„Sich zu organisieren ist kein Verbrechen“

Facundo
„Mapuche-Land wieder in Besitz genomen“
Foto: Prensa Obrera via wikimedia
CC BY 4.0

(Rawson, 7, Mai 2026, ANRed).- Am 7. Mai, gab der Lonko Facundo Jones Huala nach langer Zeit des Schweigens ein Interview aus dem Hochsicherheitsgefängnis in Rawson im südargentinischen Patagonien. Das Gespräch wurde im Radioprogramm „Factor Folil“ ausgestrahlt; die Sendung moderierten Mapuche-Journalisten vom Radiosender „Alas“ aus El Bolsón. Facundo befindet sich seit Ende April im Hungerstreik, um für die historischen Forderungen seines Volkes einzutreten: Rückgabe der Territorien, Rückzug der transnationalen Konzerne, und um seine Verlegung nach Esquel zu erreichen, um sich besser mit seiner Kultur und mit seinen Angehörigen vernetzen zu können. Um 19 Uhr schalteten die Hörer*innen voller Spannung das Radio ein, gegen 20:15 begann Facundo seine Rede.

-Mari Mari.

-Mari Mari, Bruder! Viele Menschen warten darauf, von Ihnen zu hören, wunderbar, dass es nun klappt.… Zuerst die Frage: Wie geht es Ihnen?

– Gut, bis jetzt standhaft und zuversichtlich, dass unser Volk wieder stark werden wird, wie unsere Vorfahren und wie wir es auch in Leleque und an so vielen anderen Orten geschafft haben. Wir bleiben standhaft, selbst wenn wir in den Kerkern des Staates sitzen. Ich habe schon lange nicht mehr mit den Medien oder der Presse gesprochen, kein Bisschen, ich gebe keine Interviews, das habe ich damals aus persönlichen und politischen Gründen entschieden, und jetzt danke ich euch, dass ihr da seid, Brüder. Vielleicht könnt ihr das verstehen. Ja, es war eine lange Funkstille, aber das ist auch notwendig, oder? Und dann gibt es nichts Besseres, als mit den eigenen Leuten wieder in Kontakt zu gehen. Deshalb danke ich euch für diese Gelegenheit, Brüder. Zum Hungerstreik: Es geht um die historischen Forderungen unseres Volks in diesem Teil des Territoriums, um globale Forderungen, die die gesamte Mapuche-Nation betreffen, den Prozess der Mapuche-Nation zur Befreiung und Emanzipation unseres Volkes, um den Kampf für Autonomie und für unser Territorium. Auch wenn unsere Forderung nationalistisch ist oder von manchen so verstanden wird: Ich betrachte mich als Revolutionär, als Mapuche-Nationalist. Wir kämpfen für die Befreiung, für einen Nationalismus, im positiven Sinne des Wortes, der sich mit anderen unterdrückten Völkern verbindet. Unsere Forderung stützt sich auf Artikel 75, Absatz 17 der Verfassung; auf die internationalen Übereinkommen gemäß Absatz 22; die ILO-Konvention 169 der Vereinten Nationen, die das Recht der Völker auf Selbstbestimmung, das Recht zum Widerstand gegen Unterdrückung und tyrannische Regime festschreibt. Und ich muss keinem Mapuche erzählen, was es bedeutet, in ein unterdrücktes Volk hineingeboren zu werden, und wir alle wissen, wer diese Unterdrücker sind: die Großgrundbesitzer, die transnationalen Konzerne, die Reichen in den Städten.

Die Forderungen unseres Volkes sind historisch gewachsen und von globaler Tragweite: Es geht um die Rückgabe des Landes, die Vertreibung der großen transnationalen, kapitalistischen Konzerne, die nicht nur eine abstrakte Gefahr darstellen, sondern sich bereits in vielen Teilen des Mapuche-Gebiets niedergelassen haben – leider mit der Zustimmung mit der Hilfe einiger Mapuche-Gruppen, die ihnen die Tore geöffnet haben, obwohl sie zunächst sagten, sie würden sie verschlossen halten. Und nun gibt es immer mehr Agrar- und Bergbauunternehmen in Walmapu, und leider werden auch wir, das Mapuche-Volk, von anderen Dingen abgelenkt, so dass das Land immer weiter zerstört und widerrechtlich in Besitz genommen wird. Die Frage der Territorien ist also eine der dringlichsten Angelegenheiten. Und obwohl ich hier inhaftiert bin, glaube ich, dass ich weiterkämpfen kann, wenn auch nicht so, wie wir draußen gekämpft haben. Hier drin nutze ich meinen Körper als Schutzwall. Die Verlegung in die Einheit 14 in Esquel ist auch dringend notwendig, ich war da schon ein paarmal, da wäre ich in der Nähe der Familie und der Gemeinschaften, nah am Mapuche-Lof der Anden, wo wir gewandert sind, wo wir das Mapuche-Wissen entwickelt haben, wo unsere Wurzeln liegen, Brüder und Schwestern, unser fundamentales Wesen. Von dort hat man mich weit weggebracht bis hierher, in ein Gebiet, das ursprünglich kein Mapuche-Gebiet ist, sondern einem anderen indigenen Volk gehört.“

Die Haftanstalt „Unidad 6“ in Rawson liegt über tausend Kilometer weit entfernt von Facundos Heimatort. Im Juni 2025 ordnete der Richter Ezequiel Andreani aus Bariloche Untersuchungshaft und die Verlegung nach Rawson für den Mapuche-Sprecher und Lonko Facundo Jones Huala an. Die Anklage stützt sich auf den Inhalt eines von ihm verfassten Gedichtbands sowie auf einige Äußerungen, die er bei einer Präsentation getätigt haben soll. Sowohl der Lonko selbst als auch die Familie Jones Huala haben eine lange Geschichte der Verfolgung hinter sich, weil sie immer wieder öffentlich scharfe Kritik am argentinischen Staat sowie an den multinationalen Konzernen und Unternehmern üben, die die Provinz Patagonien ausbeuten.

Auf die Frage „Warum sind Sie dort inhaftiert?“ antwortete Facundo: „Sie bringen dich hierher, um dich zu brechen, um deine Integrität als Person zu zerstören. Und außerdem ist [das Gefängnis von Rawson] ein symbolträchtiger, historischer Ort. Schon in den 70er Jahren waren hier die politischen Gefangenen verschiedener revolutionärer Organisationen inhaftiert, denen der historische Ausbruch aus dem Gefängnis gelang, worauf das Massaker von Trelew folgte. Und ich glaube, dass es jetzt auch um den Symbolcharakter geht. Und, nun ja, mich versuchen sie immer einzuschüchtern, sie wollen mir Angst einjagen, mich zum Schweigen bringen, aber wer mich kennt, der weiß: Wenn es etwas gibt, was ich nie hatte, dann sind das Geld und Angst (lacht). Sie können mich so oft bedrohen und verprügeln, wie sie wollen, ich werde nicht nachgeben, ich werde nicht schweigen, ich werde den Kopf nicht senken, ich werde weitermachen, denn Angst ist was für Weiße.

Ich vertraue auf unseren Geist, auf unseren Gott. Hier versuche ich, standhaft zu bleiben, indem ich stets auf das Newén vertraue, auf meinen eigenen Geist, und sie werden mich nicht brechen. Es ist nicht das erste Mal, dass ich im Knast sitze. Und ja, wir werden hier drin diskriminiert; neulich sagte mir einer „Nein, du hast kein Recht, deine Sprache zu sprechen.“ Wie kann ich kein Recht darauf haben? Das kannst du mir nicht verweigern, und selbst wenn du es mir verweigerst, werde ich sie trotzdem sprechen. Mir bleibt nichts anderes übrig, als zu kämpfen und den Respekt gegenüber unseren Rechten einzufordern. Ich kämpfe für mich, aber nicht nur. Ich kämpfe dafür, dass jeder Mapuche, egal, warum er im Knast sitzt, das Recht hat, seine Kultur und seine Identität auszuüben, an diesem Ort und überall, wo er sich befindet.“

Der Lonko Jones Huala sprach über verschiedene Themen und beantwortete die Fragen der Hörer*innen, die ihn aus Feuerland, San Luis, Comodoro Rivadavia, Foyel, Chimpay, Buenos Aires, La Matanza, Esquel, Punilla und Rawson freudig und herzlich begrüßten. Der Lonko war während des Gesprächs sichtlich bewegt, nach fast einer Stunde und zwanzig Minuten brach die Verbindung ab.

Als ich das Radio ausschaltete, hallten seine Worte noch immer in mir nach, auch jetzt noch: „Man muss das tun, was man für richtig hält. Sich zu organisieren ist kein Verbrechen: Es ist ein Recht. Zu denken ist kein Verbrechen. Mapuche zu sein ist kein Verbrechen. Habt keine Angst. Schämt euch nicht, Mapuche zu sein. Man darf sich nicht beugen, man muss die Angst überwinden, die eigene Würde bewahren und nie die eigenen Brüder bekämpfen.“

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