Zwei Drittel der meistverkauften Pestizide sind in der EU verboten

Pestizide
Aufgetürmte leere Pestizid-Kanister, davor ein Mitarbeiter der Umweltbehörde
Foto: Ibama, Operação Deméter, Bahía via wikimedia
CC BY 2.0

(Brasilia, 1. August 2026, Agência Brasil).- Von den zehn in Brasilien am meisten verkauften Agrargiften sind sieben in der Europäischen Union verboten, was jedoch nicht verhindert, dass diese Produkte von europäischen Unternehmen nach Brasilien exportiert werden. Die Geographin Larissa Mies Bombardi, Forscherin beim IRD (Institut de Recherche pour le Développement, Forschungsinstitut für nachhaltige Entwicklung) in Frankreich, untersucht den Einsatz von Pestiziden und die Verbindungen mit der Weltwirtschaft seit ungefähr 15 Jahren und spricht von „chemischem Kolonialismus“ . Agrargifte, also in der Landwirtschaft zum Schutz der Pflanzen vor Schädlingen, Krankheiten und Unkraut verwendete Chemikalien, können schädliche Auswirkungen auf die Umwelt und die Gesundheit von Mensch und Tier haben, weswegen einige außerhalb Brasiliens verboten seien, so Bombardi. Brasilien unterwerfe sich dem chemischen Kolonialismus, indem es auf seinen Böden die Verwendung von Stoffen zulasse, die in der EU verboten seien und nach Brasilien exportiert werden. „Sie sind verboten, weil sie krebserregend sind oder fetale Fehlbildungen oder andere Hormonstörungen hervorrufen oder schwere Umweltschäden verursachen“, erklärt sie. Hier die in Brasilien am meisten verwendeten Pestizide (Stand 2023) laut „Woche der Wissenschaft“:

Glyphosat und seine Salze

Mancozeb – in der EU verboten

2,4-D (2,4-Dichlorphenoxyessigsäure) – in der EU verboten

Acephat – in der EU verboten

Chlorthalonil – in der EU verboten

Atrazin – in der EU verboten

S-Metolachlor – in der EU verboten

Glufosinat (Ammoniumsalz)

Malathion

Diquatdibromid – in der EU verboten

Larissa Bombardi sprach am 31. Juli auf einer Konferenz im Rahmen der 78. Jahrestagung der brasilianischen Gesellschaft für den Fortschritt der Wissenschaft (SBPC), die in der Universidade Federal Fluminens (UFF) in Niterói in der Metropolregion Rio de Janeiro stattfand. Die SBPC ist eine gemeinnützige nichtstaatliche Einrichtung zur Förderung des wissenschaftlichen und technologischen Fortschritts. Die Woche voller Seminare und Debatten brachte vor allem Studierende, Lehrende und Forschende zusammen.

Auswirkungen der Umweltgifte

Die Geographin wies auf die Schäden für Umwelt und Fauna hin und führte an, dass in den zehn Jahren zwischen 2009 und 2019 die Zahl der Insekten weltweit um 41 Prozent zurückging. Im Fall der Schmetterlinge waren es sogar 53 Prozent. Die genannten Daten werden in der Studie Pestizidatlas 2022 der Heinrich-Böll-Stiftung aufgeführt, der parteinahen Stiftung von Bündnis 90/Die Grünen. „Es handelt sich um Substanzen, die Auswirkungen auf die Insekten haben, und somit auch Auswirkungen auf die Biodiversität. Deswegen sind sie in der Europäischen Union verboten.“ Ein anderes vorgebrachtes Beispiel ist die Verwendung des Herbizids Atrazin, das in Brasilien das am sechstmeisten verkaufte ist: Es kann Anomalien in Amphibien bis hin zur Änderung des Geschlechts verursachen, was zu einer Auslöschung der Weibchen führen kann.

Kolonialismus

Brasilien das Hauptziel für den Export von in der EU verbotenen Agrargiften, so die Geographin. 3000 Tonnen allein im Jahr 2023 und somit mehr als die Menge, die von der Ukraine, den USA und Russland zusammen importiert worden sei (2600 Tonnen). Zudem werde der Markt für schädlingsresistentes Saatgut und für Agrargifte von vier Firmen dominiert werde, von denen zwei europäisch seien: die beiden deutschen BASF und Bayer. Zusammen mit der amerikanischen Corteva und der chinesischen Sinochem kontrollieren sie 51 Prozent des Saatgutmarkts und 62 Prozent des Pestizidmarkts. Diese Struktur sei das Ergebnis einer langen Reihe von Fusionen und Übernahmen. „Der Kapitalismus hat sich organisiert“, betont Bombardi. Diese neue Art von Kolonialismus sei vergleichbar mit der Zeit der Sklaverei. „Wir hatten europäische Unternehmen, die Menschen in die Versklavung verkauften, während die Versklavung von Menschen auf europäischem Gebiet undenkbar war“, führt sie aus. „Der Kolonialismus hat nie ohne Kolonialität existiert.“ Der größte Teil des Landes liege in den Händen von Großgrundbesitzer*innen. „Wir werden nie die Verwendung von Agrargiften in Brasilien verstehen, wenn wir nicht die Bodenfrage verstehen“, meint Bombardi. „Unabhängig von den Regierungen diktiert diese Klasse, die das Land in Brasilien kontrolliert, die Regeln“.

Leben außerhalb Brasiliens

Momentan lebt Larissa Bombardi in Belgien, wo sie auch Forscherin des Labors für Agrarökologie der Freien Universität Brüssel ist. Sie hat sich vom Fachbereich Geographie der Universidade de São Paulo (USP) beurlauben lassen und Brasilien 2021 den Rücken gekehrt, weil sie sich in ihrem Land nicht mehr sicher fühlte. 2019 hatte sie einen Atlas veröffentlicht, in dem sie die Anwesenheit von Pestizid-Rückständen in brasilianischen Lebensmitteln darstellte. Anschließend häuften sich die Drohungen gegen sie.

Mobilisierung

Die Forscherin glaubt, dass Brasilien als Agrarmacht und als einer der weltweit größten Verbraucher von Pestiziden die Fähigkeit hat, Protagonist bei den Bemühungen um eine internationale Regulierung dieser landwirtschaftlichen Betriebsmittel und um mehr Anreiz für landwirtschaftliche Familienbetriebe zu sein.

Gesetzgebung

Hier in Brasilien gilt seit 2023 das Gesetz 14.785, bekannt als „Gesetz der Agrargifte“, das Kriterien für den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln festlegt. Die Gesetzgebung schreibt vor, dass die Registrierungen vom Ministerium für Landwirtschaft und Viehzucht (MAPA) vorgenommen werden. Zu dem Verfahren gehört auch eine toxikologische Bewertung durch die Nationale Behörde für Gesundheitsüberwachung (Anvisa), die an das Gesundheitsministerium angebunden ist. Außerdem erfolgt noch eine Umweltverträglichkeitsprüfung durch das Brasilianische Institut für Umwelt und erneuerbare natürliche Ressourcen (Ibama), das dem Ministerium für Umwelt und Klimawandel (MMA) zugeordnet ist. Gegenüber Agência Brasil teilte die Anvisa mit, das jedes Land „seine eigenen Regeln für die Erteilung und Aufrechterhaltung von Produktzulassungen“ habe. Die Behörde fügte hinzu, dass nach der Erteilung der Zulassung diese unbegrenzt gültig sei. Allerdings, so führte die Anvisa weiter aus, sehe die Gesetzgebung eine erneute Prüfung (Neubewertung) der in Brasilien zugelassenen Produkte vor, wenn es Hinweise auf Gefahren oder Risiken für die menschliche Gesundheit oder die Umwelt gebe oder wegen mangelnder agronomischer Effizienz. „Diese kann zu einer Beibehaltung eines Produkts, der Auferlegung von spezifischen Einschränkungen oder seinem Verbot führen.“

Verkauf von Substanzen trotz Verbot der enthaltenen Wirkstoffe

Wie die Anvisa mitteilte, hat sie seit 2006 zwanzig Neubewertungen vorgenommen. In Folge dieser Neubewertungen wurden dreizehn Wirkstoffe von Pestiziden verboten. Dabei handelt es sich um folgende: Carbendazim, Cyhexatin, Carbofuran, Endosulfan, Phorat, Lindan, Methamidophos, Monocrotophos, Paraquat, Parathion-methyl, Pentachlorphenol, Prochloraz und Trichlorfon. Diese sind Inhaltsstoffe von Hunderten von auf dem Markt befindlichen Produkten. Für sechs der neu bewerteten Wirkstoffe, die zwar ihre Zulassung behielten, wurden Auflagen verhängt, um die festgestellten Risiken abzumildern (2,4-D, Abamectin, Acephat, Phosmet, Glyphosat und Thiram). Ein einziges behielt seine Zulassung ohne Einschränkungen (Lactofen). Laut Angaben der Behörde wurden von den sieben Wirkstoffen, die auf der letzten der von der Anvisa veröffentlichten Liste der neu zu bewertenden Substanzen stand, einer verboten (Carbendazim), während sich vier bereits im Prozess der Neubewertung befinden (Thiophanat-methyl, Epoxiconazol, Procymidon und Chlorpyriphos) und zwei auf deren Beginn warten (Linuron und Chlorthalonil).

Übersetzung: Christa Röpstorff

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