Eine der ältesten Mütter der Plaza de Mayo in Argentinien verstorben

Von Elisa Lorenz

Die Madres und Abuelas suchen bereits seit zwei Generationen nach Verschwundenen in Argentinien. Das Bild stammt aus dem Jahr 1982 / Foto: abuelas.org.ar
Die Madres und Abuelas suchen bereits seit zwei Generationen nach Verschwundenen in Argentinien. Das Bild stammt aus dem Jahr 1982 / Foto: abuelas.org.ar

(23. November 2017, amerika21).- Die Vorsitzende der Gründungslinie der Mütter der Plaza de Mayo, María Marta Ocampo de Vásquez, ist am Samstag mit 90 Jahren in einer Klinik in Buenos Aires gestorben. Sie war seit einigen Tagen wegen einer Lungenentzündung in Behandlung. Nun trauern viele Argentinier öffentlich um die engagierte Menschenrechtsaktivistin.

Würdigung ihres Einsatzes für die Menschenrechte

In den digitalen Medien gedenken soziale Bewegungen und Politiker*innen unter dem Hashtag #MartaVásquez der Verstorbenen, darunter die Organisation der Großmütter der Plaza de Mayo sowie der Kinder H.I.J.O.S. Capital. Die derzeitige Senatorin der Provinz Buenos Aires und ehemalige Präsidentin Cristina Kirchner twitterte: „Der Abschied von unserer geliebten Marta Vásquez schmerzt. Ihr Kämpfen und ihr Einsatz sind ein Vorbild fürs Leben.“ Pressestimmen aus Ecuador und Kuba gedenken des Lebenswerks der Menschenrechtlerin.

Das nationale Instituto Espacio para la Memoria würdigt Vásquez Beitrag zur Internationalen Konvention zum Schutz vor dem Verschwindenlassen. Durch die Konvention der Vereinten Nationen konnte das gewaltsame Verschwindenlassen als Straftatbestand in die argentinische Gesetzgebung aufgenommen werden. Erst dadurch wurde die Strafverfolgung und Durchsetzung der Strafen gegen die Diktaturverbrechen in Argentinien in jahrelangen Prozessen möglich.

Vásquez’ Tochter, María Marta, „verschwand“ am 14. Mai 1976 zusammen mit ihrem Mann César Amadeo Lugones Casinelli. Auf der Suche nach ihr und ihrem Schwiegersohn erfuhr die Mutter von der Schwangerschaft ihrer Tochter und suchte bis zuletzt auch nach ihrem Enkel. Die Großmütter der Plaza de Mayo, die inzwischen den 125. während der argentinischen Militärdiktatur (1976-1983) vermissten Enkel gefunden haben, wollen Vásquez‘ Suche auch nach ihrem Tod fortführen.

Bis zuletzt keine Gewissheit

Wie viele der suchenden Mütter fehlte Vásquez bis zu ihrem Tod die Gewissheit über den Verbleib ihrer Familie. Für ihren Einsatz für die Bewegung der Madres zur Aufarbeitung der Menschenrechtsverbrechen erhielt sie 2012 den Titel „Herausragende Persönlichkeit zum Schutze der Menschenrechte“ des Kongresses der Stadt Buenos Aires. 2013 sagte Vásquez im dritten Mammutprozess gegen die Diktatoren zu den Verbrechen in der ehemaligen Marineschule ESMA aus, die von der Militärmacht zum geheimen Folterlager umfunktioniert worden war. 2015 nahm Vásquez im Namen der Gründungslinie der Mütterorganisation die Ehrendoktorwürde der Universität von La Plata entgegen.

Einige Medien greifen anlässlich ihres Ablebens aktuelle Entwicklungen der Menschenrechtspolitik auf. Dazu zählt etwa die Verabschiedung des „Zwei-für-Eins-Gesetzes“ im Mai. Es bescherte den inhaftierten Militärs teilweise deutliche Strafverkürzungen. Auch die „Kultur des Leugnens“ führender Politiker des Regierungsstabs von Präsident Mauricio Macri wird von großen Teilen der argentinischen Öffentlichkeit heftig kritisiert. So sorgen auch die Auftritte des jüngst nach Berlin entsandten Kultursonderbeauftragten Darío Lopérfido nach wie vor für Proteste, weil der Kulturfunktionär Verbrechen der Diktatur heruntergespielt hatte. Argentinische Medien diskutierten die These, nach der Lopérfido in der argentinischen Botschaft in Berlin für den Geheimdienst des südamerikanischen Landes tätig ist.

(Mit Informationen von página12 / apporea)

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