„Die Räumungen sind die Fortsetzung der Wüstenkampagne“

 

Wüstenkampagne
Lof Quemquemtrew -Rio Negro
Foto: Colectivo Luan via Minga – terra viva

(Villa La Angostura 7. September 2026, tierra viva).- Ein fester Händedruck zur Begrüßung, eine ruhige Stimme. Lucas Melo ist Lonko einer Mapuche-Gemeinschaft, die in Villa La Angostura ihr Territorium verteidigt und sich gegen Räumung wehrt. Der 56-Jährige lädt uns in sein Haus im Stadtteil Las Piedritas ein. Lucas erzählt uns von seiner Kindheit, vom Militärdienst und der Wiedererlangung seiner Mapuche-Identität, von der Arbeit auf dem Feld, der Ermordung seines Großvaters und der Enteignung des Landes, von der Diktatur über den Peronismus bis hin zu Milei. Seine Lebensgeschichte spiegelt das Schicksal eines jahrtausendealten Volkes, das mit den sieben Buchstaben das Wichtigste deutlich macht: ma-puche – Menschen der Erde. Wie hat sich die indigene Bevölkerung neu organisiert, worin besteht ihr heutiges politisches Engagement?  Lucas‘ Gemeinschaft hat jahrzehntelange Gebietsstreitigkeiten hinter sich. Lucas‘ Großvater Marcos Melo wurde während der Diktatur von Juan Carlos Onganía (1966-1970) ermordet. Die sterblichen Überreste seines Vaters sind auf dem Gebiet begraben, auf das sich eine Familie belgischer Herkunft Anspruch erhebt. Die Familie behauptet, das über 600 Hektar große Grundstück in einer der begehrtesten Gegenden Patagoniens gekauft zu haben, hat nie dort gewohnt und die entsprechenden Dokumente niemals vorgelegt. Ende August unternahm die Polizei von Neuquén mit der Nationalgarde einen Räumungsversuch. Dahinter standen unternehmerische,politische und juristische Interessen. Die Mapuche kontern mit ihrem von der Nationalverfassung anerkannten Vorrang sowie einer historischen Erinnerung, die trotz staatlicher Gewalt nicht ausgelöscht wurde.

Räumungsaktion und Widerstand

„Unser Räumungsbefehl war für den 20. August ausgestellt, aber sie kamen einen Tag früher“, erzählt Lucas Melo. „Hier leben zwei Gemeinschaften, Melo und Quintriqueo. Das Ganze verlief nicht konform mit den Vorschriften, wir bekamen nicht einmal das Recht, uns zu verteidigen. Aber sie konnten das nicht einfach durchziehen, weil es kein Protokoll foür die Kinder gab. Der gesamte Prozess war falsch. Wir bleiben hier, zusammen mit dem Lof Quintriqueo, wehren uns gegen die Räumung und verteidigen unser Land. Wir befinden uns jetzt also im Widerstand.“ Das Gebiet liegt am Kilometer 2082 der Nationalstraße 40, am bekannten Paso Coihue, zwischen Villa La Angostura und Bariloche. Drei Tage nach Beginn der Razzia, am Samstag, dem 22. August, kam es zu einer großen Mobilisierung aus verschiedenen Orten in Río Negro und Neuquén: Eine Autokolonne aus Hunderten von Fahrzeugen mit mehr als tausend Menschen traf ein, um ihre Solidarität mit den Gemeinden zu bekunden. „Wir können auf die bedingungslose Unterstützung vieler Menschen zählen – Arbeitnehmer*innen, soziale Organisationen und Mapuche-Gemeinschaften. Dafür sind wir superdankbar; es hat sich mal wieder gezeigt, dass wir nicht allein sind und dass wir in diesem Gebiet bleiben werden, auch wenn die Regierung der Provinz Neuquén noch soviel Schlechtes anrichtet, denn wir gehören hierher und haben mittels staatlicher Dokumente unser Recht auf dieses Gebiet nachgewiesen – wir waren schon hier, bevor das hier überhaupt Argentinien war“, erklärt Lucas.

Erst Mord, dann Enteignung

Am 26. August, nachdem der Fall über die Grenzen Neuquéns hinaus mediale Aufmerksamkeit erlangt hatte, setzte der Richter den Räumungsbefehl aus, traf aber keine Entscheidung zur eigentlichen Streitfrage, nämlich wem das Land denn nun gehört. „Klar ist nur, dass María Cristina Broers, die Erbin des belgischen angeblichen Käufers keinen Eigentumsnachweis hat, dass sie nicht Eigentümerin des Grundstücks ist, dass sie es nicht gekauft hat und dass wir seit Mitte des 19. Jahrhunderts hier leben.“ Sein Großvater sei schon wegen dieses Konflikts ermordet, sein Vater mit all den Tieren vertrieben worden, seine Familie sei umhergezogen auf der Suche nach einem Ort zum Leben, bis ihnen klar wurde, dass dies ihr Land ist und sie mit der Rückeroberung begannen. „Diese Leute behaupten, seit 40 Jahren Eigentümer zu sein, aber niemand kennt sie, sie haben hier nie gewohnt oder irgendwas gebaut. Wir haben unseren Vater hier beerdigt, und wir bleiben, weil hier unsere Vorfahren gelebt haben und dieses Land unseren Kindern und Enkeln gehören wird. Diese Menschen müssen einsehen, dass das hier Gemeinschaftsland der Mapuche ist und dass wir das Land, das Wasser, den Wald und die Luft schützen. Und das ist nicht nur gut für die Mapuche, sondern für alle.“

TV: Was ist die Geschichte Ihres Großvaters?

LM: Mein Großvater wurde während der Onganía-Diktatur tot aufgefunden. Uns war immer klar, dass es auch da um diese Eigentumsfrage ging, denn die Leute wollten das Land, auf dem er lebte, wo seine Kinder aufwuchsen, wo er seine Frau und einige seiner Kinder begraben hatte. Ursprünglich hatte mein Großvater Probleme mit der Nationalparkverwaltung: Sie vertrieben ihn in einen anderen Teil seines Landes, er musste ein paar Kilometer weiterziehen und sich dort ein neues Leben aufbauen, nahe dem Ort, wo jetzt meine Ruka (Haus) steht. Und eines Tages haben sie ihn dort gefunden, tot. Dieser Ort ist seither unbewohnt.  Die Nationalparkverwaltung behauptete weiter, es sie ihr Land, bis im Jahr 1975 dieser Belgier Luis Broers auftauchte und erklärte, er wohne in Mar del Plata und sei der Eigentümer. Zufällig arbeiteten meine Onkel zu dieser Zeit in Mar del Plata. Bestimmt hat er sich mit einem von ihnen unterhalten und sich dann zum Eigentümer erklärt. Damals lebte mein Vater noch und sagte, das sei nicht wahr, dieses Land gehöre uns. Aber der Belgier ließ sich hier nieder und erzählte überall herum, das Land meines Großvaters sei seins, dabei hat er dort nie etwas gebaut oder dort gewohnt.

TV: Wie haben Sie darauf reagiert?

LM: Wir waren noch Kinder, sieben oder acht Jahre alt, aber wir sagten immer: Eines Tages kommen wir zurück. Wir erinnerten uns an einen Apfelbaum am Straßenrand, von dem wir wussten, dass er zum Haus unseres Großvaters gehörte. Wir wuchsen mit dem Gedanken auf, zurückzukehren.

TV: Und wann sind Sie zurückgekehrt?

LM: Im Jahr 2011. Eine Nichte, María Cristina Broers, erstattete Anzeige gegen uns. Wir wurden immer wieder vor Gericht vorgeladen, aber sie erschien nicht. Das Grundstück umfasste schon immer beide Gemeinschaften, die Lof Quintriqueo und uns.

TV: …und dann kam das Verfahren ins Rollen …

LM: Es war ein ständiges Hin und her, und seit 2018 liegt nun der Räumungsbefehl vor. Es gab etwa sechs verschiedene Richter, einige haben sich verzogen, sehr seltsam alles. Und wir haben immer wieder darauf bestanden zu erfahren, was mit unserem Großvater passiert ist. Irgendwann haben wir dem Belgier auch mal vorgeschlagen, mit der Nationalparkverwaltung zu sprechen, um deren Version der Geschichte zu erfahren, doch der hat uns wütend weggeschickt und uns sogar damit gedroht, uns zu erschießen.

TV: Um wie viele Hektar geht es?

LM: Das Weidegrundstück umfasst 625 Hektar, aber das Gebiet ist größer, denn die Sommerweide liegt außerhalb der Weidefläche. Wir stammen von den Leuten des cacique Sayhueque, ab, der in diesem Gebiet ansässig war, das bis zum Ufer des Nahuel Huapi und sogar bis in das Gebiet von Muelle de Piedra reichte, das heute ein Country-Club ist. Die 625 Hektar und die Sommerweide liegen neben dem Lof Quintriqueo, mit dem wir schon immer sehr gute Beziehungen pflegen.

TV: Hatten Sie die Bestandsaufnahme gemäß dem nationalen Gesetz 26.160?

LM: Ja, und wir haben die technischen Unterlagen, aber den Rechtstitel haben sie uns nicht zugestellt. Die nationale Regierung kommt dem nicht nach, und das hat politische Gründe, denn sie weiß, dass dies ein weiteres Instrument wäre, um das Gebiet zu verteidigen.

Auslöschung und Wiedergewinnung der indigenen Identität

Mit sechs Geschwistern ist Lucas in Neuquén, geboren und aufgewachsen, zunächst im Viertel „El Puerto“ und später im Stadtteil Las Piedritas, einem Arbeiterviertel von Villa La Angostura. Es war üblich, schon die Kinder zur Arbeit zu schicken: Sie hackten Holz, fütterten die Hühner, hüteten Schafe, halfen bei der Kartoffelernte oder sortierten das Saatgut. Im Sommer wurde Gras gemäht, um es für den Winter zu lagern. Ab dem 12. Lebensjahr war es üblich, dass die Kinder in der Landwirtschaft halfen. Sowohl sein Vater als auch seine Brüder und er selbst arbeiteten auf verschiedenen Farmen, deren Besitzer aus Buenos Aires oder dem Ausland stammten und über viele Hektar Land verfügten, das ihnen durch die sogenannte Wüstenkampagne zugefallen war. So lernte Lucas, mit Tieren umzugehen, Zäune zu reparieren, Weiden zu wechseln und Brennholz zu hacken. Er ging vor 7 Uhr morgens aufs Feld und kam erst nach 17 Uhr zurück. Er lernte auch das Tischlerhandwerk und fand schließlich zu seinem Beruf: Pferdedompteur. Außerdem musste er seinen Wehrdienst ableisten. „Viele Leute sagen, sie wünschten sich die Wehrpflicht zurück, aber wir haben den Wehrdienst absolviert und er hat uns nichts gebracht“, erklärt er.

TV: Schule, Wehrdienst, Fahneneid… Wie haben Sie Ihre Mapuche-Identität zurückgewonnen?

LM: In der Schule, im Dorf oder auf dem Feld haben sie uns immer „die Indianer“ genannt, aber wir haben das gar nciht richtig kapiert. Die Tendenz ging zum Verleugnen, weil es verpönt war. Ich glaube, die Suche nach der Identität begleitet einen immer, bis man sich irgendwann bewusst wird. Bei manchen kommt das früher, bei anderen später. Bei uns war es, als die Älteren zu sterben begannen.

TV: Haben Ihr Vater oder Ihre Mutter die Mapuche erwähnt oder Mapuzungún gesprochen?

LM: Mein Vater sprach Mapuzungún. Aber die Älteren sagten uns, wir sollten es nicht sprechen, denn wenn die Militärs uns hören würden, würden sie uns ordentlich verprügeln.

TV: Wie kam es zur Wiederentdeckung Ihrer Mapuche-Identität?

LM: Das fing im Jahr 2005 an, da haben wir in Villa La Angostura ein großes Treffen mit den Leuten der Bibliothek „Osvaldo Bayer“ veranstaltet, bei dem es um die Geschichte der ersten Siedler*innen ging. Wir haben unsere Vorfahren zurückverfolgt und herausgefunden, woher wir stammen. Aber der Prozess der Identitätsfindung ist etwas Kontinuierliches. Du hast nicht deine Identität wiederentdeckt, nur weil du herausgefunden hast, wer dein Großvater war. Das geht immer weiter. Es ist ein Identitätsprozess, unserer wurde zunächst durch die Wüstenkampagne ausgelöscht, oder zumindest war das das Ziel, aber das Ganze endete nicht 1884, als sie bis an die Küste des Nahuel Huapi vordrangen, sondern dauert bis heute an.

TV: Inwiefern?

LM: Die Vertreibungen gingen immer weiter, bis heute, und das ist die Fortsetzung der Wüstenkampagne. Die Landbesetzungen durch multinationale Konzerne setzen sich fort, und unsere Suche nach Identität genauso, unser Identitätsprozess und die Suche nach den Menschen, die während der Wüstenkampagne verschleppt wurden. Im Museum von La Plata befinden sich noch immer die Überreste von Mapuche, die dorthin gebracht wurden.

TV: Mischt sich in diesem Identitätsprozess auch das Selbstverständnis als Siedler*in, Bäuerin, Viehzüchter*in und Indigene?

LM: In der Schule und im Dorf nannten sie uns auch Gauchos. Deshalb haben wir uns immer so gefühlt. Später wurde uns klar, dass es keinen Unterschied zwischen dem Gaucho, dem Siedler, dem Viehzüchter und dem Mapuche gibt. Wir haben dieselbe Art zu leben, dieselbe Art zu sein, und wir sind stolz darauf – was manchen manchmal nicht gefällt –, aber wir wissen, dass wir zu diesem Land gehören. Vielen Viehzüchtern und Dorfbewohnern fällt es schwer, sich als Mapuche zu bezeichnen, weil sie den Verlust ihrer Identität noch nicht überwinden können. Sowohl die Wüstenkampagne als auch die letzte Diktatur haben uns unserer Identität beraubt, und das ist für uns heute noch schlimm. Noch heute fällt es vielen jungen Menschen schwer, sich dazu zu bekennen, dass sie einer Mapuche-Gemeinschaft angehören.

TV: Wie wirken sich die Mapuche-feindlichen Umtriebe aus, die es in Villa La Angostura und in Bariloche gibt?

LM; Es gibt Mapuche-feindliche Organisationen in ganz Patagonien, sowohl in Argentinien als auch in Chile. Eine wiederkehrende Frage ist: „Wieso haben die Mapuche hier und in Buenos Aires Landansprüche?“ Die Leute haben keine Ahnung davon, dass die Mapuche während der Wüstenkampagne über das ganze Land verschleppt wurden. Und die Lüge, dass die Mapuche Argentinien oder die Flagge ablehnen, hört man auch ziemlich oft. Ich habe meinen Wehrdienst abgeleistet, den Fahneneid geleistet und fühle mich dem Land verbunden. Und viele Menschen, die sich als Vorzeigeargentinier*innen betrachten, verkaufen ihr Land an (Joe) Lewis und andere aus dem Ausland.

TV: Wann habt ihr beschlossen, euch als Lof zu organisieren?

LM: Im Jahr 2011, als wir uns für die territoriale Neuvermessung entschlossen hatten. Zunächst waren wir vier Brüder und einige Neffen. Wir wollten anfangs nicht die ganze Familie aufnehmen, weil wir Angst hatten, dass etwas Schlimmes passieren könnte. Später kamen dann unsere Kinder, Cousins und Cousinen und alle anderen dazu. Insgesamt etwa 30 Familien. Es war ein sehr wichtiger Moment, die Rückkehr in dieses Gebiet, und zwar nun als Lof Mapuche.

Rechte, Peronismus und Widersprüche

TV: Ein charakteristisches Merkmal, im Vergleich zu anderen Lonkos, ist Ihr ganz klares politisches Bekenntnis.

LM: Ja. Für mich ist das ganz normal, auch wenn andere Indigene damit nicht hausieren gehen. Ich bin Peronist, und ich sehe keinen Grund, das zu leugnen.

TV: Wie entstand die Verbindung zum Peronismus?

LM: Ein wichtiger Moment in meiner politischen Selbstfindung war die Begegnung mit dem „Statut der Landarbeiter“, wenn auch mit Widersprüchen, denn Perón war ein Militär, und ich habe eine Abneigung gegen Uniformen. Was man jedoch nicht leugnen kann, ist, dass Perón die Politik des Volkes in die Regierung gebracht hat, gemeinsam mit Evita, die in sehr kurzer Zeit einen Großteil des Peronismus organisierte.

TV: Wann hast du das Statut des Landarbeiters kennengelernt, und seit wann verstehst du dich als Peronist?

LM: Schon als Kind, während der Diktatur. Wir lebten am Hafen, meine Mutter war Peronistin, wir hatten ein kleines Haus, eine Hütte, mit einem kleinen Fenster, das auf den See hinausging, wo meine Mutter abends die Petroleumlampe anzündete und sich ans Spinnrad setzte, dabei lief das Radio. Und neben diesem Radio hing ein kleines Bild von Perón und Evita. Eines Nachts schlugen die Militärs unsere Tür ein – wegen dieses kleinen Bilds. Sie stürmten rein, nahmen das Bild und ein paar alte Messer mit. Damals entstand in mir der Hass auf Uniformen, vor allem auf die Polizei, und ich wurde Peronist. Die Militärs durchsuchten ständig unsere Taschen, auch wenn wir nur zum Lebensmittelladen gingen. Wir waren noch Kinder, und sie behandelten uns schlecht. Solche Dinge vergisst man nicht.

TV: Welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit?

LM: Die Zwangsräumungen nahmen immer mehr zu, zuerst in der Nähe des Nahuel Huapi und dann auch in anderen Gebieten, immer ging es gegen Mapuche und Viehzüchter, die schon seit Jahren dort lebten. Erst später hörten wir dann von den Morden und den Verschwundenen.

TV: Sie haben später sogar eine Basisgruppe gegründet. Wann haben Sie begonnen, sich so stark zu engagieren?

LM: Ich war immer der Meinung, dass man sich als Volk engagieren muss, und ich bin Teil dieses Volkes. Ich mochte es nie, wenn wir Bürgermeister hatten, die nichts Gutes für die Menschen taten. Und ich glaube, dass man Dinge nur ändern kann, wenn man sich engagiert und in die Diskussion einbringt. Ein paar Genoss*innen luden mich zu den Treffen ein, wir haben Wahlkampf gemacht, und das sogenannte Encuentro Militante organisiert. Wir fingen an, uns in Privathäusern zu treffen; es war nicht leicht, einen geeigneten Ort zu finden. Ich bot eine halb verlassene Halle meiner Tischlerei als Treffpunkt an. Das muss 2015 gewesen sein. Wir nannten unsere Basisgruppe ‚Die Enkel von (Martín) Fierro‘. Wir haben auch einen offenen Treffpunkt eingerichtet – alles, um das Viertel neu zu beleben. Es ist ein offener Ort mit kulturellen und künstlerischen Aktivitäten und Bildungsangeboten.

TV: Es ist verständlich, warum Sie sich dem Peronismus angeschlossen haben. Aber wie sehen Sie dann beispielsweise das Massaker im Jahr 1947 an den Pilagás in Rincón Bomba, oder dass Cristina Fernández de Kirchner die Mapuche in Vaca Muerta nicht unterstützt hat?

LM: Den „Malón de la Paz“ habe ich Perón nicht verziehen: Unsere Brüder, die Qulla, hat er komplett auflaufen lassen und sie einfach nach Jujuy zurückgeschickt, ohne irgendetwas für sie getan zu haben. Natürlich habe ich auch meine Widersprüche mit Perón. Und mit Cristina ebenfalls. Ich glaube, sie wurde in dieser Sache sehr schlecht beraten. Sie hätte kommen und den Mapuche zuhören müssen. Sie hat die Rohstoffunternehmen, die nach Vaca Muerta gekommen sind – zum Beispiel Chevron –, übermäßig begünstigt. Das kritisieren wir. Dennoch: Ihre Regierung hat uns mehr Rechte gewährt als jede andere. Das Gesetz 26.160 stammt zum Beispiel aus der Kirchner-Ära.

TV: Die Territorialfrage hat sie aber auch nicht gelöst.

LM: Das stimmt. Dies ist eine sehr reiche Region, aber mit sehr armen Gemeinden. Hier gibt es luxuriöse Wohnanlagen mit Villen, und viele Gemeinden haben weder Strom noch Erdgas, obwohl die Leitung direkt gegenüber verläuft. Wieso? Villa La Angostura wurde auf dem Gebiet der  Paichil Antriao errichtet, man hat ihnen das Land geraubt und will ihnen nun das Letzte nehmen, was ihnen noch bleibt. Diese Provinz und dieses Land stehen in der Schuld der indigenen Völker. Und vor allem die Reichen und die Regierenden – sie müssen anfangen, für diese Schuld aufzukommen.

TV: Was halten Sie von Milei?

LM: Das mit Milei ist bedauerlich. Er hat sich komplett gegen das Volk gestellt. Und die Millionäre werden immer reicher. Ich mag es nicht, wenn man sagt, er sei verrückt. Er ist nicht verrückt, er weiß ganz genau, was er tut. Seine Leute plündern das Land, das sind Kriminelle.

TV: Warum, glauben Sie, ist Milei an die Regierung gekommen?

LM: Das hat viele Gründe, aber die meisten davon haben wir ihm selbst geliefert, unsere politische Bewegung. Wir streiten uns wegen Kleinigkeiten, es gibt zu viele Egos, zu viele Abgeordnete, die weit vom Volk entfernt sind und sich mehr um ihr Bankkonto sorgen.

TV: Wie sehen Sie die Zukunft?

LM: Man muss sich engagieren. Leute wie Milei und Bullrich bringen dem Volk nur Leid. Wie sie die Rentner*innen schikanieren, den Krebspatient*innen die Medikamente wegkürzen. Sie hassen das Volk, sie hassen die Armen. Sie müssen aus der Regierung geschmissen und für ihre Verbrechen zur Rechenschaft gezogen werden, und dann muss man alles wiederaufbauen, was sie zerstört haben. Das haben wir nach der Wüstenkampagne geschafft, das haben wir nach der Diktatur geschafft, und das werden wir wieder schaffen. Wir sind noch da, und wir sind am Leben.

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