
(Pondores, 15. August 2026, npla).- Mit dem Mototaxi geht es von Fonseca nach Pondores. Gut 40 Minuten dauert die Fahrt, zunächst über eine asphaltierte Straße, dann über einen Erdweg, der von tiefen Furchen durchfräst ist. Der Fahrer Asdrúbal ist Anfang 30 und trägt ein listiges Grinsen auf dem Gesicht. „Dort hinten liegt Pondores“, zeigt er in die Ferne. „Dort bei dem kleinen Berg.“ Beim Lärm des Motors ist er nur schwer zu verstehen. Pondores liegt im Nordosten Kolumbiens, im Departamento La Guajira. Die Vegetation ist typisch für die Region: tropischer Trockenwald, hin und wieder ragt ein Ceiba-Baum mit seiner majestätischen Krone aus der Landschaft heraus, die Mango-Bäume tragen so viele Früchte, dass der Großteil auf dem rotbraunen Boden vor sich hingammelt. Am Horizont ist die Serranía del Perijá zu erkennen. Die Gebirgskette hebt sich saftig grün von der wüstenähnlichen Landschaft ab. Sie trennt hier Kolumbien von Venezuela.
„Als wir uns nach Pondores aufmachten, waren wir voller Hoffnung“
Pondores ist kein gewöhnliches Dorf. Seit fast zehn Jahren leben hier ehemalige Kämpfer*innen der FARC-Guerilla in einem sogenannten ETCR (Territoriale Zone für Ausbildung und Wiedereingliederung). Sie wurden hier nach dem Friedensschluss 2016 zwischen der Rebellenarmee und der damaligen Regierung angesiedelt. In den ETCRs im ganzen Land wurde überwacht, dass die rund 14.000 Guerilleros und Guerilleras tatsächlich ihre Waffen abgeben. Und hier sollten die ehemaligen Kämpfer*innen durch Bildungsangebote und soziale Projekte auf ihre Rückkehr ins zivile Leben vorbereitet werden. Zehn Jahre sind vergangen, seit das Friedensabkommen in der kubanischen Hauptstadt Havanna geschlossen wurde. Während die Bewohner*innen aus den meisten anderen ETCRs längst woanders hingezogen sind, leben viele in Pondores noch immer hier. Einer von ihnen ist Heiner Arrieta, den die meisten hier als Henry kennen. Henry war sein Kampfname bei den FARC, wo niemand den bürgerlichen Namen seines Genossen oder seiner Genossin nannte. Er erzählt: „Als wir uns nach Pondores aufmachten, waren wir voller Hoffnung. Wir wollten mit unserem Reintegrationsprojekt vorankommen und einen wirklichen Frieden aufbauen.“ Gleichzeitig, so Heiner, habe es durchaus Zweifel daran gegeben, ob die anderer Seite auch einhalten werden, was im Friedensabkommen vereinbart worden war. „Wir hatten eine gewisse Vorahnung. Leider sollte sich letztlich bewahrheiten, dass vieles nicht eingehalten wurde.“ Heiner, immer geschäftig und mit einem glatt rasierten, freundlichen Gesicht, ist 43 Jahre alt. Wir sitzen bei ihm zuhause. Der Ventilator rotiert, wirklich für Abkühlung sorgt er in der Hitze nicht. Den FARC habe er sich mit 16 Jahren angeschlossen, erzählt er. Nachdem er dort den Grundkurs abgelegt hatte, begann er als Sanitäter zu arbeiten. An der Front sah er dabei viel Schreckliches. Trotzdem denkt er gern an seine Zeit in der Guerilla zurück. Aus einem kleinen Raum holt er ein zerfleddertes Büchlein hervor, das Statut der FARC. Auch seinen Blechbecher zeigt er voller Stolz. Die Entscheidung, die Waffen abzugeben, bereut Heiner allerdings nicht. „Wir wollten den Kampf von nun an mit Worten führen“, sagt er. Dabei seien alle voller Tatendrang gewesen. „Gleich nach unserer Ankunft im ETCR haben wir uns daran gemacht herauszufinden, wie wir uns die Zukunft vorstellen.“ Schnell sei dabei klar geworden, dass sie sich der Landwirtschaft widmen wollten – „Schließlich sind wir Söhne und Töchter von Bauern.“ Doch obwohl im ersten Punkt des Friedensabkommens eine integrale Landreform festgeschrieben sei, seien die Versuche, Zugang zu Land zu bekommen, erfolglos geblieben. Heiner klagt: „Heute, fast zehn Jahre später, haben wir immer noch keins.“
Keine Landverteilung und keine Sicherheit
Die historisch ungleiche Landverteilung in Kolumbien gilt als eine der zentralen Ursachen des jahrzehntelangen bewaffneten Konflikts. Bis heute hat sich daran nicht viel geändert. Laut der Menschenrechtsorganisation Oxfam besitzt ein Prozent der Bevölkerung mehr als 80 Prozent der nutzbaren Flächen. Das sollte Punkt eins des Friedensabkommens ändern. Er sieht die Umverteilung und Formalisierung von Millionen Hektar Land und die Unterstützung für Kleinbäuer*innen vor. Allerdings setzte die Regierung von Iván Duque, der 2018 an die Macht kam, das Vereinbarte nicht um. Auch für die Sicherheit der Unterzeichner*innen des Friedensvertrags sorgte die Duque-Regierung nicht. Laut der Sondergerichtsbarkeit für den Frieden (JEP) wurden seit 2016 fast 500 ehemalige FARC-Kämpfer*innen ermordet. „Wir haben unsere Waffen abgegeben und waren dann der politischen Laune der Regierungen ausgeliefert, die gerade an der Macht waren“, resümiert Heiner. Manche von diesen hätten das Friedensabkommen schlicht mit Füßen getreten und ihren Interessen untergeordnet. Erst unter Gustavo Petro, der 2022 als erster Linker in der Geschichte Kolumbiens ins Präsidentenamt gewählt wurde, wurden behutsame Fortschritte gemacht. Land wurde verteilt, wenn auch immer noch nicht genug, und die Institutionen des Friedensprozesses gestärkt. Außerdem setzte Petro darauf, auch mit weiter aktiven bewaffneten Akteuren in den Dialog zu treten. Dafür wählte er den Begriff des „vollständigen Friedens“ (paz total). Der Ansatz gilt mittlerweile als größtenteils gescheitert. Petros Mandat endete Anfang August. Sein Kandidat Iván Cepeda hatte eine Fortführung des linken Projekts versprochen. Dafür unterstützten ihn auch die ehemaligen Kämpfer*innen aus Pondores. Die Stichwahl ums Präsidentenamt verlor er allerdings, wenn auch äußerst knapp. Heiner erfüllt das mit Sorge. Er fragt: „Wird die neue Regierung weiter auf Frieden setzen? Wird sie sich an die Abmachungen aus Havanna halten, einen stabilen und dauerhaften Frieden anzustreben?“ Denn Frieden bedeute ja nicht nur das Schweigen der Waffen. Vielmehr gehe es ja auch darum, dass die Menschen über das verfügen, was sie zum Leben brauchen. „Und genau da, wo das nicht der Fall ist, entstehen immer neue Gewaltherde“, gibt Heiner zu bedenken.
Abelardo de la Espriella: Politik der harten Hand statt Dialog
Seit dem 7. August regiert mit dem neuen Präsidenten Abelardo de la Espriella in Kolumbien wieder die Rechte. Der Anwalt und millionenschwere Geschäftsmann lehnt das Friedensabkommen mit den FARC ab. Statt auf Dialog will er auf eine Politik der harten Hand setzen. Im Wahlkampf versprach er, die Bombardements bewaffneter Gruppen wieder aufzunehmen. Der Politikwissenschaftler Stefan Peters arbeitet seit vielen Jahren in der Friedens- und Konfliktforschung. Seit 2018 ist er wissenschaftlicher Leiter des Kolumbianisch-Deutschen Friedensinstituts Capaz. Er sagt, der neue Präsident habe „wenig Interesse daran, das Friedensabkommen von 2016 tatsächlich auch umzusetzen“. Vielmehr werde er vermutlich versuchen zu bremsen. „Das birgt das Risiko und die Gefahr, dass gerade strukturelle Reformen nicht umgesetzt werden, die zentral für langfristige Erfolge für den Frieden sind.“ Die Fokussierung auf das Militärische hält Peters für „sehr kurzsichtig“ und „extrem gefährlich“. Er sagt: „Wenn das tatsächlich so umgesetzt wird, sehe ich eine große Gefahr für Rückschritte.“ Dabei sei zehn Jahre nach dem Friedensabkommen ohnehin von einer „gemischten und teilweise durchwachsenen Bilanz“ zu sprechen, sagt der Experte. „Einerseits war die Demobilisierung der FARC sehr erfolgreich – bis heute ist der absolute Großteil dem Friedensprozess treu geblieben. Auf der anderen Seite ist die Gewalt gegen Exkombattant*innen sehr besorgniserregend – insbesondere auch bezüglich der jetzt kommenden Jahre.“ Peters macht zudem darauf aufmerksam, dass die sozioökonomischen Herausforderungen weiter „sehr groß“ seien. „Und wirklich langfristiger Frieden wird ohne strukturelle Transformationen kaum tragfähig sein.“
„Die Unterzeichner des Friedensabkommens haben doch auch Rechte!“
Die Akkordeonmusik aus dem Gemeindezentrum von Pondores ist von weitem zu hören. Dort findet bald Musikunterricht statt. Mehrere Kinder und Jugendliche sitzen auf weißen Plastikstühlen im Kreis und warten auf die Lehrerin. Unterdessen stimmen sie die für die Karibikregion typische Vallenato-Musik an. In den Texten des Vallenato wird oft von vergangenem Dorfleben, verlorener Liebe und der alten Heimat erzählt. Der wehklagende und melancholische Klang des Akkordeons verstärkt das Gefühl von Nostalgie noch. Das Gemeindezentrum ist halb offen, die Backsteinmauern gehen nur bis zur Hüfte. Direkt nebenan befindet sich eine kleine Schule. Die Wege zwischen den baugleichen Häuschen mit ihren roten Wellblechdächern sind staubig. Hühner laufen gackernd hin und her, vereinzelte Hunde fläzen sich im Schatten. Einige der Dorfbewohner*innen haben Vorgärten angelegt, in denen Zierpflanzen oder Bananenstauden wachsen. Catherine Carvajal sitzt an einem Holztisch am Rande von Pondores. Sie trägt ein rotes T-Shirt, eine Brille auf der Nase und hat die schwarzen Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden. Sie komme aus einer revolutionären Familie und habe sich bereits 1987 den FARC angeschlossen, erzählt die heute 52jährige. Auch sie hoffe, dass sich die neue Regierung an das im Friedensabkommen Vereinbarte halte, sagt Catherine. Dazu gehöre für sie auch das Recht auf Wiedereingliederung ins zivile Leben. „Du siehst ja, wie wir hier leben: unter diesen Wellblechdächern, in dieser Hitze, unter den hier vorherrschenden Bedingungen“, beschwert sie sich. „Dabei haben wir als Unterzeichner des Friedensabkommens doch auch Rechte!“ Statt allerdings anzuerkennen, dass der bewaffnete Konflikt unterschiedliche Ursachen gehabt habe, seien die ehemaligen FARC-Kämpfer*innen dämonisiert worden. „Sie haben uns als Banditen bezeichnet, als Leute, die töten oder entführen wollten. Ich, die ich sehr jung zu den FARC gegangen bin, kann allerdings sagen: Wir alle in der Organisation waren Menschen.“ Während Catherine spricht, spielt sie nervös mit einem Stöckchen.
Verhaltener Pessimismus
Zwischen den einzelnen, baugleichen Häuschen in Pondores ist teils nur wenig Raum. Hier staut sich die Hitze. Kühler als im Inneren ist es trotzdem. Yeldie Hernández sitzt im Schatten und spricht mit ihren Nachbar*innen. Ihre viermonatige Tochter, die sie während unseres Gesprächs hin und her schaukelt, leidet unter den hohen Temperaturen. Yeldie war selbst nicht Teil der FARC, wohnt aber trotzdem bereits seit fast zehn Jahren in Pondores und engagiert sich in der Gemeinschaft. Sie sei „eher pessimistisch“, was die Zukunft des Friedensvertrags angeht, sagt sie. „Ich glaube, wir werden uns selbst organisieren und die Dinge selbst in die Hand nehmenmüssen.“ Glücklicherweise habe die Gemeinschaft in den vergangenen Jahren eben das gelernt und sei zu einem Kollektiv geworden. „In Krisensituationen bringen Menschen oft außerordentliche Fähigkeiten hervor“, sagt Yeldie. „Und auf die wird es jetzt ankommen: Wir müssen alleine klarkommen.“
Zu diesem Bericht gibt es auch einen Audiobeitrag bei onda.
Bilanz nach zehn Jahren Friedensvertrag von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.
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