Städte unter sozialen Gesichtspunkten neugestalten

Städte
São Paulo, Skyline
Foto: Francisco Anzola via wikimedia
CC BY 2.0

(Genf, 30. August 2026, prensa latina).- Stadtzentren auf der ganzen Welt sind zugleich Ursache und Opfer der globalen Klima- und Umweltkrise. Dennoch könnten sie zu Trägern bedeutender Lösungen werden. Sechs zivilgesellschaftliche Organisationen haben gemeinsam an der Frage überlegt, wie der Übergang zu klimaresilienten Städten nachhaltig konzipiert und geplant werden kann. Dafür bedarf es nicht nur technischer Lösungen, sondern vor allem eines radikalen Wandels im Verständnis von Wirtschaft, sozialem Wohlergehen und demokratischer Teilhabe. Nach zwei Jahren gemeinsamer Forschung haben die sechs europäischen Institute aus den Niederlanden, Belgien, Spanien, Tschechien und Kroatien ihre Ergebnisse unter dem Titel „Städte jenseits des Wachstums“ veröffentlicht. Das Handbuch soll als Leitfaden dienen, wie das Leben in den großen Ballungsräumen aus der Perspektive der „Postwachstums“ neu gedacht werden kann. Aus der Befragung und dem Austausch mit 1.700 Menschen in 100 verschiedenen Ländern entstand die Idee, dass sich Gemeinschaften und Kommunalverwaltungen schrittweise als Akteure inklusiver und demokratischer Übergänge einbringen und an dem Entwicklungsprozess auf dem Weg zu einer „Postwachstumsökonomie“ aktiv beteiligt sind. Ausgangspunkt und Ziel der Studie, die auch vom europäischen Bildungsprogramm Erasmus+ unterstützt wird, ist die Arbeitshypothese, dass „wachstumsorientierte Wirtschaftsmodelle nicht mehr nachhaltig sind – weder aus ökologischer noch aus sozialer oder politischer Sicht“. Das heißt: Eine Wirtschaft, die den heutigen und künftigen Generationen menschenwürdige Lebensbedingungen bieten will, darf sich nicht am Wachstum als Leitprinzip der Stadtentwicklung festhalten, sondern muss sich umorientieren in Richtung einer Postwachstumsökonomie, bei der Wohlbefinden, Suffizienz und demokratischer Selbstbestimmung eine Rolle spielen. (https://www.tni.org/es/publicacion/cities-beyond-growth-manual)

Die zwei Gesichter der Städte

Der urbane Raum bringt die höchsten CO₂-Emissionen hervor, er birgt die gravierendsten sozialen Ungleichheiten und ist Schauplatz der meisten entscheidenden politischen Entscheidungen, die das Schicksal von Hunderten Millionen Menschen betreffen. Zum Beweis genügt ein Blick in einschlägige Statistiken: Die tausend größten Städte erwirtschaften mehr als 60 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts (BIP) und verursachen etwa 70 Prozent der globalen Kohlendioxidemissionen (CO₂), die Wärme in der Atmosphäre speichern und schädliche Klimaveränderungen hervorrufen. Laut einem aktuellen Bericht von UN-Habitat, der für die Förderung der Stadtentwicklung zuständigen Organisation der Vereinten Nationen, haben derzeit rund 3,4 Milliarden Menschen keinen Zugang zu sicherem, geschütztem und angemessenem Wohnraum, davon lebt über eine Milliarde Menschen in informellen Siedlungen und Slums unter sehr schwierigen Bedingungen wie unsichere Besitzlage ihrer Grundstücke, beengte Wohnverhältnisse, die Gefährdung durch Umweltrisiken und der eingeschränkte Zugang zu grundlegenden Versorgungsleistungen. (https://onu-habitat.org/index.php/reporte-mundial-de-ciudades-2026). Die Stadt ist außerdem der Ort, an dem die Folgen des Wachstums am stärksten und greifbarsten zu spüren sind: Umweltverschmutzung, Ungleichheit, soziale Entmischung, Überlastung durch Arbeit sowie die verstärkten Auswirkungen extremer Wetterereignisse wie verheerender Hitzewellen und Überschwemmungen. Dennoch organisiert sich die menschliche Gemeinschaft im urbanen Raum, aus kooperativen Bemühungen entstehen Alternativen, und durch Kommunalverwaltungen können Veränderungen oft effektiver und schneller umgesetzt werden als durch die nationalstaatliche Regierung. Daher eignen sich Städte gut für einen transformativen Wandel, vorausgesetzt, ihre Bewohner*innen sind bereit für einen radikalen Wandel im Hinblick auf Wirtschaft, soziale Fürsorge und demokratische Teilhabe.

Städte der Zukunft

Eins der Hauptprobleme am Konzept „Wachstum“, so das Projekt, sei, dass bislang das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) als wichtigsten Erfolgsmaßzahl gelte. Sozialer Fortschritt für alle oder Umweltgesundheit bilde sich darin jedoch nicht ab. Die Folge sei eine wachsende Kluft zwischen der sogenannten „gesunden Volkswirtschaft“ und der tatsächlichen Lebenserfahrung der Menschen. Paradoxerweise führen Ölkatastrophen, Abholzung und Überschwemmungen oft zu einem Anstieg des BIP. Dasselbe gilt für Entlassungen und Gewinnausschüttung an Aktionär*innen. Die teilnehmenden Institute kamen überein, dass das Modell „ökosoziale Krisen“ hervorrufe, da es „das Zusammentreffen ökologischer, sozialer und politischer Zusammenbrüche ermöglicht, die ihren Ursprung im Kapitalismus haben“. Ein Beispiel: Zehn Prozent der Europäer*innen mit dem höchsten Einkommen erzeugen mehr Treibhausgasemissionen als die ärmsten 50 Prozent. Hier zeigt sich der Zusammenhang zwischen „Wachstum“ und der Verschlechterung des Wohlergehens. Wie die sechs NGOs des Projekts betonen, geht es hier nicht um „technische Fehler, die durch technische Lösungen behoben werden können“, sondern um die „strukturellen Tendenzen einer vom Wachstum abhängigen Wirtschaft“, die das Wirtschaftswachstum als Selbstzweck betrachtet, ohne andere zentrale Aspekte des Lebens zu berücksichtigen, wie beispielsweise unbezahlte Pflegearbeit oder das reibungslose Funktionieren der Ökosysteme.

Mögliche Alternativen

Die zentrale Frage, die sich aus dem Projekt ergibt, lautet: Wie stellt man die Wirtschaft in den Dienst der Menschen und der von ihnen gewünschten Lebensweise, auf dass den künftigen Generationen der Planet in annehmbarer Weise hinterlassen wird? Die von den sechs europäischen NGOs initiierte Konsultation hat das „Postwachstum“ als beste Option ermittelt. Dazu gehört ein Kurswechsel, der sich von der unendlichen Ausweitung der Produktion und des Konsums materieller Güter abwendet und sich stattdessen am nachhaltigen Wohlergehen der Menschen und des Planeten ausrichtet. Es muss also „bewusst entschieden werden, welche wirtschaftlichen Aktivitäten ausgebaut werden sollen (Genossenschaften für erneuerbare Energien, gemeinschaftliche Ernährungssysteme, öffentliche Dienstleistungen, Pflege) und welche reduziert werden müssen (fossile Brennstoffe, Immobilienspekulation, industrielle Landwirtschaft, Werbung)“. Genauso wichtig ist, dass der Übergang gerecht erfolgt und nicht wie in früheren Phasen des wirtschaftlichen Wandels die Kosten des Wachstums auf die Schwächsten abwälzt. Das „Postwachstum“ weigert sich, dieses historische Muster zu wiederholen, und dieser Punkt ist nicht verhandelbar. (…) Der grundlegende Konsens besteht in der Überzeugung, dass Wachstum nicht gleichbedeutend mit sozialem Fortschritt ist. Volkswirtschaften auf die Entfaltung des Menschen und die ökologische Nachhaltigkeit auszurichten ist ebenso notwendig wie machbar.

Suffizienz als Leitkonzept

Ein wesentlicher Grundsatz bei dieser Suche nach Alternativen ist das Prinzip der „Suffizienz“. Es geht nicht länger darum, Produktion und Konsum zu maximieren, sondern darum, das Nötige zu gewährleisten. Genügend Energie für den Schutz vor Kälte und Hitze, genügend Nahrung für eine gute Ernährung; genügend Wohnraum, um in Würde zu leben; genügend Zeit, um füreinander zu sorgen. Das Prinzip der „Effizienz“ schließt die Reduzierung des individuellen Konsums bis hin zur Entbehrung mit ein; Suffizienz hingegen bedeutet, der Begrenztheit der Energieressourcen Rechnung zu tragen und den Konsum insgesamt zu reduzieren. Der von den NGOs vorgeschlagene Kurswechsel bringt neue Perspektiven für die unvermeidlichen Fragen: Wie viel ist genug, und für wen? Energiesuffizienz würde mehr Sicherheit und Freizeit bedeuten. Und wenn jemand seinen Verbrauch reduzieren muss, dann sind dies zweifellos die obersten Verbraucherschichten. Technisch gesehen würden die Materialströme der Urbanisierung durch eine postwachstumsorientierte Umorientierung verlangsamt, reduziert und neugestaltet, so die Organisationen. Politisch würde es bedeuten, die notwendigen antikapitalistische oder postkapitalistische Strategien zu koordinieren. Beide Dimensionen sind erforderlich und ergänzen einander.

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