Mexiko

Mädchen werden am häufigsten Opfer sexualisierter Gewalt


von Gladis Torres Ruiz

Kampagnenlogo las ninas tambien cuentan / ednica.org.mx(Mexiko-Stadt, 11. Oktober 2012, cimac-poonal).- Sexuelle Übergriffe auf Kinder und minderjährige Jugendliche haben in den letzten zehn Jahren stark zugenommen. 80 Prozent der Mädchen und minderjährigen Frauen, die in Heimen oder Notunterkünften untergebracht werden, geben an, vom Vater, Großvater oder Onkel vergewaltigt worden zu sein.

UN-Weltmädchentag: Reaktion auf Gewalt und Marginalisierung

74 Prozent der Opfer sexueller Übergriffe sind jünger als 14 Jahre, der Anteil der Mädchen liegt bei 81 Prozent. Dies sind einige der erschreckenden Zahlen, die im Rahmen des Forums „Gedanken zum Thema Mädchen“ zur Sprache kamen. Die Veranstaltung fand im Frauenmuseum von Mexiko-Stadt anlässlich des “Internationalen Tags des Mädchens” statt, der am 11. Oktober begangen wurde.

Die Vollversammlung der Vereinten Nationen hatte diesen Tag eingeführt, um auf die besondere Situation von Mädchen aufmerksam zu machen. Akademikerinnen und Mitarbeiter*innen zivilgesellschaftlicher Organisationen, die sich für Kinderrechte einsetzen, beklagten, dass der Staat Mexiko sich zu wenig um die prekäre Situation von Mädchen kümmere, die in Armut leben und keinen Zugang zu Bildung haben. Überdies werden viele Mädchen Opfer sexueller Gewalt, müssen mit ungewollten Schwangerschaften zurechtkommen oder fallen in die Hände von Menschenhändler*innen.

80 Prozent der Mädchen in Heimen war zuvor Missbrauch ausgesetzt

Dr. Nadima Simón Domínguez, emeritierte Professorin der mexikanischen Universität UNAM (Universidad Nacional Autónoma de México), erklärte in einem Interview mit Cimacnoticias, der mexikanische Staat habe die Mädchen einfach vergessen und bemühe sich stattdessen lieber darum, die Auflagen mächtiger Organe wie des Internationalen Währungsfonds IWF zu erfüllen und internationale Abkommen und Verträge zu unterzeichnen, die sicher anderen Ländern Vorteile brächten, jedoch nicht Mexiko selbst.

Simón Domínguez, die außerdem Ehrenmitglied des Verbands mexikanischer Universitäten Femu (Federación Mexicana de Universitarias) ist, machte deutlich, dass unbedingt mehr Geld in Bildungsangebote und Förderungsmöglichkeiten für Mädchen investiert werden müsse, nicht zuletzt da Mädchen jenen Teil der Gesellschaft stellten, der unter der seit zwölf Jahren verstärkt praktizierten neoliberalen Politik am meisten zu leiden habe. Ferner wies sie darauf hin, dass 80 Prozent der Mädchen, die in Einrichtungen untergebracht werden, zuvor von männlichen Familienmitgliedern missbraucht wurden.

FEMU warnt vor Cyber-Kriminalität

Untersuchungen der Forscherin und Femu-Mitarbeiterin Margarita Almada ergaben, dass junge Mädchen derzeit ein „gefundenes Fressen“ für Cyber-Kriminelle darstellen, während der Staat das Problem weitestgehend ignoriert. Almada erklärte, es gebe immer mehr Webseiten, auf denen sexualisierte Abbildungen junger Mädchen zu finden seien – ein deutlicher Hinweis darauf, dass Mädchenhandel und sexuelle Ausbeutung auf dem Vormarsch seien.

Nach Angaben des Netzwerks für die Rechte der Kinder in Mexiko (Red por los Derechos de la Infancia en México) leben in Mexiko 19,3 Millionen Mädchen zwischen null und 17 Jahren. Dies entspricht 36,2 Prozent am Gesamtanteil der weiblichen Bevölkerung, die aufgrund ihres Geschlecht mit massiver gesellschaftlicher Marginalisierung zurechtkommen muss.

Kampagne “Auch Mädchen zählen”

Wie verschiedene UNAM-Sozialwissenschaftlerinnen im Rahmen des Forums darlegten, leben in Mexiko 12,7 Millionen Jungen und Mädchen zwischen null und fünf Jahren. Etwa 20 Prozent der Kinder werden im Laufe des ersten Lebensjahres nicht einmal ins Geburtenregister eingetragen. Dies betrifft überwiegend Mädchen. Die Akademikerinnen unterstrichen, dass das Risiko der sexuellen Ausbeutung und/oder der Verschleppung durch einen Menschenhändlerring wesentlich höher ist, solange ein Kind noch nicht behördlich registriert worden ist.

Die von über hundert zivilgesellschaftlichen Kinderrechtsorganisationen getragene Kampagne „Auch Mädchen zählen“ (Las niñas también cuentan) berichtete anlässlich des Weltmädchentags, ein Drittel aller Mädchen zwischen null und 17 Jahren seien nicht sozialversichert, was wiederum deutlich mache, wie nachlässig mit der Registrierung weiblicher Säuglinge umgegangen wird.

Frühe Schwangerschaften führen zu Schulabbruch

UNO-Einrichtungen forderten ihrerseits die Regierungen Lateinamerikas auf, wirksame Mittel zu ergreifen, um das Schwangerwerden von Minderjährigen zu unterbinden. Eine zu frühe Schwangerschaft und anschließender Mutterschaft zerstöre das Leben Tausender Minderjähriger in den Ländern Lateinamerikas. Die UNO-Vertreter*innen wiesen darauf hin, dass jedes Jahr etwa zehn Millionen Mädchen unter 18 Jahren verheiratet würden, davon 29 Prozent in Lateinamerika.

Laut der Kampagne „Auch Mädchen zählen“ brachten im Jahr 11.682 Mexikanerinnen zwischen 10 und 14 Jahren im Jahr 2010 ein Kind zur Welt, 244 von ihnen waren selbst erst zehn Jahre alt. In Mexiko verlassen 90 Prozent der Mädchen zwischen 10 und 17 Jahren im Fall einer Schwangerschaft die der Schule. Der Anteil zwölf- bis 14-jähriger Mädchen, die bereits verheiratet sind oder in eheähnlicher Gemeinschaft leben, ist im Bundesstaat Chiapas am höchsten.

204.000 minderjährige Mütter

Im Jahr 2010 war die Zahl der minderjährigen Mütter in Mexiko im Alter zwischen 15 und 17 Jahren auf 204.000 angestiegen, das entspricht einem Anteil von 6,1 Prozent aller weiblichen Jugendlichen in dieser Altersstufe.

Den 11. Oktober als Internationalern Tag des Mädchens zu begehen, geht auf einen Beschluss der UNO-Vollversammlung zurück, der im Dezember 2011 gefasst wurde. Ziel des ersten Welt-Mädchentags war es, über Schwangerschaften von Kindern und Jugendlichen zu informieren und eine internationale Öffentlichkeit für das Problem zu schaffen, das überwiegend in Entwicklungsländern auftritt.


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