Lateinamerikas dringende Agenda für den Umweltschutz im Jahr 2023

Foto: Amazônia Real
Alexandre Cruz Noronha via flickr
CC BY-NC-SA 2.0

(Lateinamerika, 28. Dezember 2022, Democracia Abierta).- Lateinamerika umfasst einige der Länder mit der höchsten Biodiversität der Welt. Dieser ökologische Reichtum wird jedoch jedes Jahr durch aggressiven Bergbau (illegal, kriminell und in großem Maßstab), Abholzung und extensive Viehzucht sowie andere zerstörerische Aktivitäten beeinträchtigt. Bis 2023 sollten die wichtigsten lateinamerikanischen Staaten entschlossen Maßnahmen ergreifen, um weitere Umweltzerstörungen in der Region zu verhindern. Im Folgenden nennen wir einige Länder mit den größten Herausforderungen und Bedrohungen.

Kolumbien: Entwaldung stoppen und führende Umweltschützer*innen schützen

Im Juni 2022 wählte Kolumbien einen neuen Präsidenten, Gustavo Petro. Einer seiner Wahlkampfslogans: der „absolute“ Schutz der Umwelt. In den ersten vier Monaten ihrer Amtszeit hat sich die neue Regierung offen für den Dialog mit den in diesem Bereich tätigen sozialen Organisationen gezeigt und einen wichtigen Durchbruch erzielt: die Ratifizierung des Abkommens von Escazú. Eine Schande der Vorgängerregierungen besteht jedoch fort: die systematische Ermordung führender Umweltschützer*innen. Nach Angaben der Organisation Somos Defensores wurden zwischen dem 7. August, dem Tag des Amtsantritts von Petro, und dem 30. September 25 Umweltschützer*innen ermordet, und nach Angaben der Organisation Global Witness gab es in Kolumbien in den Jahren 2020 und 2021 weltweit die meisten Morde an Umweltschützer*innen: 33 der weltweit 200 registrierten Morde an Umweltschützer*innen fanden in Kolumbien statt. Das Abkommen von Escazú ist eine Grundlage für den Schutz von Umweltaktivist*innen. Jetzt muss die Regierung Petro dafür sorgen, dass die kriminelle Gewalt gegen Umweltschützer*innen in Kolumbien ein für alle Mal beendet wird.

Das zweite große Problem für Kolumbien im Jahr 2023 ist die Abholzung der Wälder. Nach Angaben der neuen Umweltministerin Susana Muhammad hat das kolumbianische Amazonasgebiet zwischen 2001 und 2021 fast zwei Millionen Hektar Wald verloren, was einer Fläche von 2,5 Millionen Fußballfeldern entspricht. Ursachen für den Waldverlust sind vor allem illegaler Bergbau, Viehweiden, Waldbrände und massive Abholzung. Im nächsten Jahr muss die Regierung einen Plan zur Eindämmung der Aktivitäten, die die Entwaldung vorantreiben, in Angriff nehmen.

Argentinien: Dürre, Brände und Konflikte mit indigenen Völkern

Die im Jahresvergleich rasant ansteigende Inflation erreichte im November 92,4 Prozent. Gleichzeitig muss das Land Schulden in Höhe von 44 Milliarden US-Dollar an den Internationalen Währungsfonds (IWF) zahlen. Argentinien ist ein Land in der Krise, und das betrifft auch die Umwelt. Die wirtschaftlichen Verluste aufgrund der Dürre sind enorm, das eigentliche Problem – abgesehen vom Tod der Tiere und der Zunahme von unfruchtbaren Böden – besteht jedoch darin, dass die Dürre die Ausbreitung von Bränden begünstigt, die eine enorme kumulative Wirkung haben. Laut dem Online-Magazin Chequeado wurden „seit 2019 und bis zum 18. August insgesamt 6.716 Brände im ganzen Land registriert. Betroffen war eine Fläche von 2.360.215 Hektar.“ Gelingt es der argentinischen Regierung nicht, den Bränden Einhalt zu gebieten, könnte neben den enormen Umweltschäden 2023 auch die landwirtschaftliche Produktivität, eine tragende Säule der argentinischen Wirtschaft, weiter in alarmierendem Ausmaß zurückgehen.

Ein weiteres komplexes Problem in Argentinien ist die anhaltende Konfrontation mit indigenen Völkern, die Vertreibungen und territorialen Streitigkeiten mit verschiedenen Organisationen. Versuche, einvernehmliche Lösungen zu finden, blieben ohne Erfolg. Ein Beispiel war der Versuch, im November die Frente Indígena Plurinacional (Plurinationale Indigene Front) als Dialogforum zu gründen, um damit die Vertreter*innen der indigenen Völker näher an die politischen Gremien heranzuführen. Die Initiative blieb jedoch erfolglos, da die indigene Bevölkerung keine ausreichenden Garantien seitens des Staates sieht.

Ecuador: Öllecks, wenig Transparenz und verfolgte Führungspersönlichkeiten

Ecuador ist ein Land, in dem gemäß seiner Verfassung die Natur eine eigenständige Rechtsperson ist. Im Jahr 2022 kam es jedoch zu mehreren Ölunfällen. Nach Angaben des Ministeriums für Umwelt, Wasser und ökologischen Wandel (Maate) wurden zwischen 2012 und 2022 1.584 Öllecks gezählt, die vor allem auf mangelnde Investitionen in die Wartung der Pipelines zurückzuführen sind. Wenn die ecuadorianische Regierung die Ölfirmen nicht zur Einhaltung der Vorschriften zwingt, könnte diese Umweltkatastrophe noch größere Ausmaße annehmen.

Wenn die lateinamerikanischen Länder keine Klimaaktionspläne aufstellen, wird es ihnen nicht gelingen, die ökologische Krise zu entschärfen, die sich bereits jetzt unumkehrbar auf die Zerstörung des Lebensraums vieler Arten, einschließlich unserer eigenen, auswirkt.

Ein weiteres Problem ist der Mangel an aktuellen Daten über die Entwaldung in Ecuador. Bis heute gibt es keine aktuellen Zahlen von Regierungsstellen, was eine realistische Einschätzung der Situation des ecuadorianischen Amazonasgebiets unmöglich macht.

Schließlich müssen dringend die Angriffe auf und die Verfolgung von Umweltschützer*innen eingestellt werden. Allein im Oktober 2022 wurden drei bewaffnete Angriffe auf Menschenrechtsverteidiger*innen verzeichnet, und mehrere haben berichtet, dass sie verfolgt werden.

Bolivien: Brände und Bergbau

Bolivien steht im Jahr 2023 vor zwei großen umweltpolitischen Herausforderungen: Es gilt, die fortschreitende Entwaldung zu stoppen (Bolivien ist das Land mit dem zweithöchsten Waldverlust in Lateinamerika) und dem zunehmenden Goldabbau in geschützten Naturgebieten Einhalt zu gebieten, die in vielen Fällen auch indigene Territorien sind. Um dies zu erreichen, muss die Regierung ihre Politik überdenken, die den groß angelegten Goldabbau begünstigt.

Mexiko: Straflosigkeit und fehlende finanzielle Mittel

2022 wurden in Mexiko weltweit die meisten Umweltschützer*innen ermordet, sogar mehr als in Kolumbien. Laut dem letzten Bericht von Global Witness, der im September 2022 veröffentlicht wurde, wurden im Jahr 2021 54 Menschenrechtsverteidiger*innen in Mexiko getötet. Im April 2022 trat das Abkommen von Escazú in Mexiko in Kraft, doch scheint es keine Auswirkungen auf die Gewalt in den Gebieten zu haben. Außerdem verfügt der Umweltsektor in Mexiko nur über ein sehr geringes Budget. Für 2022 hat die Bundesregierung 40,795 Milliarden argentinische Pesos (etwa 1,99 Milliarden Dollar) für den Umweltbereich bereitgestellt, deutlich weniger als die 67 Milliarden Pesos im Jahr 2015. Die fehlenden Ressourcen haben zu einer Schwächung der Umweltpolitik geführt. Sie ist nicht in der Lage, Schutzgebiete zu bewahren oder die Umweltsituation des Landes eingehend zu untersuchen.

Brasilien: Abholzung und Verletzung der Rechte indigener Völker

Brasilien, das Land mit der höchsten Biodiversität der Welt, hat gerade eine besonders umweltfeindliche Regierung hinter sich und steht im Jahr 2023 vor einer komplexen Situation. Nach der Amtszeit von Bolsonaro hat die Regierung von Luiz Inácio Lula da Silva zwei Herausforderungen zu bewältigen: die höchste Entwaldung in der Region und die ständige Verletzung der Rechte der indigenen Völker. Während seines Wahlkampfes versprach Lula, beide Probleme mit der Ernennung der Umweltbeauftragten Marina Silva und der Schaffung eines Ministeriums für indigene Völker in den Griff zu bekommen. Auf regionaler Ebene besteht die größte Herausforderung zweifellos in der Abholzung der Wälder, insbesondere im Amazonasgebiet, dem größten Tropenwald der Welt und einer der Natur- und Biodiversitätsreserven der Menschheit. Wenn keine Strukturpläne erstellt werden, die sich in einer wirksamen politischen Strategie zum Schutz der Umwelt niederschlagen, wird die Zerstörung mit katastrophalen Folgen für den Planeten und insbesondere für die Klimakrise nicht aufzuhalten sein.

Klimakrise in einer tauben, blinden und stummen Region

Anhaltende Dürren, riesige Brände, unkontrollierte Abholzung und schmelzende Andengletscher haben die Umweltagenda in Lateinamerika im Jahr 2022 bestimmt. Einem neuen Bericht der Weltbank (WB) zufolge sind in der Region dringend Klimaschutzmaßnahmen erforderlich, um einen effektiven Übergang zu einer widerstandsfähigen, kohlenstoffarmen Wirtschaft zu beschleunigen. In dem WB-Bericht mit dem Titel Roadmap for Climate Action in Latin America and the Caribbean 2021-25 heißt es, dass klimabedingte Katastrophen und Ereignisse wie Dürren, Erdrutsche und Überschwemmungen immer häufiger und intensiver auftreten werden, was die Region zu einer der am stärksten gefährdeten Regionen für die zerstörerischen Auswirkungen des Klimawandels macht. Die Organisation schätzt, dass die durch diese Katastrophen verursachten Kosten in den Bereichen Infrastruktur, Energie und Verkehr ein Prozent, in einigen zentralamerikanischen Ländern bis zu zwei Prozent des regionalen Bruttoinlandsprodukts betragen.

Aus dem Bericht geht auch hervor, dass bis 2030 allein in Lateinamerika bis zu 5,8 Millionen Menschen aufgrund der Auswirkungen des Klimawandels in extreme Armut geraten könnten und dass bis 2050 17 Millionen Menschen durch den Klimawandel vertrieben werden könnten. Nach den lauen Ergebnissen der COP27 ist klar, dass die lateinamerikanischen Länder ohne koordinierte und strukturierte Klimaaktionspläne nicht in der Lage sein werden, eine Krise zu lindern, die bereits unumkehrbare Auswirkungen auf die Zerstörung des Lebensraums vieler Arten, einschließlich unserer eigenen, hat.

Übersetzung: Annette Brox

 

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