„Migration ist antikolonialer Widerstand“

Bild: Pilar Emitxin

(Barcelona, 22. Februar 2022, Awasqa).- Gespräch mit den Aktivistinnen Soledad Álvarez Velasco (Ecuador) und Amarela Varela Huerta (Mexiko) über Feminismus, schwesterliche Solidarität, transnationale Freundschaft und vor allem über ihr Engagement für würdige und freie Migration. Als Interviewerin hatte ich kaum etwas zu tun; eine einzige Frage genügte, um zwischen den beiden Vertreterinnen des erkenntnistheoretischen Aktivismus, wie sie selbst es nennen, einen spannenden Dialog auszulösen.

Ana María Morales Troya

AM (Ana María): Vielleicht könnten wir damit anfangen, dass ihr euch vorstellt und uns ein wenig über eure Arbeit erzählt. Ich würde gerne wissen, wie ihr euch kennengelernt habt, als Personen und als Aktivistinnen, und wie sich eure Verbundenheit entwickelt hat.

AV (Amarela Varela): Das ist wirklich eine schöne Frage zum Einstieg. Ich würde sagen, es war Liebe auf den ersten Blick. Als wir uns kennenlernten, absolvierte Sole gerade ihr Masterstudium in Mexiko, und ich war soeben aus Spanien zurückgekehrt, wo ich die letzten zehn Jahre verbracht hatte. Ich war noch nicht wieder richtig angekommen, und auch Sole fühlte sich zu dem Zeitpunkt hier fehl am Platz. Ich habe damals  wieder hier Fuß gefasst, während Sole weiter um die Welt reist.

SOLE (Soledad Álvarez): Wir haben uns 2010 kennengelernt, das Jahr, in dem in Tamaulipas 72 Migrant*innen ermordet wurden. Die Sozialwissenschaftlerin Leticia Calderón, die seit Jahren zum Thema Migration forscht, bot im Instituto Mora in Mexiko-Stadt ein Seminar für Menschen an, die sich mit der Gewalt gegen Migrant*innen auf der Durchreise in die USA beschäftigten. Das war für mich das entscheidende Bindeglied, denn von da an haben wir Hand in Hand weitergearbeitet und dokumentiert, wie die Gewalt zunahm, und wir haben andere Kämpfe aufgedeckt.

AV: Sole hat zu dieser Zeit eine Menge Feldforschung an der südlichen Grenze Mexikos betrieben, und ich habe angefangen, die Karawanen der mittelamerikanischen Mütter zu begleiten. 2011 haben wir zusammen die Stelle aufgesucht, wo das Massaker von Tamaulipas stattgefunden hatte. Die Frauen wollten den Ort betreten, wo ihre Kinder umgebracht worden waren, und dort für sie beten. Was mich ziemlich überrascht hat, war, dass dort auch nach einem Jahr noch Kleidung und persönliche Gegenstände verstreut lagen, die wahrscheinlich den ermordeten Migrant*innen gehört hatten. So haben wir uns kennengelernt.

SOLE: Als Amarela hier ankam, brachte sie jede Menge Geschichten mit, die wir damals noch gar nicht so gut kannten, nämlich die ganzen Infos über Frontex Europa. Gerade war wieder ein Boot im Mittelmeer versunken, und wir hatten hier überhaupt keine Ahnung, was da in Europa geschah und welche Kämpfe die Migrant*innen dort führen, wie sie Widerstand leisten. Zum damaligen Zeitpunkt  war uns in diesem Teil der Welt noch nicht so klar, dass inzwischen eine globale Systemverschiebung stattgefunden hatte mit neuen Migrationskorridoren, Gewalt und Gegenwehr.  Mittlerweile gehören die Grenzen Südamerikas zum weltweit größten Migrationskorridor, und es gibt vielfältige Widerstandsstrukturen.

AV: Später lud uns die Sozialforscherin Blanca Cordero nach Puebla ein, um gemeinsam zu überlegen, wie die Theorien zu politischer Autonomie mit den Migrationsbewegungen zusammengebracht werden könnten. Die Autonomist*innen übernehmen hinsichtlich der Gestaltung der Arbeitswelt den marxistischen Ansatz, ohne jedoch die Arbeitsmigration zu berücksichtigen, und wir wollten uns dem Kapitalismus und seinen zeitgenössischen Bedingungen im Kontext der Arbeitsmigration nähern. Die Betrachtung der Migrationsbewegung aus dem Blickwinkel des Autonomismus wurde bereits von Intellektuellen betrieben, die der vorangegangenen Generation angehören, Marxist*innen, Aktivist*innen der 1970er Jahre, Autonome in Italien und Frankreich und den Leuten, die die  Wende der Kulturwissenschaften in den Sozialwissenschaften mitgemacht haben. Mich hat das immer fasziniert. Die materiellen Beziehungen traten in den Hintergrund, und stattdessen zählte der Überbau. Das Interessanteste an dieser liebenswerten „Sekte“ der Autonomist*innen war für mich immer, dass sie versucht haben, den Dialog herzustellen, wie meine Mutter sagen würde, zwischen der Struktur und dem Überbau des Neoliberalismus. Und der Autonomismus der Migrationen hat meines Erachtens immer den Dialog angestrebt zwischen denjenigen, die sich mit den Beziehungen zwischen Kapital und Arbeit befassen, und denjenigen, die die Institutionen der kulturellen Hegemonie im Neoliberalismus und Kapitalismus untersuchten.

SOLE: Genau, und bei diesem Workshop zu Autonomie in Puebla kam dann auch der Vorschlag auf, die Dependenztheorie zu aktualisieren und die heutigen Kämpfe der Migrant*innen einzubeziehen, um zu verstehen, wie sich in unseren Ländern die Abhängigkeit vom Export von Arbeitskräften seit den 1970er Jahren entwickelt hat. Denn als diese kritische Theorie aufkam, wurde Migration als interne Land-Stadt-Migration betrachtet, die Migrierenden waren zumeist Indigene; dass in den Ländern unserer Region bereits Arbeitsmigrant*innen unterwegs waren, blieb unberücksichtigt. Bei einer Neubewertung der in den 1970er Jahren entstandenen kritischen Sichtweise müssen die Neukonfiguration des Weltsystems und seine heutige Hypermobilität also mit einbezogen werden. In einem öffentlichen Gedankenaustausch zwischen den Migrationsforschern Nicholas De Genova und Sandro Mezzadra ging es unter anderem um die Beziehung zwischen lebendiger und gegenständlicher Arbeit, Zirkulation, Kapitalismus und dem Regime der Kontrolle. Die Frage war, inwieweit Migrationskontrolle, das Spektakel der Gewalt der Grenzen, die auf illegalen Praktiken gründende Produktion von Migration und die Erniedrigung von Menschen ineinandergreifen, um Ausbeutbarkeit und Abschiebbarkeit, die funktional sind für ein Akkumulationssystem, praktikabel zu machen. Dem spektakulären System von Grenzkontrollen, die sich vervielfältigen und immer flexibler werden, fällt dabei natürlich eine wichtige Rolle zu, so versteht es auch die marxistische Kritik. In dem Seminar, von dem Amarela spricht, ging es darum, Migrant*innen nicht nur als Arbeitskräfte zu betrachten, sondern als autonome politische Subjekte, die über eigene Macht verfügen und deren Bewegung als eigener Kampf betrachtet werden muss. Sie sind eben keine zur Ware gewordene Kraft, die innerhalb der Struktur der gegenwärtigen kapitalistischen Akkumulation im Rahmen des neoliberalen kapitalistischen Systems auf dem amerikanischen Kontinent geformt wurde. Wie Amarela gerade gesagt hat, haben wir in diesem Seminar einen sehr intensiven Dialog geführt, weil die Literatur, die wir bis dahin kannten, fast immer auf Englisch verfasst war und sich größtenteils auf die Situation in den europäischen Ländern und den USA bezog.

AM: Zurück zu eurer ersten Begegnung…

SOLE: Ach ja. Amarela, du hattest ein Auto, in Ecuador sagen wir pichirilo, und hast mich gefragt, warum ich hier bin. Ich war damals nach Mexiko gekommen, weil ich sehen wollte, wie Ecuadorianer*innen in die USA reisen, wie sie ankommen und warum und was sie tun. Es sind fast 5.000 Kilometer von Ecuador bis in die USA. Wie ist es möglich, in einem Land wie Mexiko aufzuwachsen, in dem das Thema Migration so komplex ist, und trotzdem spricht niemand darüber, obwohl es so viele Tote gibt, und nur wenige Fälle werden öffentlich wahrgenommen. Die 12-jährige Noemi Alvarez kam in der Notunterkunft in Ciudad Juárez ums Leben. Luis und Marco, zwei Jugendliche, fielen aus dem Fahrwerk eines Flugzeugs, das von Guayaquil nach New York unterwegs war. Ich weiß noch, wie ich zu dir gesagt habe: „Ecuador ist ein vergessliches Land“. Ecuador und Mexiko sind miteinander verflochten, weil ständig Menschen zwischen den Ländern in Bewegung sind. Es gibt die Reisebusse, und es gibt die Logik der lokalen kulturellen Religiosität, die Sígsig im Süden des Landes, Cochapamba und Girón mit Brooklyn und auch mit Mexiko-Stadt und Tapachula verbindet. Wir sind ein komplexer Kontinent mit vielen Übereinstimmungen, und man könnte fast meinen, dass jegliche Diskussion über Migration gezielt durch einen methodologischen Nationalismus vernebelt wird, der uns daran hindert zu erkennen, dass wir nicht nur reale räumliche Veränderungen herbeiführen, sondern auch gemeinsame transnationale Kämpfe auf die Beine stellen können.

AV: Es ist 20 Jahre her, dass ich in Spanien gelebt habe, und damals war Antirassismus eher eine Randerscheinung. In Europa, das heißt, besonders in Spanien, herrschte ein anderer Beat, die Prioritäten waren andere, die Formen des Protests, die Sichtweisen, die akademischen Codes, und selbst mein Feminismus war anders, migrantisch, lateinamerikanisch eben. Als ich meine Doktorarbeit abschloss, bekam ich von Marta Malo [militante Forscherin] ein kritisches Feedback. In der ihr eigenen liebevollen und vorsichtigen Art und Weise ließ sie mich wissen, dass es „barbarisch“ sei, nur ein Kapitel meiner Dissertation den Frauen zu widmen, und das hat mich sehr beeindruckt. In Spanien hatte ich den Kampf der Sans Papiers begleitet, die (damals) größtenteils Männer waren. Als ich nach Mexiko zurückkam, gingen hier die Proteste gegen die Feminizide richtig los, und die Karawane der mittelamerikanischen Mütter bestand ausschließlich aus Frauen.

Die Zeit des „Kriegs gegen die Drogen“ empfinde ich im Rückblick als Zeit der Trauer. Es gab einen nationalen Marsch für den Frieden, erste Formen einer neuen politischen Subjektivität, die Suche nach toten oder lebenden Verwandten und geliebten Menschen war eng mit dem Thema der Feminizide verbunden; wie ich schon sagte, es war eine Zeit der Trauer und des Schmerzes, und die politischen Ausdrucksformen jener Zeit trugen vor allem weibliche Züge. Bei der letzten Gedenkfeier zum 8. März 2021 sagte eine compañera buscadora (eine Frau, die zusammen mit anderen ohne Unterstützung des mexikanischen Staats nach verschwundenen Angehörigen sucht), die Morde in Ciudad Juárez hätten vor 30 Jahren begonnen. Ich glaube, dass sich in dieser Zeit der Wut und des Schmerzes, wie die Philosophin Mariana Favela sagt, eine politische Subjektivität entwickelt hat, die wesentlich aus den Kämpfen der Frauen in Mexiko entstanden ist. Den Kämpfen von Frauen wurde daraufhin etwas mehr Aufmerksamkeit geschenkt, man kannte die Bilder von Migrantinnen, die nach ihren Kindern suchen, Frauen, die auf der Suche nach Vermissten versteckte Gräber mit Schaufeln ausheben. Wir haben das, glaube ich, damals auch ganz richtig erkannt, dass es nicht nur um Erwachsene geht, und nicht nur um Mexiko, und haben versucht, das in unsere feministische Perspektive einzubeziehen.

SOLE: Für die Nähe, die sich zwischen uns entwickelt hat, waren unsere intellektuellen und politischen Übereinstimmungen und unsere Arbeit als Aktivistinnen ganz wichtig, und dazu kam dann noch, dass wir als Feministinnen und Freundinnen füreinander da waren, bei Krankheiten, Geburten und allem anderen. So kommt es, dass wir so lange schon eng miteinander verbunden sind. Was auch noch wichtig ist: Wir entstammen beide einer Generation, die sich durch die Präsenz des US-Interventionismus in Lateinamerika politisiert hat, und durch die Beschäftigung mit dem Thema Migration wurde uns erst recht bewusst, wie massiv und wie umfassend die USA seit den neunziger Jahren die neoliberale Politik für sich nutzt, um die Migrations- und Sicherheitsdynamik unserer Länder zu bestimmen, auch wenn das heute viel subtiler vonstatten geht als in den siebziger und achtziger Jahren. In unseren Ländern haben sich analoge Formen der Kontrolle über die rassifizierten Körper der verarmten Männer und Frauen und Asylsuchenden aus den Ländern des globalen Südens festgesetzt. Diese Kontrollmechanismen wirken sich auf das Leben von Frauen, Kindern und Migrant*innen aus. Unser Ziel war es, Anhaltspunkte zu liefern, um die Komplexität des Grenzkontrollregimes zu entschlüsseln; wir wollten das extrem perverse Spiel, das die lateinamerikanischen Länder spielen, um Grenzen, Mobilität und Leben zu kontrollieren, ethnographisch analysieren. Das hat uns, würde ich sagen, politischer gemacht; außerdem wollte ich dieses Phänomen verstehen, das mich sehr geprägt hat: die Geschichten von Frauen, die an der Südgrenze Mexikos nach ihren verschwundenen Kindern suchen, die Geschichten von alleinreisenden Kindern und von Menschen, die im Meer ertrunken waren. Diese Geschichten vom Tod waren die Geschichten meines Landes, diese Geschichten kamen aus Ecuador, sie werden bis heute nicht politisch aufgearbeitet und zählen auch nicht zu den vorrangigen Themen der feministischen Kämpfe in Ecuador. Etliche ecuadorianische Kinder wurden in der Obhut ihrer Großmütter gelassen, die das Dreifache an Pflege leisten müssen, an ihnen  hängt die gesamte Reproduktionsarbeit in den indigenen Ortschaften, den ärmsten des Landes, und niemand macht sich einen Begriff davon. Da gab es also offensichtlich eine Parallele zur Situation in Mexiko: Auch dort war die Intervention nach unten, die Externalisierung der US-Grenze auf unserem Kontinent, nicht nur in Mexiko, sondern bis in den Süden der Anden, die Ursache zahlreicher Todesfälle.

AV: Wie die Eltern der verschwundenen Schüler*innen von Ayotzinapa immer sagen: Das war der Staat, damals wie heute.

SOLE: Genau. Und deshalb ist migrantischer Transit eine Form von dekolonialem Kampf, denn das Augenmerk auf Migration zu lenken bedeutet, den Staat und seine Grenzen zu exponieren und das postkoloniale Kontinuum zu entlarven, das bis heute begleitet wird von rassistischer Gewalt. Deshalb spreche ich hier von einem Kampf und einer feministischen Positionierung, die wir von unterschiedlichen Seiten aus mit unserer Arbeit unterstützt haben: Amarela, indem sie die Mütter begleitet, die ihre verschwundenen Kinder suchen, oder die alleinstehenden Mütter in den aktuellen Karawanen unterstützt, die mit ihren Kindern unterwegs sind; während ich mit den Betreuerinnen gearbeitet habe, was mich emotional ziemlich mitgenommen hat, weil es Frauen sind, Großmütter, die sich um Enkel und Urenkel kümmern, die zu Waisen geworden sind, und während sie dort allein zurückbleiben und das tägliche Leben in den indigenen Gemeinschaften aufrechterhalten, verwaist auch das Land jeden Tag ein Stückchen mehr.

Was uns auch noch weiter politisiert hat, war die Begegnung mit den Kindern und Jugendlichen, die uns gezeigt haben, wie sie sich gegen dieses Regime der Kontrolle, der Unterdrückung und der Gewalt, das sich immer wieder selbst reproduziert, zur Wehr setzen. Das hat uns einen kreativen Weg eröffnet, einen Weg der kollektiven Gestaltungsmöglichkeiten, und da haben Amarela und ich einiges vorangetrieben. Ich nenne sie immer meine Wahrsagerin, weil wir so oft zusammen Pläne schmieden.

AM: Die extremen Auswüchse sind schon ungewöhnlich… 2010 war das Massaker mit 72 Toten, das uns umgehauen hat und uns den Atem stocken ließ, und ab da ging es eigentlich Schlag auf Schlag… das Massaker in Camargo, das Massengrab im Mittelmeer, die Kinder in den Käfigen…

Foto: Piqsels

AV: Ja, selbst in Europa leben immer mehr Kinder auf der Straße (mit und ohne Migrationshintergrund), und Gewalt im Allgemeinen wird immer mehr zu etwas Alltäglichem. Aus dem USA oder Mexiko gibt es immer wieder Geschichten von Kindern, die in den Käfigen sterben, Geschichten über Entführungen und Menschenhandel… Das hat uns, glaube ich, sehr melancholisch gemacht. Es ist schwer, die Realität zu verkraften, wenn man sie mal ganz anders erlebt hat. Ich denke, diese Formen der Gewalt schafft und verschärft der Neoliberalismus. Das gilt übrigens auch für die kapitalistische Ausbeutung in virtualisierten Arbeitsverhältnissen. Insgesamt verschärft sich die Gewalt. Wir müssen uns auf einiges gefasst machen, denn der Westen wird seine todbringenden Technologien, die er hier schon eingeführt hat, auch noch weiter ausbauen, aber ich bin sicher, dass wir auch Kämpfe dagegen erleben werden.

SOLE: Ana Tsing, eine brillante Anthropologin, die das Wachstum einer Pilzart, der Matsutakes, verfolgt (siehe: The Mushroom at the End of the World: On the Possibility of Life in Capitalist Ruins) hat einmal gesagt, das Schönste am Wachstum und der Verbreitung von Pilzen sei, dass es nie aufhört, und wenn die ganze Welt in Trümmern liegt, komplett in Schutt und Asche: Unter der Erde gibt es immer Leben, das die Schaffung und Vermehrung von Bakterien und Pilzen aufrechterhält. In gewisser Weise funktioniert es immer so: Auch wenn alles in Trümmern liegt, geht das Leben weiter. Das sehen wir auch in Lateinamerika. In fünf Jahren sind beispielsweise fünf Millionen Venezolaner*innen in lateinamerikanische Länder emigriert. […]. Die Intervention der USA hat das Land stranguliert. Die Widersprüche des Chávez- und Maduro-Regimes haben das Ihrige für den Zusammenbruch getan, und nun sind fünf Millionen Menschen heimatlos. Menschen, die täglich unter den Folgen litten, sind nun zu Fuß unterwegs auf dem Kontinent. Ich habe einige Online-Interviews geführt, und was die Venezolaner*innen erzählen, ist wirklich beeindruckend: Sie bauen Zeltstädte auf und wieder ab und ziehen weiter, mit dem Boot, zu Fuß, halten an, gehen weiter, manchmal ist ein Einkaufswagen ihr gesamtes Zuhause, oder ein Kinderwagen, mit dem sie ihre Familie vorwärts schieben. Viele Menschen im südlichen Korridor, der die Andenregion mit den Ländern des Südzipfels verbindet, sind nicht bereit, getrennt zu migrieren, sondern nur im Familienverband, Mütter mit Kindern, mit der Großmutter,  drei- oder vierköpfige Familien, Wahlfamilien, die aus nachbarschaftlichen Verbänden bestehen, ganze Familien auf dem Weg durch Moore, durch die Wüste. Ich glaube, das, was vor einigen Jahren so speziell in Mexiko war, sieht man heute in ganz Lateinamerika. Schreckliche Szenen, Menschen, die auf dem Weg nach Peru in den Mooren, in der chilenischen Wüste sterben. Die Zahl der Toten ist vermutlich nicht so hoch wie im Korridor Mittelamerika-Mexiko-USA, aber auch in der Äquatorial- und Andenzone sind bereits Menschen verschwunden, auch hier gibt es Tote und Menschen, die auf der Straße leben, Menschen, deren Heimat die Straße geworden ist, und wenn ich sage: Menschen, dann spreche ich von Millionen. In Ecuador sind 400.000 Venezolaner*innen registriert, dazu kommen all jene, die nach Kolumbien, Peru und Chile gegangen sind – eine Unmenge von Menschen. So sieht es im Süden aus.

AV: Genau. Ich möchte nochmal auf die Kinder in den Käfigen zurückkommen, jungen Mittelamerikaner*innen, die abgeschoben werden, weil sie nach den Kriterien der Gringo-Beamten wie Maras aussehen, und bei der Rückkehr in ihre Länder werden sie auch von ihren Gemeinden kriminalisiert, abgelehnt, ausgegrenzt, verlassen und gefürchtet. Das heißt: Die permanente Entfremdung, der diese jungen Menschen ausgesetzt sind, wird für sie zum Normalzustand. Angesichts der Gewöhnung an die Ströme von Völkern in ständiger Bewegung haben die Regierungen ihre eigenen Instrumente der Einflussnahme entwickelt, und wir können beobachten, wie auch der Terror, dem diese Menschen ausgesetzt sind, zum Normalzustand wird. Und gleichzeitig haben die permanente Gewalt und die Signalwirkung anderer Widerstandsbewegungen dazu geführt, dass neue Widerstands- und Care-Strukturen entstehen, in Venezuela finden sich zum Beispiel Gruppen von Menschen, die gemeinsam den Darién durchqueren, manche sind miteinander verwandt, andere nicht, manche Verbindungen entstehen erst auf den Straßen oder an den Grenzen. Wie die mexikanische Anthropologin Valentina Glockner sagt: Es entstehen Strukturen kollektiver Fürsorge, auch zwischen Fremden, wir nennen das comunidades de cuidado en movimiento – Care-Gemeinschaften auf der Flucht, die oft auch nach dem Exodus weiterbestehen, wo auch immer es jede Person hinverschlägt. Wir haben in der Karawane Frauen kennengelernt, die unbedingt weiter zusammenbleiben wollten, ledige Mütter meist, die sich ein neues soziales Gefüge aufgebaut hatten. Die Karawanen in Mexiko waren für mich das, was die zapatistische EZLN für meine Mutter war. Sie hatte das Massaker von 1968 überlebt, und der Aufstand der Indigenen gegen den Neoliberalismus 1994 gab ihr wieder neue Hoffnung. So ähnlich ging es mir mit den Karawanen. Für mich sind sie ein Akt der offenen Rebellion gegen alles, worüber wir hier sprechen. Sie bestehen aus Familien aller Art, viele sind alleinerziehende Mütter, die sich zu Familienverbänden zusammenschließen.

SOLE: Ich denke, dass der Aufbau von Widerständigkeit jeder Art entscheidend vom Zugang zum digitalen Raum profitiert hat. Als ich in Ecuador mit Migrant*innen aus Syrien, Asien und Afrika arbeitete, konnte ich sehen, dass die digitale Welt den größten Teil ihres Lebens ausmacht. Die Digitalisierung der Migration hat auch ihre Schattenseite, denn sie versorgt das Kontrollregime permanent mit Daten; dass Google oder Facebook Daten verkauft, ist allgemein bekannt. Aber für Migrant*innen ist das eine unheimlich wichtige Möglichkeit, um miteinander in Verbindung zu gehen, Facebook wird plötzlich zu einem virtuellen Gemeinschaftsraum, hier findet man Arbeit, Venezolaner*innen stellen einander Uber- und Glovo-Konten zur Verfügung, um arbeiten zu können, hier gibt es Infos über Aushilfsjobs, über Transitrouten, über Abfahrtszeiten der Coyotes. Ich glaube, dass bei dem, was wir vorhin besprochen haben, dass das Leben in den Ruinen weitergeht, die Digitalisierung, die Virtualisierung unserer Existenzen eine wesentliche Rolle spielt. Wie sonst könnten Migrant*innen auf dem aktuellen Stand über Reiserouten sein, wie sonst sollten sie ihre Netzwerke und ihre Beziehungen transnational erhalten? Migration, wie wir sie heute erleben, ist nicht mehr nur ein regionales Phänomen, sondern eine globale Diaspora, ausgelöst durch die Zunahme von Kriegen, die religiösen und politischen Konflikte in der Welt, die Auswirkungen des weltweiten Klimawandels, die Festung Europa und die Tausenden von Toten im Mittelmeer. Man nimmt es vielleicht nicht unbedingt so wahr, obwohl die Bewegungen es eigentlich deutlich zeigen, aber: Eine Form des Widerstands ist vielleicht auch, dass Migrant*innen ihr Fluchtziel von Europa nach Südamerika umlenken. Die Menschen sagen sich: „Ich werde mein Leben nicht riskieren, ich gehe auf diesen anderen Kontinent, um dort irgendwie einen sicheren Ort zu finden“. Ich denke, das bringt uns mit einem größeren Kollektiv von Menschen näher zusammen.

AV: Ich möchte am Schluss noch einmal sagen, dass Sole und ich uns gegenseitig inspiriert haben und nun gemeinsam an einem vitalen politischen und akademischen Engagement weben, um einen feministischen, starken und radikalen Blick auf die zeitgenössische Migration zu schaffen. Denn in den Diskursen der Kritik am globalen Umgang mit den Migrationsbewegungen fehlt noch die radikalfeministische Perspektive, so wie sie bereits von schwarzen Frauen, im Trikont, in den Frauenkämpfen in Brasilien erarbeitet wurde, wo sich Frauen bewusst in die Volkskämpfe eingebracht haben.

Wir müssen eine radikalfeministische Kritik am globalen Krieg gegen Migrant*innen entwickeln und uns mit den Kämpfen der Frauen verbinden, mit denen, die ihre verschwundenen Kinder suchen, die in Zeiten von COVID-19 und Lockdown in den Barrios Suppenküchen organisieren, die jeden 8. März auf der ganzen Welt auf die Straße gehen. Wir müssen uns mit ihren Visionen, mit ihren Kampfstrategien und ihren Erfahrungen auseinandersetzen und sie mit unseren. Ich möchte, dass dieses Interview Feministinnen erreicht und sie inspiriert, mit feministischen Migrantinnen in den Dialog zu gehen, so wie das wie bei den beiden Versammlungen im Rahmen des Projekts Inmovilidad en las Américas schon stattgefunden hat. Und gleichzeitig hoffe ich, dass die Fragestellungen der feministischen Genossinnen von NiUnaMenos und anderen Kollektiven die Migrantinnen erreichen, sie herausfordern, damit wir gemeinsam darüber nachdenken können, wie wir das Patriarchat besiegen und dem Kapital Angst einjagen können.

SOLE: Zum Schluss noch eins: Ich denke, in Lateinamerika und besonders in der Andenregion arbeiten die indigenen Bewegungen immer mehr am Zusammenschluss mit anderen politischen Initiativen. Beim Kampf der Migrant*innen muss das noch passieren: In der Vergangenheit waren es die Indigenen aus Ecuador, die migriert sind, und das tun sie auch heute noch. Trotzdem ist die Forderung nach Gerechtigkeit für Migrant*innen nicht Teil der Agenda der indigenen Bewegung. Ich beziehe mich hier auf Ecuador, aber ich denke, in anderen Ländern wird es ähnlich sein. Die Kämpfe der indigenen Völker und der migrantischen Völker sollten sich verbinden, auch die Kämpfe der Schwarzen würde ich dazurechnen, denn es sind alles Kämpfe, die sich gegen den kapitalistischen, kolonialen Rassismus in all seinen Ausdrucksformen wehren. Bei der großen anti-neoliberalen Mobilisierung im Oktober 2019 in Ecuador, bei der die indigene Bewegung in der ersten Reihe stand, trat die extreme Fremdenfeindlichkeit gegenüber der venezolanischen Bevölkerung mal wieder deutlich zutage. Wir sind ein Land von Migrant*innen, ein transnationales Land, wir sind Teil eines transnationalen Amerika, das von Migration durchsetzt ist, wir sind Teil eines indigenen, eines schwarzen Amerika, eines Kontinents mit europäischen Wurzeln, und wie können wir alle diese Kämpfe mit dem Feminismus verbinden? Das ist eine Frage, die uns alle angeht.

Übersetzung: Lui Lüdicke

CC BY-SA 4.0 „Migration ist antikolonialer Widerstand“ von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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