Wer sind die Todesopfer des Streiks in Ecuador?

Marco Oto, eines der Todesopfer während des Streiks in Ecuador. Grafik: Wambra

(Quito, 8. Januar 2020, wambra/desinformémonos).- Elf Geschichten. Elf Namen, von denen kaum geredet wurde, seit der landesweite Streik in Ecuador zu Ende gegangen ist. Dieser Streik brachte im Oktober 2019 elf Tage lang nicht nur tausende Menschen auf die Straßen; er war auch Auftakt vielfältiger Massenproteste in anderen Ländern Lateinamerikas. Sie demonstrierten gegen die Politik der Weltbank und gegen die Ungleichheit, die durch den Neoliberalismus in Lateinamerika verstärkt wurde.

Der landesweite Streik in Ecuador dauerte elf Tage. Bereits am ersten Tag verhängte Präsident Lenín Moreno den Ausnahmezustand und ermöglichte so den Einsatz der Armee zur Kontrolle der Proteste.

Elf Menschen starben während des Streiks oder wurden umgebracht. Über die Hälfte waren Indigene, drei waren sehr jung, einer war ein jugendlicher Afro-Ecuadorianer. Bevor sie ums Leben kamen waren sie Bauern, Viehhirten, Landarbeiter, Maurer, Studenten, Elektriker, Stauer, indigene Gemeindearbeiter, öffentliche Angestellte, Arbeiter, Sänger. Einer stand auf radikalen Punk; ein anderer sang Volkslieder auf Gemeindefesten. Sie hatten ein, zwei, sieben oder neun Kinder – insgesamt hinterließen sie 23 Halbwaisen. Die Meisten verloren ihren Vater, zwei Kinder verloren die Mutter.

Viele von ihnen hinterließen zudem ihre Eltern ohne Unterstützung. Niemand kann ausdrücken, was Himelda Rivera, Gloria Bone oder María Aurora Chilpe durch den Verlust eines ihrer Kinder empfinden. Viele haben Nachnamen indigener oder afrikanischer Herkunft. In Ecuador mit seiner Kolonialgeschichte weisen somit die Mehrzahl der Opfer sozioökonomische Charakteristiken unterhalb der Armutsgrenze auf.

Segundo Inocencio Tucumbi Vega, Marco Humberto Oto Rivera, José Daniel Chaluisa Cusco, Gabriel Antonio Angulo Bone, Edison Eduardo Mosquera Amagua, Abelardo Vega Caisaguano, Edgar Yucailla, Raúl Chilpe, Silvia Marlene Mera, José Rodrigo Chalouisa, Francisco Quiñonez Montaño – sie starben laut der Ombudsstelle für Menschenrechte während des Generalstreiks im Oktober in Ecuador. Neun von ihnen starben im Zug der Aufstandsbekämpfung durch Polizei und Armee während des Ausnahmezustands; zum Teil auch während der Ausgangssperre. Wer für diese Todesfälle verantwortlich ist, wird aber zur Zeit noch untersucht. Nur zwei der Toten sind bei Verkehrsunfällen ums Leben gekommen, ohne direkte Einwirkung der Sicherheitskräfte.

Wer waren die Menschen, die während des Streiks in Ecuador starben? Wie sind sie ums Leben gekommen? Waren es Unfälle oder sind Polizei und Armee verantwortlich?

Da die Behörden keine Antworten geben, haben die Familien der Verstorbenen beschlossen, ihre Geschichten zu erzählen. In dieser Reportage präsentieren wir ein Portrait von jedem und jeder, zusammen mit einer Zeichnung, erstellt von insgesamt acht Zeichner*innen. Ein Bild von ihren Gesichtern zu haben, ist von entscheidender Bedeutung, um ihrer zu gedenken – so wie die Wandbilder, die in der Comuna 13 in Medellín an die Falsos Positivos erinnern; wie die Gesichter der 43 Lehramtsstudenten von Ayotzinapa; wie die Fotos, die eine Mutter oder Großmutter von der Plaza de Mayo in den Händen hält; die Gesichter der Verschwundenen in Chile und viele andere Bilder, die für die Erinnerung der Kämpfe in Lateinamerika so wichtig sind und die die Mächtigen lieber vergessen machen wollen.

Mit einem Klick auf den Namen findet ihr einen ausführlichen Nachruf auf Spanisch.

Marco Oto, Freigeist

Er liebte den Punk und die Tiere. Marco war 26 Jahre alt, als er von der San Roque-Brücke in Quito stürzte, verfolgt von Polizist*innen zu Fuß und auf Motorrädern. Marco lebte mit seiner Familie in Atucucho und war Teil der Punkbewegung von Quito.

Inocencio Tucumbi, Verbreiter der Freiheit

Ein Genosse, der jeden Kampf begleitete. Der mit seiner Band für Stimmung auf den Fiestas sorgte. Inocencio Tucumbi war 50 Jahre alt, als er mit seiner Familie aus dem Bezirk Pujilí in der Provinz Cotopaxi nach Quito kam, um den Streik zu unterstützen. Er starb am Abend des 9. Oktober während eines Angriffs der Polizei nahe der Salesianer-Universität.

José Daniel Chaluisa, kämpferischer Lastenträger

Von montags bis freitags schleppte er Waren auf dem Markt San Roque in Quito. Aber immer wenn er konnte, reiste er in seine Gemeinde in Zumbahua im Bezirk Pujilí, wo ihn seine Frau, neun Kinder und ein Enkel erwarteten. So wie viele andere Träger*innen und Händler*innen des Marktes ging auch der 40-jährige José Daniel auf die Straße, um zu demonstrieren. Verfolgt von der Polizei stürzte er von einer Fußgängerbrücke und starb mehrere Tage darauf im Krankenhaus Andrade Marin in Quito.

Edison Mosquera, „sie haben uns einen Teil unseres Lebens gestohlen“

Edison nahm jedes erdenkliche Kleingeld an, um seine Zwillinge zu versorgen. Er half seinen Eltern, kümmerte sich um die Großeltern und studierte, um einen technischen Beruf zu erlernen. Edison schloss sich den Protesten gegen die Sparmaßnahmen an, aber während einer Auseinandersetzung mit der Polizei im Viertel Cumandá bekam er eine Kugel in den Kopf. Er starb sechs Tage später im Krankenhaus.

Edgar Yucailla, Träumen am Fuß des Chimborazo

Edgar Yucailla. Grafik: Wambra

Edgar träumte davon, einen Milchbetrieb zu gründen, der seiner Gemeinde Sablog im Bezirk Guamote, Provinz Chimborazo, gehören sollte. Edgar war 32 Jahre alt und Vater einer Tochter. Er kam am 10. Oktober mit seiner Gemeinde nach Quito, um die Proteste zu unterstützen. Ein Geschoss traf seinen Kopf. Er starb nach 17 Tagen auf der Intensivstation.

Gabriel Angulo Bone, „atme, mein Schwarzer“

Gabriel war 15, er liebte es, mit seinen Freunden aus dem Viertel Elsa Bucaram Fußball zu spielen und war Anhänger des FC Barcelona. Am 7. Oktober stand Gabriel mit sechs Freundinnen und Freunden auf der Brücke der Nationalen Einheit, um bei der Ankunft der Indigenen dabei zu sein. Als die Repression begann, schoss ein Polizist eine Tränengasgranate auf ihn. Sie traf ihn direkt in die Brust, woran er starb.

Abelardo Vega Caisaguano, die solidarischen Hände des Großmarktes

Abelardo zog von Pujilí nach Quito um dort zu arbeiten. Er hatte einen Obststand auf dem Großmarkt. Während des Streiks schloss er sich mit anderen Händler*innen zusammen, um den Demonstrant*innen jeden Tag Essen ins Kulturhaus und die Vorratszentren zu bringen. Am 12. Oktober, inmitten einer Auseinandersetzung mit Militär und Polizei in Turumbaba im Süden von Quito, wurde er im Tränengasnebel von einem Fahrzeug überfahren. Der Fahrer flüchtete.

Raúl Chilpe, der Sänger der Mingas

In der kleinen Gemeinde namens Luz María im Bezirk Cuenca war der 37-jährige Raúl überall bekannt. Er verpasste keine Minga (freiwilliger gemeinschaftlicher Arbeitseinsatz), er war immer bereit, seinen Nachbar*innen zu helfen und sorgte für Stimmung auf den Gemeindeveranstaltungen. Er lebte bei seiner Mutter und war ihre wirtschaftliche Stütze. Er starb, als er auf der Straße von Cuenca nach Molleturo über den Haufen gefahren wurde. Er war das erste Todesopfer während des landesweiten Streiks.

Silvia Marlene Mera Navarrete, drei Herzen zur Erinnerung

Silvia war 35 und lebte in Malchinguí, im Bezirk Moncayo in der Provinz Pichincha. Silvia war das siebte Todesopfer während des Streiks und die einzige Frau auf der Liste der Todesfälle. Auf ihrer Gedenktafel sind drei Herzen zu sehen: sie stehen für ihren Mann, ihre Kinder und ihre Eltern.

José Rodrigo Chalousia

Sein Name steht auf der offiziellen Liste der Verstorbenen, aber wir konnten keine weiteren Informationen einholen und auch keinen Kontakt zu seiner Familie herstellen. Laut der Ombudsstelle für Menschenrechte wurde José Rodrigo von Polizist*innen auf Pferden beim Arbolito-Park zu Tode getrampelt. Er starb in derselben Nacht, in der auch Inocencio Tucumbi verletzt wurde.

Francisco Quiñonez Montaño

Sein Name steht auf der offiziellen Liste der Verstorbenen, aber wir konnten ebenfalls keine weiteren Informationen einholen und auch keinen Kontakt zu seiner Familie herstellen. Laut der Ombudsstelle wurde er von einem Militärfahrzeug überfahren.

 

CC BY-SA 4.0 Wer sind die Todesopfer des Streiks in Ecuador? von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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