Organización Femenina Popular: 54 Jahre Erinnerung und Widerstand

Gewerkschaft
Frauen aus der OFP
Foto: Trabajo social, intervención en lo social y nuevos contextos
CC BY-NC-SA 4.0

(Medellín, 5. August 2026, Lanzas y Letras).- Vor 54 Jahre wurde die Organización Femenina Popular (OFP) gegründet. Jackeline Rojas, Vorsitzende und politische Sprecherin der Organisation, spricht über jahrzehntelange Kämpfe, die Beziehung zwischen Frauenbewegung und Gewerkschaft sowie die Herausforderungen, denen sich die Organisation heute gegenübersieht. Aus Barrancabermeja nimmt dieses Interview Bezug auf eine Geschichte, die von organisierten Frauen geschrieben wurde, und bekräftigt eine Überzeugung, die sich in über fünf Jahrzehnte des Kampfes immer wieder bestätigt hat: Nur durch Organisierung können materiellen Bedingungen des Daseins verändert werden.

Mein Name ist María Jackeline Rojas Castañeda, ich bin 58 Jahre alt, und komme aus Barrancabermeja: In der Region Ribera del Magdalena Medio bin ich zu der Führungsperson herangewachsen, die ich heute bin, und der Kampf für Menschenrechte und Frauenrechte ist mein Leben. Ich bin seit fast 40 Jahren Teil der „Organización Femenina Popular“. Ich kam schon als junges Mädchen zur Organisation: Ich bin 58 und werde bald mein 40-jähriges Jubiläum in der Organisation feiern, das heißt, ich war wirklich ziemlich jung, Teil der Jugendgruppen, die es damals gab. Und jetzt bin ich in der Leitung der „Organización Femenina Popular“ und verantwortlich für die Begleitung der Frauenstandpunkte. Außerdem bin ich politische Sprecherin in den Bereichen Erinnerung, Menschenrechte und Frieden.

L&L: Was ist die OFP?

J.R: Wie der Name schon sagt, eine Organisation der Frauen aus dem Volk. Und wenn ich „Volk“ sage, meine ich die Berufstätigen und die nicht Berufstätigen, die Empanadas-Verkäuferinnen und die Lehrerinnen. Wir wollen alle zusammenbringen, soweit das möglich ist, und versuchen, uns in den Themen wiederzufinden, die uns betreffen, wo wir als Frauen benachteiligt sind, und schauen, wie wir uns zusammenschließen. Denn gemeinsam können wir besser gegenhalten. Die „Organización Femenina Popular“ ist genau das: eine Basisorganisation von Frauen, die mit Begriffen wie Geschlecht und Klasse etwas anfangen können, als Gemeinschaft, die Prinzipien der Autonomie vertritt und in der Region verwurzelt ist.

L&L: Historisch gesehen war die Gewerkschaftsbewegung in Kolumbien ziemlich männlich dominiert. Wie war es für die Frauen der „Organización Femenina Popular“, darin ihren Platz zu erobern und eigene Formen der Organisation und des Kampfes aufzubauen?

J.R: Lustige Frage, du wirst gleich verstehen, wieso. Also, ich glaube, dass Barrancabermeja so ziemlich der wichtigste Schauplatz des Organisationsprozesses ist. Barrancabermeja hat eine Geschichte des Kampfes, und wir haben in den 70er Jahren dort angefangen. Und die erste soziale Organisation hier war die Gewerkschaftsbewegung, hier entstand die „Unión Sindical Obrera“ (Uso), die Gewerkschaft der Erdölindustrie bei Ecopetrol. Deshalb hatten wir eine sehr, sehr enge Beziehung zueinander, als Kämpfende, die sich gegenseitig anerkennen, unterstützen, begleiten und sich in der sozialen Bewegung einbringen. Dabei habe ich immer gesagt: Es gibt kaum ein so patriarchales Terrain wie die Gewerkschaftsbewegung. Bei aller Liebe und allem Respekt, den ich den Genossen – und heute auch den Genossinnen – der Gewerkschaftsbewegung entgegenbringe. Aber glücklicherweise war dieser Zusammenhalt, den wir in diesem Umfeld des gegenseitigen Anerkennens und Respektierens aufgebaut haben, meiner Meinung nach eine interessante Lernerfahrung. Wir Frauen haben immer mehr Raum gewonnen, nicht nur am Kochtopf, auch im Kampf, bei den Demonstrationen und beim Gerangel an der Barrikade. Und als wir den Bogen raus hatten, wie wir als Frauen eine grundlegende Rolle spielen konnten, um die Dynamik der Kämpfe und der sozialen Bewegung zu stärken, gab’s auch Anerkennung durch die Genossen. Da gab es einmal die „Coordinadora Popular“, wo sich Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre verschiedene Bewegungen, Organisationen, Feministinnen, Bauern, Studenten, Leute aus der Kirche zusammentaten. In der Region Magdalena gab es damals offene Kirchenstrukturen und Gemeindeverbände … Auch die Gewerkschaften waren in der „Coordinadora Popular“ vertreten. Einmal hatten einen Arbeiter*innenstreik geplant, wir Frauen kümmerten uns um die gesamte Logistik und Organisation… Bei der Coordinadora-VV sollten dann die Arbeitskommissionen eingerichtet werden. Und dann steht der Genosse Vorsitzende auf und sagt mit seiner tiefen Stimme: „Also, die Frauen machen dann den Eintopf und kümmern sich um die Verpflegung.“ Und ich erinnere mich noch genau, wie daraufhin Yolanda und Rosalba Meriño aufstanden – ich war damals noch ganz jung – und zu ihm sagten: „Ja, können wir machen, aber nicht alleine. In der Arbeitsgruppe müssen auch die Genossen aus den Gewerkschaften mitmachen. Der Eintopf ist zutiefst politisch. Für uns, die wir im Kampf stehen, ist es superwichtig, dass das mit der Ernährung klappt, und das machen wir Frauen auf keinen Fall alleine. Wir fordern, dass die Hälfte von den Männern übernommen wird“, – „Aber liebe Genossinnen, wir wissen doch gar nicht, wie das geht!“ – „Das lernt man. Ihr müsst dabei sein. Außerdem fordern wir einen Platz in der politischen Kommission, bei der Ausarbeitung der Forderungen; denn wir haben auch etwas zu sagen.“ Das wäre also ein konkretes Beispiel dafür, wie wir uns nach und nach unseren Raum erobert haben –das lief nicht über Theorie oder eine gendergerechte Sprache, sondern es lief eher nach dem Motto, ok, wir machen das, aber wir brauchen auch einen Platz auf der anderen Seite.

Eine andere wichtige Geschichte stammt aus den 2000er Jahren, als sich hier massiver Widerstand formierte; das war für Barrancabermeja eine sehr schwere Zeit, mehr als 800 Menschen wurden ermordet, fast 600 Männer und Frauen aus den Gemeinden. Du kommst morgens aus dem Haus und siehst schon den ersten Toten. Ständig gab es neue Nachrichten, wer wieder alles getötet worden war. Wir Frauen haben in schwarzen Morgenmänteln protestiert, uns zu mobilisieren, uns zu organisieren und in der Öffentlichkeit ein Symbol zu etablieren, das für Widerstand und das Nein zum Tod stand. Und als die Männer merkten, dss sie teils wegen uns überlebt haben, weil sie sich hinter uns verstecken konnten, haben sie mitgemacht, haben den schwarzen Kittel angezogen und und sind mit uns auf die Straße gegangen, um die Missstände anzuprangern. In der Zeit zwischen 2000 und 2005 hatten die Paramilitärs in Barrancabermeja jegliche öffentliche politische Protestaktion verboten. Und mit diesen Symbolen haben wir angefangen. Der Morgenmantel, der Topf, das waren die Symbole, die die „Organización Femenina Popular“ nach und nach etabliert hat. Und so haben wir in der Gewerkschaftsbewegung immer mehr an Boden gewonnen.

Und nun die letzte Anekdote, und jetzt erfährst du auch, warum ich mich zu Beginn über deine Frage amüsiert habe. Also, was den persönlichen Kampf betrifft: Mein Partner, mit dem ich mittlerweile seit 20 Jahren zusammen bin, ist Gewerkschaftsführer bei der Nationalen Gewerkschaft der Beschäftigten in der Lebensmittelindustrie, bei Sinaltrainal. In meinem Fall reichte die Beziehung zur Gewerkschaftsbewegung also bis ins Bett. Als wir uns kennenlernten, war ich bereits leitendes Mitglied der OFP, Menschenrechtsaktivistin und ausgebildete Führungskraft, und trotzdem musste ich gegenüber den Kollegen von der Gewerkschaft immer wieder betonen: „Ich bin nicht einfach nur die Frau von Sowieso, ich bin in erster Linie Vorsitzende der „Organización Femenina Popular“ und dann bin ich noch mit Juan Carlos verheiratet.

L&L: Viele Menschen sagen, dass die Gewerkschaftsbewegung in Kolumbien „gestorben“ sei oder dass sie die Arbeiterklasse nicht mehr vertrete. Stimmt das? Welche Faktoren – wie Gewalt, Neoliberalismus oder prekäre Arbeitsverhältnisse – erklären diese Krise?

J.R.: Ich glaube, die Krise betrifft nicht nur die Gewerkschaftsbewegung, sondern die verschiedenen Ebenen der Vernetzung. Die Gewerkschaft war der erste Ausdruck sozialer Mobilisierung und wurde zum vorrangigen militärischen Ziel eines totalitären und kriegerischen Vorhabens. Hier in Barranca wurden praktisch mehr als vier Gewerkschaften ausgelöscht. Der gesamte Vorstand wurde ermordet. Das betraf die Gewerkschaft des städtischen Nahverkehrs und der Taxifahrer hier in Barrancabermeja. Das hatte auch damit zu tun, dass sich die Gewerkschaften zu jener Zeit nicht nur auf arbeitsrechtliche Forderungen beschränkten, sondern sich in die Dynamik des Klassenkampfes einbrachten. Also mussten sie verschwinden. Und die perverse Kriegsstrategie hat mit unseren Mitteln gearbeitet und eigene Strukturen aufgebaut, Betriebsgewerkschaften, die unter ihrer Kontrolle standen und die ich ehrlich gesagt nicht als Gewerkschaften bezeichnen würde, denn sie verkörpern nicht das Wesen oder das politische Bekenntnis dessen, was eine Gewerkschaft ausmacht. So verliert die organisatorische Tätigkeit der Gewerkschaft ihren Klassencharakter und verkommt zu einer beliebigen Gruppe innerhalb der Struktur. Ja, es stimmt, dass sie mit den Unternehmen verhandeln und Dinge auf den Weg bringen, aber sie sind zu sehr manipuliert, stehen zu sehr unter Kontrolle, um etwas zu bewegen. Ich weiß, dass sich die wenigen Gewerkschaften, die es gibt und die von ihrem Anliegen überzeugt sind, – denn leider sind das nur wenige –, ebenfalls wandeln mussten, um in diesem Umfeld überleben, ohne ihre Prinzipien aufzugeben. Das heißt, wir müssen uns anpassen und dabei versuchen, unser Wesen nicht aufzugeben. Und ich glaube also, dass es nicht nur die Gewerkschaften betrifft. (…) Ich denke, wir haben ein wenig dazu beigetragen, die Beteiligung von Frauen zumindest in einigen Gewerkschaften zu stärken. Diese Frauenausschüsse, diese Gender-Ausschüsse sollen also mehr sein als nur Sekretariate – denn so wurden sie gesehen: als „Sekretariat für Frauenfragen“. Sie sollen zu Ausschüssen werden, in denen Frauen Positionen einbringen können.

L&L: Welchen Zusammenhang sehen Sie zwischen gewerkschaftlichen Kämpfen und anderen sozialen Kämpfen, wie denen der Studierenden, der Feministinnen, der Landbewohner*innen oder der Kulturschaffenden? Glauben Sie, dass sie weiterhin Teil desselben Klassenkampfes sind?

J.R: Das ist ein Problem. Und heute, in dieser politischen Situation, in der sich das Land befindet, mehr denn je … Wir hatten schon andere Regierungen und Amtszeiten, die ebenfalls schrecklich waren, wie die von Álvaro Uribe Vélez. Es wird nicht so einfach sein, denn wir von einem totalitären Kurs zu einer gänzlich faschistischen Regierung übergegangen. Unserer Einschätzung nach geht es nun ums Ganze. Aber wir haben nicht mehr dieselbe Kraft wie vor zehn Jahren, um gegen etwas zu protestieren und wie mit einer Stimme dagegen anzuschreien. Das politische Zuhause ist in dieser Form nicht mehr da. Wo früher 40, 30 Organisationen mit ihren Delegierten zu einer Aktion kamen, sind es nun nur noch fünf Genossinnen und Genossen – das ist schmerzhaft. Ich will die Hoffnung nicht verlieren, das ist auch das, was ich gelernt habe: weiterzugehen, die Utopie nicht aus dem Blick zu verlieren. Nicht um meinetwillen, sondern um der neuen Generationen willen. Und natürlich gibt es auch hier eine Dringlichkeit: Wie sollen wir diese Verbindung zu den neuen Generationen herstellen? Was müssen wir tun, was haben wir? Ich glaube also, um auf die Frage zurückzukommen, dass wir uns weiterhin begegnen, aber mit diesen Variablen der Anpassung, und mit einer Kraft, die nicht mehr dieselbe ist. Ich möchte gerne daran glauben, dass es diese Empathie oder diese Liebe zu den Genoss*innen noch gibt, die Vorstellung, dass wir zusammengehören, die Gewerkschaft, die Landbevölkerung, die Studierenden, und dass uns ihre Probleme berühren. So wie wir immer Frauen sagen: Wenn sie eine von uns angreifen, greifen sie uns alle an, so gilt auch: Was einem beliebigen Genossen widerfährt, widerfährt uns allen. Und dieses Denken muss man irgendwie erhalten.

L&L: Wie kann sich die Arbeiterklasse heute in Städten wie Barrancabermeja, wo so viele Familien von den Volkswirtschaften leben, jenseits der traditionellen Gewerkschaften organisieren?

J.R: Hier möchte ich auf uns Frauen und uns als Organisation zurückkommen. Denn die Arbeiter, die nicht in der Gewerkschaft sind – und das sind viele –, haben ihre Familien und sind Teil einer Gemeinschaft. Hier liegt also die Möglichkeit für uns Frauen, etwas zu bewirken: durch Begegnungsräume für jene Frauen, die dort in diesen Häusern leben. Und wie kann man das bewerkstelligen … Durch Begegnungen, durch die Carpas púrpura, unsere Infostände, die Frauenverbände, das Gedenken an bestimmte Tage … Um den Frauen „einen kleinen Anstoß“ geben, damit sie auf die eine oder andere Weise – wenn schon nicht in der sozialen Organisation der Gewerkschaft – als Frauen, die dort leben, eine organisierte Gemeinschaft bilden. Ich glaube also, dass das nichts Neues ist, denn wir haben es schon früher getan; und tatsächlich waren viele Familien von Gewerkschaftskollegen Teil der „Organización Femenina Popular“. Aber ich glaube, dass dies heute viel mehr an Bedeutung gewinnt, um zu vermitteln, was es heißt, uns zu organisieren und zu mobilisieren. Und was die Wahlen angeht… Das Ergebnis ist schmerzhaft, auf nationaler Ebene. Aber ich glaube, dass sich die Lage in Santander ändern wird und dass Barranca und Puerto Wilches herausstechen werden, denn das waren die einzigen Orte, an denen die progressive Seite gewonnen hat – und zwar mit dem Doppelten oder fast dem Dreifachen der Stimmen der anderen Seite. Es gibt also nach wie vor diesen Funken in den Menschen, und wir müssen schauen, wie wir da ansetzen.

L&L: Angesichts des zunehmenden Individualismus, der Prekarisierung und der Angst, sich zu organisieren: Welche Beiträge leistet die Erfahrung der OFP Ihrer Meinung nach zu den aktuellen Kämpfen für die Veränderung der Lebensbedingungen der Arbeiterklasse?

J.R: Ich verbinde das ein wenig mit der vorherigen Frage, denn wir Frauen sind stur und geben die Hoffnung nicht auf. Auch wenn wenn wir selbst gar nicht berufstätig sind, ermöglicht es uns unser Alltag, in den Raum der Arbeiterklasse vorzudringen, denn auch unsere Söhne und Ehemänner sind Arbeiter, die ihre Arbeitskraft an ein Unternehmen oder einen Wirtschaftsbereich verkaufen. Und da glaube ich, dass die Klassenfrage entscheidend ist und weiterhin präsent bleiben muss. Wer sind wir als Volk? Frauen, Männer, Arbeiter, Bauern, Bergarbeiterinnen, Studierende, Hausfrauen. Wir müssen uns bewusst machen, dass wir einen Platz in der sozialen Bewegung haben, dass es Rechte gibt, für die wir uns weiterhin einsetzen und die wir einfordern müssen; um dem Staat – als Struktur – und der jeweiligen Regierung, wie auch immer sie aussehen mag, vielleicht auf neue Weise klarzumachen, dass es Garantien und die Achtung des Rechts auf Leben geben muss, und zwar nicht auf irgendein Leben. Ich glaube, dass wir die Erinnerung an die vorangegangenen Kämpfe lebendig halten müssen – nicht als bloße Rhetorik, sondern als Denkanstoß, um zu schauen, was wir heute tun können. Ich glaube, dass wir immer noch etwas bewirken können.

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