„Nicht nur das Amazonasgebiet – ganz Brasilien steht in Flammen”

Feuer im Amazonasgebiet. Foto: La Tinta

(Buenos Aires, 29. September 2019, tiempo argentino/desinformémonos).- David Karai Popygua ist Sprecher der indigenen Volksgruppe der Guaraní in der Provinz São Paulo im Südosten Brasiliens. “Die brasilianische Politik betreibt einen Ökozid und Genozid an den indigenen Völkern”, erklärte er und beklagte einen Anstieg des illegalen Bergbaus in den indigenen Gebieten.

Der Lateinamerikanische Rat der Sozialwissenschaften CLACSO (Consejo Latinoamericano de Ciencias Sociales) befindet sich in einem alten Herrenhaus in Buenos Aires unweit der bekannten Avenida 9 de Julio. In Kürze beginnt hier das Koordinationstreffen verschiedener Indígena-Initiativen zum Widerstand der indigenen Völker unter der Regierung Bolsonaro. Unter den Teilnehmenden sind neben den Kollektiven Identidad Marrón und Passarihno auch Vertreter*innen der Guaraní von São Paulo. Ihr Sprecher David Karai Popygua entschuldigt sich und geht einen Moment in den Hof. „Er muss den Kopf frei kriegen, die Stadt macht ihn ein bißchen matt”, erklärt ein Berater.

Menschenmassen scheinen Popygua hingegen wenig auszumachen. Im April nutzte der Guaraní-Sprecher die Bühne des Festivals Lollapalooza Brasil, um die Verfolgung der indigenen Völker und die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen anzuprangern: „Wir Indigenen stellen etwa fünf Prozent der Weltbevölkerung. Wir beschützen 82 Prozent der gesamten Biodiversität weltweit. Viele finden, das sei viel zu viel Land für eine Hand voll Indios. Dabei gibt es eigentlich zu wenige Indios, um das Leben zu schützen, damit die ganze Welt überleben kann“, rief Popygua der Menge zu. Tausende Musikfans, die eigentlich nicht wegen ihm gekommen waren, brachen am Ende in zustimmenden Jubel aus. „Das war eine einzigartige Gelegenheit, die Leute aus der Mittelschicht und Oberschicht zu erreichen”, erzählt uns der Guaraní-Sprecher, der sich mittlerweile wieder ein wenig von dem Trubel der Stadt erholt hat.

Wie bewertest du den Rückschritt im Hinblick auf Indígena-Politik und Umweltschutz, den die Regierung Bolsonaro mit sich gebracht hat?

“Die brasilianische Politik betreibt einen Ökozid und Genozid an den indigenen Völkern”, erklärt der Guaraní-Sprecher David Karai Popygua. Foto: La Tinta

Schon vor der Wahl 2018 haben die Präsidentschaftskandidat*innen ihre Vorschläge natürlich öffentlich gemacht. Bolsonaro hat nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass er Raubbau an den geschützten Waldgebieten betreiben werde und die Vergabe der geschützten Amazonas-Gebiete an private Investor*innen und die Ausbeutung von Arbeiter*innen und natürlichen Ressourcen plane. Wir Indígenas spüren bereits die Auswirkungen der gewalttätigen, rassistischen und homophoben Äußerungen Bolsonaros. In den Indígena-Gebieten gibt es mehr illegalen Bergbau und Holzschlag, auch die Kriminalisierung unserer Sprecher*innen hat zugenommen. Bereits am Tag seines Regierungsantritts unterstellte er die brasilianische Indigenenbehörde FUNAI (Fundação Nacional do Índio) dem Landschaftsministerium, das von Vertreter*innen des Agrobusiness dominiert wird. Das war ein historischer Rückschritt. Die Politik Bolsonaros war von Anfang an gegen Indígena-Rechte und gegen Umweltschutz gerichtet.

Sind die Brände im Amazonasgebiet eine Folge dieser Politik?

Es ist ganz offensichtlich, dass die Brände von der Bergbaulobby, den illegalen Holzfällern und all denen initiiert wurden, die den maximalen Gewinn aus dem Amazonasgebiet herausschlagen wollen. In vergangenen Jahren gab es um diese Jahreszeit etwa 30 Brandherde im gesamten Amazonasgebiet. Dieses Jahr sind es über 70, also mehr als doppelt so viele. Dies ist die Folge einer Regierung, die die Natur abbrennt, um das Land an private Investor*innen zu übergeben. Die Leute merken langsam, dass es nicht nur im Amazonasgebiet brennt – ganz Brasilien steht in Flammen.

Wie kommt man aus dieser Situation wieder raus?

Die Mitgliedsstaaten der UNO müssten Brasilien des Ökozids und des Genozids an den indigenen Völkern bezichtigen. Es liegt in der Verantwortung aller sozialen Bewegungen weltweit, die Ausbeutung der Natur und durch private Investor*innen zu stoppen.

Bei Ihrem Besuch in Argentinien haben Sie sich mit argentinischen Indígena-Gruppen getroffen. Gibt es Übereinstimmungen hinsichtlich Ihrer Kämpfe und Ihres Widerstands?

Mittlerweile besteht ein reger Austausch zwischen den Indígena-Gruppen Nord- und Südamerikas und auch Afrikas. Unser Kampf um unsere Gebiete ist international geworden. Weltweit sind wir etwa 350 Millionen Indígenas, und überall wurden unsere Gebiete besetzt und ausgebeutet. Wir führen unsere Kämpfe in dem Bewusstsein, dass die Erde kein Besitz ist; man kann die Natur nicht in Wirtschaft umformen. Wir haben alle dieselben Probleme, weil die Regierungen überall den gleichen Plan verfolgen: nämlich eine Lebensgrundlage, die auf der Ausbeutung und wirtschaftlichen Ausnutzung unserer heiligen Gebiete basiert.

Erstveröffentlicht in Tiempo Argentino. Fotos: La Tinta

CC BY-SA 4.0 „Nicht nur das Amazonasgebiet – ganz Brasilien steht in Flammen” von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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