Poonal Nr. 130

Deutsche Ausgabe des wöchentlichen Pressedienstes lateinamerikanischer Agenturen Nr. 130 vom 14.02.1994

Inhalt


KUBA

Lateinamerika

GUATEMALA

NICARAGUA

KOLUMBIEN


KUBA

32 Jahre Blockade

– von Mercedes Ramos

(Havanna, 8. Februar 1994, PL-POONAL).- Die IV. Konferenz Lateinamerikas und der Karibik, die gerade in Havanna zu Ende ging, hat das US-amerikanische Embargo gegen Kuba verurteilt und die Einhaltung der von der UNO-Vollversammlung angenommenen Resolutionen gefordert. Die USA, die sich bislang wenig von internationalen Maßregelungen beeindrucken ließen, haben erst 1992 die Blockade gegen Kuba mit dem sogenannten Toricelli-Gesetz verschärft. Am 3. Februar vor 32 Jahren verhängten die USA ein totales Embargo gegen die Insel. Für Verstöße dagegen wurden Strafen von 90.000 US-Dollar bis zu 10 Jahren Gefängnis vorgesehen. Die unzähligen Verbote in den Beziehungen zu Kuba betreffen u.a. Kreditzahlungen und Überweisungen jeglicher Art, die Vermögen betreffen, welches nordamerikanischer Rechtsprechung unterworfen ist. Sie erstrecken sich bis zu dem Verbot für nordamerikanische Tochterfirmen im Ausland, Handel mit Havanna zu treiben. Für Kuba, zu dessen Hauptmärkten vor 1959 die USA gehörten, hat die Blockade Verluste von mehr als 40 Millarden US-Dollar. Der eiserne Boykott hat jedoch nicht nur der Insel geschadet, sondern auch den USA selbst: Einer 1987 veröffentlichten Untersuchung nordamerikanischer Experten zufolge entgingen US-Unternehmen in den ersten 25 Jahren der Blockade mehr als 11,5 Millarden US- Dollar an Gewinnen. Einige Wirtschaftswissenschaftler*innen glauben, daß diese Zahl sehr zurückhaltend geschätzt ist. Wenn man bedenkt, daß Washington vor 1959 von der gesamten Produktion auf der Insel 87 Prozent importierte und 70 Prozent der Bedürfnisse des kubanischen Marktes befriedigte, könnten die entgangenen Gewinne über mehr als 30 Milliarden Dollar betragen. Stark betroffen war auch der Tourismus, ein Bereich, in dem Kuba eine schwungvolle Entwicklung erhofft. Zwar gibt es keine offiziellen Statistiken über die Zahl US-Touristen in Kuba vor 1959, doch nach Schätzungen kamen mindestens 80 Prozent der Besucher aus Nordamerika. Das Weiße Haus boykottiert auch die die kubanische Öffnungspolitik gegenüber ausländischen Investoren: Nach amtlichen Angaben gibt es bereits mehr als 100 Wirtschaftsvereinigungen in verschiedenen Bereichen der nationalen Wirtschaft mit ausländischem Kapital. Expert*innen glauben, daß die nordamerikanischen Firmen gute Gesellschafter bei der Schaffung gemischter Unternehmen (Joint- Ventures) und anderer Modelle von Wirtschaftseinheiten wären. Ihnen wird dieses Recht jedoch von der eigenen Regierung verwehrt.

Lateinamerika

Nicht alle Wege führen die Frauen nach Kairo

– von María Suárez

(Rio de Janeiro, 31. Januar 1994, SEM-POONAL).- „Wir müssen anerkennen, daß wir Frauen verschiedene Prioritäten haben, die auf kulturellen, nationalen und anderen Unterschieden beruhen. Gleichzeitig müssen wir auf die Aspekte unserer Kulturen hinweisen, die für uns schädlich sind“, formulierten 32 Frauen, die sich in der Woche vom 24. bis 30. Januar in Rio trafen. Zusammengerufen vom „Netz der Frauen des Südens, die Alternativen für eine neue Ära entwickeln“ (DAWN), wollen diese 32 zusammen mit weiteren 178 Frauen aus Lateinamerika versuchen, auf dem nächsten Bevölkerungsgipfel im September 1994 in Kairo jene Probleme zur Sprache zu bringen, die die Frauen betreffen. Unter der internationalen Konferenz „Frauengesundheit für Kairo 94: Reproduktionsgesundheit und Gerechtigkeit“ vereint, versuchen diese Frauen, eine umfassende Antwort der kontinentalen Frauenbewegung zum Thema Bevölkerung und Entwicklung zu geben. Begründet auf den Erfahrungen des „Planeten FEMEA“, ein von der internationalen Frauenbewegung auf dem Forum der Nicht- Regierungsorganisationen organisierter Dachverband während des Umweltgipfels 1992, wollen die Frauen eine klare Haltung gegenüber dem ausgewählten Thema Bevölkerung präsentieren: „Damit sie uns nicht einzeln und getrennt antreffen“, laut den Worten einer Vertreterin aus Mexiko vor Planet FEMEA.

Die Organisationen, die die Konferenzen in Brasilien einberiefen, erklärten: „Das Treffen muß die Besonderheit und die Unterschiedlichkeit der Teilnehmerinnen und Regionen zur Kenntnis nehmen und respektieren. Es muß Übereinstimmungen und globale Perspektiven der Frauen über Reproduktionsgesundheit und Gerechtigkeit suchen. Die Ziele müssen sein, Solidarität und gemeinsame Strategien für die Internationale Konferenz 'Bevölkerung und Entwicklung' zu erreichen. Wir Frauen müssen aufzeigen, daß die Bevölkerungspolitiken von rassistischen Motiven in den Nord-Süd-Beziehungen dominiert werden. „Weiter heißt es: „Die Diskussion über die Reproduktionsrechte und Gerechtigkeit steht in Beziehung zu den Entwicklungsmodellen, den strukturellen Anpassungen und den Nord-Süd-Beziehungen.“ „Wir vertreten die Auffassung, daß das Patriachat universal ist, daß das Konzept der 'Tradition' und der 'Kultur' neu geschaffen werden muß. Gleichzeitig soll das Positive unseres kulturellen Erbes bestärkt werden. Aber die negativen Seiten kritisieren wir und kämpfen für eine Veränderung“, so eine der Resolutionen. Peggy Antropus, Generalkoordinatorin von DAWN, versichert, „daß dieses Dokument bereits seine Rolle als Werkzeug erfüllt hat, die Frauenbewegung international zu motivieren, um sich in den Prozeß einzugliedern, der in Rio 1992 nicht vollendet wurde. Was die Diskussion über die Bevölkerungspolitik angeht, so stimmten die Teilnehmerinnen darin überein, das, was sie als „feministische Bevölkerungspolitik bezeichnen“, nicht zu akzeptieren. Sie wollen „politische Strategien und Taktiken entwickeln, um in allen Gebieten der Sozialpolitik Einfluß zu nehmen, auch auf die Bevölkerungspolitik“. Aber nicht alle Wege führen nach Kairo. In der PREPCOM III, in der die Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen ihr Schlußdokument für den Gipfel in Kairo ausarbeiten werden, werden die Frauen erneut mit den fundamentalistischen Bewegungen, dem Papst, den Neo- Liberalen und einer Reihe anderer mächtiger Bewegungen in der Welt zusammenstoßen. Damit sie diesen Mächten entgegentreten kann, ist sich die Frauenbewegung bewußt, daß sie gut vorbereitet sein muß, damit sie von ihren eigenen Interessen und Initiativen ausgehend Einfluß nehmen kann.

GUATEMALA

Für eine Regierung der Einheit und der Nationalen Rettung

– von Ileana Alamilla

(Mexiko-Stadt, 4. Februar 1994, Cerigua-POONAL).- Wenige Tage vor Wiederbeginn der Verhandlungen zwischen der Revolutionären Nationalen Einheit Guatemalas (URNG), der Regierung und der Streitkräfte Guatemalas herrscht im Land weiterhin ein Kriegsklima. Das Ergebnis der kürzlichen „Volksbefragung“ (vgl. POONAL Nr. 129) verschärft die Krise. Vor diesem Hintergrund hinterließ das Referendum bei den Regierungsautoritäten einen faden Geschmack. Auch wenn das formale Ergebnis die Annahme der 43 Verfassungsreformen war, so bedeutet die hohe Wahlenthaltung (84 Prozent) ein Mißtrauensvotum der Beölkerung. Die zivile Opposition in Guatemala hat sich für Verfassungsänderungen im Rahmen einer wirlichen Demokratie ausgesprochen. Die Aufständischen ihrerseits rufen die Zivilgesellschaft auf, zusammenzuarbeiten und Lösungen für die nationale Problematik vorzustellen. Ihr konkreter Vorschlag ist es, eine „Regierung der Einheit und der Nationalen Rettung“ zu schaffen. Diese Regierungsbildung hätte nach Meinung der Guerilla als Hauptkennzeichen die Teilnahme aller Bereiche der Gesellschaft. Sie würde die Privatunternehmen, die Kirche und die übrigen religiösen Gruppen sowie die derzeitigen, diskreditierten politischen Parteien einschließen.

URNG feiert Geburtstag

Am 7. Februar besteht die Revolutionäre Nationale Einheit Guatemalas (URNG) 12 Jahre. Die Bewaffneten Streitkräfte der Rebellen (FAR) als Teil dieser Organisation, die den bewaffneten Kampf begannen, wie wir ihn heute in Guatemala kennen, gründete sich vor 31 Jahren. In ihrer Botschaft anläßlich des 31. Geburtstages meinen die FAR, daß unter den derzeitigen Bedingungen „die rückständigsten Sektoren aus der Privatwirtschaft und den Streitkräften auf eine Niederlage der revolutionären Bewegung sowie der Volks- und Demokratiebewegung setzen“. Damit diktierten sie den verbrauchten politischen Parteien ihre Bedingungen. Diese Sektoren, so die FAR, förderten die neoliberalen Pläne und sind die, die sich einer politischen Lösung des bewaffneten Konfliktes am meisten widersetzen. Ebenso, wie sie gegen Verhandlungen mit Inhalt sind, die einen Weg in Richtung Demokratie, Frieden und soziale Gerechtigkeit garantiert. Die Guerillaorganisation sagt: „Wir wiederholen unseres Entschlossenheit, ernst und fest eine politische Lösung der Probleme des Landes und des bewaffneten Konfliktes zu verhandeln.“ Diese Versicherung gibt eine vielversprechende Aussicht auf den Frieden, wenn die Gegenseite dem Verhandlungsweg zustimmt. Ein Fortschritt in diesem Prozeß ist das Abkommen für den Wiederbeginn des Dialogs, der seit Mai des vergangenen Jahres abgebrochen war. Dabei wurde festgelegt, daß die guatemaltekische Gesellschaft mit ihren verschiedenen Strömungen durch eine „Zivile Versammlung“ teilnehmen kann und so zur Lösung der nationalen Krise beiträgt. Diese organisierte Gesellschaft könnte der Anfang einer Konsensregierung sein, die den Beginn der notwendigen Änderungen garantiert, um auf die Demokratie in Guatemala zuzuschreiten – mit einer Regierung, die für die Interessen der Bevölkerung repräsentativ ist.

Der vergessene Krieg

– von Francisco Molina

(Guatemala, 8. Februar 1994, NG-Cerigua).- Der Krieg in Guatemala scheint von der Weltöffentlichkeit vergessen, dennoch fordert er täglich neue Opfer. Trotz der Verhandlung zwischen den kriegführenden Seiten kann nicht mit Sicherheit gesagt werden, wann und wie er enden wird. Der Krieg muß enden, aber nicht unter den Bedingungen der Militärs. Grundlage muß ein neues Konzept von der Nation, das alle Bürger*innen einschließt. Trotz des Krieges hat die zivile Gesellschaft den Handlungsraum erweitert. Die Flüchtlinge beharren trotz der Repression auf ihrer Rückkehr. Die Widerstandsdörfer (CPR), von mehr als 25.000 Campesions-Indígenas gebildet, die die Feindseligkeiten der Streitkräfte erlitten haben, besetzen neues Terrain und klagen ihre BürgerInnenrechte ein. Beide Entwicklungen bedeuten eine klare Kampfansage an die Aufstandsbekämpfungspolitik des Regimes. Die Flüchtlinge wie auch die Widerstandsdörfer versuchen, sich unter neuen Perspektiven in die Gesellschaft einzugliedern. Das Problem dieser beiden Bevölkerungsgruppen ist jetzt, wie sie nicht nur bessere Lebensbedingungen erreichen, sondern auch ihr Dasein als Menschen und Mitglieder einer Nation genießen können, was man ihnen bisher verweigert hat.

Die enge Beziehung zwischen dem militärischen Konflikt und der chronischen Krise, die Guatemala erleidet, kann davon abgeleitet werden, daß die Ursache des Krieges in den schwierigen Lebensbedingungen der Bevölkerung liegt. Vor der Beendigung der Konfrontation müssen daher die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Probleme gelöst werden. Die verschiedenen durch den Krieg vertriebenen Gruppen haben verstanden, daß der Widerstand oder die Flucht oder der ständige politische Kampf der Campesinos und Arbeiter*innen nichts anderes als Mittel sind, höhere Ebenen des Zusammenlebens zu erreichen. Genauso müssen die Militärs und die herrschenden Klassen – besonders die Großgrundbesitzer – erkennen, daß die Aufstandsbekämpfungspolitik sich erschöpft hat; daß es auch notwendig ist, die Türen für phantasievolle Vorstellungen zu öffnen, um die Nation wieder aufzurichten. Das Bestehen der Aufstandsbekämpfung ist sogar ein Hindernis für ihr eigenes Überleben. Bei der Errichtung des neuen Guatemala wird es Schwierigkeiten geben, aber das Land beginnt sich unweigerlich in einem bestimmten Sinn zu bewegen. Der beste Beweis ist paradoxerweise die umfassende Zurückweisung eines Wahlereignisses durch die Bevölkerung: Das zwischen dem Präsidenten und den korrupten Abgeordneten ausgemauschelte Referendum, um die Verfassungsreformen zu legalisieren, mit denen die Bevölkerung nichts zu tun hatte. Wenn nur 20 Prozent der Wahlberechtigten zur Urne gehen, heißt das: Das System ist von der Geschichte überholt, auch wenn die Regierung den „Triumph“ des JA feiert.Wenn 80 Prozent der Menschen einem Ereignis wie diesem den Rücken kehren, heißt das: Die politische Struktur hat keinen Sinn mehr.

Auf einem anderen Feld wird unverkennbar, daß die Streitkräfte mit all ihrem Kriegsgerät die Guerilla auf dem Schlachtfeld nicht besiegen können. Im Gegenteil, jeden Tag wird deutlicher, daß die Militärs im politischen Kampf gegenüber der Zivilgesellschaft an Boden verlieren. Darauf antworten sie mit ihrer typischen terroristischen Art von Entführungen, Morden, Bomben an öffentlichen Plätzen und Verfolgung – mit dem Ziel, die Unzufriedenheit des Volkes zum Schweigen zu bringen. Es ist klar: Die Militärhierachie und der ultrarechte Sektor der Privatwirtschaft verteidigen ihr System mit Blut und Feuer. Denn anders könnten sie es nicht aufrechterhalten. Über der Rhetorik eines angeblichen Sieges über die Revolutionäre Nationale Einheit Guatemalas (URNG) stehen die Tatsachen. Ein Reflex dieses Widerspruches findet sich in den Friedensverhandlungen. Wenn der Sieg real wäre, würden die Militärs nicht diskutieren. Aber am Ende ist der Streit politisch und danach muß man sich richten. Anerkennen, daß ein militärisches Patt besteht, bedeutet nicht die Existenz eines politischen Gleichgewichts. Dieses begünstigt offensichtlich nicht die traditionellen Machtfaktoren. Darum wird ein neuer Staatsstreich befürchtet.

NICARAGUA

Politische Entspannung trotz Transportstreik

(Managua, 31. Januar 1994, Apia-POONAL).- Das neue Jahr begann für die Nicaraguaner*innen mit wenig erfeulichen Hiobsbotschaften: Erhöhung der Wassergebühren, Massentlassungen im öffentlichen Dienst und eine saftige Verteuerung des Benzins. Nachdem Proteste der Busunternehmen und Taxikooperativen bei Transportminister Pablo Vigil auf taube Ohren gestoßen waren, traten die Transportunternehmen in der letzten Januarwoche in einen unbefristeten Streik. Auf den Straßen von Managua verkehrten neben Privatfahrzeugen nur mehr die Taxis der nicht legal registrierten „Genossenschaft Kardinal Obando y Bravo“ – der Oberhirte hatte in einer Sonntagspredigt vom Streik abgeraten. Nach dem gewalttätigen Transportstreik im vergangenen September befürchteten viele neue Ausschreitungen. Damals kam es zu Straßenschlachten, nachdem Streikende in Managua Barrikaden aus Pflastersteinen errichteten und die Polizei die Barrieren gewaltsam räumte. Ein Polizist und eine unbeteiligte Frau kamen bei den Auseinandersetzungen um. In zähen Verhandlungen mit der Regierung setzten die in der Nationalen Transportkommission zusammengeschlossenen Genossenschaften und Unternehmen durch, daß die neue Autosteuer wieder abgeschafft und die gerade erhöhten Benzinpreise bis zum Jahresende eingefroren wurden. Am 1. Januar erhöhte die Regierung dann die Spritpreise um zehn Prozent, was nicht durch gestiegene Importkosten gerechtfertigt werden kann. Denn der Erdölpreis ist seither stärker gesunken als die Kaufkraft des Cordoba gegenüber dem Dollar.

Trotz des niedrigen Lohnniveaus hat Nicaragua deutlich höhere Benzinpreise alle anderen zentralamerikanischen Staaten. Nach Informationen der konservativen Zeitung „La Prensa“, die der Familie von Präsidentin Chamorro gehört, fließt der Großteil der Benzinerlöse direkt in die Staatskasse: Auf jeden Liter erhebt der Staat eine Spritsteuer von 52 Prozent. Diesel, mit dem die Busse und Lastwagen betrieben werden, ist deutlich billiger und auch im regionalen Vergleich nicht übertrieben teuer. Daher sind es vor allem die Taxifahrer, die gegen die Preiserhöhung protestieren. Ihnen bereitet auch die angekündigte Verzwölffachung der Bußgelder Kopfschmerzen. Schon geringfügige Regelverstöße will der Staat künftig mit Ordnungsstrafen ahnden, die dem halben Monatseinkommen eines Taxifahrers entsprechen. Die Regierung bietet zwar Verhandlungen an, sie zeigt jedoch keinerlei Kompromißbereitschaft. Im Gegenteil: Weitere Sparmaßnahmen sind bereits abzusehen. Denn die Regierung will ein Abkommen mit dem Internationalen Währungsfonds unterzeichnen, das weitere Kürzungen der staatlichen Ausgaben zur Folge haben wird. Eine Schlichtung des Arbeitskampfes ist daher nicht in Sicht. Aber immerhin ist der Streik, der die nicaraguanische Wirtschaft nach unterschiedlichen Schätzungen zwischen 120 000 und 600 000 Dollar pro Tag kostet, bisher friedlich verlaufen. Barrikaden und Busse blockierten an den ersten beiden Tagen zwar den Verkehr, führten aber nicht zum Kollaps.

Während der Streik anhält, zeichnet sich immerhin im politischen Leben eine Entspannung ab, die extreme Polarisierung der Fraktionen im Parlament scheint beendet zu sein. Erstmals seit fast eineinhalb Jahren ist die Nationalversammlung am 25. Januar wieder voll beschlußfähig zusammengetreten. Ende November hatten sich die wichtigsten Vertreter*innen der UNO-Koalition mit den Sandinist*innen auf eine Reihe von Änderungen der noch aus der Revolutionsdekade stammenden Verfassung geeinigt. So darf künftig das Staatsoberhaupt nicht ein zweites Mal für die Präsidentschaft kandidieren, die Sandinistische Armee soll umbenannt werden, die Privatwirtschaft hemmende Bestimmungen werden beseitigt. Die Reformen sollen in den kommenden Wochen verabschiedet werden. Die UNO-Abgeordneten, die über ein Jahr die nationalversammlung boykottiert hatten, weil ihr Kandidat nicht zum Parlamentspräsidenten gewählt wurde, kehrten jetzt ins Parlament zurück, um die Reformen zu verabschieden. Der moderate Christdemokrat Luis Humberto Guzmán, so ein weiteres Ergebnis des Deals zwischen den regierungstreuen Abgeordneten und den Sandinist*innen auf der einen Seite und den UNO-Oppositionellen auf der anderen, wurde zum Parlamentspräsidenten gewählt.

Nur ein harter Kern um den ehemaligen Contra-Chef und späteren Parlamentspräsidenten Alfredo César verweigert sich dem Kompromiß und beharrt auf der Forderung nach einer Verfassunggebenden Versammlung, die alle Überreste der sandinistischen Dekade aus der Verfassung tilgt. Die Einberufung einer solchen Versammlung ist jedoch ohne die sandinistische Sperrminorität im Parlament nicht möglich. César und seine Gefolgsleute versuchten daher, durch außerparlamentarische Mobilisierung Druck zu erzeugen. Doch selbst in der eigenen Partei konnte César seinen fundamentalistischen Kurs kaum mehr durchsetzen. Jene Abgeordnete, die dem Kompromiß zustimmten, beschimpfte er als „Verräter“ und wollte sie aus der Sozialdemokratischen Partei ausschließen. Doch während er den Rauswurf der vermeintlichen Saboteure in einer Pressekonferenz ankündigte, beschloß das Exekutivkomitee der Partei, César und dessen treuen Gefolgsmann Guillermo Potoy von ihren Ämtern abzusetzen.

Versöhnung ist derzeit angesagt. Selbst Armeechef Humberto Ortega streckte vor ein paar Tagen einem seiner Erzfeinde, dem konservativen Dichter Pablo Antonio Cuadra, die Hand entgegen und regte die Schaffung eines „Forums der Reflektion“ an, um die Spannungen auf dem Land zu mindern. Die beiden waren noch im Dezember aneinander gerasselt, als Cuadra in einem Editorial in „La Prensa“ die Armee beschuldigte, im Oktoberr ein Bauerndorf bombardiert und dabei zahlreiche Zivilist*innen getötet zu haben. Wie sich später herausstellte, hatte die Armee auf vermeintliche Stellungen der Recontras auf einem Hügel Raketen abgefeuert. Im benachbarten Dorf brach daraufhin Panik ausgebrochen, doch Zivilist*innen, so mußte „La Prensa“ später zugeben, kamen nicht zu Schaden.

KOLUMBIEN

Geheimdienstchef angeklagt

(Bogotá, Februar 1994, AC-POONAL).- Zwei Unteroffiziere haben den Chef des Geheimdienstes in der Region Barrancabermeja, Oberst Rodriga Quiñonez angeklagt, für die Ermordung, Folterung und das Verschwinden dutzender Oppositioneller verantwortlich zu sein. In einem Brief an den Generalstaatsanwalt berichten die beiden Soldaten, die der Geheimabteilung der Marine in Barrancabermeja angehören, wie ihr Vorgesetzter Quiñonez ein geheimes Netz von Spitzeln und Killern aufgebaut hat, die über 100 Morde in der Region verübt hätten, die dann als Gewalttaten der Guerilla oder von gewöhnlichen Kriminellen ausgeführte Verbrechen dargestellt wurden. Das klandestine Netz operiert seit der zweiten Hälfte des Jahres 1990, berichten die beiden Unteroffiziere. Ziel sei, Aktivist*innen und Sympathisant*innen der Guerilla aufzuspüren. Die Marine habe im gesamten Land neun derartige Geheimabteilungen, die alle der Führung des Oberst Quiñonez unterstünden, aufgebaut. Intern seien diese Anti-Guerillaabteilungen als „Unternehmen 07“ bezeichnet worden. Diesem „Unternehmen 07“ gehörten Zivilist*innen, die als Spitzel arbeiten, und Auftragskiller an. In den Geheimabteilungen arbeiteten auch zahlreiche Vertrauensmänner von Ariel Otero und Henry de Jesús Pérez, beides bekannte Chefs von paramilitärischen Organisationen, die in internen Auseinandersetzungen umbgebracht wurden. Die Unteroffiziere nennen die Namen von Opfern und beschreiben, wie diese umgebracht wurden. Oberst Quiñonez sei der Drahtzieher dieser Verbrechen, er habe die Befehle erteilt. Sie berichten auch, daß mehrere Mitglieder des Geheimdienstes umgebracht wurden oder Morddrohungen erhielten, weil sie von dem Geheimdienstnetz geplante Aktionen verrieten. Sie selbst seien ebenfalls mit dem Tode bedroht worden. Nach den Angaben der beiden Soldaten ist das staatliche Terrornetz für die Ermordung von Gewerkschafter*innen, Menschenrechtsaktivist*innen und Führer*innen sozialer Organisationen verantwortlich. Unter anderen nannten sie: Ismael Jaimes, Direktor der Zeitung „La Opinión“ in Barrancabermeja, Blanca Cecelia Valero, Sekretärin des Menschenrechtskomitees von Barrancabermeja, Parmenio Rúiz, Präsident der Transportabeiter- Gewerkschaft, René Tavera, Führer der Bauernorganisation ANUC und Luis Enrique Lázaro, Mitglied der Erdölarbeitergewerkschaft USO. Der Chef der Marineinfanterie bestritt die Vorwürfe und dementierte, daß es ein geheimes Netz zur Liquidierung von unliebsamen Oppositionellen gebe. Er lobte sogar ausdrücklich die Arbeit des beschuldigten Oberst Quiñonez: „Es wäre zu wünschen, es gäbe mehr Armeeangehörige wie ihn.“ General Ramón Emilio Gil Bermúdez, stellvertretender Verteidigungsminister, sagte, er könne keine konkreten Anhaltspunkte bei diesen Beschuldigungen entdecken, dennoch werde er versuchen, die Wahrheit heraus zu finden. Der Generalstaatsanwalt versicherte, daß der Fall von dem Büro für Sonderuntersuchungen der Staatsanwaltschaft behandelt werde, die Beweisaufnahme sei noch nicht abgeschlossen. Mehrere Menschenrechtsorganisationen haben der Generalstaatsanwaltschaft am 5. Januar eine Petition geschickt, in der sie auf die Schwere der Anklagen hinweisen und eine lückenlose Aufklärung der Verbrechen fordern. Die Straflosigkeit für Verbrecher in den Reihen von Armee und Geheimdiensten müsse endlich beseitigt werden. Sie fordern zudem, daß die Staatsanwaltschaft über die Ermittlungen gegen den Oberst Quiñonez und jene Soldaten und Zivilist*innen, die in die Verbrechen verwickelt sind, berichtet. Bis heute hat der Generalstaatsanwalt auf den Brief nicht geantwortet.

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