
Foto: Niklas Franzen
(Recife, 13. Mai 2026, npla).- Im Nordosten Brasiliens zeigte sich, was passiert, wenn der Staat sich zurückzieht und was Menschen dem entgegensetzen. Während der Präsidentschaft Jair Bolsonaros brachen soziale Programme weg, doch bäuerliche Gemeinschaften hielten mit Unterstützung von Initiativen dagegen.
„Es gab kein Wasser, keine Zisternen“
Forró-Musik erfüllt den bunt geschmückten Versammlungsraum. Fähnchen wippen von der Decke, Hände klatschen im Takt, Menschen tanzen im Kreis. Es ist ein Fest im brasilianischen Bundesstaat Pernambuco – doch gefeiert wird mehr als nur der Abschluss eines Kurses. Es geht um Aufbruch. Mitten im Trubel tanzt der 78-jährige Libertino das Neves, mit einer Frau durch den Raum. Lederhut, gebügeltes Hemd, von der Sonne gegerbte Haut. Er sieht aus wie eine Figur aus einem Historienfilm. Nach dem Tanz lässt er sich erschöpft nieder. „Früher war hier alles anders. Es gab kein Wasser, keine Zisternen“, sagt er. Man habe große Opfer bringen müssen, um zu überleben. „Die Situation hat sich verbessert, als die Zisternen gebaut wurden.“ Auf seinem Hof zeigt Libertino später auf einen riesigen blauen Tank. 15.000 Liter fasst die Zisterne. Früher, erzählt er, habe seine Frau die Wäsche am Bach waschen müssen, er selbst schleppte Wasser in Kanistern von weit her. „Es war wirklich schwierig, an Wasser zu kommen“, sagt er.
Der Rückzug des Staats unter der Regierung Bolsonaro
Dass solche Projekte überhaupt existieren, ist auch Organisationen wie dem Centro Sabiá zu verdanken. Sie bauten Zisternen und entwickelten Systeme zur Wassernutzung. Doch während der Regierungszeit des Rechtsextremen Jair Bolsonaros kamen viele dieser Initiativen zum Stillstand. „Wir haben sechs Jahre lang keinerlei soziale Technologien gebaut. Keine einzige Zisterne“, sagt Edineide Oliveira vom Centro Sabiá. Es habe schlicht keine Finanzierung mehr gegeben. Der Staat zog sich zurück und hinterließ eine Lücke, die andere zu füllen versuchten. Lokale Initiativen, NGOs und kirchliche Gruppen hielten Projekte am Leben, oft unter schwierigsten Bedingungen. Sie setzten auf Agroökologie, stärkten kleinbäuerliche Strukturen und organisierten lokale Märkte. So konnten sie selbst während der Pandemie die Versorgung sichern. Erst mit der Rückkehr von Präsident Lula änderte sich die Lage. Nach etwa einem Jahr habe man wieder begonnen, Zisternen zu bauen, berichtet Oliveira: „Als Präsident Lula an die Regierung kam, verging etwa ein Jahr, und wir begannen erneut.“
Eine Oase im trockenen Sertão
Weiter im Landesinneren, im trockenen Sertão, lebt Maria Ferreira auf einem elf Hektar großen Stück Land. Sie zog während der Pandemie hierher zurück. „Dann haben wir angefangen zu pflanzen, und jeden Tag haben wir hier gearbeitet“, sagt sie. Trotz fehlender staatlicher Unterstützung begann sie, mit Hilfe eines Projekts von Centro Sabiá Nahrungsmittel anzubauen. Heute wachsen auf ihrem Feld Mangos, Guaven, Gemüse und Kräuter. Ein Filtersystem reinigt Haushaltswasser für die Bewässerung. Früher habe man nur Mais und Maniok angebaut, sagt sie. Kulturen, die wenig Wasser brauchen. Heute ist ihre Farm eine grüne Insel in der Halbwüste. Doch der Weg dahin war hart. Orlando Santana vom Centro Sabiá erinnert an die vielen Organisationen, die in der Bolsonaro-Zeit massive Einschnitte erlebten. „Wir haben buchstäblich Blut und Schweiß vergossen“, sagt er. Sein Team sei von 15 auf drei Personen geschrumpft. Einige hätten ohne Gehalt weitergearbeitet, nur um die Strukturen zu erhalten. Man sei hier an das Überleben gewöhnt, sagt Santana. „Es war nicht einfach, aber wir haben diese Zeit überstanden.“
Fragile Hoffnung
Jetzt, da wieder staatliche Unterstützung fließt, wächst die Hoffnung. Doch sie ist fragil. Denn mit Blick auf die kommenden Wahlen fürchten viele eine Rückkehr der alten Politik. Dem Amtsinhaber Lula wird der Sohn des Ex-Präsidenten Bolsonaro gegenüberstehen. Für die Menschen im Nordosten steht viel auf dem Spiel: der Zugang zu Wasser, zu Unterstützung und zu einem würdevollen Leben.
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