„Wir haben genug von diesem Krieg, der nicht unserer ist“

Cauca
FARC-Kämpfer mit Schmetterling
Foto: rawpixel
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(Popayán, 13. Mai 2026, Pikara Magazine).- Vor zehn Jahren trat das Friedensabkommen zwischen der FARC und der kolumbianischen Regierung in Kraft. Frieden ist seither trotzdem nicht eingekehrt. Es gibt weiterhin bewaffnete Auseinandersetzungen, und auch die Rekrutierung von Minderjährigen und die Ermordung sozialer Führungspersönlichkeiten bleibt traurige Alltäglichkeit.

Clara Ávila Peña, feministische Aktivistin und Angehörige des indigenen Volks der Nasa, spricht über Prohibitionismus und die zunehmende Gewalt in ihrem Gebiet und fordert autonome Friedensprozesse. Sie ist aktiver Teil der Initiative „Conspirando por la paz“ (Verschwörung für den Frieden), die von indigenen und Schwarze Frauen und Frauen auf dem Land gegründet wurde, also von den Teilen der der Bevölkerung, die am stärksten vom Krieg betroffen sind. Gemeinsam haben sie einen humanitären Dialogprozess mit den Dissident*innen der FARC im Norden von Cauca, Kolumbien, initiiert und den direkten Kontakt zu den bewaffneten Gruppen gesucht. Clara Ávila Peña ist Sozialforscherin bei der Corporación Ensayos para la Promoción de la Cultura Política und kämpft aus feministischer und indigener Perspektive für ein Ende der Gewalt gegen Frauen und mehr Präsenz von Frauen in der politischen Praxis. Als Angehörige einer indigenen Community und als Führungspersönlichkeit reflektiert sie über die Folgen der globalen Drogenpolitik, die Kandidatur der Nasa-Indigenen Aida Quilcue für das Amt der Vizepräsidentin Kolumbiens und die Suche nach vermissten Personen. Für Ávila steht fest, dass der dringend notwendige Frieden von unten entstehen muss und dass Frauen und indigene Gemeinschaften einen zentralen Platz in diesem Prozess einnehmen müssen.

Im Cauca und in anderen kolumbianischen Departamentos hat die Zahl der Menschenrechtsverletzungen in den letzten fünf Jahren stark zugenommen. Was ist seit dem Friedensabkommen von 2016 geschehen?

Im Norden von Cauca leben wir seit Jahrzehnten mit dem bewaffneten Konflikt. Als die Friedensverhandlungen mit der FARC begannen, hatten wir zumindest eine Zeitlang die Hoffnung, dass die Waffen nun verstummen würden. Doch nach der Unterzeichnung des Abkommens kam der schwierigste Teil: die Umsetzung. Das Abkommen ist eine staatliche Verpflichtung, die nicht an eine bestimmte Regierung gebunden ist, aber es fehlte am notwendigen Verantwortungsbewusstsein, um die Abmachungen einzuhalten. Weil sich in dieser Hinsicht nichts tat, konnten andere bewaffnete Akteure die Gebiete besetzen; die strukturellen Probleme blieben unberührt. Und heute befinden wir uns in einer sehr komplexen Situation: Es gibt Autobomben, Drohnenbomben, Informant*innennetzwerke und einen immer heftigeren Kampf um territoriale Kontrolle. Und mittendrin stehen wir, die indigenen Gemeinschaften und die Zivilbevölkerung. Da gibt es Drohungen gegen soziale Führungspersönlichkeiten, Rekrutierung von Minderjährigen, Verschleppung und Mord. Dennoch leisten wir weiterhin Widerstand: durch Bildungsarbeit, kommunale Gesundheitsversorgung und Vorschläge für unabhängige Friedensprozesse.

Die bewaffneten Gruppen kämpfen um die Vorherrschaft in den Gebieten, in denen vor allem Marihuana und Koka angebaut werden. Die globale Politik verbietet diese Substanzen. Wie wirkt sich das auf die Gebiete aus?

Die prohibitionistische Politik konzentriert sich meist darauf, diejenigen zu stigmatisieren, die diese Pflanzen anbauen, doch es geht fast nie darum, wer bei diesem Geschäft eigentlich Geld macht. In vielen Gemeinden stellt der Anbau von Marihuana und Kokablätter seit Jahren die Lebensgrundlage der Familien dar. Deshalb kann es nicht einfach nur darum gehen, illegale Pflanzenkulturen durch legale zu ersetzen. Man muss die gesamte Wirtschaft rund um diese Kulturen verstehen, und die Veränderungen, die sie in den Gemeinden bewirkt haben. Heute sind es zum Beispiel oft bewaffnete Akteure, die die Preise für Marihuana regulieren. Da stellt sich die Frage: Warum denken wir in den Gemeinden nicht über Möglichkeiten der Selbstregulierung nach? Der Drogenhandel bewegt gigantische Geldmengen. Allein das Marihuana-Geschäft in unserer Region kann mehr einbringen als der Jahreshaushalt vieler Gemeinden. Die von den USA vorangetriebene Drogenpolitik schiebt zutiefst moralische Beweggründe vor. Aber wir hier vor Ort müssen in unseren Diskussionen der Tatsache Rechnung tragen, dass die Realität komplexer ist: Wie können wir diese Wirtschaftszweige umgestalten, ohne die Gemeinschaften zu kriminalisieren, die von ihnen abhängig sind?

Aida Quilcue, indigene Führungsperson des Volks der Nasa, wurde für die bevorstehenden Wahlen am 31. Mai als Vizepräsidentschaftskandidatin an der Seite von Iván Cépeda nominiert. Ihr Sieg würde die fortschrittliche Regierung von Gustavo Petro fortsetzen. Und natürlich wurde sie von verschiedenen Seiten rassistisch angegriffen.

Aktuell mangelt es stark an politischer Kohärenz. Aida ist das sichtbare Gesicht derer, die nie da waren. Wäre sie eine bekannte Frau aus gutem Hause, einflussreich oder Teil der traditionellen weißen Elite, würden alle sagen, sie hat es sich verdient; man würde sogar das Recht auf politische Teilhabe von Frauen anerkennen. Doch wenn eine Schwarze oder indigene Frau diesen Platz einnimmt, eine, die aus unseren Kämpfen und Basisbewegungen kommt, gibt es immer wieder Zweifel: Wie ist sie so weit nach oben gekommen? Sie hat nichts beizutragen, hat keine Erfahrung etc. Hier spiegeln sich die sozialen Ungleichheiten. Von Verdienst zu sprechen, ohne die historischen Privilegien und strukturellen Barrieren einzubeziehen, ist keine Objektivität; die Ungleichheit wird unter den Teppich gekehrt. Nach Ansicht vieler Menschen ist das hier nach wie vor „der Tanz der Überflüssigen“, wie es in dem Lied heißt.

Was macht Aida Quilcué aus indigener Sicht besonders?

Wir erkennen die Führungsrolle der Genossin Aida an, sie hat sie sich hart erarbeitet, denn wie alle anderen musste auch sie sich ihren Platz innerhalb der indigenen Bewegung hart erkämpfen, teils auch gegen unseren eigenen Genossen. Heute ist sie dort, wo sie ist, weil sie sich durchgesetzt hat. Auch sie hat die Gewalt des Krieges erlebt: Die Armee hat ihren Mann getötet. Auch sie muss sich dem patriarchalen Macho-System entgegenstellen und ist präsent geblieben. Sie hat auf allen Entscheidungsbühnen ihren Platz behauptet, auch wenn es nicht einfach war. Natürlich hat sie Fehler gemacht wie alle anderen auch, aber wir lernen gerade erst, jene Bereiche zu besetzen, die historisch gesehen den Männern vorbehalten waren. Sie hat sich hohe Ziele gesteckt und wichtige Projekte vorangetrieben, und heute sind einige davon bereits verwirklicht. Wir sind immer gut im Kritisieren und schlecht darin, Erfolge anzuerkennen. Dabei muss man Aidas Kampf und ihre Stärke einfach würdigen, ihren Weg und ihre Entwicklung. Und sie wird weiterhin Geschichte schreiben, deshalb fühle ich mich durch sie als Frau und als Indigene vertreten.

Die Initiative „Conspirando por la paz“ setzt auf humanitäre Dialoge mit bewaffneten Akteuren aus der Perspektive von Frauen. Wie kam die Initiative zustande?

Conspirando por la paz“ entstand vor drei Jahren als Reaktion auf die zunehmende Gewalt in unseren Gebieten. Wir haben uns als indigene Frauen, Bäuerinnen, Afros, ehemalige Guerillakämpferinnen, Unterzeichnerinnen des Friedensabkommens und LGTBIQA+-Personen zusammengetan, um darüber zu reden, was wir tun können. Die Gewalt betrifft nicht nur die Gebiete, sie durchdringt auch die Körper von Frauen und Menschen unterschiedlicher Herkunft, und das wollten wir zur Grundlage unseres Handelns machen, denn wir sind müde von diesem Krieg, der nicht unserer ist, der sich aber gegen unsere Körper, gegen unsere Gebiete richtet, und eins unserer Ziele war, humanitäre Dialoge zu eröffnen. Wir haben Briefe an drei bewaffnete Akteure in der Region geschickt, weil wir mit ihnen über dringende Themen wie Morde, Drohungen gegen soziale Führungskräfte oder die Rekrutierung von Minderjährigen reden wollten. Wir haben die nationale Regierung davon in Kenntnis gesetzt und die Schreiben in den Medien veröffentlicht. Damit wollten wir keine Erlaubnis einholen, sondern nur transparent sein. Und die drei bewaffneten Gruppen haben geantwortet und sich gesprächsbereit gezeigt. Warum tun wir das? Warum fordern wir aus der Zivilgesellschaft heraus, aus der Community heraus den Dialog ein? Weil wir diesen Krieg satthaben, der nicht unserer ist. Wir Gemeinden zahlen seit Jahrzehnten den Preis für einen Konflikt, über den wir nicht entschieden haben. Und während alles nur in ganz kleinen Schritten vorangeht, setzt sich die Gewalt in den Gebieten fort. Wir Frauen haben uns schon immer an den Friedensprozessen beteiligt. Wir sind Lebensspenderinnen, aber auch Initiatorinnen politischer Vorschläge. Wir sind indigene Frauen, Bäuerinnen, Afros, Unterzeichnerinnen des Abkommens und LGTBIQA+-Personen. In dieser Vielfalt liegt unsere Stärke. Wenn wir Leben retten oder die Rekrutierung junger Menschen verhindern können, dann ist es einen Versuch wert.

Ihr engagiert euch auch bei der Suche nach vermissten Personen. Welche Rolle spielen Frauen in diesem Prozess?

Frauen sind die Hauptakteurinnen, denn meistens geht es um ihre Kinder, Partner oder Angehörigen. Sie sind es, die sich auf die Suche machen. Wir haben sehr bewegende Geschichten gehört: Mütter, die zehn oder fünfzehn Jahre lang nach ihren Kindern gesucht haben. Darüber ist uns klargeworden, dass hier eine psychokulturelle Begleitung nötig ist. Die Suche nach deinen Angehörigen ist keine rein technische Angelegenheit, sondern auch ein zutiefst emotionaler Prozess. Wir haben auch gesehen, dass viele Frauen diese Suche praktisch alleine machen, weil die Institutionen nicht reagieren. Eine Frau aus unserem Umfeld hat zum Beispiel zehn Jahre in diesem Prozess gesteckt, bis sie die Leiche ihres Sohnes bestatten konnte. Sie wusste, wo sie ihn vergraben hatten, musste sich aber fast alleine um die Exhumierung und die ganzen Formalitäten kümmern. Es zeigt sich immer wieder: Frauen verfügen über eine unglaubliche Stärke, und auch wenn ihr Schmerz noch so groß ist, gehen sie ihren Weg.

Im Cauca leben indigene, bäuerliche und afrokolumbianische Gemeinschaften zusammen. Warum ist interethnische Arbeit wichtig?

Unsere Region ist zutiefst interkulturell. Manchmal gibt es Spannungen zwischen den Völkern, aber wir wissen auch, wie wir uns zusammenschließen können, um unser Territorium zu verteidigen. In Initiativen wie „Conspirando por la paz“ versuchen wir, trotz unserer Unterschiede in Bezug auf ethnische Herkunft, Geschlecht oder sexuelle Orientierung gemeinsame Ansätze zu entwickeln. Jedes ermordete oder zwangsrekrutierte Kind macht uns bewusst, dass der Wert des Lebens für alle Gemeinschaften auf dem Spiel steht. Jeden Tag werden Menschen ermordet an den Straßenrändern gefunden. Wir müssen uns weiter zu organisieren, uns bleibt gar keine andere Wahl.

Wie stellst du dir als indigene Feministin eine antipatriarchale Versöhnung innerhalb der Gemeinschaft vor? Welche Bedeutung hat für dich die Spiritualität?

Wir müssen begreifen, dass Gewalt gegen Frauen* kein individuelles Problem ist, sondern eine kollektive Verantwortung. Das wäre in den Gebieten der erste Schritt zur Harmonie. Es geht nicht allein um die Gewalt der Bewaffneten. Es geht auch um die Gewalt, die wir im Alltag erleben und die oft von unseren eigenen Partnern ausgeübt wird. Und diese Diskussion darf nicht allein ein Ding unter Frauen* bleiben, sie muss die gesamte Gemeinschaft einbeziehen. Die indigene Bewegung hat sich in den letzten fünfzig Jahren stark verändert. Sie ist stärker worden, aber sie muss auch weiter verändern. Gewalt gegen Frauen* ist kein Thema, das von außen an uns herangetragen wird, sondern wir müssen uns diesem Thema stellen, weil es uns betrifft, weil wir diese Gewalt erleben und weil wir wollen, dass es aufhört. Und Spiritualität ist ein wichtiger Teil unserer Politik. Bei unseren Versammlungen leisten die verschiedenen Ethnien ihre eigenen spirituellen Beiträge: ein indigenes Ritual, Trommeln mit afrikanischem Ursprung, die typischen Lieder der Landbevölkerung. Das alles mag unbedeutend erscheinen angesichts dieses gigantischen Konflikts, doch diese Begegnungen, die aus der Spiritualität heraus entstehen, geben uns die Kraft, unseren gemeinsamen Weg fortzusetzen. Es ist eine Form von Hoffnung, die wir uns erhalten, trotz der ganzen Gewalt.

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