„Iguala ist ein Friedhof“

Von Fabrizio Lorusso

In Iguala wurden viele Verschwundene verscharrt, sagt Xitlali Miranda Mayo
Miranda Mayo. Foto: Noticias Aliadas

(Lima, 27. Mai 2016, noticias aliadas).- Interview mit Xitlali Miranda Mayo, Leiterin der Organisation “Suchkomitee für die anderen gewaltsam Verschwundenen von Iguala” (Comité de Búsqueda Los Otros Desaparecidos de Iguala).

Xitlali Miranda Mayo ist Psychologin in Iguala, im Bundesstaat Guerrero im Südwesten Mexikos. Sie koordiniert das „Suchkomitee für die anderen gewaltsam Verschwundenen von Iguala“, das nach dem gewaltsamen Verschwindenlassen der 43 Studenten des Lehramtseminars Ayotzinapa am 26. September 2014 gegründet wurde. Durch die Suche nach den lebenden Studenten wurde eine dramatische Situation aufgedeckt: die Gegend ist übersät mit geheimen Gräbern und sterblichen Überresten von gewaltsam verschwundenen Personen, es herrscht ein interner Konflikt, ausgelöst durch die Militarisierung der Region; der Staatsapparat ist vom organisierten Verbrechen unterwandert und es gibt den sogenannten „Drogenkrieg“.

Fabrizio Lorusso, Mitarbeiter der lateinamerikanischen Nachrichtenagentur Noticias Aliadas, sprach mit Xitlali Miranda Mayo über die Bewegung zur Suche nach Verschwundenen und was die Familienangehörigen dazu gebracht hat, sich zu organisieren, um ihre gewaltsam Verschwundenen zu finden. Laut dem Nationalen Datenregister für vermisste und gewaltsam verschwundene Personen sind zur Zeit 27.659 Menschen in Mexiko verschwunden, wobei die Bundesstaaten Guerrero, Tamaulipas und Veracruz die meisten gewaltsam Verschwundenen im Land aufzuweisen haben. Mayo beklagt die mangelnde Solidarität mit den Familien von gewaltsam Verschwundenen.

Noticias Aliadas: Wann wurde das “Suchkomitee für die anderen gewaltsam Verschwundenen von Iguala” gegründet?

Xitlali Miranda: Die Suche nach den gewaltsam Verschwundenen begann mit den Studenten von Ayotzinapa. Das hat viele Menschen bewegt. Als die Studenten gewaltsam verschwanden, kamen Mitglieder der Vereinigung der Völker und Organisationen des Bundesstaates Guerrero UPOEG (Unión de Pueblos y Organizaciones – Estado de Guerrero), da mehrere Studenten aus Gemeinden der Regionen Costa Chica und la Montaña stammen, in denen diese Organisation arbeitet.

Sie entscheiden sich nach Iguala zu gehen, um die jungen Leute zu suchen und lebend zu finden. Aber als sie die Hügel und Berge durchkämmen, finden sie Gräber. Sie graben dort und finden sterbliche Überreste. Diese Nachricht verursacht einen öffentlichen Aufschrei, aber es waren nicht die Studenten aus Ayotzinapa. Da stellte sich natürlich die Frage: „Wer sind sie?“ Niemand interessierte sich dafür. Mitglieder von Regierung und Staatsanwaltschaft des Bundesstaates kamen, sahen die Gräber und ihre absurde Antwort lautete: „Ja, also das sind nicht die Studenten.“ Wir konnten diese Gräber aber nicht ignorieren, so wie sie das taten.

Wie habt Ihr Euch organisiert?

Xitlali Miranda: Die Vereinigung UPOEG richtete einen Aufruf an die Familien in Iguala, von denen eine Person gewaltsam verschwunden war, aber nur wenige kamen. Sie solidarisierten sich, spendeten Essen und Gegenstände, aber sie nahmen nicht an der Suche in den Hügeln teil. Meine Freundinnen und ich hatten Werkzeug dabei und so entstand eine Freundschaft mit Miguel Jiménez, dem Leiter der Vereinigung, der leider im vergangenen August ermordet wurde. Er sagte immer: „Das musst du dir ansehen, denn nur so wird dir die Größe dieses Problems bewusst, es genügt nicht, es nur zu erzählen. Wir werden bald nicht mehr im Zentrum der Aufmerksamkeit sein und ihr müsst euch klar werden, dass Iguala ein Friedhof ist.“ Anfangs dachte ich, er würde übertreiben, aber als ich dann dort war, stellte ich fest, dass die Hügel wirklich mit Gräbern übersät waren und das war ein Schock für mich. Davor war mir die Problematik nicht klar gewesen, mit der viele Familien hier konfrontiert sind.

Wir organisierten Treffen mit Pfarrer Óscar Prudenciano, wir baten um Hilfe. Wir riefen die Familien in der Kirche zusammen mit dem Aufruf: „Hast du ein gewaltsam verschwundenes Familienmitglied, dann komm und gib eine DNA-Probe ab und wir werden deine Angehörigen suchen“. So kamen sie dann, angelockt durch die Möglichkeit der DNA-Probe. Die Organisation „Bürgerliche Kriminaltechnik“ (Ciencia Forense Ciudadana, die sich aus Familienangehörigen von Verschwundenen zusammensetzt), die Kriminaltechnik einsetzen und deren Leiterin Julia Alonso ist, bot uns an, diese Proben zu machen und so entstand das Suchkomitee von Familienangehörigen.

Man muss bedenken, dass wir hier arme Leute sind und kein Geld haben; mit dem Wenigen, das wir einsammelten, druckten wir Flugblätter, nutzten die sozialen Netzwerke, luden Journalist*innen ein, damit sie herkämen und sich informierten. Am 11. November 2014 war die Überraschung riesig als das Untergeschoss der Kirche voll war, es waren 150 Familien gekommen. Das machte schon Angst. Die Leute der Vereinigung UPOEG konnten an diesem Tag nicht kommen, da eines ihrer Mitglieder entführt worden war, aber es geschah etwas beeindruckendes, völlig unerwartetes, als die Menschen zu sprechen anfingen, aufstanden, nacheinander ihre Geschichten am Mikrofon erzählten. Alle weinten, denn es sind tragische Geschichten, von Schmerz und Straflosigkeit, von Ohnmacht; davon, dass niemand zuhört und man nicht weiß, was man tun soll.

Wie geht ihr bei der Suche vor?

Xitlali Miranda: Das hat sich spontan ergeben, wir legten das nächste Treffen fest und am darauffolgenden Freitag begann die erste Suche mit den Angehörigen und wir fanden sieben sterbliche Überreste. Am Sonntag gingen wir dann gemeinsam mit der Staatsanwaltschaft zu den Gräbern. Das war wie eine Lawine, die losgetreten wurde. Und alles aus der Not vieler Familien heraus, die nie zuvor Gehör bei den gleichgültigen Behörden gefunden hatten. Sie bekamen jetzt die Möglichkeit ihre Verwandten zu suchen, auszugraben und zu finden. Es ging ganz schnell und schließlich nahm die Staatsanwaltschaft die Exhumierungen vor. Es war schwierig, aber wir kamen doch voran.

Es gibt verschiedene Suchgruppen in mehreren Regionen des Bundesstaates Guerrero, aber als die Vereinigung UPOEG kam zeigten sie uns, wie man Gräber sucht und wir merkten, dass das etwas war, das all den Organisationen bisher gefehlt hatte. Du kannst dich mit den Behörden streiten wie Du willst, aber wenn sie wollen, dann unternehmen sie etwas, wenn sie nicht wollen, dann machen sie nichts. Deshalb bedeutet diese Organisation von Iguala, ja, wir können etwas voranbringen, auch wenn es uns hier an allem fehlt. Wir sind in einer wirtschaftlich schlechten Situation, aber trotz allem durchkämmen die Eltern die Hügel, wir sind so gut es geht mobil und kaufen das Notwendige oder bitten um Spenden. Es geht darum, sich mit anderen Organisationen auszutauschen, die manchmal viel Erfahrungen und Fortschritte auf anderen Gebieten gemacht haben. Die Tatsache, dass wir manchmal Ergebnisse erzielen, während wir die Hügel und die Gegend durchkämmen, ist so als würde sich ein Feuer ausbreiten. Wir sind stolz darauf, mit unserem Einsatz zum Erfolg beizutragen.

Welche Hilfen habt ihr erhalten und auf welche Hindernisse seid ihr gestoßen?

Xitlali Miranda: Mit der Generalstaatsanwaltschaft haben wir Glück gehabt. Eine Journalistin hat den Kontakt zwischen uns und Eliana García hergestellt, die sehr engagiert und verantwortlich für die Sonderstaatsanwaltschaft Menschenrechte bei der Staatsanwaltschaft ist. Sie haben an dem Treffen mit den Familienangehörigen teilgenommen und versprochen, mit uns zusammen zu arbeiten. Es ist sehr schwierig, denn sie haben einen Einsatzapparat, der nicht von alleine läuft. Wie es hier bei vielen Behörden der Fall ist, so ist es schwierig, dass sie aktiv werden wenn sie wissen, das betrifft sie. Ohne die aktive Beteiligung der Familien wäre das alles schon zu Ende. Wenn die Staatsanwaltschaft sich alleine auf die Suche macht, so findet sie gar nichts, aber mit dem Druck durch die Familien bewegt sich etwas bei dem ganzen Apparat, zwangsläufig; auch mit Murren, aber es bewegt sich.

Wenn wir jetzt auf die Suche gehen, dann haben wir Schutz durch die Bundespolizei und manchmal auch durch die Marine. Es ist natürlich nur eine begrenzte Unterstützung, es kann ein Polizeiauto mit drei oder vier Polizist*innen sein, aber gut, wir tun so als würden wir uns beschützt fühlen, wenn das nicht so wäre, dann hätten wir die Suche schon aufgegeben. Seit etwas mehr als zwei Monaten stellt uns die Regierung des Bundesstaates einen kleinen Transporter zur Verfügung, damit die Familien mobil sind. Es wurden auch schon andere Hilfeleistungen von den Behörden gefordert, sowohl von den Landesbehörden als auch von den kommunalen Behörden, aber sie reagieren eher gleichgültig. Die Familien brauchen nicht nur die Suchaktionen nach ihren Familienangehörigen, sondern auch andere Hilfeleistungen, da sie aus einfachen Verhältnissen stammen und wirtschaftlich benachteiligt sind. Wenn eine Person gewaltsam verschwindet, dann ist es fast immer die Person, die die Familie finanziell versorgt hat und die Familie fällt in vielerlei Hinsicht in ein Loch.

An die Regierung wurden Anträge auf Hilfe gestellt. 2015, als der stellvertretende Gouverneur Rogelio Ortega an der Macht war, kam seine Tochter und es wurde zwar Hilfe geleistet; aber insgesamt geht es um 400 Familien, zu den Treffen kamen 200 und sie haben uns nur mit 18 Projekten zur Existenzgründung unterstützt. Und bei den Treffen wurden für 400 Familien nur 300 Päckchen mit Lebensmitteln und Wasser verteilt. Die Antwort der Regierung war sehr mager.

Wie viele Gräber und Leichen habt ihr gefunden?

Xitlali Miranda: Es wurden 145 sterbliche Überreste ausgegraben. 24 davon wurden identifiziert und davon wurden 15 an die Familienangehörigen übergeben. Die anderen sind noch in einer Warteschleife. Ich habe jetzt nicht die genaue Zahl der geheimen Gräber mit sterblichen Überresten und auch die Behörden haben keine genauen Zahlen, aber es sind mehr als 100, 120. Es gibt auch geheime Massengräber mit mehreren Personen, mit bis zu sechs Leichen.

Wurdet Ihr bedroht?

Xitlali Miranda: Ich persönlich habe nie weder eine Drohung erhalten noch wurde ein Einschüchterungsversuch gemacht, weder durch kriminelle Organisationen noch durch die Behörden, aber Mario Vergara hat Anzeige gegen die Morddrohungen erstattet, die er und seine Familie erhalten haben. Mario Vergara ist Mitglied des Komitees, das bei der Nationalen Suchbrigade von Verschwundenen im vergangenen April zum ersten Mal Gruppen aus ganz Mexiko in Amatlán, im Bundesstaat Veracruz im Südosten Mexikos zusammen gerufen hat. Im vergangenen Februar geschah der Mord an Norma Angélica Bruno Román, die einen gewaltsam verschwundenen Verwandten hat und bei der Suche mitgemacht hat. Aber wir kennen das Tatmotiv nicht, in dieser Angelegenheit wurden keine Ermittlungen eingeleitet. Unsere Gruppe, die sucht, wird immer kleiner: erst waren wir 70, dann 40 und in letzter Zeit sind wir rund 20, aber wir erfahren nicht immer den Grund dafür, warum manche aufgeben.

Mario [Vergara], der seinen Bruder mit Mut und Energie sucht, hat viel über die Suche von geheimen Gräbern gelernt und war einer der ersten, der die Nationale Suchbrigade für gewaltsam Verschwundene ins Leben gerufen hat. Bei dieser Gruppe machen Menschen aus den Bundesstaaten Guerrero, Coahuila, Sinaloa, Chihuahua, Baja California und Veracruz bei der Suche mit.

Welche Auswirkungen hat die Suche auf die Familien?

Xitlali Miranda: In Iguala wird das Problem geleugnet; die Gesellschaft blendet die Bewegung für die gewaltsam Verschwundenen aus, es gibt keine richtige Solidarität mit den Familien. Ganz im Gegenteil, die Familien werden sogar noch zusätzlich kriminalisiert, nicht nur auf der Ebene der Institutionen sondern auch auf gesellschaftlicher Ebene, da man fälschlicherweise denkt, dass sie etwas mit der organisierten Kriminalität zu tun haben müssten, da jemand aus der Familie gewaltsam verschwunden ist. Wenn die Überreste eines oder einer Verwandten übergeben werden, dann ist das für die Familien eine große Erleichterung, das konnte ich feststellen. Daran zu denken ist für mich nicht einfach, denn ich würde mir wünschen, dass die Person noch lebt und würde einen großen Schmerz fühlen, sie aber nicht. Ihre Zermürbung, ihr ganzer Leidensweg und ihr Schmerz führen dazu, dass sie Erleichterung und vor allem Frieden spüren, wenn ihnen ihr Familienmitglied übergeben wird.

 

CC BY-SA 4.0 „Iguala ist ein Friedhof“ von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

Das könnte dich auch interessieren

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Webseite möchte Cookies für ein optimales Surferlebnis und zur anonymisierten statistischen Auswertung benutzen. Eine eingeschränkte Nutzung der Webseite ist auch ohne Cookies möglich. Siehe auch unsere Datenschutzerklärung.

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen