Wasser ist wichtiger als Gold

Bergbau
Der Fluss Artibonite in der Nähe der Stadt Saint-Marc ist der längste der Insel. 
Foto: Sperlens saintilus via wikimedia
CC BY-SA 4.0

(Port-au-Prince, 27. Juli 2026, Colombia informa).- Fast ein Jahrhundert, nachdem Jacques Roumain „Gouverneure des Taus“, einen Klassiker der haitianischen Literatur, verfasst hat, nimmt Wasser nach wie vor einen zentralen Platz im Leben der ländlichen Gemeinden Haitis ein. War im Roman die Suche nach Wasser zugleich eine Suche nach Würde und kollektiver Verbundenheit, so wirft der Schutz der Wasserquellen heute erneut eine grundlegende Frage auf: Wie kann man etwas schützen, wovon das Leben selbst abhängt? Das im März 2026 veröffentlichte neue Bergbaudekret hat die Debatte über die Zukunft des Bergbaus in Haiti neu entfacht. Ein Großteil der Diskussionen konzentrierte sich auf rechtliche Aspekte, Explorationsgenehmigungen oder die wirtschaftlichen Chancen, die sich aus dem Abbau von Bodenschätzen ergeben könnten. Eine Frage jedoch wird seltener gestellt, obwohl sie eigentlich im Mittelpunkt stehen sollte: Was bedeutet es für das das Wasser geschehen, wenn wir die Plünderung legalisieren? Nach wie vor ist es für den Großteil der Bevölkerung der Zugang zu Trinkwasser kompliziert; die ländlichen Gemeinden sind von Flüssen, Quellen und Brunnen abhängig sind. Vor der Frage, wie viel Gold oder Kupfer aus dem haitianischen Boden gewonnen werden können, müssen wir uns damit befassen, wie es um die lebenswichtigsten Ressourcen steht.

Ein Viertel der Bevölkerung hat keinen Zugang zu Trinkwasserquellen

UNICEF meldet, dass 26 Prozent der haitianischen Bevölkerung keinen Zugang zu Trinkwasserquellen haben, und in ländlichen Gebieten sind es deutlich höher mehr. Laut Weltbank hatten im Jahr 2020 nur 43 Prozent der ländlichen Bevölkerung Zugang zu Trinkwasser. In vielen Gemeinden müssen lange Strecken zu Fuß zurückgelegt werden, man muss auf die Ankunft von Wasserverkäufern warten oder ist auf Quellen angewiesen, deren Verfügbarkeit je nach Jahreszeit schwankt. Dabei verfügt das Land über wichtige Wassereinzugsgebiete und zahlreiche Flüsse, die von der Landwirtschaft und den Gemeinden genutzt werden. Der Artibonito, der längste Fluss der Insel, ist von entscheidender Bedeutung für die nationale Agrarproduktion, dazu kommen die Grande Rivière du Nord, der Limbé, der Trois-Rivières, der Masacre sowie Hunderte von Quellen, Bächen und kleineren Gewässern, die die ländlichen Gemeinden im gesamten Staatsgebiet versorgen. Nicht der Zugang allein ist problematisch, es gibt auch erhebliche Probleme hinsichtlich der Wasserqualität und der sanitären Ausstattung.

Der Bergbau birgt etliche Risiken für Menschen und Umwelt

Laut UNICEF haben sieben von zehn Haitianer*innen keinen Zugang zu grundlegenden sanitären Einrichtungen, besonders in ländlichen Gebieten erhöht sich dadurch das Risiko einer Verschmutzung der Wasserquellen und der Ausbreitung von Krankheiten. Die Choleraepidemie, mit der das Land zwischen 2010 und 2019 zu kämpfen hatte, hat den engen Zusammenhang zwischen dem Zugang zu Trinkwasser, öffentlicher Gesundheit und der institutionellen Leistungsfähigkeit des Staates inklusiver sanitärer Ausstattung deutlich gemacht: Mehr als 82.000 Menschen erkrankten; fast 10.000 starben. Ein weiterer Aspekt ist die Umweltzerstörung: Jahrzehntelange Entwaldung und Erosion haben die Ökosysteme geschwächt. Ihre Fähigkeit, Wasser zurückzuhalten, Wassereinzugsgebiete zu schützen und Quellen sowie Grundwasserleiter zu speisen, hat stark gelitten. Laut UN-Angaben ist die Fläche der Primärwälder, die 1988 noch 4,4 Prozent des haitianischen Staatsgebiets bedeckten, bis 2016 auf knapp 0,32 Prozent zurückgegangen. Bevor man also über Industrieprojekte nachdenkt, die große Mengen an Wasser erfordern, gilt es zu verstehen: Es geht nicht nur darum, wie viel Wasser vorhanden ist, sondern auch darum, wer Zugang zu Wasser hat und unter welchen Bedingungen. Diese Fragen sind entscheidend für die Zukunft von Millionen von Menschen. Der Metallbergbau braucht in verschiedenen Phasen der Exploration, Gewinnung und Aufbereitung erhebliche Mengen an Wasser. Eine einzige Goldmine kann täglich Millionen Liter Wasser verbrauchen, um das Gestein zu zerkleinern, Erz abzutrennen und die bei der Gewinnung anfallenden Abfälle aufzubereiten. So würde beispielsweise laut dem OMAL-Bericht das Bergbauprojekt El Dorado in El Salvador jährlich etwa 327,9 Millionen Liter Wasser benötigen, das entspricht etwa 898.000 Liter pro Tag. Metallbergbau bedeutet also nicht nur Zyanid und giftige Abfälle, sondern auch eine ständige Belastung der lokalen Wasserquellen. Die Frage ist also nicht nur, wie viel Wasser eine Mine verbraucht, sondern auch, woher es stammt und was anschließend damit geschieht. Internationale Erfahrungen haben gezeigt, dass der Bergbau vielfache Risiken birgt: Rückgang der Durchflussmengen von Flüssen und Quellen, Verschmutzung durch Schwermetalle, sauren Grubenwasserabfluss und das Versickern von Substanzen, die bei der Mineralverarbeitung verwendet werden. Zwar haben nicht alle Projekte die gleichen Auswirkungen, doch generell ist Wasser eins der wichtigsten Güter für die Unternehmen, weshalb es ihnen besonders wichtig ist, den Gemeinden die Kontrolle zu entziehen.

Nur ein Posten auf der Betriebskostenrechnung?

In Haiti nimmt diese Sorge eine besondere Dimension an. Die wichtigsten Gebiete befinden sich im Norden und Nordosten des Landes, wo die bäuerliche Landwirtschaft direkt von kleinen Einzugsgebieten, Quellen und Oberflächengewässern abhängig ist. An Orten wie Kadouch in der Gemeinde Quartier-Morin ist das Wasser keine überschüssige Ressource. Es wird zur Bewässerung der Felder, für die Tiere, fürs Kochen und für die Versorgung der Familien benötigt. Konzessionen für Bergbauprojekte wurden bereits erteilt. Neben dem Streit um den Boden ist auch der Streit um das Wasser, das durch die Wassereinzugsgebiete fließt, bereits vorprogrammiert, ebenso der Konflikt um die Wege, die die Gemeinden verbinden, um die Parzellen, die die Familien ernähren, um die Wälder, die die Quellen schützen, und um die kollektiven Entscheidungen, die es ermöglicht haben, das Leben trotz wechselhafter Bedingungen zu erhalten. Für ein Unternehmen ist das Wasser lediglich ein Betriebsmittel, ein Posten auf der Betriebskostenabrechnung. Besonders gravierend zeigt sich diese Diskrepanz in Gebieten, in denen die Menschen auf die Flüsse, Quellen, Brunnen und die gemeinschaftliche Wasserversorgungssysteme angewiesen sind. Die Diskussion über das Bergbaudekret darf sich also nicht auf Genehmigungsverfahren die wirtschaftlichen Vorteile von Investitionen oder die Regulierung des Mineralabbaus beschränken. Die wichtigste Frage ist, ob ein Land mit gravierenden Problemen beim Zugang zu Trinkwasser, unzureichender Sanitärversorgung, rasch fortschreitender Entwaldung und begrenzten institutionellen Kapazitäten zur Überwachung von Umweltschäden neue Gebiete für eine Tätigkeit öffnen sollte, die Wasser verbraucht, Abfälle erzeugt und langfristige Beeinträchtigungen der Umwelt hinterlässt. Insofern stellt das Dekret ein Risiko dar, da es letztendlich wirtschaftliche Entwicklungen ermöglichen würde, die die Gemeinden als Bedrohung empfinden. Hinter Begriffen wie Rechtssicherheit, Modernisierung des Bergbausektors oder notwendige Investitionen verbirgt sich ein folgenreicher Eingriff ins Territorium. Die Legalisierung des Bergbaus ebnet den Weg für unternehmerische Interessen und neue Formen der Kontrolle über Wasser, Land, Infrastruktur und gemeinschaftliche Entscheidungen.

Flüsse, Quellen, Brunnen und die Gebiete zur Grundwasser-Rückzugsgebiete schützen

Angesichts dieser Situation haben verschiedene Organisationen und Gemeinschaften angefangen, Vorschläge zum Schutz der Gemeingüter und der ländlichen Gebiete zu unterstützen, wie die Ausweisung von „Gebieten ohne Minen und Rohstoffabbau“, was zugleich auch den Schutz des Wassers, der bäuerlichen Landwirtschaft, die Gesundheit der Bevölkerung und den Verbleib in ihren Gebieten bedeuten würde. In bergbaufreien Gebieten könnte vermieden werden, dass Wasserquellen wirtschaftlichen Aktivitäten untergeordnet werden, die große Wassermengen verbrauchen und langfristige Umweltrisiken verursachen würden, und das bereits bevor Schäden eingetreten sind. In Haiti ist der Zugang zu Wasser eine alltägliche Herausforderung. Die Einrichtung bergbaufreier Zonen rückt die gemeinschaftliche Entscheidung in den Mittelpunkt der Diskussion. Sie folgt einer konkreten Forderung: Flüsse, Quellen, Brunnen und die Gebiete zur Grundwasser-Rückzugsgebiete müssen geschützt werden, bevor der Bergbau in diese Gebiete vordringt.

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