Poonal Nr. 498


Deutsche Ausgabe des wöchentlichen Pressedienstes lateinamerikanischen Agenturen vom 19. Oktober 2001

Inhalt


 

KUBA/RUSSLAND

KUBA/CHINA

HAITI

COSTA RICA

NICARAGUA

KOLUMBIEN

ECUADOR

 

LATEINAMERIKA


 

INHALT

KUBA/RUSSLAND- Kuba protestiert gegen einseitige Kündigung der Nutzung einer Radarstation durch Russland

KUBA/CHINA – Zusammenarbeit bei Wassernutzung

HAITI – Zehnter Jahrestag des Militärputsches

COSTA RICA – Homophobie immer noch weit verbreitet

NICARAGUA – Daniel Ortega mit unbestimmter Politik erneut Kandidat der FSLN

KOLUMBIEN – Die Rechte der Indigenas: Botschaft aus Urabá

ECUADOR – Rechte Terrorgruppen formieren sich – „Plan Colombia“-Gegner mit dem Tod bedroht

ARGENTINIEN – Deftige Wahlschlappe für De la Rua – Comeback der Peronisten

LATEINAMERIKA – Ökonomie und Politik nach den Attentaten in den USA – Ablehnung der Angriffe auf Afghanistan: Menchu und Esquivel schreiben an Annan

 

KUBA/RUSSLAND

Kuba protestiert gegen einseitige Kündigung der Nutzung einer Radarstation durch Russland

(Havanna, 17. Oktober 2001, pl-Poonal).- Das Abkommen zwischen Kuba und Russland über die Nutzung der Radarstation Lourdes am Rand der Hauptstadt Havanna ist entgegen der russischen Darstellung nach Auffassung der kubanischen Seite noch nicht gekündigt. Die Verhandlungen seien noch nicht abgeschlossen, heißt es dazu aus Havanna. Wichtige Fragen müssten zuvor noch geklärt werden, so eine offizielle Note.

Im Zuge der jüngsten Annäherung zwischen den USA und Russland hatte Vladimir Putin jüngst erklärt, ab Januar 2002 sowohl die Militärbasis Camranh in Vietnam wie auch die zu Spionagezwecken genutzte Radaranlage Lourdes auf Kuba schließen zu wollen. Angeführt wurden auch finanzielle Gründe – für die Nutzung von Lourdes zahlte Russland zuletzt jährlich 200 Millionen Dollar an die kubanische Seite.

Die sozialistische Regierung der Karibikinsel ist offensichtlich verärgert über die Art und Weise des russischen Vorgehens. Noch im Dezember 2000 soll Putin bei einem Besuch Kubas und der Radarstation deren Ausbau und Modernisierung angesprochen haben. Monate später begannen aus kubanischer Sicht allerdings verstärkt Verständigungsprobleme über die gegenseitigen Verpflichtungen und die Zahlung von russischer Seite. Die offizielle kubanische Note spricht von „ungerechtfertigten und übertriebenen Forderungen, den Preis zu senken“.

Die Radarstation Lourdes entstand 1964, zwei Jahre nach der sogenannten Oktoberkrise. Im Oktober 1962 hätte die beabsichtigte dauerhafte Stationierung sowjetischer Raketen auf Kuba beinahe die militärische Konfrontation zwischen den damaligen Supermächten ausgelöst. Wegen der engen wirtschaftlichen und militärischen Zusammenarbeit der beiden Länder zahlte die Sowjetunion bis 1992 keine Nutzungsgebühren für Lourdes. Als der Nachfolgestaat Russland Interesse bekundete, die Radarstation weiterhin zu betreiben, forderten die Kubaner eine finanzielle Gegenleistung, da, so aus heutiger Darstellung „zwischen Kuba und Russland nicht die allergeringste politische oder ideologische Verbindung (mehr) bestand“. Der Wert der zum Teil in Waren geleisteten Zahlung stieg von 90 Millionen Dollar im Jahr 1992 auf 200 Millionen Dollar im Jahr 1996 an. Den USA, die selbst die Militärbase Guantánamo auf Kuba unterhalten, war die russische Horchstation stets ein Dorn im Auge.

Für Russland hatte Lourdes dagegen wohl schon länger an Bedeutung verloren. Nach den Attentaten in den USA um ein besseres Verhältnis zu der Supermacht bemüht, preschte der russische Präsident am 17. Oktober vor und verkündete einseitig den Abzug aus der Radarstation, obwohl sich die kubanische Diplomatie dem Anschein nach ausdrücklich gegen dieses Vorgehen vor einer endgültigen Einigung verwahrt hatte.

 

KUBA/CHINA

Zusammenarbeit bei Wassernutzung

(Havanna, 17. Oktober 2001, pl-Poonal).- Durch den Austausch von Fachkräften wollen China und Kuba zukünftig die Nutzung der jeweiligen Wasservorkommen verbessern. Während des Besuches des zuständigen chinesischen Ministers auf der Karibikinsel wurde die sofortige Entsendung einer kubanischen Delegation in das asiatische Land zur Ausbildung vereinbart. Die Zusammenarbeit soll sich auf drei Aspekte konzentrieren: den Bau kleinerer Wasserkraftwerke, landwirtschaftliche Bewässerungssysteme und die Wasserversorgung der Stadtbevölkerung. Chinas Minister für Wasserressourcen, Wang Shu Cheng, kommentierte seine Erfahrungen auf der Insel mit einem chinesischen Sprichwort: „Es ist besser, einmal zu sehen als hundertmal zu hören.“

 

HAITI

Zehnter Jahrestag des Militärputsches

(Port-au-Prince, 1. Oktober 2001, sicrad-Poonal).- Der 30. September 2001 war der zehnte Jahrestag des Militärputsches, mit dem der im Dezember 1990 demokratisch gewählte Präsident Jean-Bertrand Aristide gestürzt wurde. Mehr als 500 Menschen wurden während der dreijährigen Militärherrschaft ermordet. Mehrere zehntausend wurden verfolgt und gefoltert. Staatschef, Regierung und Parlament trafen sich im strukturschwachen Artibonite-Tal, um dem Tag des Putsches zu gedenken.

Präsident Aristide, Ende 2000 erneut zum Präsidenten gewählt, forderte zum wiederholten Male die Auslieferung ehemaliger Putschisten, die noch immer unbehelligt im ausländischen Exil leben. Dabei handelt es sich u.a. um den ehemaligen General Raoul Cedras, den früheren Oberst Michel und den ehemaligen Chef der paramilitärischen Gruppe FRAPH, Emmanuel Constant, die Aristide in seiner Ansprache als „Terroristen“ bezeichnete.

Der Präsident erklärte weiter, dass Haiti die Dokumente der Paramilitärs, die 1994 von amerikanischen Truppen beschlagnahmt wurden nun zurückerhalten hat. Unklar blieb, ob die 160.000 Seiten umfassenden Akten wieder vollständig sind.

Die amerikanischen Behörden hatten seinerzeit die Namen amerikanischer Staatsbürger gestrichen und ausgelöscht, die mit den Putschisten kollaboriert hatten. Staatspräsident Preval hatte aus diesem Grund die geplante Rückgabe verweigert und eine vollständige Version eingefordert.

Aristide versprach außerdem eine Alphabetisierungskampagne für Artibonite. In einer populären Geste spendete er zu diesem Zweck der dortigen Verwaltung sein Monatseinkommen von 75.000 Gourdes (3.000 amerikanischen Dollar).

Während Regierungssprecher die demokratischen Fortschritte, die in allen Bereichen des öffentlichen Lebens gemacht worden seien bilanzierten, war der Gedenktag für engagierte Gruppen Anlass für zahlreiche Proteste. So übergab die „Stiftung 30. September“ eine Petition mit mehreren tausend Unterschriften, in der die Abschaffung der haitianischen Armee gefordert wird.

Die Vereinigung des „Weltmarsches der Frauen 2000“ forderte während eines Sit-ins in Port-au-Prince die Verfolgung von mehreren Hundert Vergewaltigungsfällen aus der Zeit der Militärherrschaft. In dieser Frage betreibe die aktuelle Regierung eine „Kumpanei mit den ehemaligen Henkern“.

Auch Menschenrechtsorganisationen ziehen eine nachdenkliche Bilanz. Die Plattform der haitianischen Verbände zur Verteidigung der Menschenrechte und Amnesty International stellten zuletzt eine Verschlechterung bezüglich der Menschenrechte fest – im Unterschied zur Situation, die nach der Rückkehr zur verfassungsrechtlichen Ordnung vor einigen Jahren beobachtet werden konnte.

Eine Vielzahl von Opfern des Staatstreiches warte immer noch auf Gerechtigkeit, das Justizsystem leide unter chronischen Schwächen und unterliege, ebenso wie die Polizei einem ständigen politischen Druck. Amnesty International sprach von einer „schweren Infragestellungen fundamentaler Freiheiten.“

Stephen Phelps – Aktivist von Regroupement des Organisations Populaires Autonomes, die Mitte der 80er Jahre die Gründung von Bauern- und Jugendorganisationen forcierte – kommt zu dem Schluss, dass sich die Logik des Staatsstreichs immer noch fortsetzt. „Verwirrung, Enttäuschung, Demobilisierung, Desorganisierung und Verrat“ charakterisierten die momentane Situation.

(Ein ausführliches Interview mit Phelps werdet Ihr in einer der kommenden Ausgaben von Poonal finden; die Red.).

 

COSTA RICA

Homophobie immer noch weit verbreitet

Von Eurídice Gómez Laurent

(San Jose, 24. September 2001, sem-Poonal).- Obwohl die Bevölkerung Costa Ricas etwas mehr Toleranz im Umgang mit Homosexualität zeigt als früher, werden dieser sexuellen Orientierung immer noch große Vorurteile und Ängste entgegengebracht. Dies ergab eine Studie des Mittelamerikanischen Forschungszentrums für Menschenrechte (CIPAC/DDHH) in Zusammenarbeit mit der Psychologischen Fakultät der Autonomen Universität Mittelamerikas (UACA). Die Befragung wurde zwischen 1999 und 2000 mit 986 Beteiligten im ganzen Land durchgeführt. Sie ergab, dass Homosexuelle in Costa Rica nach wie vor starken sozialen Vorurteilen und Repressionen ausgesetzt sind. Vor allen Dingen ist die Vater- bzw. Mutterschaft von Schwulen und Lesben negativ besetzt.

„Für meinen Sohn tue ich alles. Ich habe Umgang mit Männern, damit meine Nachbarinnen bloß nicht auf die Idee kämen ich sei eine Hure, oder schlimmer noch eine Lesbe“ erzählt eine 34 lesbische Mutter aus San José. Eine andere erzählt, dass ihre Partnerin, mit der sie seit sechs Jahren zusammen lebt, ihren Sohn anbetet: „ich bin sicher, dass wir ihn zusammen in einer liebevollen Umgebung aufziehen könnten. Stattdessen müssen wir uns verstecken. Wenn meine Eltern das rauskriegen, nehmen sie ihn mir weg. Es ist ein Albtraum.“ Ein schwuler Vater berichtet, dass die Mutter ihm den Umgang mit seinem 9 jährigen Sohn untersagt: „sie hat Angst, dass ich ihn mit meiner Homosexualität anstecke. Er ist der Mensch, den ich am meisten liebe und ich darf ihm nicht nahe kommen!“

Mehr als die Hälfte der Befragten glaubten, dass die Kinder von Lesben und Schwule zwangsläufig auch homosexuell würden, sei es auf Grund ihrer Gene oder durch die Erziehung und den Umgang. Die Argumente für den schlechten Einfluss reichten dabei von „Homosexuelle schaffen eine verwirrende Umgebung für ihre Kinder“, über „sie sind verantwortungslos“ bis hin zu „sie sind krank und pervers“.

Dagegen fanden 45,4 Prozent der Befragten, dass Homosexuelle durchaus gute Eltern sein können: „Mutterliebe wird nicht durch persönliche Verfehlungen beeinflusst“, „am wichtigsten sind die Gefühle“, weder sind alle Menschen gleich noch ihre Kinder“.

Natürlich fehlte in dem streng katholischen Land auch nicht die religiöse Argumentationslinie wie „Homosexualität ist eine Sünde“ oder „Gott schuf Mann und Frau, damit sie sich lieben“, etc. Für viele ist Homosexualität schlichtweg „sonderbar“, „anormal“ oder „falsch“.

Mit der direkten Frage konfrontiert, ob Lesben an sich schlechte Mütter seien, änderten viele jedoch ihre Meinung: 65.7 Prozent der Frauen und 60 Prozent der Männer verneinten diese Frage und traten damit in Widerspruch zu ihrer vorherigen Aussage. Aber auch die „positiven“ Antworten bezüglich der Mutter- und Vaterschaft enthielten abwertende, diskriminierende oder mitleidige Ansichten über die homosexuelle Bevölkerung.

Auch Missbrauch ist immer wieder ein Thema in Zusammenhang mit homosexuellen Eltern. So behauptete die konservative „Koalition Familienstolz“ in einem Bericht, dass die Kinder von Homosexuellen in größerer Gefahr seien, sexuell missbraucht zu werden als die Sprösslinge heterosexueller Paare. Dagegen sind aber sowohl Kinderrechtsinstitutionen als auch homosexuelle Gruppen Sturm gelaufen. Eine Untersuchung der Psychologin Gioconda Batres belegt, dass 90 Prozent der Missbrauchsfälle von heterosexuellen Männern verübt werden. Die Internationale Kommission der Schwulen und Lesben kam zu denselben Ergebnissen.

 

NICARAGUA

Daniel Ortega mit unbestimmter Politik erneut Kandidat der FSLN

Von Andres Canizalez

(Managua, 16. Oktober 2001, npl).- Die symbolischen Farben schwarz-rot und die revolutionäre Rhetorik treten bei den Sandinisten in Nicaragua immer mehr in den Hintergrund. Ihr Präsidentschaftskandidat Daniel Ortega präsentiert sich gemäßigt, er wirkt heute eher wie ein religiöser Führer, der mit traditionellen Werten um Stimmen wirbt. Mit ihrer Positionierung in der politischen Mitte will die sandinistische FSLN, die 1979 den Diktator Somoza aus dem mittelamerikanischen Land vertrieb, die Präsidentschaftswahlen am 4. November gewinnen und damit nach elf Jahren Opposition endlich wieder an die Macht.

Ortega, einer der Köpfe der sandinistischen Revolution, war zwischen 1984 und 1990 der erste gewählte Präsident Nicaraguas im 20. Jahrhundert. Die revolutionäre Phase endete nach elf Jahren, als Ortega die Präsidentschaftswahl 1990 gegen die von den USA favorisierte konservative Kandidatin Violeta Chamorro verlor. Auch im Jahr 1996 verlor er die Wahl, diesmal gegen den noch amtierenden Präsidenten Arnoldo Aleman von der Liberalen Partei.

Trotz heftiger Kritik an seinem autoritären Führungsstil ist Daniel Ortega zum vierten Mal Präsidentschaftskandidat der der sandinistischen Partei.

Umfragen sagen ein Kopf an Kopf Rennen zwischen Ortega und dem Unternehmer Enrique Bolanos, dem Vizepräsidenten unter Aleman, voraus. Doch wird am 4. November nicht nur das Staatsoberhaupt gewählt, auch die 90 Abgeordneten des Parlaments werden neu bestimmt. Hier liegen die Sandinisten klar vorne, wie schon bei den Kommunalwahlen im vergangenen Jahr, als sie in 12 der 17 Wahlkreise die Mehrheit der Stimmen errangen.

Wer auch immer die Wahl für sich entscheidet wird auf Partner zur Regierungsbildung angewiesen sein. Die Liberalen setzen – trotz aller Zwistigkeiten – auf die Konservative Partei, die derzeit in Umfragen an dritter Stelle steht. Die Sandinisten haben in den Christdemokraten bereits einen Bündnispartner gefunden; deren populärer Politiker Augustin Jarquin, der mehrere Korruptionsskandale der jetzigen Regierungspartei aufdeckte, ist für das Amt des

Vizepräsidenten vorgesehen. Darüber hinaus versucht Ortega, ein fragwürdiges Parteienbündnis hinter sich zu scharen. Es umfasst Gruppen wie die Sozialchristliche Union, die einst der „Contra“, die mit Unterstützung der USA die Sandinisten bekämpften, nahe standen.

Beobachtern zufolge ist es genau dieses unklare Erscheinungsbild der Sandinisten, das möglicherweise verhindern wird, dass sie an die Macht zurückkehren. Anstatt sich als Alternative zur Liberalen Partei, die als korrupt gilt und immer weniger Zuspruch findet, zu präsentieren, verschwimmen die Differenzen zwischen Opposition und Regierung zunehmend.

Schuld daran, so kommentiert der frühere Herausgeber der Sandinistischen Zeitung „Barricada“, Carlos Fernando Chamorro, ist vor allem Daniel Ortega, der versucht, sich als alleiniger Vertreter des Sandinismus zu präsentieren. Ortega war es auch, der vergangenes Jahr mit seinem Widersacher Arnoldo Aleman einen Vertrag aushandelte, demzufolge Liberale und Sandinisten sich die Kontrolle über die wichtigsten Institutionen des Landes einvernehmlich teilen. Sollte Ortega Präsident werden, wird sein Regierungsprogramm eher dem des neoliberalen Aleman als dem des Sandinismus der 80-er Jahre ähneln, glaubt nicht nun Fernando Chamorro. Im Gegensatz zu damals werde es mit Ortega keine Umverteilung der Ländereien und keine klare Kritik am Weltwährungsfonds IWF mehr geben.

Angesichts der neuen weltpolitischen Lage ist es allerdings von Vorteil für die Sandinisten, dass Kandidat Ortega bereits seit geraumer Zeit versucht, die Beziehungen zu Washington zu normalisieren. Denn unmittelbar nach den Terroranschlägen vom 11. September druckten die Konservativen Wahlplakate, die den Ex-Präsidenten in Begleitung von arabischen Präsidenten während seiner „revolutionären“ Zeit zeigen – „Ortega ist Terroristenfreund“ war dort zu lesen. Das scheint seine Wirkung nicht zu verfehlen, denn viele Nicaraguaner zweifeln, ob sie einem Kandidaten ihre Stimme geben, der einst mit der Weltmacht USA auf Kriegsfuß stand, meint Chamorro und betont, dass dieser Umstand bereits 1990 Daniel Ortega zum Verhängnis wurde.

 

KOLUMBIEN

Die Rechte der Indigenas: Botschaft aus Urabá

(Bogota, 17. Oktober 2001, ac-Poonal).- Im September versammelten sich in Urabá rund 105 indigene Autoritäten und Delegierte zu einem nationalen Diskussions-Treffen über indigene Rechte. Aufgerufen hatte dazu die Indigenaorganisation von Antioquia (OIA).

Der Krieg in Kolumbien beeinträchtigt die indigenen Völker direkt: bei dem Aufbau ihrer Lebensprojekte, basierend auf der Autonomie, dem Territorium und der kulturellen Identität wie auch die Respektierung ihrer Menschenrechte. Diese Situation steht im Widerspruch zum rechtlichen Rahmen der Verfassung, in der Kolumbien sich als multi-ethnische und kulturell-vielfältige Nation sieht. Sie steht auch im Widerspruch mit der internationalen Abkommen, denen Kolumbien beigetreten ist, und in denen die Rechte der indigenen Völker anerkannt werden.

Schon vor der Verfassung von 1991 forderten die indigenen Völker Kolumbiens ihre Anerkennung und die Respektierung ihrer autonomen Regierungsformen und ihrer gemeinschaftlichen Formen der Rechtsprechung. Viele dieser Formen haben ihren Ursprung in der traditionellen Kultur, andere befinden sich in einem Prozess der Adaption und Aktualisierung gemäß den neuen Problemen, die sich in Bezug auf die indigenen Territorien stellen. Die Gesprächsergebnisse und der Erfahrungsaustausch in Urabá wurden in einer Botschaft der Hoffnung der indigenen Völker an die Kolumbianer*innen zusammen getragen. Actualidad Colombia und Poonal veröffentlichen Ausschnitte daraus:

„Der bewaffnete Konflikt und der permanente Kriegszustand, den Kolumbien erlebt, betrifft auch die indigenen Gemeinschafen des Landes. Dies wird deutlich, wenn wir mit Trauer die in der letzten Zeit ermordeten indigenen Führungspersonen zählen, die gewaltsamen Vertreibungen, der indigene Gemeinschafen unterworfen wurden, der ständige Kampf um das von ihnen bewohnte Territorium und die Unmöglichkeit der Ausübung ihrer Autonomie und Regierungstätigkeit, wenn die bewaffneten Akteure ihnen ihre partikuläre Justiz, ihr Modell zur Kontrolle und ihre territoriale Hegemonie aufzwingen wollen und die Indigenas zwingen, ihre Kollaborateure (wenn nicht sogar in ihren Reihen zu kämpfen) zu sein, ihnen Verpflegung zu bringen, ihnen ihr Land und ihre Territorien für den Krieg zur Verfügung zu stellen.

Dieser Konflikt hat sich in unseren Territorien und Gemeinschafen in vielfacher Form eingenistet: Mit dem territorialen Disput um Bodenschätze und im Kampf um die Kontrolle über die dort lebende Bevölkerung; mit dem Versuch, das Denken unserer Jugendlichen für den Krieg und für das Wirtschaftsmodell zu gewinnen, womit interne Konflikte geschaffen oder ausgenutzt wurden, was zu Spaltungen führte.

Wir sind besorgt über die neuen Formen des Krieges, welche die Gemeinschaften noch verletzbarer machen. Die verschiedenen bewaffneten Gruppen wollen die indigenen Regierungen und die gemeinschaftlichen Organisationen übernehmen; sie wollen Land kaufen, das wir als unser Territorium zurück fordern; sie wollen unsere traditionellen Gesundheits- und Landwirtschaftssysteme dazu benutzen, um die Bevölkerung zu kontrollieren. Alle Kriegsaktionen in unseren Territorien stören das interne Gleichgewicht, enden mit der Schaffung vermehrter interner Delinquenz, rufen nach mehr Krieg und schädigen die Natur. Vor allem aber verhindern sie, dass wir unsere Regierungen wieder aufbauen und unsere Kultur stärken, sie sind darauf ausgerichtet, uns unterwürfiger und weniger frei zu machen. Es sind Praktiken, die uns gewaltsam mit den bewaffneten Gruppen in Beziehung bringen.

Die Gemeinschaften haben Mechanismen des Widerstandes inmitten der Zuspitzung des Krieges aufrecht erhalten oder in verschiedener Weise verstärkt: So in der Erhaltung ihrer Identität und ihres Territoriums; im Bestreben, ihre Unabhängigkeit gegenüber den Akteuren des bewaffneten Konfliktes zu erhalten; sie boten ihre Territorien für Friedensgespräche an und zur Ausübung des Rechts auf Mitsprache beim Aufbau eines Friedens in Allianz mit anderen Kreisen der Zivilgesellschaft. Die Frage ist: Wie auf die Gewalt reagieren?

Der indigenen Bewegung ist die Herausforderung aufgedrängt worden, über die Anklagen über die ständigen Menschenrechtsverletzungen hinaus zu gehen und die Ausarbeitung einer Agenda zusammen mit weiteren Kreisen der kolumbianischen Gesellschaft voran zu treiben. Für die indigene Bewegung wurde es notwendig, eine Strategie zu definieren, welche die Qualifizierung ihrer Mitsprache in den verschiedenen Szenarien der politischen Verhandlungen erlaubt.

Nur zu widerstehen, ohne Vorschläge zu machen, genügt nicht: Wir müssen uns zu den wichtigsten Protagonisten eines Friedensvorschlags für Kolumbien machen! Der Krieg in diesem Land entsteht aus der Ungerechtigkeit und dem Wirtschaftsmodell, welches seine Gesetze durchsetzt. Darum müssen wir uns dem Aufbau einer Grundlage für eine gerechte und gut regierte Gesellschaft widmen. Dies verstehen wir – und mit uns viele Menschen – unter Frieden.

1. Wir schlagen folgende Leitprinzipien der Friedenssuche vor: Eine gemeinsame, gemeinschaftliche Suche nach den Ursachen der Probleme, bevor diese eskalieren. Dabei wollen wir von der Identität ausgehen, denn dort finden wir unsere Träume und die Art von Welt, die wir wollen. Wir trachten danach, bei der Suche daran zu denken, dass die Gerechtigkeit und der Friede von Autoritäten umgesetzt werden können, die wirklich aus der Tradition der Völker heraus wachsen. Die Suche soll auf der Basis eines Territoriums stattfinden, das von den Bewohner*innen und nicht von Unternehmen oder fremden Regierungen beherrscht wird. Es soll daran gedacht werden, dass die Natur da ist, um sie zu respektieren und zu schützen und nicht um sie zu benutzen und zu missbrauchen. Wir glauben nicht, dass ein hegemoniales Projekt, das Unterschiede verleugnet und die Unterschiedlichkeit ausmerzt, den Frieden bringen kann.

2. Es ist notwendig, dass die Verhandlungen Sache der gesamten Bevölkerung sind und dafür ein Waffenstillstand vereinbart wird. Es ist notwendig, dass sofort humanitäre Abkommen geschlossen werden, es ist kriminell, einen Krieg in den aktuellen Bedingungen zu führen. Diese Botschaft soll von allen gehört werden: vom Staat, von der Gesellschaft, von den bewaffneten Gruppen und von der Armee. Um dies zu erreichen, schlagen wir vor, einen Marsch durchzuführen. Nachdem die sozialen Organisationen zu Konsensen und Abkommen gekommen sind, könnte dieser Marsch darin bestehen, dass Tausende von Kolumbianer*innen, Indigenas, Bauern und Bäuerinnen, Schwarzen und Arbeiter*innen dorthin gehen, wo sich die Kommandoposten der Armee und der bewaffneten Gruppen befinden, um so ihre Friedenskraft und die Kraft ihrer Vernunft zu demonstrieren, um einen Waffenstillstand für die Verhandlungen und humanitäre Abkommen zu fordern und um zu sagen, dass wir nicht länger Zuschauer des Friedensprozesses, sondern dessen Protagonisten sein werden.

Wir rufen alle Menschen Kolumbiens auf, gemeinsam und gemeinschaftlich für dieses Ziel der Gerechtigkeit und des Friedens für alle zu arbeiten. Wir brauchen Zeit, um unser Herz vorzubereiten – und hier kommt unsere Anfrage, die aus unserer Erinnerung kommt: Können wir auf euch bei der Entdeckung dieser Zeit zählen?“

 

ECUADOR

Rechte Terrorgruppen formieren sich „Plan Colombia“ – Gegner mit dem Tod bedroht

Von Luis Angel Saavedra

(Quito, September 2001, na-Poonal).- In Ecuador werden immer mehr Menschen aus Menschenrechts-Organisationen, Führer sozialer Bewegungen und fortschrittliche Professoren, die sich gegen den von den USA unerstützten Plan Colombia und seine Auswirkungen auf Mensch und Natur in der Grenzregion zum Nachbarland Kolumbien wenden, mit dem Tod bedroht. Die Welle der Drohungen begann am 30. Juli, als die INREDH (Fundación Regional de Asesoría en Derechos Humanos) und andere Menschenrechtsorganisationen eine e-Mail erhielten, in der sie eine politische und militante Gruppe, die sich selbst „Legión Blanca“ (weiße Legion) nennt, aufforderte, „ein für alle Mal“ ihre „kommunistischen, sozialistischen und revolutionären Ideologien“ aufzugeben.

Die Menschenrechts-Gruppen stellen sich gegen den milliardenschweren von Kolumbien ins Leben gerufenen und von den USA unterstützten Plan Colombia, der der Bekämpfung des Koka-Anbaus und der Bekämpfung der politischen Gewalt dienen soll. Diese Gruppen wenden sich gegen die Besprühung der Anbauflächen mit Herbiziden aus der Luft, da diese schwerwiegende Auswirkungen auf die Umwelt und die Bevölkerung auf beiden Seiten der Grenze habe.

In ihrer ersten Drohung beschuldigen die Ultrarechten die Menschenrechts-Organisationen, von „den Kommunisten aus Cuba, China und Russland“ und den „Narco-Terroristen der FARC und der ELN“ gefördert zu werden. „Alle ohne Ausnahme müssen sich bewusst sein, dass ihre Tage von nun an gezählt sind und dass wir jeden ihrer Schritte beobachten. Wir werden nichts vergeben und sie werden Objekte unserer taktischen Operationen sein,“ fügte „Legión Blanca“ hinzu. Die Gruppe bekannte sich auch zu permanenten Angriffen in Form von Telefondrohungen oder körperlichen Attacken auf Menschenrechts-Aktivist*innen.

So bezeichneten sie z.B. den Sprecher der „Ständigen Menschenrechts-Versammlung“ (APDH) Alexis Ponce als Drogenschmuggler. Am 22. Juli wurde Ponce von Antidrogenpolizisten bei seiner Ankunft am Flughafen in Quito dazu gezwungen, sich auszuziehen und röntgen zu lassen, da er verdächtig sei, Drogenpäckchen in seinem Magen zu schmuggeln.

Am 4. August erreichte die Gruppen ein weiterer Drohbrief. Darin gibt Legión Blanca bekannt, dass sie „alle, die gegen den seligen und humanistischen Plan Colombia, alle, die die Mörder und Kommunisten der FARC und die Castro-treuen Terroristen der ELN unterstützen“ exekutieren werde. Einen Tag darauf wurden die Drohungen auf Professoren, Universidad Andina Simón Bolívar und der Universidad Central del Ecuador, katholische Priester, die in Armutsvierteln arbeiten, Intellektuelle aus der Casa de la Cultura Ecuadoriana und andere bekannte führende Persönlichkeiten, ausgeweitet, die sich gegen den Plan Colombia geäußert hatten. Der Anwalt Patricio Benalcázar, Leiter der INREDH, drückte seine Besorgnis wegen der detaillierten Informationen, die diese Gruppe besitzt, aus: „Es kann sein, dass sie Spitzel in den Menschenrechts-Organisationen und sozialen Bewegungen haben, da sie selbst über Menschen die nur auf sehr niedrieger Ebene arbeiten, bescheid wissen, wie im Fall der Priester in den Vororten im Süden Quitos.“

Schwester Elsie Monge von der Maryknoll-Versammlung, die eine herausragende Figur bei der Verteidigung der Menschenrechte in Ecuador ist, beschuldigt die Regierung, mit vielen ihrer Äußerungen ein Klima geschaffen zu haben, „in dem eine rechte Gruppe entstehen konnte, die uns einschüchtern will“. Der ecuadorianische Präsident Gustavo Noboa bezeichnete die Menschenrechts-Aktivisten, die sich auch den Privatisierungen entgegenstellen, als „majaderos“ (Deppen) und der Regierungsminister Juan Manrique bezeichnete sie als „Linksextremisten“.

Am 14. August hatte der Minister noch Vertreter der Menschenrechts-Gruppen empfangen. Als er darüber informiert wurde, dass permanente Angriffe auf Menschenrechts-Aktivisten stattfinden, stellte er fest, dass es sein könne, dass bewaffnete Gruppen außerhalb der Gesetze existierten, von denen aber „niemand nichts wüsste“. Der nächste Drohbrief kam am 18. August. In diesem bezog sich die „Legión Blanca“ auf ihre ersten Taten und bekannte sich zu einigen Aktionen, die unter dem Motto „Amerika ohne Kommunisten“ in Zusammenarbeit mit ähnlichen Gruppen auf dem Kontinent stattfänden.

Laut der Terrorgruppe sei ihre mittelamerikanische Schwesterorganisation „Caballeros Blancos“ für die „Hinrichtung“ der brasilianischen Schwester Dilva Stepp verantwortlich, die am 3. August in Honduras bei einem Verkehrsunfall umkam. Sie und ihr Fahrer seien gestorben, da die Bremsen des Fahrzeugs manipuliert worden seien. Mehr als 7 Jahre hatte Schwester Stepp im Flüchtlingskomitee der Ecuadorianischen Bischofskonferenz gearbeitet. Während ihrer Missionsarbeit hatte Stepp bereits einige Morddrohungen erhalten, so dass die Schwesterngemeinde beschloss, sie nach Honduras zu schicken, um dort mit Flüchtlingen zu arbeiten. Ebenso bekennt sich die „Legión Blanca“ zum Mord an dem Journalisten Luis Fernando Maldonado am 8. August in Quito, der mit Menschenrechts-Organisationen zusammen gearbeitet hat: „Wir sind für die Auslöschung des Subjekts und Mikrofon-Verbrechers Luis Fernando Maldonado verantwortlich, dem Produzenten der Nachrichtensendung 'Telesistema', da er sich in Angelegenheiten eingemischt hat, die das Leben, die Ehre, das Eigentum, die Demokratie und den Wohlstand der ehrenwerten Familien bedrohen“, steht in oben bereits genannten Drohbrief. Trotz der Bedrohungen haben sich die Menschenrechts-Organisationen in einem offenen Brief erneut gegen den Plan Colombia ausgesprochen: „Da wir uns für das Leben entschieden haben, klagen wir gegenüber der nationalen und internationalen Öffentlichkeit den kriegerischen und interventionistischen Charakter des Plan Colombia an, dessen Konsequenzen die Würde, den Frieden, die Stabilität, die Gesundheit und die Wirtschaft aller Ecuadorianer bedrohen.“

 

ARGENTINIEN

Deftige Wahlschlappe für De la Rua – Comeback der Peronisten (Mexiko-Stadt, 16. Oktober 2001, Poonal).- Die Senats- und Parlamentswahlen vom vergangenen Sonntag haben die politische Landschaft in Argentinien verändert. Das Ergebnis wurde allgemein als eine heftige Niederlage für den amtierenden Präsidenten Fernando De la Rúa und seine Regierungsallianz aus Radikaler Bürgerunion (UCR) und dem Bündnis für ein solidarisches Land (Frepaso) gewertet. Obwohl die Peronistische Justizialistische Partei (PJ) von Ex-Präsident Carlos Menem starke Gewinne verzeichnete und nach zwei Jahren wieder zu stärksten Kraft im zur Hälfte erneuerten Parlament wurde, gehörte auch der wegen Korruption inhaftierte Menem zu den Verlierern. Dort, wo die PJ besonders gute Ergebnisse verzeichnete, waren fast ausnahmslos partei-interne Gegner des Ex-Präsidenten angetreten. Ein ähnliches Bild ergibt sich für die Regierungsparteien. Die schärfsten Regierungskritiker aus den eigenen Reihen erzielten die besten Ergebnisse für die UCR und die Frepaso. Dem brutalen wirtschaftlichen Anpassungsprogramm von De la Rua und Wirtschaftsminister Domingo Cavallo erteilten die Wähler eine Absage.

Die Ablehnung der Regierung zeigte auch an anderen Daten: Die Zahl nicht ausgefüllter oder ungültig gemachter Wahlzettel erreichte in einigen Regionen bis zu 30 Prozent der abgegebenen Stimmen. Oft schrieben die Bürger statt des Kreuzes ihren Protest auf die Zettel. Nicht wenige votierten den Berichten nach für Osama Bin Laden. Und obwohl in Argentinien Wahlpflicht besteht, sparten sich etwa 30 Prozent der Wahlberechtigten den Urnengang ganz. Die Parteien links von der Regierungsallianz profitierten vom verloren gegangenen Glauben an UCR und Frepaso. Sie konnten ihre Stimmenanteile durchweg verbessern. Aufgrund ihrer Zersplitterung wird der Zugewinn aber nur begrenzt in Senat und Parlament zum Ausdruck kommen. Für die Präsidentschaftswahlen im Jahr 2003 scheint derzeit alles offen. Nur diejenigen, die noch hinter Präsident De la Rua stehen, dürften auf keinen Fall Chancen haben. Ob De la Rua das Ende seiner regulären Amtszeit überhaupt erreicht, ist fraglich. In beiden Gesetzeskammern hat er keine eigene Mehrheit, das Bündnis mit der Frepaso wird zukünftig angespannter werden als es ohnehin schon ist.

 

LATEINAMERIKA

Ökonomie und Politik nach den Attentaten in den USA

Von Lucien O. Chauvin

(Lima, 8. Oktober 2001, na-Poonal).- Regierungen und Unternehmen in Lateinamerika sind damit beschäftigt, sich so schnell wie möglich auf die neue Weltlage einzustellen, die durch die terroristischen Attentate am 11. September in den USA entstanden ist.

Sofort nach den Ereignissen in New York und Washington solidarisierte sich die Region mit den USA. In allen Erklärungen – der einzelnen Länder sowie der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) – wurde für den „Krieg gegen den Terrorismus“ Hilfe angeboten. Sogar Kuba, das als einziges Land aus der OAS und von den Debatten um eine regionale Freihandelszone ausgeschlossen ist, verurteilte die Anschläge und bot humanitäre Hilfe und Unterstützung bei geheimdienstlichen Ermittlungen an. Die Unterstützung für die US-Regierung ist damit praktisch einmütig.

Die Meinungen gehen auseinander, wenn es darum geht, die Folgen der Attentate auf die Region einzuschätzen. Das negativste Szenario präsentierte Otto Boye, ständiger Sekretär des Ökonomischen Systems Lateinamerikas (SELA), der ein Sinken der Wachstumsraten und weniger ausländische Investitionen vorhersagt. Zudem geht er von einer höheren Anfälligkeit der Exportwirtschaft aus. In Folge der Attentate wird es laut SELA zu einem Rückgang des Wirtschaftswachstums kommen, durch den die Region 40 Milliarden US-Dollar verlieren wird. Expert*innen bestätigen, dass die Wirtschaft der USA auf Grund der Angriffe 60 Milliarden US-Dollar verlieren wird. Boye meint, dass „dies die Vorhersagen des Wirtschaftswachstums der Region direkt betrifft“.

Analyst*innen der Wall Street und multilaterale Organisationen haben eine andere Sichtweise. Viele von ihnen sagen kurzfristig weniger Wachstum vorher, langfristig allerdings würde die Region davon profitieren. Der Internationale Währungsfond (IWF) sieht die Wirtschaft geringer wachsen als erwartet. Die Organisation hatte ihre Vorhersagen allerdings bereits Anfang des Jahres nach unten korrigiert, als die US-Wirtschaft zu schrumpfen begann. Der IWF geht von einem Wachstum von 1,7 Prozent für dieses Jahr und von 3,6 Prozent für kommendes Jahr aus.

Walter Molano, Chefanalyst von BCP Securities mit Sitz in den Vereinigten Staaten, glaubt, dass die Attentate der Region langfristig zu gute kommen können. „Die Gesamtwirkung dürfte für Lateinamerika günstig sein“ sagte er. „Die Reduktion des transpazifischen Handels wird den lateinamerikanischen Produzenten Spielraum geben, in Erscheinung zu treten“.

Historisch gesehen geht es Lateinamerika besser, wenn die USA in einen Krieg eintreten, so Molano. Das mächtige Land im Norden richte sich dann auch nach Süden auf der Suche nach verlässlichen Partnern in seiner Hemisphäre.

Die argentinische Präsident Fernando de la Rúa und Fernando Henrique Cardoso aus Brasilien boten den USA Militärhilfe und Truppen an. Argentinien erhofft sich dabei einen positiven Nebeneffekt. Während bislang die Kritik der US-Regierung an de la Rúa aufgrund seines finanzpolitischen Kurses überwog, ist nun mit mehr Harmonie zu rechnen. Noch vor wenigen Wochen hatten hohe Regierungsvertreter der Vereinigten Staaten das millionenschwere Finanzpaket für Argentinien vom Internationalen Währungsfonds kritisiert. „Die neue Aktivität von Washington konzentriert sich darauf, seine Verbündeten zu unterstützen und seine Feinde zu besiegen. Da Argentinien seine Unterstützung für jede Militäraktion angekündigt hat, ist nun offensichtlich, auf welcher Seite es steht“, meint Molano.

Venezuela hat trotz seiner Unterstützung der Resolution der OAS eine kontroversere Position. Präsident Hugo Chávez erklärte, sein Land werde Hilfe und andere Formen der Unterstützung nach Afghanistan schicken. Die Hilfe will Venezuela allerdings erst dann zur Verfügung stellen, wenn die Vereinten Nationen sie anforderten.

Kolumbiens Situation ist komplizierter. Die USA haben mehr als 1,3 Milliarden US-Dollar für die Militärhilfe und zur Drogenbekämpfung im Rahmen des Plan Colombia versprochen. Von den fünf Gruppen, die vonseiten der USA als „terroristische Gruppen“ in Südamerika klassifiziert werden, sind drei aus Kolumbien. Die Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (FARC), das Nationale Befreiungsheer (ELN) und die paramilitärischen Selbstverteidigungseinheiten Kolumbiens (AUC) sind im Kampf gegen den Terrorismus für die USA offiziell von „globaler Bedeutung“ und damit Ziele in dem neuen Krieg. Dieser neue Fokus könnte schnell die Ausrichtung des Plan Colombia ändern, bei dem die Behörden der Vereinigten Staaten bisher darauf bestanden haben, dass es sich ausschließlich um einen „Kampf gegen Drogen“ handelt. Unter den neuen Bedingungen könnten die Mittel der USA für Kolumbien genutzt werden, die Guerilla und die rechten paramilitärischen Gruppen zu bekämpfen.

Die restlichen zwei Gruppen, die von den USA als terroristisch eingestuft werden, sind der Leuchtende Pfad und die Revolutionäre Bewegung Tupac Amaru (MRTA) in Peru. Obwohl beide Gruppen nur noch sporadisch aktiv sind und langfristig geschwächt scheinen, gelten sie der USA als „von globaler Bedeutung“. Wie Kolumbien ist auch Peru ein bedeutender Drogenproduzent und die ideologisch aufgeladene Verbindung von Drogenhandel und Terrorismus könnte die künftige Zusammenarbeit der USA mit den peruanischen Behörden prägen. Der neue Drogenbekämpfungszar von Peru, Ricardo Vega Llona, erklärte, er hoffe die Attacken vom 11. September werden helfen, eine „amerikanische Vision“ der gesamten Hemisphäre zu schaffen, in der die USA ihre südliche Nachbarn als natürliche Partner auf allen Gebieten betrachten, einschließlich im Kampf gegen Drogen. „Diese Tragödie könnte uns zu einer neuen Ära des Verständnisses und der Zusammenarbeit in der Region bringen“, sagte er.

Abgesehen vom Thema Terrorismusbekämpfung ist das Augenmerk vor allem auf die Wirtschaft gerichtet. Lawrence Krohn, von ING Baring, sieht v.a. Mexiko gefährdet, da die Wirtschaft des Landes stark mit der der Vereinigten Staaten verflochten sei.

In Brasilien sind mehrere Fluglinien dem us-amerikanischen Beispiel gefolgt und haben einen Teil ihres Personals gekündigt. Auch zwei Fahrzeughersteller, Fiat und Volkswagen, nutzten die Gunst der Stunde und haben Entlassungen angekündigt, falls die Verkaufszahlen zurückgehen.

Ecuador und Venezuela, die abhängig von den Erdölexporten sind, könnten Schwierigkeiten beommen, wenn der Rohölpreis dauerhaft fällt. Chile schließlich wird unter ökonomischen Druck geraten, wenn sich die weltweite Rezession verschärft und die Exporte nach Asien zurückgehen.

In Peru fragen sich die Tourismusverbände wie die Sache für sie steht. Bis jetzt zieht Peru jährlich etwa eine Million Tourist*innen an. Ein Viertel davon kommen aus den USA. Man fragt sich, ob der leichte Trend, dass Urlauber*innen aus Angst vor dem Fliegen oder wegen einer möglichen wirtschaftlichen Rezession ihre Reisen stornieren, anhalten wird. Andererseits könnten sich mittelfristig touristische Ziele wie Mexiko, Zentralamerika oder Peru bei einem möglichen Konflikt in anderen Regionen in attraktive Alternativen verwandeln.

Als Rohstofflieferant könnte Lateinamerika auch einem willkommenen Anstieg der Preise für Metalle, wie Kupfer, Zinn und Blei entgegengehen. Auch landwirtschaftliche Produkte, wie zum Beispiel Kaffee, der sich zur Zeit auf einem historischen Preistief befindet, könnten davon profitieren.

Es gibt Anzeichen dafür, dass der us-amerikanische Kongress jetzt diskutiert, Bush die Vollmacht zu geben, auf „schnellem Weg“ ein Freihandelsabkommen für Amerika voranzubringen. Die Regierungschefs der Andenländer hoffen, dass die Erneuerung und Erweiterung des Abkommens über einen bevorzugten Handel mit der Andenregion ansteht. Der geplante Vertrag, der den steuerfreien Export von Produkten in die USA ermöglichen soll wird am 1. Dezember neu verhandelt.

 

Ablehnung der Angriffe auf Afghanistan: Menchu und Esquivel schreiben an Annan

New York, 8. Oktober 2001

An Herrn

Kofi Annan

Generalsekretär der Vereinten Nationen

Sehr geehrter Herr Generalsekretär,

Wir, die hier unterzeichnenden Friedensnobelpreisträger sind nach New York gekommen, um unsere Ablehnung der Militäraktionen, die gestern als Vergeltungsmaßnahme wegen der terroristischen Angriffe des vergangenen 11. September begannen, auszudrücken. Wir kamen, um eine gemeinsame Erklärung zu übergeben, in die wir die Meinung von acht unserer Kollegen eingearbeitet haben und in der wir sagen, dass Gewalt niemals mit neuer Gewalt bekämpft werden kann. Wir fordern von der hier versammelten Vollversammlung der Vereinten Nationen, neues Leid zu verhindern und einen auf Gerechtigkeit und Freiheit gegründeten Frieden zu sichern, indem sie die rechtliche und institutionelle Ordnung durchsetzt, auf der heute das Zusammenleben der Nationen gründet.

Wir erneuern unser Mitgefühl und unsere Solidarität mit den Opfern der Tragödie, mit ihren Familien und dem ganzen Volk der Vereinigten Staaten und unsere Ablehnung des Terrorismus in all seinen Formen und zu allen Zeiten. Gleichzeitig sprechen wir unsere tiefe Ablehnung der Doppelmoral aus, die einen auf humanitäre Operationen gestützten Militärangriff ermöglicht, der Tausende von Männern, Frauen und Kindern in Afghanistan obdachlos macht und so die humaitäre Katastrophe verschärft, ohne die Ursachen des Konflikts zu lösen. Wir rufen dazu auf, Gerechtigkeit zu suchen, nicht Rache.

Dieses Verbrechen hat die Notwendigkeit, internationale juristische Instrumente zu haben, mit denen die Verantwortlichen ermittelt, vor zuständige Gerichte gestellt und bestraft werden können, auf die Tagesordnung gesetzt. Dies muss Teil der unerlässlichen Wiedergutmachung für die Opfer sein. Um zu verhindern, dass weiterhin abnormale Verbrechen im Namen der Freiheit und im Schatten der Straflosigkeit begangen werden, rufen wir außerdem dazu auf, die weltweite Gerichtsbarkeit für die Aburteilung von Verbrechen gegen die Menschheit zu stärken und bald einen Internationalen Strafgerichtshof einzurichten.

Wir sind überzeugt, dass die jüngsten Ereignisse ein umfassenderes Nachdenken über die vielfältigen Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten, die Ohnmacht und Hoffnungslosigkeit nähren und täglich Tausende von Leben kosten, erforderlich machen. Der Kampf muss gegen die stumme Bombe des Hungers, der Armut und des sozialen Ausschlusses, geführt werden. Sie steht für eine Situation struktureller politischer und wirtschaftlicher Ungerechtigkeit, unter der heute die Mehrheit der Völker der Welt leidet.

Kein Land und keine Ländergruppe darf einseitig eine kriegerische Aktion entfesseln und die Entscheidungen der Organisationen der Vereinten Nationen an den Rand drängen.

Wir sind nicht nur hierher gekommen, um eine überlegte und doch feste Haltung einzufordern, sondern auch um unsere Mitarbeit dabei, den Frieden zu einem nicht nur moralischen, sondern auch juristischen Gebot zu machen, anzubieten. Wir müssen die Absurdität jedes Waffengangs denunzieren und verhindern, dass der Krieg weiterhin Motor der Ökonomie und des Aufbaus neuer Hegemonien ist.

Wir fordern eine plurale und demokratische Ordnung, die die Würde aller Völker und Kulturen respektiert. Deshalb weisen wir jeden Versuch als illegitim zurück, die Freiheiten irgendeines Volkes zu beschneiden und nur bedingt zu gewähren, weil dann im Namen der Sicherheit pazifistischer Dissens mit Verrat verwechselt wird.

Wir machen uns den Aufruf des Generalsekretärs der UNO vor der jüngsten Weltkonferenz gegen Rassismus zu eigen, aus der Zivilgesellschaft heraus eine Weltbewegung gegen alle Formen von Diskriminierung und Ausschluss zu bilden, und wir fordern alle Staaten dringend auf, ihre Verpflichtungen aus der Deklaration zur Dekade für eine Kultur des Friedens und der Gewaltfreiheit für die Kinder der Welt, ein respektvolles und brüderliches Zusammenleben aller Völker aufzubauen, zu bekräftigen.

Wir fordern die Vollversammlung dringend auf, die sofortige Einstellung der Feindseligkeiten anzuordnen und den juristischen und politischen Rahmen für eine friedliche Lösung des Konflikts zu schaffen.

Wir sind überzeugt, dass es Alternativen zum Krieg gibt und dass es möglich ist, die Sehnsucht nach Frieden, die in den Herzen der ganzen Menschenfamilie wohnt, zu erfüllen.

Eine andere Welt ist möglich. Wir fordern die Regierenden der Welt auf, der Gewalt mit Weisheit und dem Gesetz entgegenzutreten; die internationalen Organisationen, das friedliche Wesen ihrer Entstehung und ihres Mandats zu respektieren, keine militärische Intervention zu unterstützen oder ihre Verantwortung auf die Verwaltung der humanitären Krisen, die von ihnen heraufbeschworen werden, zu beschränken; die Kirchen, zuzugeben, dass die unendliche Güte ihrer Götter das Leben und die Harmonie aller Lebewesen der Schöpfung behütet; die Lehrer, den Respekt, die Solidarität und das kritische Denken zu fördern; die Medien, Panikmache zu vermeiden und objektiv zu informieren; und die Jugend, alle Männer und Frauen aller Völker, ihr Engagement für den Aufbau einer sicheren und friedlichen Welt für alle einzubringen, einer gerechten Welt für alle, einer würdigen Welt für alle; kurz und gut, einfach einer Welt für alle.

Mairead Corrigan Maguire

Adolfo Pérez Esquivel

Rigoberta Menchú Tum

 

 

   

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