Interview: „Was den Eroberern nicht gelungen ist, versuchen die Konzerne zu beenden”

Foto: Desinformémonos

(12. Oktober 2019, Desinformémonos) María de Jesús Patricio Martínez, bekanntgeworden als ‚Marichuy’, kandidierte 2018 als erste indigene Frau für das mexikanische Präsidentschaftsamt. Die traditionelle Heilerin aus dem Volk der Nahua wurde 1963 in der kleinen Stadt Tuxpán im Bundesstaat Jalisco geboren und ist heute Sprecherin des Nationalen Kongresses der Indigenen CNI (Congreso Nacional Indígena), des größten Verbands indigener Völker in Mexiko. „Ich werde weitermachen, solange ich lebe”, erklärt Marichuy mit einem leichten Lächeln. Über 100 Mitglieder wurden seit der Gründung des „Hauses aller indigenen Völker” getötet.

 

Du bist jetzt zum ersten Mal in Europa. Während hier in Spanien der „Kolumbus-Tag“ (Día de la Hispanidad) gefeiert wird, nimmst du in Madrid am Treffen „12. Oktober – kein Anlass zum Feiern“ teil.

Für die indigenen Völker Mexikos war und ist das kein Feiertag, sondern der Jahrestag eines Massakers. Die sogenannte Eroberung Amerikas, wie es in der Schule immer heißt, hat etliche unserer Brüder und Schwestern das Leben gekostet. Deshalb sagen wir eher, es ist der Tag, an dem Mexiko zu verbluten begann. Unsere Brüder und Schwestern wurden gezwungen, das Kreuz zu tragen, und wer sich weigerte, wurde ermordet. Der 12. Oktober 1492 war der Beginn einer Katastrophe, eines Massenmords, aber auch der indigenen Rebellion. Deshalb möchten wir ihn als Tag des Widerstands begehen und gegen die protestieren, die damals kamen, um uns abzuschlachten und dies auch heute noch tun. Es ist ein Tag der indigenen Verbundenheit, der Reflexion, des gemeinsamen Überlegens, wie wir uns in unseren Gemeinden zur Wehr setzen.

Auch nach 500 Jahren geht die Vertreibung täglich weiter.

Ja genau. Was sie damals nicht geschafft haben, versuchten sie heute zu Ende zu bringen, durch verschiedene Megaprojekte, die sie mit Gewalt durchsetzen wollen, gegen den Widerstand der Völker. Wir haben klar gesagt, dass wir das nicht wollen, aber sie sehen uns nicht und hören uns nicht zu. Die Geschichte wiederholt sich.

Im März 2019 hatte der mexikanische Präsident Andrés Manuel López Obrador einen Brief an den König von Spanien und an den Papst geschickt, in dem er die Verbrechen der sogenannten Eroberer öffentlich anerkennt und um Verzeihung bittet.

Statt im Ausland um Verzeihung zu bitten, sollte López Obrador lieber unsere Vertreibung stoppen und diese ganzen Konzerne, die übrigens alle aus dem Ausland kommen, daran hindern, uns zu vertreiben. Der Präsident soll ansehen, was in unseren Gemeinden passiert: Verdrängung und Gemetzel. Diese Konzerne sind dabei, das Werk der Eroberer zu vollenden, und er hält ihnen auch noch die Tür auf, damit sie unser Volk noch leichter auslöschen können.

Bei López Obradors Amtsantritt wurde das traditionelle Zepter des Machtinhabers von Indigenen überreicht.

Genau. Sie haben eine neue Kategorie von Indigenen geschaffen, die mit ihnen kooperieren. Die benutzen sie nun, um die ganze Sache zu verharmlosen, damit sie so tun können, als sei alles in Ordnung. Aber das ist es nicht. Diese Indigenen dienen als Spielball ihrer Machtinteressen, und dass es Personen gibt, die sich dafür hergeben, schürt die Konflikte innerhalb unserer Volksgemeinschaften.

Du bist Mitglied des Nationalen Kongresses der Indigenen seit seiner Gründung am 12. Oktober 1996 in Mexiko-City.

Ja, ich habe von Anfang an mitgemacht. Wir sind keine Organisation im eigentlichen Sinne, es gibt keine Führungsspitze, die die Entscheidungen trifft. Uns ging es darum, ein Haus der indigenen Völker zu schaffen, dem sich alle zugehörig fühlen und in dem alle Entscheidungen gemeinsam getroffen werden. Das haben wir umgesetzt, und ich werde hier weitermachen, solange ich lebe.

Euch geht es nicht um Macht. Ihr wollt nicht den „vergifteten Thron des Präsidenten“ einnehmen. Trotzdem hast du bei den Wahlen 2018 kandidiert. 

Das stimmt. Das hat auch zu einiger Verwirrung geführt. Wie wir in Mexiko sagen: „Der Hund, der schnüffelt, will auch seinen Knochen finden“. Das mit der Kandidatur haben wir aber aus zwei Gründen gemacht. Erstens: Wir wollten das Problem der indigenen Vertreibung auf die nationale Agenda setzen. Zweitens: So konnten wir sämtliche indigenen Gemeinden abklappern und erklären, dass wir nur dann die Chance haben, eine Repräsentanz von unten aufzubauen, wenn wir uns organisieren. Es ging nicht so sehr darum, die nötigen Unterschriften zu sammeln und später dann das Amt anzutreten, sondern darum zu erklären, wie man auf andere Weise, nämlich von unten, eine Regierung aufbauen kann, eine wirklich linke Regierung. Und nicht eine, die immer nur ihre eigenen Leute übervorteilt, so wie die, die wir jetzt haben. An den Wahlen teilzunehmen, war sozusagen ein Vorwand, es ging darum, Öffentlichkeit zu schaffen, die Leute zum Hinsehen zu bewegen.

Die 900.000 Unterschriften, die für die Aufnahme in die der Kandidat*innenliste nötig gewesen wären, haben wir nicht zusammengekriegt, aber wir fanden trotzdem, dass es ein Erfolg war, weil wir erreicht haben, was wir vorhatten. Wir sind durch 29 Bundesstaaten gezogen, die Mehrzahl der indigenen Gemeinden hat uns zugehört, und das bedeutet uns mehr als ein Sitz im Parlament. Wir haben unsere eigenen Leute erreicht, und wir haben erreicht, dass die Öffentlichkeit unsere Probleme wahrnimmt, nicht immer nur unsere Trachten und unsere Volksfeste. Wir werden heute noch abgeschlachtet, vertrieben, ausgelöscht. Sie wollen uns einfach loswerden. Aber wir bleiben, leisten Widerstand und verteidigen unser Land, unser Wasser, unsere Wälder, nicht nur für uns, sondern für alle Menschen. Uns war wichtig, dass das öffentlich wird.

„Wir wollen über das Unmögliche reden, über alles, was möglich ist, wird schon zu viel geredet”, heißt es auf der Ankündigung zu einem eurer Treffen. Dann lass uns über das Unmögliche reden. Hast du dir irgendwann vorgestellt oder gewünscht, du wärst zur Präsidentin von Mexiko gewählt worden? 

Nein, weder das eine oder das andere. Wir hatten vorher schon besprochen, dass das wirklich der worst case gewesen wäre. Aber da bestand auch kein Grund zur Besorgnis. Wir wissen ja, dass die Macht von einem zum nächsten weitergegeben wird, und die Wahl war sowieso manipuliert. Es soll sich ja schließlich nicht wirklich was ändern, sondern vielleicht ein bisschen danach aussehen. Aber irgendwann haben wir uns doch gefragt: Ok, und wenn wir gewinnen, was machen wir dann? Wir haben den Kongress, der besteht aus 150 Räten, Männer und Frauen, aus allen Teilen des Landes, da hätten wir dann zusammen überlegt, wie es weitergehen soll. Viele Leute haben mich gefragt: „‚Marichuy, und wenn du die Wahl gewinnst, was machst du dann?“ Dabei müsste die Frage lauten: „Was machen wir dann?”, denn es geht um kollektive Entscheidungsprozesse. Darunter kann man sich aber nicht so leicht etwas vorstellen. Die Leute kennen ja nur die vorgegebenen Meinungsbilder. Und dann kamen wir und haben gesagt: „Warum nicht davon träumen, alles ganz anders zu machen?“ Und an diesem Punkt danken wir natürlich unsern Brüdern und Schwestern der zapatistischen Bewegung, quasi unseren älteren Geschwistern, die uns zeigen, was möglich ist, dass es schön sein kann zu träumen und dass es schön ist, die Dinge von unten zu verändern und ein neues Konzept von Organisation umzusetzen.

Reden wir weiter über das Unmögliche. Im März 2001 bist du zum Abschluss des Marschs der Farben der Erde mit Comandanta Esther vom Ejército Zapatista de Liberación Nacional (EZLN) vor dem Kongress der Union als Vertreterin der indigenen Frauen aufgetreten. Hattest du da das Gefühl, dass ihr gehört werdet, dass ihr mit diesem Auftritt irgendwas bewegt?

Wir waren damals mit einer Minimalforderung angetreten. Wir wollten erreichen, dass unsere kollektiven Rechte als Völker anerkannt werden. Das hat nicht funktioniert. Sie haben ein anderes Gesetz verabschiedet, nicht das, was wir gern gehabt hätten, eins das die Kommission für Eintracht und Friedensstiftung COCOPA ausgearbeitet hatte. Wahrscheinlich hatten sie die Vertreibung, die heute stattfindet, damals schon beschlossen. Unser Gesetz hätte uns das Recht auf das Land, die Wälder, das Wasser zugesprochen. Dass nun dieses andere Gesetz verabschiedet wurde, betrachten wir als Verrat. Es bestand kein Interesse daran, die indigenen Völker als Rechtssubjekte wahrzunehmen, sondern für die sind wir Objekte, Menschen, die nicht eigenständig denken können, so dass andere das Denken für sie erledigen müssen. Und an diesem Punkt endet dann auch unser Versuch, mit dem Staat zusammenzuarbeiten. Deshalb haben wir beschlossen, die innere Autonomie der Völker zu stärken. Unser Gesetz ist das Abkommen von San Andrés, das COCOPA-Gesetz. Daran orientieren wir unsere Kämpfe.

Die zapatistische Bewegung ist vielleicht ein ganz gutes Beispiel für das Unmögliche, das sich in von links unten gestaltete Realität verwandelt. Obwohl ich den Eindruck haben, dass sie immer stärker isoliert sind.

Isoliert? Überhaupt nicht. Sie sind ein Teil des CNI, aber sie können nicht immer zu unseren Versammlungen kommen, weil sie ihre Gebiete nicht verlassen können. In ihrem letzten Kommuniqué haben sie die Gründung weiterer Caracoles (zapatistische Verwaltungszentren) angekündigt, und sie arbeiten auf jeden Fall weiter und stärken ihre Autonomie. Nicht alle Dinge sind geeignet, um sofort damit an die Öffentlichkeit zu gehen, sondern es geht erstmal auch darum, die Strukturen von unten her aufzubauen. Im Vorfeld der Kandidatur sind wir die fünf zapatistischen Verwaltungszentren abgelaufen und haben dabei tausende Frauen getroffen, die alles organisiert haben. Also, das ist keine Bewegung, der es an Zulauf fehlt, und was sie geschafft hat, war für alle mexikanischen Völker eine Überraschung, denn sie haben uns gezeigt, dass wir sehr wohl die Mittel haben, um etwas zu tun. Wir müssen nicht ständig die da oben bitten. Also wie gesagt, sie sind nicht isoliert, sie machen weiter, werden stärker, und das ist eine Ermutigung für alle mexikanischen Völker.

Du hast die zapatistischen Frauen erwähnt. Dass du zu den Präsidentschaftswahlen angetreten bist, wurde breit kritisiert – weil du eine Frau bist, nicht die entsprechende Bildung hast und keine Schulabschlüsse oder akademische Titel vorweisen kannst.

Das stimmt, aber ich fand, das passt zu einer Gesellschaft, die die Aufgabe der Frau auf das Kinderkriegen und die Fürsorge für den Ehemann und den Haushalt beschränkt. Aber trotzdem war da auch noch etwas anderes. Ich habe den Rückhalt der Völker gespürt, die Unterstützung durch den CNI, und da war mir die Kritik egal. Ich dachte: „Ich trage eine große Verantwortung, und der will ich gerecht werden“. Wenn sie gedacht haben, sie würden mich mit der Kritik einschüchtern, dann haben sie das genaue Gegenteil von dem erreicht, was ihnen vorgeschwebt hat. Ich habe mich umso stärker gefühlt und motivierter, weiterzumachen. Manchmal denken sogar die Frauen aus unserem eigenen Volk in die falsche Richtung. Es muss immer noch viel passieren in Mexiko, es muss noch viel Bewusstseinsarbeit geleistet werden, damit alle Frauen verstehen, dass das, was man uns eingeimpft hat, dazu dient, das Patriarchat zu erhalten. Die Gesellschaft, so wie sie ist, nutzt nur den Männern etwas, Frauen werden nicht berücksichtigt und können nicht teilhaben. Eine Frau für die Kandidatur ins Rennen zu schicken, war daher auch eine bewusste Entscheidung, um zu zeigen, dass Frauen sehr wohl mitmachen können und müssen. Wenn es nur Männer sind, die etwas von unten aufbauen, dann ist unser Kampf nicht vollständig. Und dann wiederholen sich auch die immergleichen Fehler.

Du warst schon immer ein rebellischer Mensch. In deiner Gemeinde warst du die einzige Frau*, die beim Tanz der Sonajeros mitgemacht hat, den eigentlich nur die Männer tanzen.

Ja vielleicht, keine Ahnung. Als ich klein war, hat mein Großvater immer gesagt, dass wir uns nicht klein fühlen müssten vor den Mächtigen, dass wir unsere Trachten tragen könnten, wann immer wir wollten und nicht nur zu den Volksfesten, und dass wir uns unsere Sprache bewahren müssten… „Du darfst dich niemals verkaufen“, hat er mir immer gesagt. Gleichzeitig war ich mir auch darüber bewusst, wie arm meine Familie war. Wir waren elf, und es gab nicht genug zu essen für alle, obwohl wir alle hart gearbeitet haben. Vielleicht hat sich darüber mein rebellischer Charakter entwickelt. Ich dachte, dass wir Frauen auch etwas tun können und dass wir nicht nur dazu da sind, um Kinder zu bekommen. Mein Vater dachte zum Beispiel, Frauen brauchen nichts zu lernen, weil sie ja sowieso heiraten. Also fragte mich, was eigentlich mit uns passiert, wenn wir nicht heiraten wollen. Und wahrscheinlich weil dieser Tanz nur für Männer ist, weil wir Frauen dafür angeblich zu ungeschickt sind, um zu tanzen wie sie, wollte ich ihnen zeigen, dass ich es doch kann. Also habe ich mir den Tanz der Sonajeros heimlich selbst beigebracht, und wenn ich mittanzen wollte, musste ich mich als Mann verkleiden. Damals hat sich die Person entwickelt, die ich heute bin. Wenn sie mir sagen: „Nein”, dann sage ich: „Aber ja!”, und dann machen wir es so.

Deine Großmutter war traditionelle Heilerin in eurer Gemeinde, und du hast einiges von ihr gelernt. Unter anderem kannst du die Menschen von Besessenheit, von Schrecken und Entsetzen heilen. Kannst du auch Angst heilen? Diese Angst, die die Mächtigen in uns entfachen und die uns lähmt?

Im Heilungshaus in Mexiko behandeln wir Kinder, die unter Schrecken und Ängsten leiden. Wir behandeln sie manuell, massieren und geben ihnen nervenstärkende Tees aus Orangenblüten, Limette, Zitrone, Passionsblume, Bitterorangenblättern. In letzter Zeit sind sogar schon die Neugeborenen nervlich angespannt und ängstlich. Die Angst, auf die Straße zu gehen und nicht mehr lebend nach Hause zu kommen, nimmt zu, weil immer mehr Menschen von bewaffneten Gruppen ermordet werden. Die Regierung arbeitet mit dem organisierten Verbrechen, um die Gemeinden durch Ängste in Schach zu halten, damit wir uns nicht organisieren, nicht miteinander reden, nicht rausgehen. Das kriegen die Kleinen schon vor der Geburt mit, und wenn sie aus dem Bauch kommen, tragen sie diese Ängste in sich. Für uns hängt die Medizin mit dem Kampf um unser Leben zusammen. Alles hängt zusammen. Alles was man erlebt, was mit unserm Volk passiert, das sehen wir in unseren Kindern, wenn sie geboren werden. Deshalb denke ich als Heilerin, dass wir uns gut um unser gesamtes Umfeld kümmern müssen. Wenn es unserer Umgebung gutgeht, geht es uns gut und auch unseren Nachkommen. Wenn unser Umfeld nicht ok ist, geht es uns nicht gut und unsern Kindern auch nicht. Deshalb müssen wir traditionellen Heiler*innen dafür sorgen, dass nicht noch mehr Babies mit nervlichen Anspannungen und Ängsten auf die Welt kommen.

Unser Umfeld pflegen, um das Leben zu erhalten. Seid ihr deshalb auch Antikapitalist*innen?

Ja, natürlich. Das hängt alles zusammen. Wenn wir für das Leben eintreten, dann heißt das: Wir sorgen dafür, dass unsere Wälder und unser Wasser intakt sind, dass die Erde geschützt wird. Die Erde verletzen heißt: uns verletzen. Deshalb sind wir Antikapitalist*innen und deshalb müssen wir stärker werden in unserem Kampf von unten links.

Interview: Gorka Andraka Ibargaray

Mit freundlicher Genehmigung von El Salto

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