Historischer Schuldspruch wegen systematischer Vergewaltigung während der Militärdiktatur

Von Markus Plate

Die Klägerinnen hatten ihre Gesichter im Prozess verhüllt und zeigten ihre Gesichter erst nach dem Urteil. Foto: Amerika 21/Francisco Sanchez
Die Klägerinnen hatten ihre Gesichter im Prozess verhüllt und zeigten ihre Gesichter erst nach dem Urteil. Foto: Amerika 21/Francisco Sanchez

(Guatemala-Stadt, 27. Februar 2016, npl).- Am Freitag Nachmittag, 26.2., ist im Obersten Gerichtshof von Guatemala-Stadt der Prozess gegen zwei Militärangehörige wegen sexueller Sklaverei an Indígena-Frauen während der jahrzehntelangen Militärdiktatur zu Ende gegangen – mit einem historischen Schuldspruch. Die beiden Angeklagten, Steelmer Reyes Girón und Heriberto Valdez Asij, wurden zu de facto lebenslangen Haftstrafen verurteilt, unter anderem wegen Versklavung und sexualisierter Gewalt und für das Verschwindenlassen und den Tod mehrerer Menschen.

Juli 1982. In Guatemala beginnt die Armee einen Außenposten für „Ruhe und Erholung“ zu errichten. Sepur Zarco heißt der Ort, der im Gegenteil für die Schrecken der Militärherrschaft in Guatemala steht. Ein Ort, irgendwo im Osten des Landes, in der Nähe des Izabal-Sees und den Örtchen El Estor und Panzós. Das Soldatenkontingent befahl in den nächsten sechs Jahren den Frauen in umliegenden Ortschaften, für sie zu kochen und Wäsche zu waschen. Doch eben nicht nur dies: Viele Frauen wurden wiederholt vergewaltigt, oft Monate lang. Für die Opfer endete das Martyrium nicht mit dem formellen Ende der Vergewaltigungspraxis ein Jahr später, auch nicht mit der Schließung des Postens im Jahre 1988.

Drei Jahrzehnte später finden 15 Frauen den Mut, ihre Geschichte zu erzählen und Gerechtigkeit zu suchen; unterstützt von der feministischen „Alianza Rompiendo el Silencio y la Impunidad“. Paula Barrios von dieser „Allianz gegen das Schweigen und die Straffreiheit“ erläutert, worum es in dem Fall geht. „Die Frauen wurden dazu gezwungen, im Schichtbetrieb beim Truppenkorps zu arbeiten, das beinhaltete kochen, Wäsche waschen, putzen. Sie wurden dort auch vergewaltigt. Ihre Männer waren zuvor verhaftet und verschwunden worden. Ihre Häuser und Ernten wurden niedergebrannt. Deswegen mussten die Frauen mit ihren Kindern in der Nähe der Kaserne leben, vor allem um Nahrung für die Kinder zu bekommen. Dieser Fall verhandelt also die sexuelle Gewalt und Sklaverei als Kriegsverbrechen.“

Sepur Zarco: Symbol des Grauens und der Aufarbeitung

Im Juni 2014 waren mit Steelmer Reyes Girón und Heriberto Valdez Asij zwei ehemalige Offiziere verhaftet worden. Über zwei Jahre später, am 1. Februar, hatte der Prozess gegen die beiden begonnen. War Sepur Zarco bislang ein Name des Grauens, wird er nun zum Symbol für die Aufarbeitung der Verbrechen der guatemaltekischen Militärdiktatur … und mehr noch: Es ist weltweit das erste Mal, das sexuelle Sklaverei von einem nationalen Gericht als Verbrechen gegen die Menschlichkeit verhandelt wird und am Ende die Angeklagten verurteilt wurden.

Während der Verhandlung saßen die Frauen im Gerichtssaal, in ihre indigenen Trachten gekleidet, Kopf und Gesicht von Tüchern verdeckt. Als Akt der Solidarität hatten auch andere Frauen im Publikum ihr Gesicht verhüllt. Die Aussagen der Frauen sind im Gerichtssaal kaum hörbar. Leise schildern Petrona Choc oder Rosalina Tuyuc ihre schrecklichen Erfahrungen auf Q’eqchi, sprechen dabei mehr zum Übersetzer, als ins Mikrophon. Wie die Soldaten zunächst die Männer ermordet und dann Häuser und Ernten niedergebrannt hatte. Wie die überlebenden Frauen mit ihren Kindern dann zum Lager der Mörder ziehen mussten, um nicht verhungern. Dass sie dort für die Soldaten kochen und waschen mussten – und immer wieder vergewaltigt wurden. Dass einige von ihnen in die Berge flüchten konnten. Dass dort, wie im Fall von Rosalina Tuyuc ihre Kinder an Hunger und Kälte gestorben sind.

Die Psychologin Mónica Pinzón hatte die Frauen untersucht und beschrieb im Prozess das immense Leid, das die Opfer bis heute in sich tragen. Ein Wort fiel immer wieder: „Susto“. Das spanische Wort lässt sich mit Entsetzen übersetzen, in Q’eqchi‘ bedeutet es aber viel mehr: Ein schlimmes Erlebnis, dass Geist, Seele, Verstand – den Körper verlassen lassen: „Der Schmerz ist im Leben der Frauen bis heute gegenwärtig. Als Opfer systematischer sexualisierter Gewalt tragen sie in ihrem Körper das Gefühl, befleckt zu sein und gesündigt zu haben. Für eine Q’eqchi‘ ist Monogamie sehr wichtig. Aufgrund der sexualisierten Gewalt, die sie erlitten haben, fühlen sie sich sündig, ohne es zu sein.“

Sexuelle Versklavung als Kriegsverbrechen

Die Anwesenden im Gerichtssaal applaudierten nach der Urteilsverkündung und riefen "Gerechtigkeit". Foto: Amerika21/Facebook
Die Anwesenden im Gerichtssaal applaudierten nach der Urteilsverkündung und riefen „Gerechtigkeit“. Foto: Amerika21/Facebook

Auch männliche Bewohner kommen im Prozess zu Wort. So Arturo Choc. Er schildert, wie die Armee in sein Dorf einfiel und fünf Menschen verschleppte, von denen niemand je zurückkam. Ihn selbst verschleppten die Soldaten nach Sepur Zarco: „„Wir alle, die nach Sepur Zarco gebracht wurden, mussten dieses Lager aufbauen. Die haben das Material gestellt und dann mussten wir für sie arbeiten. Die Frauen mussten für die Soldaten kochen. Viele von ihnen waren Witwen und wurden von den Soldaten vergewaltigt.“

Arturo hatte damals einer Gruppe von Q’eqchi‘-Indígenas angehört, die für ihr Land Landtitel einforderten. Alle, die von den Soldaten verschleppt, verhaftet, ermordet, vergewaltigt wurden, waren Teil dieser Bewegung. Das macht für den Sozialwissenschaftler Héctor Rosada aus Sepur Zarco mehr, als nur ein Fall systematischer Vergewaltigungen. Seinem Gutachten nach war es ein gezieltes Eingreifen von Großgrundbesitzern und der Armee, um den Widerstand der indigenen Gemeinden mit allen Mitteln zu brechen; eine Argumentation, die sich die vorsitzende Richterin Yassmin Barrios in der Urteilsbegründung zu eigen machte: Vergewaltigungen als Terrorinstrument, Sepur Zarco als Beispiel des guatemaltekischen Völkermordes. In den folgenden Monaten und Jahren, damals in den 80ern, sollten Armee und Paramilitärs ganze indigene Dörfer auslöschen, Frauen und Kinder massakrieren. Abertausende Tote und Verschwundene hat die Diktatur auf dem Gewissen.

Angeklagte streiten alles ab

Die Strategie der Angeklagten und ihrer Verteidiger bestand bis zum Schluss in Trotz und Leugnen. Man erkenne den Prozess nicht an, die Richterinnen hätten sich bereits im Vorfeld parteiisch erklärt. Der Angeklagte Reyes weigert sich, auch nur seinen Namen zu nennen, Heriberto Valdez Asij streitet ab, jemals in Sepur Zarco oder auch nur für das Militär gearbeitet zu haben. Überhaupt seien die Vorwürfe konstruiert und der ganze Prozess von der internationalen Gemeinschaft inszeniert worden. Das Gericht ließ sich von dieser Strategie nicht beeindrucken und zu Märtyrern von Militär und Machismus werden Reyes und Asij wohl auch nicht.

Auch wenn die mutmaßlichen Täter wohl niemals ihre Schuld einräumen werden, für Rosalina Tuyuc und die anderen 14 Q’eqchi‘-Frauen war der Prozess ein schwieriger, aber – vor allem mit dem eindeutigen Urteil – auch befreiender Schritt: „Jetzt ist das für mich kein Weg der Angst mehr. Es ist der Moment gekommen, zu sprechen. Um aufhören zu können unter all dem zu leiden, was wir erlitten haben. Dass meine Enkelinnen und andere Frauen niemals mehr dass erleiden müssen, was wir erleiden mussten. Wir haben uns erhoben, wir sind losgegangen, um Gerechtigkeit zu suchen.“

Mit dem Prozess und Schuldspruch geht in Guatemala die Aufarbeitung der Verbrechen der jahrzehntelangen Militärdiktatur langsam, aber kontinuierlich voran. Die Journalistin Carolina Escobar weist in einem Kommentar zum Urteil in der wichtigsten Tageszeitung Prensa Libre allerdings darauf hin, dass bis auf den heutigen Tag zahllose Frauen vergewaltigt werden, quer durch alle ethnischen Gruppen und soziale Schichten. Das Urteil im Fall Sepur Zarco ist für die Aufarbeitung der Diktaturverbrechen eminent wichtig. Doch es bleibt zu hoffen, dass die guatemaltekische Gesellschaft und Justiz in der Lage sein werden, Vergewaltigungen auch dann zu ahnden, wenn sie kein Kriegsverbrechen darstellen.

Den Audiobeitrag zum Fall Sepur Zarco könnt ihr bei onda hören.

  

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