Habt ihr das gehört? Das ist der Klang ihrer Welt, die zusammenbricht…

von Iñaki Berazaluce, Marta Molina

Foto: radio pozol(Berlin, 22. Dezember 2012, otramérica).- 21. Dezember. Das Datum, an dem sich der heilige Zyklus der Maya änderte und ein Tag, der das Gedenken an das Massaker von Acteal vorwegnimmt. 50.000 Zapatist*innen marschierten maskiert und in Stille durch die wichtigsten Orte von Chiapas. Eine fünfzeilige Erklärung kündigt das indigene Wiedererstarken an… Ein historischer Tag.

Fünfzeiler von Subcomandante Marcos

Subcomandante Insurgente Marcos unterzeichnete die kurze Erklärung, die gestern in letzter Minute vom Klandestinen Revolutionären Komitee der Indigenen der Zapatistischen Armee der Nationalen Befreiung EZLN (Ejército Zapatista de Liberación Nacional) verbreitet wurde: „Hab ihr das gehört? Das ist der Klang ihrer Welt, die zusammenbricht. Es ist die unsere, die wiederkehrt. Der Tag, der Tag war, wurde Nacht, und die Nacht wird der Tag sein, der Tag sein wird. Demokratie! Gerechtigkeit! Freiheit!“

Bildquelle: alertaduesseldorf.blogsport.deDie Zeilen von Marcos gaben der geräuschvollen Stille tausender zapatistischer Anhänger*innen, die an genau jenem Tag fünf Orte einnahmen, als sich der 13 B’aktún Maya-Zyklus schloss, wenige Stunden vor dem Gedenken an das Massaker von Acteal, eine Stimme. Etwa 8.000 Zapatist*innen marschierten gegen Mittag mehrere Stunden lang durch die Straßen von Palenque. In der Hauptstadt des Bundesstaates Chiapas, in San Cristóbal de las Casas, wurden 10.000 Zapatist*innen mobilisiert, in Ocosingo, wo 1994 der Aufstand der Zapatist*innen begann, waren es etwa 20.000 Indigene. Alle unbewaffnet und vermummt.

Zapatist*innen erstmals seit einem Jahr wieder in Städten präsent

Die Zapatist*innen der Region Selva Fronteriza des Caracol (wörtl. übersetzt: Seemuscheln, es handelt sich um die regionale Organisationsform der ZapatistInnen) La Realidad marschierten durch die Stadt Las Margaritas. Die Zapatist*innen der Region Tzotz Choj, des Caracol von Morelia marschierten durch Altamirano, Zapatist*innen der Region Selva Tzeltal vom Caracol La Garrucha marschierten in Ocosingo. Die Zapatist*innen aus dem nördlichen Chiapas, vom Caracol Roberto Barrios marschierten durch Palenque, die Zapatist*innen aus dem Hochland von Chiapas vom Caracol Oventic marschierten durch San Cristóbal de las Casas.

Etwa 8.000 Zapatist*innen, die aus den Dörfern der Sierra rings um Palenque stammen – Altamirano, Ocosingo oder Playa de Catasajá, marschierten in perfekter Formation durch Straßen dieser kleinen Stadt, die berühmt ist, weil sie eine der bedeutendsten alten Mayastädte ist. Es war das erste Mal seit einem Jahr, als die Zapatist*innen die „Bewegung für einen Frieden in Gerechtigkeit und Würde“ (Movimiento por la Paz con Justicia y Dignidad) und Javier Sicilia begleiteten, dass sie ihre Präsenz in den Städten zeigten, eine Demonstration der Stärke, um eine Botschaft an Präsident Enrique Peña Nieto, der gerade seine Amtsgeschäfte aufgenommen hat.

Gouverneur ordnet Zurückhaltung der Armee an

Die neue Regierung unter der Partei der Institutionellen Revolution PRI (Partido Revolucionario Institucional) hat reagiert: Der Gouverneur des Bundesstaats Chiapas, Manuel Velasco, hat eine Erklärung veröffentlicht, in der er der Armee die Anweisung gibt, jede Form der Zusammenstoßes mit den Aufständischen zu vermeiden, wie der Lokaljournalistist José Ángel Arias Valenzuela, der den Marsch der Zapatist*innen für die Zeitung von Palenque begleitete, gegenüber Otramérica erklärte. Der Marsch durch Palenque wurde denn auch von zwei Polizeipatrouillen begleitet, die die Gruppe durch die Hauptstraßen der Stadt geleitete und auch am Rathaus vorbeiführte.

Der Gouverneur ließ zudem in dieser Woche zwei Mitglieder der Unterstützungsbasen der Zapatist*innen frei sowie zwei ihrer Brüder, die seit Monaten im Gefängnis von Motozintla inhaftiert waren. Der neue Gouverneur Velasco Coello versuchte mit diesem Schritt eine Geste der Annäherung an die EZLN, ebenso wie mit seiner Rede bei seinem Amtsantritt am 8. Dezember. Dabei hatte er den politischen und kulturellen Beitrag der EZLN und der Junta del Buen Gobierno (Junta der Guten Regierungsführung). Außerdem setzte er den Haftbefehl gegen Alfonso Cruz Espinosa außer Kraft, einen anderen Aktivisten der Unterstützungsbasen.

Größte Mobilisierung seit Januar 1994

EZLN 21122012 /Bildquelle: www.alertaduesseldorf.blogsport.deObwohl die Zapatist*innen jahrelang wenig Präsenz bei ihren Aktionen gezeigt hatten ist klar, dass ein Großteil der Völker aus den Bergen von Chiapas, wo die Erben der Maya leben, hinter ihnen steht. Die Sozialanthropologin Adriana Leona Rosales verwehrte sich beispielsweise gegen die Meldungen einer angeblichen Apokalypse in Mexiko, denn „man erinnert sich zwar an die alten Maya, ignoriert und marginalisiert aber die Maya der Gegenwart“, die in einigen der ärmsten Dörfer des Landes leben, sowohl in Chiapas als auch auf der Halbinsel Yucatán. In Chiapas nutzten die Zapatist*innen den Aufruhr um den 21. Dezember 2012. In Palenque „hat man keine Angst vor ihnen, aber Respekt“, so der Journalist Arias Valenzuela.

Seit dem vergangenen 17. November sprach man offen von möglichen Mobilisationen der Zapatist*innen. An diesem Tag begingen sie den 29. Geburtstag der EZLN auf dem chiapanekischen Territorium. Am Abend dieses Tages wurde eine Nachricht auf der Seite Enlace Zapatista veröffentlicht, der offiziellen Seite der 6. Kommission der EZLN. Darin wurde eine baldige Wortmeldung des Klandestinen Revolutionären Komitees der Indigenen angekündigt. Die Mobilisierung des 21. Dezember ist die größte seit dem 1. Januar 1994.

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