Vom Guerilla-Funk zum Community-Radio – Radios als Peacemaker

Von Nils Brock

Radios als Peacemaker? Im Friedensprozess in Kolumbien kommt ihnen eine wichtige Rolle zu /Foto: altaír, cc-by-nc-2-0
Radios als Peacemaker? Im Friedensprozess in Kolumbien kommt ihnen eine wichtige Rolle zu / Foto: altaír, cc by-nc-2.0

Berlin, 25. Oktober 2017, npl).- Als die kolumbianische Regierung und die Guerillaorganisation FARC im Dezember vergangenen Jahres einen Friedensvertrag vorlegten, kam auf gut 300 Seiten so einiges zusammen. Schließlich soll der Text helfen, einen seit über 50 Jahren andauernden bewaffneten Konflikt zu beenden. Doch ein nachhaltiger Frieden ist noch längst nicht in Sicht: Menschenrechtsverletzungen aufklären, strittige Landfragen lösen, Tausenden Ex-Guerilleros und Ex-Guerilleras die Waffen abnehmen und die Rückkehr in ein ziviles Leben ermöglichen. Keine leichte Aufgabe, die schon dabei anfängt, die Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen. Zum Beispiel in den Medien.

„Neben dem Kämpfen, haben wir Guerilleros auch immer studieren und einen Beitrag für die Gesellschaft leisten wollen“ – sagt ein jugendlicher Mann im Tarnanzug in die Kamera eines kolumbianischen Fernsehkanals. Auch Befehlshaber der FARC, die in den vergangenen Monaten ihre Waffen abgegeben haben, kommen im TV oder im Radio zu Wort, sprechen vom „wichtigen Schritt in ein ziviles Leben ohne Gewehr“ und „der großen Chance, von Angesicht zu Angesicht mit den Kolumbianern zu sprechen.“ Manchmal klingen alle diese Bekenntnisse und Wünsche etwas einstudiert: Fußballschulen gründen, Jugendlichen helfen, als Friedensstifter*innen auf dem Land arbeiten. Alles nur Zitate und Soundbites für Kameras und Mikros?

Ungehörte Stimmen jenseits des Guerilla-Klischees

Nein, sagt die Journalistin Marjolein Van de Water. Sie sammelt seit mehr als einem Jahr persönliche Geschichten ehemaliger FARC-Kämpfer*innen. Für die niederländische Tageszeitung Volkskrant besucht sie regelmäßig eine frühere FARC-Einheit aus der Region Cauca, die als eine der ersten ihre Waffen abgab. „Was mich am meisten beeindruckt hat, ist, dass viele Guerilleros schon sehr jung aus Armut und Bedürftigkeit zu den Farc gegangen sind“, sagt Van de Water. Ihre Geschichten zu hören könne helfen zu verstehen, warum sich Menschen dem bewaffneten Kampf anschlossen. Und es gebe viel, worüber die früheren Guerilleros bis heute nicht hätten reden können, „den Machtmissbrauch zum Beispiel, den es auch innerhalb der FARC gegeben hat. Einzelne Kommandanten töteten oder misshandelten ihre Untergebenen.“ Diese Geschichten, ist sich die Korrespondentin sicher, werden nach und nach auch Thema werden.

Für die kolumbianischen Massenmedien sind das ganz neue Perspektiven. Über Jahre wurde das Bild der brutalen Guerilleros gepflegt, die ausschließlich als Täter*innen oder willenlose Werkzeuge dargestellt wurden. Dabei haben alle am Konflikt beteiligten Gruppen Menschenrechtsverletzungen zu verantworten, auch die Armee, paramilitärische Einheiten und deren politische Hintermänner. Auch darüber gilt es zu reden – und in den Friedensverträgen formulierten Regierung und FARC-Guerilla dazu in dem Kapitel “Herstellung sozialen Friedens und der Versöhnung” einige interessante Ideen.

Radios als Peacemaker

Ein zentraler Friedenshelfer soll das Radio werden. Vor allem könnte den über 600 Community-Radios in Kolumbien eine wichtige mediale Mittlerrolle zukommen. Und auch in über 20 Transitzonen, in denen frühere Guerilleros derzeit ihren Weg in ein ziviles Leben antreten, sollen neue Sender entstehen. “Im Friedensabkommen gibt es eine punktuelle Vereinbarung, die den FARC das Recht einräumt, Community-Medien aufzubauen“, erzählt die kolumbianische Radiotrainerin Claudia Nuñez. Sie ist überzeugt, dass die Sender helfen können, den ländlichen Raum zu entwickeln, eine Kultur der Beteiligung zu schaffen, zu versöhnen und, dass sie den gesellschaftlichen Frieden fördern können. „Die Regierung wird dafür besonders in früheren Konfliktzonen neue Lizenzen vergeben, technische Unterstützung leisten und Workshops organisieren. So soll das Recht auf Kommunikation und Meinungsfreiheit gestärkt werden.“

Vom Guerilla-Funk zum Community-Radio

Radiomachen ist für die FARC eigentlich ein alter Hut. Mit der Cadena Nacional Bolivariana unterhielt die Guerilla ein ganzes Netzwerk von Sendern. Besonders bekannt: La Voz de la Resistencia, eine Station, die aus dem Untergrund bereits seit über 25 Jahren die Karibik beschallt. Auch dieser Sender wird bald eine Lizenz erhalten. Nun soll mit Hilfe der Radiotrainerin Nuñez aus dem Guerilla-Sender ein Community-Radio werden. Dafür bietet die 29-Jährige nicht nur ein Sprechertraining an. Zuerst lässt sie sich erzählen, wie hier bisher produziert wurde: „So kommt man ins Gespräch und am Ende redeten wir viel über eine neue Linie, einen neuen Diskurs im Radio. Denn bisher bestand die Funktion des Senders auch darin, die Kampfmoral zu stärken, wie uns eine junge Guerillera erzählte“, erklärt Nuñez. Nun stünden sie vor der Herausforderung, eine andere Sprechweise zu finden.

Die Stars und Sternchen Kolumbiens haben mit zahlreichen Liedern für den Frieden bereits den Soundtrack geliefert, nachzuhören in Youtube. Also alles Friede, Freude und Versöhnung? Von wegen! Van de Water sieht die neuen und alten Community-Radios in Kolumbien nicht als Verstärker des Showobiz. Vielmehr stünden sie in der Pflicht, darüber zu informieren, was aktuell in jenen Gegenden geschieht, die früher von den FARC kontrolliert wurden. Denn längst sei dort ein gefährliches Machtvakuum entstanden: „Es gibt weiterhin bewaffnete Gruppen, Kriminelle, die aus paramilitärischen Verbänden hervorgegangen sind, die ELN-Guerilla, einige Deserteure der Farc. Die streiten nun alle miteinander“ sagt Van de Water und fügt trocken hinzu: „Es geht ums Geschäft. Coca und illegalen Bergbau.“ Eine unabhängige Berichterstattung sei da besonders wichtig. Community-Radios könnten über Inhalte und Konflikte informieren, die in den traditionellen Medien keinen Platz haben.

Eines der Tabuthemen ist die Tatsache, dass die Regierung bis heute das systematische Morden der Paramilitärs leugnet – und diese Gewalt besteht fort. Das Ziel solcher Anschläge sind beileibe nicht nur Guerilleros, sagt der kolumbianische Umweltschützer Jaime Tocora, vom Comité Ambiental Toliman. In der Schusslinie stünden auch unabhängige Journalist*innen oder Aktivist*innen. „Seit Beginn des Jahres sind bereits mehr als 40 Menschen aus sozialen Bewegungen oder Umweltgruppen ermordet worden, die Wasser, Land und Ressourcen verteidigen“, sagt Tocora. Die Paramilitärs könnten dagegen nahezu straffrei agieren – die Zentralregierung unternehme zu wenig.

Kontinuierlich über Menschenrechtsverletzungen zu berichten, müsse den Community-Medien ein zentrales Anliegen sein. Nicht nur über vergangene, sondern auch über aktuelle Angriffe auf den Friedensprozess gelte es zu reden. Das fordert einer, der es wissen muss: Donald Ferreira, selbst ein ehemaliger FARC-Kommandeur. „Wenn wir aktuellen Übergriffen nicht rechtzeitig Einhalt gebieten und nach den Auftraggebern suchen, wird es sehr schwer sein in Kolumbien einen wahrhaftigen Frieden mit sozialer Gerechtigkeit zu schaffen“, äußerte sich Ferreira unlängst in einem alternativen Lokalsender. „Es ist besorgniserregend zu sehen, dass weiterhin gerade Aktivisten ermordet werden, die so lange Zeit den Friedensprozess verteidigt haben.“

Zu diesem Artikel gibt es hier auch einen Audiobeitrag von radio onda zum Anhören.

CC BY-SA 4.0 Vom Guerilla-Funk zum Community-Radio – Radios als Peacemaker von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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