Weg mit dem Hunger! Selbstbestimmte Landwirtschaft und Ernährung

Foto: marcha.org / Nadia Petrizzo

Ernährungssicherheit für alle! Mit der Grünen Revolution – der Industrialisierung der Landwirtschaft ab den 1960er Jahren – sollte die Welt vom Hunger befreit werden. Ernährungssicherheit bezeichnet den passiven Versorgungszustand, bei dem alle Menschen jederzeit physischen und wirtschaftlichen Zugang zu ausreichender, sicherer und nahrhafter Ernährung haben. Doch die Menge an Nahrungsmitteln scheint nicht das einzige Kriterium für eine Welt ohne Hunger zu sein. Schon jetzt produzieren wir mehr Nahrungsmittel als wir verbrauchen. Entscheidend dafür, ob alle satt werden, sind auch wirtschaftliche, ökologische, soziale und politische Bedingungen und Auswirkungen der Lebensmittelsysteme. Judith Duesberg vom gen-ethischen Netzwerk in Berlin thematisiert die ökologischen Folgen der industriellen Landwirtschaft: „Einer der Hauptschlüsselmomente war in den 60er Jahren die Grüne Revolution, wo diese Kunstdünger und Pflanzensorten und Tierrassen gezüchtet worden sind und Landwirtschaft eher in eine Industrierichtung verändert worden ist, weg von diesem Kleinbäuerlichen. Aus dem Gedanken heraus, dass wir mehr Erträge schaffen und die Welt ernähren können. Das hat auch zu großen Teilen erst mal funktioniert. Die Böden waren gesund, die Pflanzen sind gut gewachsen. Aber wir sehen jetzt die Folgen, wir sehen das mit dem Klimawandel, wir sehen das mit dem Biodiversitätsverlust, das kostet halt etwas.“

Ernährungssouveränität statt Ernährungssicherheit

Ein Flyer von Via Campesina

Eine Alternative zur Ernährungssicherheit durch industrielle Landwirtschaft ist das politische Konzept der Ernährungssouveränität. 1996 stellte die internationale kleinbäuerliche Organisation Via Campesina auf dem Welternährungsgipfel in Rom das Konzept der Ernährungssouveränität vor. Im Gegensatz zum Begriff der Ernährungssicherheit schließt Ernährungssouveränität die Frage nach den Machtverhältnissen sowie den Bedingungen und Auswirkungen unserer Lebensmittelsysteme mit ein. Alberto Gomez von Via Campesina beschreibt es so: „Ernährungssouveränität bezeichnet das Recht aller auf gute, kulturell angepasste, nachhaltig produzierte und erschwingliche Lebensmittel. Lokale Märkte und Wirtschaftskreisläufe werden bevorzugt, die kleinbäuerliche Landwirtschaft wird ermächtigt. Produktion, Verteilung und Konsum finden auf Basis ökologischer, sozialer und wirtschaftlicher Nachhaltigkeit statt. Ernährungssouveränität setzt sich ein für einen transparenten Handel und ein würdiges Einkommen sowie das Recht der Konsumenten selbst über ihre Ernährung zu bestimmen. Ernährungssouveränität kämpft dafür, dass wir, die Produzenten und Produzentinnen von Lebensmitteln, Zugang zu unserem Land, unserem Wasser, unserem Saatgut, unserem Vieh und der Biodiversität im allgemeinen haben.“

Kleinbäuerinnen und -bauern: Hände, die ernähren

Das argentinische Medienkollektiv Huerquen hat in ihrer Filmreihe Hände, die ernähren (Manos que alimentan) einige Kleinbäuerinnen und -bauern vorgestellt, die nach diesem Prinzip arbeiten, wie z.B. Maritza. Sie baut ökologisches Gemüse an. Für Maritza ist das Wichtigste für eine gute Ernte eine gute Bodenqualität, nicht der beste Dünger oder die besten Pestizide. Maritza und ihre Familie nutzen samenfeste Sorten und verwenden weder gebeiztes noch hybrides oder gentechnisch verändertes Saatgut.

Ihr Hof gehört zu einem der 16.000 kleinbäuerlichen Betriebe in Argentinien, die in der Vereinigung der Landarbeiter*innen UTT (Union de los Trabajadores de la Tierra) organisiert sind. Die UTT setzt auf das Modell der kleinbäuerlichen Landwirtschaft und kämpft für Ernährungssouveränität.

Fest steht, Kleinbäuerinnen und -bauern sind die wahren Ackerheld*innen. Weltweit produzieren sie etwa 70 Prozent unserer Lebensmittel. In Argentinien sind es etwa 200.000 kleinbäuerliche Betriebe, die fast zwei Drittel der Nahrungsmittel für die argentinische Bevölkerung anbauen. Nur wenigen gehört das Land, das sie bebauen. Auch Maritza und ihre Familie pachten ihre Felder.

Sie berichtet von dem Problem, dass landlose Bäuerinnen und Bauern nicht selbst entscheiden können, was sie mit dem gepachteten Land machen, was sie anpflanzen oder ob sie ein Haus darauf bauen. Außerdem sagt sie, dass die Bodenverbesserung viel Zeit brauche „und wenn der Boden nicht dir gehört und du gehen musst, lässt du auch die ganze Arbeit zurück, die du zuvor geleistet hast.“

                                                                                                               Ein anderes landwirtschaftliches Modell muss her

Heute Soja, morgen Hunger, Foto: Veronique Debord Lazaro (CC BY-SA 2.0)

Deswegen fordert die UTT eine Landreform, ein anderes landwirtschaftliches Modell, das auch die Rechte für die Kleinbäuerinnen und -bauern verbessert. 2016 hat die UTT einen entsprechenden Gesetzesentwurf vorgestellt, über den immer noch nicht entschieden wurde. Dazu der Koordinator der UTT Nahuel Levaggi „In dem Entwurf sind auch Förderkredite vorgesehen. Familien können so einfach an einen günstigen Kredit kommen, um ein oder zwei Hektar Land zu kaufen. Statt der Pacht zahlen sie den Kredit ab. Das ist einer der Hauptkämpfe der UTT und daneben die Transformation des landwirtschaftlichen Modells.“ Diese Transformation stellt eine große Herausforderung dar, denn mittlerweile werden – nicht nur in Argentinien – viele Flächen industriell bewirtschaftet. Judith Duesberg beschreibt die Folgen des großflächigen Anbaus von Monokulturen:  „Was z.B. in Südamerika, in Argentinien oder Brasilien angebaut wird, ist Soja. In Deutschland kennen wir vielleicht auch die großen Rapsfelder und Maisfelder. Mais wird vor allen Dingen auch als Biokraftstoff genutzt. Also das sind häufig gar keine Lebensmittel mehr direkt für uns, sondern Teil einer Energiekette oder Futtermittel für Tiere. Dann haben wir das große, einförmige Feld. Es bietet nicht so viele Lebensräume und es gibt die ganze Zeit Störungen, es wird geerntet, es wird vielleicht gespritzt, es ist ein störungsreiches Habitat, wo nur wenige Pflanzen, Tiere und Bodenorganismen drin zurecht kommen. Wenn wir das kleinteiliger gestalten würden, dann wäre es z.B. für Organismen möglich, sich innerhalb der landwirtschaftlichen Flächen zu bewegen oder es gibt verschiedene Nischen, die besetzt werden könnten und die großen Flächen verhindern das.“

Würdiges Leben vor Salat-Export

Feriazo in Buenos Aires, eine Produzentin verkauft ihr Gemüse, Foto: marcha.org / Nadia Petrizzo

Das Konzept der Ernährungssouveränität spricht sich klar gegen eine exportorientierte Landwirtschaft aus. Auch hier haben die organisierten Kleinbäuerinnen und -bauern in Argentinien viel zu tun, denn die  Politik fördert vor allem den Export landwirtschaftlicher Produkte, wie UTT-Aktivist Nahuel Levaggi berichtet: „Beispielsweise formuliert die Provinz Buenos Aires als Ziel, Salat ins Ausland zu exportieren. Aber wir sagen: Nein, muchacho, das Ziel muss sein: Eigenes Land, eine würdige Unterkunft, gutes Essen und ein würdiges Leben für alle. Erst wenn wir das erreicht haben, können wir über Salat-Export reden. Jetzt aber kannst du einer Familie, die in einer Hütte wohnt, das Land pachtet, sich jeden Tag mit Ackergiften verseucht, die also unter extrem prekären Bedingungen lebt und arbeitet, nicht erzählen, dass das Programm der Regierung darin besteht, Salat zu exportieren.“

UTT-Aktivist Nahuel Levaggi spricht sich darüber hinaus für die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Produzent*innen aus: Eigenes Land, Unabhängigkeit von teurem Saatgut und Ackergiften, direkter Handel, stabile Preise für Lebensmittel und Schluss mit Nahrungsmittelspekulationen. Denn nur so könnten sich alle gesundes Essen leisten. Nahuel erklärt, wie die UTT-Mitglieder ihre Produkte vermarkten: „Für das Gemüse haben wir halbjährliche Festpreise, die für alle erschwinglich sind. Wir verkaufen ökologisches Gemüse nicht teurer als Herkömmliches. Wenn wir die Feriazos veranstalten, verkaufen wir an öffentlichen Plätzen das Gemüse direkt von den Produzent*innen. Das heißt die Familien bringen das Gemüse, das sie am Abend zuvor oder früh morgens geerntet haben und verdienen etwas mehr und die Konsument*innen zahlen etwas weniger und diese Kreisläufe müssen etabliert werden. Wenn man sich in die Handelsketten begibt, fällt einem schnell die absurde Menge an Zwischenhändlern auf. Dazu kommen noch Spekulationen und Machtkonzentrationen. Und bei diesen ganzen Ketten kommt es auch zu Nahrungsmittelverlusten. Wir sehen Mengen an weggeworfenem Gemüse. Von 10 Kilo, die geerntet wurden, werden vielleicht nur 4 Kilo wirklich konsumiert.

Eine andere Landwirtschaft ist möglich

Zurück zum Hungerproblem: Ist es möglich alle Menschen mit diesem landwirtschaftlichen Modell zu ernähren? Judith Duesberg vom gen-ethischen Netzwerk verweist darauf, dass der ökologische Landbau in der Regel mehr Fläche benötigt, da die Erträge etwas geringer ausfallen. Die dafür benötigte Ackerfläche sei jedoch vorhanden. Die entscheidende Frage sei, was angebaut und was konsumiert wird. Sie sagt: Wir müssen „weg davon, dass wir Tiere essen und Tiere mit Lebensmitteln füttern, die wir selbst konsumieren könnten. Ein großes Problem ist der Anbau von Soja als Futtermittel. Die Natur in anderen Regionen der Erde wird zerstört. Das ist externalisiert, es passiert im globalen Süden. Wir kriegen das Fleisch, aber das ist ganz weit weg. Und wenn man diese Flächen einsparen könnte und sich tatsächlich anschaut, was Menschen an Gemüse essen, dann könnte man schon sehr viel von der agrarwirtschaftlichen Fläche einsparen und es sind ja gerade die kleinbäuerlichen Betriebe, die die Welt ernähren.“

CC BY-SA 4.0 Weg mit dem Hunger! Selbstbestimmte Landwirtschaft und Ernährung von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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