Rassismus und Polizeigewalt in Concordia

Rassismus
Demo von Schwarzen Frauen in Rio de Janeiro: Gegen Rassismus, Machismus und für das Gute Leben!
Foto: Agência Brasil via wikimedia
CC BY 2.0

(Concordia, 25. August 2026, negraidentidad).- Lucas Passos berichtet über Alltagsrassismus, polizeiliche Willkür und Machtmissbrauch. Um das inhärente Geflecht historischer Machtverhältnisse zu überwinden, brauche es mehr diskriminierungsfreie Räume und Orte. „Man muss den Menschen zuhören. Hört einander zu, es gibt viele Menschen, die unbedingt reden wollen, aber nicht so viele, die bereit sind, zuzuhören.“ Die Debatte über Rassismus, Kolonialität und Machtverhältnisse duldet keinen Aufschub mehr. 

Was ist dir in letzter Zeit passiert? Was war das Problem oder die Situation mit der Polizei in Concordia?

Ich habe insgesamt zehn Situationen erlebt, wo ich auf der Straße von der Polizei angehalten wurde. Zunächst dachte ich, das sei ganz normal, weil ich von außerhalb komme, aber dann sah ich, dass fünfzig andere Leute die Straße entlanggingen, ohne angehalten zu werden und dass immer ich der „Auserwählte“ war. Ich habe auch mit Menschen aus Brasilien und anderen Ländern gesprochen, und sie meinten, ihnen sei das noch nie passiert. Am Ende dachte ich: Bei jeder dieser zehn Polizeikontrollen wurde im Grunde mein Recht, die Straße entlangzulaufen, wurden meine Rechte als vollwertiger Bürger in einer Demokratie infrage gestellt. Zehn Mal wurde ich aufgefordert, meine Ausweispapiere vorzuzeigen, und manchmal folgten noch zwei oder drei harmlose Fragen, aber manchmal dauerte es auch länger und war ziemlich unangenehm. Einmal wollten sie meine Papiere sehen und waren eigentlich sehr höflich, aber ich meine Brieftasche nicht dabei, und sie meinten, ich müsse sie aber immer griffbereit haben. Ok. Ich war gerade auf dem Weg zur Arbeit, mir blieb noch etwa eine halbe Stunde. Sie halten mich an, wollen meine Papiere sehen, und ich biete ihnen an, mit zu mir zu kommen, es waren nur ein paar Häuserblocks, weil ich mich nicht an meine Ausweisnummer erinnern konnte. Sie berieten sich und fragten dann, warum ich die Brieftasche nicht dabei hätte und woher ich denn komme. Sie trauten mir nicht, das war offensichtlich. Also sagte ich: „Fahren wir doch eben zu mir und klären das.“ Sie sagten nein, nicht nötig. Ich ging also weiter, und dann standen sie an der nächsten Ecke. Ich fragte: „Was soll das? Verfolgt ihr mich?“ Und als ich nach Hause kam, standen sie dort auch. Ein anderes Mal machte ich gerade Fotos in der Touristengegend an der Uferpromenade, als eine Zivilstreife dort anhielt. Leute in Zivil stiegen aus, sagten, sie seien von der Polizei, und verlangten meinen Ausweis. Sie sagten, man habe mich angezeigt, weil ich Kinder an der Uferpromenade fotografiert hätte. Hatte ich aber nicht. Ich war dabei, eine Szene für ein Musikvideo zu drehen. Dann ließen sie mich gehen, ganz freundlich … Später haben sie mich wieder angehalten, an einer anderen Stelle an, diesmal war es ein Motorrad ohne Polizeikennzeichen, und der Gesprächston wurde auch schon etwas angespannter. Ich habe sie auch gefragt: „Sprecht ihr denn nicht miteinander? Ihr habt mich doch schon kontrolliert.“ Die Situationen haben mir beide ziemlich zu schaffen gemacht.
Zweimal musste ich mit auf die Wache. Einmal haben sie mich mit dem Auto verfolgt, mich angehalten, mir Handschellen angelegt und mich zur Polizeidienststelle gekarrt. Dort angekommen, erlebte ich eine peinliche Situation: Ich werde oft von Schulen eingeladen, um Vorträge über Rassismus und kulturelle Vielfalt zu halten, und als ich da aus der Wanne kletterte, war alles voller Kinder. Wie sieht das aus, wenn mich wieder mal eine Schule einlädt? Erst tauche ich da in Handschellen dort auf, und dann einen Vortrag für die Schüler*innen? Aber na ja, das gehört eben auch zum Alltag Schwarzer Menschen. Beim zweiten Mal lief ich mit einem Blumenstrauß die Straße entlang. Sie halten mich an, fragen nach meinen Papieren und sagen, ich soll mich neben den Streifenwagen stellen, mit den Blumen in der Hand, damit sie ein Foto von mir schießen können. Ich kam mir echt verarscht vor und habe zu ihnen gesagt, dass sowas nicht Teil des üblichen Verfahrens sei und dass sie mich schon oft angehalten hätten. Da sagt der Polizist zu mir: „Jetzt pass mal auf: Wenn ich will, halte ich dich noch fünfzig Mal an und lasse dich
 neben dem Streifenwagen Aufstellung nehmen und mache so viele Fotos von dir, wie ich will, und warum? Weil ich das Recht dazu habe.“ Darauf ich: „Wenn ihr fünfzig Mal meinen Ausweis sehen wollt, ist das in Ordnung, aber fünfzig Fotos von mir neben dem Streifenwagen? Das gehört nicht zum Verfahren, und ich mache da nicht mit.“ Also musste ich wieder mit auf die Wache. Wir fuhren zum Polizeihauptquartier, ich mit dem Blumenstrauß in der Hand – es war so eine seltsame, bizarre Szene, ich weiß nicht, wie ich sie beschreiben soll. Alle schauen mich an, und ich mit dem Blumenstrauß, der auch noch so herrlich duftet – ich hatte ihn mir extra ausgesucht, weil ich nach Möglichkeiten gucken wollte, nicht mehr angehalten zu werden. Zum Beispiel mit Blumen spazieren zu gehen, mein Aussehen zu verändern. Jetzt trage ich zum Beispiel Ohrringe, weil mir ein brasilianischer Freund aus den Favelas erzählt hatte, dass er seltener angehalten werde, und er glaube, das sei wegen seiner Tattoos, seiner Ohrringe und seiner Schriftsteller-Brille. Die gab ihm so einen Künstler-Touch, und dann seien die Kontrollen durch die Polizei in den Favelas seltener geworden. Also habe ich seine Idee aufgegriffen und das mit den Blumen probert, Tattoos habe ich ja nicht, aber das hat ja offensichtlich nicht funktioniert. Auf der Wache machten sie dann wieder Fotos von mir, von vorne und im Profil. Ich sagte ihnen, dassei nicht nötig, sie hätten doch schon Fotos von mir auf der Wache. Gegen 2:30 Uhr morgens forderten sie mich auf, mich auszuziehen, weil sie Fotos von mir in Unterwäsche machen müssten, als Teil des Verfahrens, was sollte ich machten, ich tat, was sie verlangten. Als sie fertig waren und ich dachte, jetzt kann ich gehen, sagten sie mir lachend, ich solle mich doch nochmal unter die Lampe stellen, damit sie noch ein paar Fotos von mir machen können, mit ihren Handys, was ich als extra beleidigend empfand, und zusammen mit dem Spruch, dass sie mich fünfzig Mal anhalten könnten, wenn sie wollten, war mir das endgültig zu viel.
Danach haben sich zwei Anwältinnen bei mir gemeldet, Daniela Maciel und María Gaita, und ich beschloss,
ihre Unterstützung anzunehmen.

Wie hat sich das auf deinen Alltag ausgewirkt?

Nachdem sie mich vier oder fünf Mal angehalten hatten fing ich an, kleine Beiträge zu veröffentlichen, auch andere Leute, die sahen, dass ich angehalten wurde, berichteten darüber. Ich habe auf meine eigene, subtile Art und Weise darauf hingewiesen, dass mir hier etwas widerfuhr, womit ich damit nicht einverstanden war. Vor drei Wochen ging ich zum Richter und setzte mich mit meinen beiden Anwältinnen und dem Polizeichef des Polizeibezirks Concordia zusammen, und dort den vorbeugenden Habeas Corpus zu beantragen. Der Richter lehnte meinen Antrag ab, da er der Ansicht war, dass keine unmittelbare Gefahr für meine Bewegungsfreiheit bestehe. Er forderte jedoch die Polizei auf, Ermittlungen einzuleiten und die beteiligten Personen zu identifizieren, da der Polizeichef in der Anhörung bestätigte, dass es mindestens zwei Einträge zu meinen Aufenthalten im Polizeipräsidium gibt. Danach verfasste ich einen Bericht über das, was mir passiert war und wandte mich an eine Tageszeitung, wobei ich versuchte, den Sachverhalt wahrheitsgemäß und verständlich zu schildern. Es ist schon viel über mich verbreitet worden, teils auch heftige Sachen. Aber irgendwie habe ich auch das Gefühl, dass ich jetzt besser auf solche Situationen vorbereitet bin. Erst hatte ich bei Polizeikontrollen immer Angst und habe regelrecht gezittert. Dann begann ich, mich zu wehren, klar und respektvoll, und habe sie direkt gefragt: „Warum gerade ich?“ Und mir wurde klar, dass das auch eine interne Debatte unter den Polizisten auslöste. Im März 2025 führten wir ein Gespräch hinter verschlossenen Türen mit dem Polizeichef, der mir sagte, dass sie mich nicht mehr anhalten würden … Na ja, danach ist es noch vier Mal passiert. Aber diese Situationen haben mir auch dabei geholfen, mit solchen Konfrontationen umzugehen. Man muss bedenken, dass ich aus einem anderen Land komme, auch wenn ich mich heute schon ziemlich argentinisch und ziemlich als Einwohner von Concordia fühle.

Was fehlt der Stadt Concordia oder der Provinz Entre Ríos, um diese Probleme anzugehen?

Ich würde sagen, Räume für Gespräche und gemeinsames Zuhören, denn immer wenn ich meine Geschichten veröffentliche, schicken die Leute mir Nachrichten: „Das ist mir auch schon passiert“ oder „Mir ist sowas in einem anderen Zusammenhang passiert“, und wenn ich frage: „Und sprichst du mit jemandem darüber?“, dann kommt als Antwort oft: „Nein, hier nicht, weißt du, …“ Wir brauchen einfach mehr Räume und Orte für Schwarze Menschen. Concordia ist eine Grenzstadt mit viel „kulturellem Potenzial“. Hier sind wir nah an Brasilien und Uruguay, weshalb es immer einen Austausch von Menschen, Wissen und Kulturen geben wird. Zum Beispiel ist die Milonga, die man hier in Concordia, Buenos Aires und Montevideo hört, auch im Süden Brasiliens zu hören. Wir haben viele Gemeinsamkeiten. Die Menschen mit dunkler Hautfarbe, Schwarze, Menschen mit afrikanischem oder indigenem Hintergrund machen hier in der Stadt fast durchgehend die Jobs, die nicht besonders hoch angesehen sind, also die schweren und körperlich anstrengenden Tätigkeiten, aufgrund einer historischen Entwicklung, die sich über mehrere Länder erstreckt. Ich glaube, es ist wichtig, diesen Menschen zuzuhören, und es ist notwendig, aktiv den Raum dafür zu schaffen. Hört einander zu, es gibt viele Menschen, die gerne reden möchten, aber es gibt nicht so viele, die bereit sind, zuzuhören.

Laut gedacht: Reflexion über Rassismus und koloniale Machtverhältnisse

Was Lucas Passos von der Stadt Concordia berichtet, ermöglicht es, Rassismus über eine einzelne Diskriminierungssituation oder eine Reihe individueller Verhaltensweisen hinaus zu betrachten. Er benennt eine Problematik, die als Teil einer historischen Herrschaftsstruktur verstanden werden muss, die weiterhin Ungleichheiten in den heutigen sozialen Beziehungen hervorbringt und reproduziert. Die wiederholten polizeilichen Eingriffe, Kontrollen, Verfolgungen und Situationen, die Lucas erlebt hat, sind keine isolierten Vorfälle, sondern stehen in einem Geflecht historisch bedingter Machtverhältnisse. In Anlehnung an die Ideen des peruanischen Soziologen Anibal Quijano halte ich es für grundlegend, auf die Kategorie „Rasse“ als ein soziales und historisches Konstrukt zu verweisen, das mit dem Prozess der Eroberung und Kolonisierung Amerikas verbunden ist. „Rasse“ stellt keinen natürlichen biologischen Unterschied zwischen Menschen dar, sondern eine historisch geschaffene Kategorie, die dazu dient, Bevölkerungsgruppen zu klassifizieren und Hierarchien zu etablieren. Die Kolonialität der Macht ermöglichte es diesen Klassifizierungen, die Kolonialzeit zu überdauern und weiterhin auf unterschiedliche Weise die sozialen, wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Beziehungen zu prägen. Lucas’ Bericht ist besonders aufschlussreich, weil er zeigt, wie diese rassische Klassifizierung auch dann wirken kann, wenn keine explizit rassistische Äußerung vorliegt. Er erzählt, dass er zunächst dachte, die Polizeikontrollen ließen sich damit erklären, dass er Ausländer sei; als er jedoch seine Erfahrungen mit denen anderer Menschen aus Brasilien und anderen Ländern verglich und erfuhr, dass diese noch nie auf solche Weise kontrolliert worden waren, begann er sich zu fragen, warum gerade er immer wieder herausgegriffen wurde. Diese Frage ist von zentraler Bedeutung, da sie den Erklärungsfokus vom individuellen Verhalten auf die strukturellen Bedingungen verlagert, die bestimmte Körper als verdächtig, gefährlich oder überwachungsbedürftig konstruieren. Hier tritt die Beziehung zwischen Ethnie, Körper und Territorium deutlich zutage. Lucas’ Körper erhält im städtischen Raum eine besondere Bedeutung. Er selbst berichtet, dass er sich zwar anfangs als Indigener oder Mestize gesehen hatte, in Concordia jedoch vor allem als Afro wahrgenommen wurde – was ihn dazu veranlasste, sich zu fragen, was er aus ethnisch-rassischer Perspektive war und wie er aussah. Dies zeigt, dass Rassifizierung nicht auf dem basiert, wie sich eine Person selbst identifiziert, sondern davon, wie sie von anderen betrachtet, klassifiziert und sozial verortet wird. Das ist meiner Meinung nach einer der wichtigsten Aspekte an diesem Fall: Rassismus ist eine Herrschaftsstruktur, die konkrete Auswirkungen auf den Alltag hat. Lucas wurde wiederholt festgenommen, und aufgrund dieser Erfahrungen begannen er, sich anders in der Stadt zu bewegen, sein Aussehen zu verändern, bestimmte Accessoires zu tragen und sogar mit Blumen in der Hand durch die Straßen zu gehen – alles Strategien, um einer Festnahme zu entgehen. Rassismus beschränkt sich also nicht auf den konkreten Moment, in dem eine diskriminierende Handlung stattfindet: Er erzeugt auch Angst, bedingt Verhaltensweisen, verändert die Art und Weise, wie der Raum erlebt wird, und erzeugt ein ständiges Bedürfnis nach Anpassung angesichts eines gesellschaftlichen Blicks, der bestimmte Körper zu verdächtigen Körpern machen kann. Insofern stellt Rassismus einen der wichtigsten Konfliktpunkte innerhalb sozialer Beziehungen dar, da er hierarchische Unterschiede zwischen denen schafft, die als legitime Bewohner*innen bestimmter Räume gelten, und denen, die ihre Legitimität, diese Räume zu bewohnen, ständig unter Beweis stellen müssen. Der städtische Raum kann daher ebenfalls nicht als neutral verstanden werden. Machtverhältnisse durchziehen die Territorien und erzeugen bestimmte räumliche Erfahrungen, die sich je nach den sozialen, kulturellen und rassifizierten Merkmalen der Bewohner*innen unterscheiden.
Gleichzeitig darf man nicht den Fehler begehen, die Kolonialität der Macht auf Rassismus zu reduzieren… Rassifizierung stellt zwar eine grundlegende Dimension der Kolonialität dar, doch diese umfasst ein breiteres Geflecht von Machtverhältnissen, das wirtschaftliche, soziale, politische, kulturelle und epistemische Dimensionen durchzieht. Dennoch nimmt „Rasse“ einen zentralen Platz ein, da sie es historisch ermöglichte, soziale Hierarchien zu organisieren und zu naturalisieren, die über die koloniale Ära hinausgingen und in neuen Formen fortbestanden.
Über Rassismus zu sprechen bedeutet letztlich, über Macht, Territorium, Körper und Ungleichheit zu sprechen. Und über Kolonialität zu sprechen bedeutet anzuerkennen, dass das formale Verschwinden der kolonialen Ordnung nicht zwangsläufig das Verschwinden der in diesem Prozess aufgebauten Herrschaftsverhältnisse bedeutete. Die Herausforderung besteht also nicht nur darin, rassistische Handlungen anzuprangern, sondern auch darin, die Strukturen zu identifizieren, die sie ermöglichen, die Hierarchien in Frage zu stellen, die sie stützen, und soziale Räume zu schaffen, in denen niemand sein Aussehen verändern, seine Bewegungsfreiheit einschränken oder ständig seine Anwesenheit rechtfertigen muss, um unter gleichberechtigten Bedingungen in einem Gebiet leben zu können.

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