Lateinamerika

Die Tendenzen des Drogenhandels


von Ricardo Soberón

Foto: Flickr/El_Enigma(Quito, 19. Juni 2011, alai).- Die lateinamerikanischen Staaten sind immer mehr in die Geopolitik des Drogenhandels verstrickt; sei es wegen der unkontrollierbaren Gewalt, der institutionellen Korruption oder der fehlenden Effizienz derjenigen Behörden, die den Drogenhandel eindämmen sollten.

In diesem Jahr besteht die UN-Konvention von 1961, das Einheitsabkommen über die Betäubungsmittel seit 50 Jahren und im nächsten Jahr wird dessen Grundlageabkommen, das Internationale Opiumabkommen von 1912, 100 Jahre alt. Doch gerade jetzt nehmen Verbrechen in Verbindung mit illegalen Handelsaktivitäten sowohl in Anzahl als auch an Intensität immer mehr zu. Scheinbar hat der Drogenhandel neue Möglichkeiten gefunden, Kontrollen zu umgehen. Gerade deswegen ist es sehr wichtig, die theoretische und faktische Situation und die aktuelle Zusammensetzung des Phänomens neu zu analysieren, um eine diesbezügliche Politik in Zukunft effektiver gestalten zu können.

Für die Anwendbarkeit dieser Analyse nehmen wir all jene Komponenten mit auf, aus welchen dieser Kreislauf der illegalen Ökonomie besteht, wie die Akteure, die daran teilnehmen oder ihn bekämpfen. Die Anpflanzungen, die Verbindungswege und die Handels- und Lagerplätze gehören zu den wichtigsten Aspekten. Das zweite Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts hat viele Protagonisten, die für die neuen Elemente dieses globalen Phänomens im Kontext von Mexiko, Zentralamerika und der Karibik, der Andenregion und des Cono Sur stehen. Diese sind:

Wirtschaftliche Integration durch illegale Agrarwirtschaft

1) Die ländlichen Gemeinden der Dritten Welt haben eine Form gefunden, sich an die neuen Zeiten der Globalisierung des 21. Jahrhunderts anzupassen. Die Integration in den Kreislauf des freien Markts erfolgt für sie über die Eingliederung in die illegale Agrarwirtschaft. So arbeiten z.B. nicht weniger als 300.000 Bauern der südamerikanischen Anden als Zulieferer der Grundstoffe Koka (200.000 ha), Mohn (1.500 ha)und nicht weniger als 1.000 ha Marihuana. Damit beliefern sie regionale bis internationale Märkte. Illegale Ökonomien begünstigen eine fortschreitende und unorganisierte Besiedlung des Amazonasgebietes, was nicht nur zu einer Zerstörung der Umwelt führt, sondern auch dazu, dass immer mehr ländliche Gemeinden in den Sog der Kriminalität hineingezogen werden.

Die Zusammenhänge zwischen Armut, Marginalisierung, Konflikt und Drogenhandel sind nach 25 Jahren Diskussionen und Debatten mehr als offensichtlich. Ein Beispiel hierzu ist die kolumbianische Drogenbekämpfungspolitik im Rahmen des „Plan Colombia“ (2002-2005). Die jeweiligen kolumbianischen Regierungen gingen mit harten militärischen Schlägen gegen die Guerillabewegung Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens FARC vor, ignorierten dabei jedoch Probleme wie die Konzentrierung von Landbesitz in wenigen Händen und die Existenz lokaler Mafias. Dies führte dazu, dass strukturelle Probleme, welche die Existenz der FARC erst ermöglichen und vereinfachen, nicht gelöst werden konnten und die FARC innerhalb der Bauernschaft als eine Alternative betrachtet wird.

Ursachen des Krieges in Peru bestehen fort

Ähnlich vollzog sich die Entwicklung in Peru: 1980 entstand die maoistische Guerillabewegung „Sendero Luminoso“ und erst nach fast 20 Jahren blutigen Bürgerkrieges wurde ihr Anführer Abimael Guzmán gefangen genommen. 18 Jahre später kann Peru auf eine ökonomische Wachstumsphase mit finanzieller Stabilität schauen, welche vorwiegend am engen Streifen der peruanischen Küste (Lima, Trujillo, Arquipa und Piura) spürbar ist, während die indigenen Gemeinden und die Einwohner*innen der Anden und der hochgelegenen Regenwaldregionen östlich der Anden immer noch auf niedrigsten Entwicklungsstandards weiterleben müssen.

Interessanterweise überlebten in denjenigen Tälern, in denen die Hauptproduktion der für den Drogenhandel bestimmten Kokapflanzen stattfindet, die beiden Strömungen des „Sendero Luminoso“, welche die Konfrontation mit dem neoliberalen Staat aufrecht erhalten, der durch die Regierungen von Alejandro Toledo (2001-2006) und Alan García (2006-2011) repräsentiert wird. Dieser Krieg findet weiterhin isoliert statt, während die sozialen und ökonomischen Bedingungen als Ursachen des Krieges weiterhin fortbestehen. Daher ist eine Politik, welche auf der zwanghaften Vernichtung illegaler Anpflanzungen beruht, ohne dabei auf die strukturellen Probleme der Landarmut einzugehen, unnütz und verheerend. Dies stellt eine enorme Herausforderung für die nächste Regierung dar.

Drogenhandel wird fragmentiert

2) Eine Variable, die den Drogenhandel in den nächsten Jahren kennzeichnen wird, ist die zunehmende Fragmentierung seiner einzelnen Phasen. Vom Anbau bis zum Export der Endprodukte findet nicht nur ein Prozess der Entmündigung staatlicher Kräfte statt. Sondern dieser Prozess erlaubt auch eine zunehmende Teilnahme sozial wenig geschützter Gruppen an dem illegalen Kreislauf. Diese Gruppen haben keine Teilhabe an dem globalen Wirtschaftsmodell, wie Jugendliche, Migrant*innen, Frauen und Landbevölkerung.

So werden Tausende von südamerikanischen Migrant*innen, die auf ihrem langen Weg in den entwickelten Norden zum Objekt von Erpressung und Drohung durch Drogenschmuggler werden, die von ihnen den Transport von kleinen Mengen Drogen in ihren Körpern verlangen. Für die nächsten Jahre wird der Kleinschmuggel der effizienteste und kostengünstigste Mechanismus für das organisierte Verbrechen werden. So werden gewaltige Mengen an Arbeitskraft aufgebracht und die dürftige staatliche Kontrolle noch weiter zerstreut.

Die strafrechtliche Unfähigkeit der Staaten, ihre Aufmerksamkeit auf das komplexe organisierte Verbrechen zu konzentrieren, führt dazu, dass sich in den Gefängnissen die sozial schwächsten Akteure ansammeln, wie der Zuwachs der wegen Drogendelikten Inhaftierten (vor allem Frauen) zeigt. So wird denn die Gefängnisindustrie durch die wahllose polizeiliche Repression begünstigt, da höhere Ausgaben in der Konstruktion von neuen Gefängnisanstalten anfallen.

Orte ohne staatliche Kontrolle

Dieses neue soziologische Szenario der Drogenwirtschaft schließt große geographische Teile ein, welche von staatlicher Präsenz und Fortschritt ausgeschlossen sind. Dies findet sowohl im urbanen Bereich statt (marginalisierte Stadtviertel in allen größeren Städten), als auch in weit entlegenen ländlichen Gebieten (v.a. in den Grenzgebieten wie dem Dreiländereck des Amazonasgebiets). So werden die großen urbanen Zentren der Entwicklung und Modernität dieses Kontinents von großen Flächen der Armut, Illegalität und Gewalt umgeben sein.

Das ist der Fall in den “comunas” in Medellín, der Favela von Rocinha in Rio de Janeiro, den “villas” in Buenos Aires, in der Satellitenstadt El Alto in Bolivien und in den informellen Vierteln der Hafenstadt Callao in Peru, wo angesichts geringer Handlungsfähigkeit von Polizei und Armee konkrete kriminelle Interessen aufeinandertreffen. Es fehlt nicht viel, um hier an die einen “failed state” zu denken, denn die von jeglicher Präsenz staatlicher Autorität “befreiten” Orte werden in Lateinamerika zunehmen. Genauso wie die Anzahl von Firmen, kleinen Kartellen, Gangs und anderen kriminellen Organisationen kleineren Ausmaßes, welche in den Drogenschmuggel eingebunden sind.

Symbolische Aktionen statt nachhaltige Entwicklung

3) Der Rückgang der internationalen wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit Europa, USA und den internationalen Organen ist immer offenkundiger – abgesehen von vereinzelten Kooperationen wie z.B. der Mérida Initiative oder den Plan Colombia. Das verursacht den Hungertod von Organisationen wie der Internationalen Kontrollkommission gegen den Drogenmissbrauch CICAD oder dem Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung UNODC. So haben Bemühungen für alternative Entwicklung in der Amazonasregion am Fuß der Anden keine reale Chance mehr.

Letztendlich verdeutlicht diese Situation einen definitiven Bruch mit der sogenannten Wiener Konvention von 1988 (ein Übereinkommen gegen den unerlaubten Verkehr mit Suchtstoffen und psychotropen Stoffen), welche im Rahmen der internationalen Antidrogen-Verträge von 1912 (Internationales Opiumabkommen), 1961 (Einheitsabkommen über Betäubungsmittel) und 1971 (Psychotropen-Übereinkommen) wirkte. Die jetzige Situation zwingt die Nationalstaaten, auch noch so geringe finanziellen Ressourcen einzusetzen oder von lokalen Strategien abzulassen und durch symbolische und wenig effiziente Aktionen zu ersetzen.

Unter diesen Umständen ist es offensichtlich, dass wir, die lateinamerikanischen Staaten, unser Modell, unsere Strategien, Politiken und Gesetze über Drogen überarbeiten sollten – auf der Basis dessen, was möglich, durchführbar und messbar ist. Wir sollten den „Krieg ohne Sinn“ beenden, der vom Norden propagiert wird, um zu unseren Wurzeln zurück zu finden, zu unseren Problemen der Armut und Ausgrenzung, welche im Zusammenhang mit dem Konsum und der Produktion von illegalen Substanzen stehen. Ebenfalls sollten die Bedingungen, unter welchen der Austausch und der internationale Handel mit Europa, Asien und USA stattfindet, neu definiert werden.

Sinkende Preise bei steigender Qualität

4) Die Muster des Drogenkonsums einer neuen Generation von Jugendlichen sind genauso unvorhersehbar, wie präventive und/oder Abschreckungspolitik unwirksam ist. Auf der anderen Seite stehen die neuen Generationen von Lateinamerikaner*innen einem erweiterten Markt an psychoaktiven Substanzen gegenüber, welcher den Drogenkonsum anregt: sinkende Preise bei steigender Qualität von Drogen, das scheint die unbestreitbare Tendenz zu sein.

Das fehlende gemeinsame Vorgehen der staatlichen Behörden im Bereich des unkontrollierten Gebrauchs von Alkohol und Tabak zeigt Konsequenzen im Bereich illegaler natürlicher als auch synthetischer Drogen. Im Cono Sur und in bestimmten Megastädten Südamerikas zeigt der Drogenmissbrauch immer alarmierendere Zahlen.

Formen der Geldwäsche nehmen zu

5) Bezogen auf die Geldwäsche befinden wir uns in einer Situation, in welcher sowohl die wirtschaftliche Expansion einiger Schwellenwirtschaften als auch Krisenperioden den Fluss von schmutzigen oder verdächtigen Kapital ermöglichen und weniger nachvollziehbar machen. Die Formen der Geldwäsche haben die Prognosen des Arbeitskreises Maßnahmen zur Geldwäschebekämpfung GAFI übertroffen. So haben wir es heute mit der Präsenz von nicht registrierten Firmen in Steueroasen zu tun, welche geheim gehaltene Services anbieten. Legale Gewerbe wie Konstruktion, Tourismus und der Exportsektor werden durch den Drogenschmuggel infiltriert.

Diese Formen, die der Drogenschmuggel in Lateinamerika gegenwärtig annimmt, sind durch die oben genannten fünf Punkte charakterisiert. Neue Instanzen wie die Union Südamerikanischer Staaten UNASUR sollten dies beachten, wenn neue Strategien und Politiken zur Bekämpfung dieser komplexen Probleme diskutiert werden.

(Ricardo Soberón ist internationaler Analyst und Spezialist in Drogen-, Sicherheits- und Grenzpolitik. Er ist Direktor des peruanischen Forschungszentrums für Drogen und Menschenrechte CIDDH).

 

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