in Brust und Schultern, wurde in ein Krankenhaus gebracht und anschließend auf Anordnung der Regierung in eine Privatklinik verlegt. Nur drei Tage später habe man sie „buchstäblich auf die Straße geworfen”, weil die Klinik Drohungen erhalten hatte, das medizinische Personal zu ermorden, falls man sie dort weiterhin versorgen würde, wie Norma Andrade bei der Anhörung vor dem CIDH erzählt. Norma nahm ihre Sachen und die ihrer beiden Enkelkinder und verließ ihre Heimatstadt. Nur wenige Monate später wurde sie in ihrem neuen, angeblich sicheren Zuhause erneut angegriffen. Diesmal wurde ihr mit einem Messer in den Hals gestochen.
Wie ein Feminizid das Leben der Angehörigen verändert
Einer der wichtigsten Punkte der Anhörung war die Verantwortung für Lilias Kinder, die Norma nach dem Mord an ihrer Tochter übernehmen musste. Richter Diego Moreno Rodríguez sprach seine Bewunderung für ihren Mut und die Fürsorge für ihre beiden Enkel aus. „Von Großeltern wurden wir wieder zu Eltern. Ich hatte zwei Jobs, ich war von Beruf Lehrerin, den anderen kündigte ich, um mich um meine Enkelkinder zu kümmern und meine Forderungen an die Behörden zu stellen. Leider konnte mein Mann den Verlust nicht verkraften und starb zwei Jahre nach dem Mord an seiner Tochter an Krebs. Es waren zwei enorme Verluste, und dennoch habe ich mich um meine Enkelkinder gekümmert. Am Tag von Josés Beerdigung war ich im Bestattungsinstitut, als man mich dort herausholte, um zu klären, ob ich mich allein um meine Enkelkinder kümmern konnte. (…) Ich musste auf die Straße gehen, um Gerechtigkeit zu fordern und selbst zum Mord an meiner Tochter ermitteln. Ich erkannte, dass ich allein nichts ausrichten konnte, und schloss mich anderen Frauen an. Wir gründeten eine Gruppe (…), erkannten, dass wir uns weiterbilden mussten, denn sonst würden uns die Behörden nur verspotten, beleidigen und bedrohen, verfolgen, unsere Akten stehlen und uns mit Hausdurchsuchungen schikanieren”, erzählte Norma dem Richter Moreno Rodríguez. Wie sich das Ganze auf ihr Leben ausgewirkt hat? „Jetzt sind meine Enkelkinder erwachsen, 24 und 25 Jahre. Sie waren fünf Monate bzw. ein Jahr und acht Monate alt, als ihre Mutter ermordet wurde. Sie wuchsen zwischen Kundgebungen, Demonstrationen, Arbeitssitzungen und Beiträgen zu Ermittlungslinien auf, aber sie waren fröhliche, gesellige, gesprächige Kinder und wuchsen gesund auf, bis sie mitansehen mussten, wie jemand versucht hat, mich umzubringen. Von dem Moment an änderte sich alles: Die Kinder lernten, mit der Angst zu leben, dass es nochmal einen Anschlag auf mein Leben gibt und dass der nächste klappt. Jade musste mehr als zehn Mal wegen Angstzuständen und Selbstmordversuchen in die Psychiatrie eingewiesen werden, weil sie nicht verarbeiten konnte, was wir durchgemacht hatten, denn beide Anschläge fanden in ihrem Beisein statt. Danach folgten etliche Arzt- und Psychiatriebesuche und viele Therapien. Aus Caleb, der früher ein fröhliches Kind war, wurde ein verschlossener und gewalttätiger Junge, er bekam Phobien, hatte Angst vor dem Schlafengehen, und er gab sich anscheinend die Schuld dafür, dass er mich nicht beschützen konnte. Wenn Jade ins Krankenhaus eingeliefert wurde, musste ich mit, und Caleb blieb allein zu Hause, da gab es dann nur noch das Wachpersonal, und er blieb mehr oder weniger eingesperrt. Noch heute haben die Kinder Angst, dass sie mir etwas antun könnten. Vor der Anhörung sagte Jade zu mir: „Ich bin es leid, dass meine Mutter weiter suchen muss, dass meine Mutter andere Mütter begleitet. Ich habe Angst, dass ihnen etwas angetan wird, weil sie weiter andere unterstützen“, erzählt Norma. Ihre Berichte sind wichtige Zeugnisse, die eine Idee davon vermitteln, was Feminizide auslösen und was das für unser Land bedeutet. Auch dass die Richterinnen und Richter des Interamerikanischen Gerichtshofs für Menschenrechte so offensichtlich zugewandt sind, spricht für die Dringlichkeit, in Mexiko einen Mechanismus zu entwickeln, der sich um die psychische Gesundheit, die wirtschaftliche Situation, die Bildung, die Ernährung und die Betreuung von Menschen kümmert, die aufgrund eines Femizids oder des Verschwindens einer Person zu Waisen geworden sind. Die Worte von Norma Andrade betreffen uns alle, und sie hat mit ihren Erfahrungen eindrücklich dargelegt, dass es bei diesem Kampf nicht nur um Lilia Alejandra geht, sondern um ein ganzes Land.
Die Frage nach den Tätern bleibt ungeklärt
Was die Frage nach dem mutmaßlichen Täter angeht, wurden im Zuge der Anhörung zwei Namen genannt: Manuel Navarro Rivas und der Mann mit dem Nachnamen Castañeda. Nach einem langen Prozess, der seitens der Behörden nur mit mangelnder Sorgfalt geführt wurde und Zweifel an der Integrität und Vollständigkeit der Beweiswürdigung aufkommen ließ, wurde 2023 vor dem Obersten Gerichtshof von Chihuahua ein Verfahren gegen Manuel Navarro Rivas als Hauptverdächtigen des Feminizids an Lilia Alejandra eingeleitet, das derzeit noch läuft. Es wurde versucht, die Ermordung von Lilia Alejandra mit den Fällen Rosa Icela (14), Iveth Sánchez (13) und Coral (16) in Verbindung zu bringen. Die Morde wurden 1995, 1996 und 2005 begangen; ein Mann namens Manuel Navarro Rivas wurde wegen des Mords an zwei der Mädchen festgenommen und zu 100 Jahren Haft verurteilt. Es fehlt jedoch jede Verbindung zu den Ermittlungen im Fall Lilia Alejandra. Diesen Mann zum Mörder ihrer Tochter zu erklären, obwohl es keine DNA-Spuren gibt, die ihn mit Lilia in Verbindung bringen, sieht Norma als Versuch, den Fall abzuschließen und zu den Akten zu legen. Sie wünscht sich eine wirkliche Aufklärung. Und was ist mit Castañeda, bei dem tatsächlich eine Übereinstimmung mit den biologischen Spuren auf Alejandras Leiche festgestellt wurde? Seine Identität ist weiterhin ungeklärt.
Norma Andrade schloss mit dem Hinweis, dass die Lage heute erheblich schlimmer sei als vor zwei Jahrzehnten: Elf Morde an Frauen sei eine Zahl, die unmöglich zu verkraften sei. „Die Morde gehen weiter, ebenso wie das Verschwinden von Menschen. Und heute ist es noch viel schlimmer als früher. Als wir begannen, an die Öffentlichkeit zu gehen, wurden im Schnitt drei Morde pro Tag registriert, heute sind es elf ermordete Frauen pro Tag. Ich würde nicht leugnen, dass Gesetze und Institutionen geschaffen wurden, aber was wir jetzt haben, hat weder gegen das Verschwindenlassen noch gegen die Morde Wirkung gezeigt, nicht einmal gegen die Morde an suchenden Müttern”, sagt Norma. Neun Staatsanwälte, 17 Ministerien und acht Mordermittler waren mit dem Fall Lilia Alejandra betraut, das heißt, es gab keinen Beamten, der kontinuierlich an dem Fall gearbeitet hätte. Bis Rechtsanwalt Romero kam, der seit 2016 für die Ermittlungen zuständig ist und wenig später als Verteidiger des Staates fungieren sollte.
Der Fall von Lilia Alejandra García Andrade hinterlässt ein grundlegendes Vermächtnis für die Frauen in Mexiko sowie in der gesamten Region Lateinamerika. Das Urteil schafft einen weiteren Präzedenzfall. Trotzdem kommt es nun darauf an, was der mexikanische Staat aus dem Urteil des CIDH macht, ob und wie er die Opfer entschädigen, Wiedergutmachung leisten, Gesetzesänderungen anstoßen und Sicherheit gewährleisten wird, um die Ermordung und das Veschwindenlassen zu beenden.
Übersetzung: Lui Lüdicke
Norma Andrade erkämpft CIDH-Urteil von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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