„Love Football, hate Racism“ – Fußball gegen soziale Ungleichheit

Oscar Talero, Sprecher der indigenen Gemeinschaft Qadhuoqté in Argentiniens Großstadt Rosario, absolvierte im Oktober 2023 eine Rundreise durch Deutschland. An ihrem Anfang stand die französische NGO La Croix du Sud. Sie unterstützt seit langem die Arbeit indigener Gemeinschaften, im Chaco im Norden Argentiniens und in der Peripherie der Großstadt Rosario. Sie stemmte die finanziellen Mittel für Oscar Taleros ersten Besuch in Europa. Unser Autor Tobias Mönch organisierte seine Rundreise durch Deutschland und stand den Begegnungen als Übersetzer zur Seite.

Indigene Spieler aus Argentinien bei der Copa ANPO 2016. Foto: Oscar Talero
Indigene Spieler aus Argentinien auf dem Geländer des argentinischen Fußballverbandes AFA, vor ihrer Reise zur Copa ANPO in Chile 2015. Foto: Sergio Cortez

Nach verschiedenen Veranstaltungen in Frankreich kam Oscar Talero am 30.09. für ein erstes Interview beim freien Radio Lora nach München. In der Sendung „Fußball-Liebhaber“ sprachen wir mit dem Radiomacher Max Brym und Franz Xaver vom Fanclub Isarlöwen 1860 München über den indigenen Fußball in Argentinien. „Es gibt kaum einen argentinischen Profispieler, der sich als Indigener bezeichnet. Wir sind auch in diesem Bereich unsichtbar“ so der Qom-Indigene. In den Jahren 2012 bis 2015 hätte zwar die COPA ANPO, als lateinamerikanisches Turnier indigener Mannschaften, in Chile stattgefunden. Viele Gemeinschaften der 38 indigenen Gruppen Argentiniens hätten eigene Talente in die Mannschaft des Landes gebracht. Jedoch sei die staatliche Förderung des indigenen Sports nach dem Machtantritt des Expräsidenten Mauricio Macri im Jahr 2016 wieder zunichte gewesen.

Indigenen Fußball sichtbar machen

Als Jugendlicher sei er begnadeter Stürmer gewesen, berichtet Oscar Talero. Heute trägt er das Trikot des Clubs La94, dem Club aus Los Pumitas, um indigenen Fußball in Argentinien sichtbar zu machen. Foto: Tobias Mönch
Als Jugendlicher sei er begnadeter Stürmer gewesen, berichtet Oscar Talero. Heute trägt er das Trikot des Clubs „La 94“ aus Los Pumitas, um indigenen Fußball in Argentinien sichtbar zu machen. Foto: Tobias Mönch

Oscar Talero: „Der Fußballplatz ist das Herz unseres Stadtviertels Los Pumitas.“ Täglich spielten hier Kinder, Jugendliche, Männer und Frauen. Daher habe die indigene Gemeinschaft Qadhuoqté am Stadtrand von Rosario im April 2023 nun den Fußballverein des Club Social Comunitario Qadhuoqté gegründet (poonal berichtete). Talero zeigt stolz das Trikot seiner Mannschaft „La 94“, die ihren Namen in Anlehnung an den Radiosender der Gemeinschaft FM Qadhuoqté 94.5 gewählt hat. Talero erläutert, dass in dem neuen Fußballverein alle Kinder und Jugendlichen der Nachbarschaft Los Pumitas, ob Indigene oder nicht, spielen könnten. Auf seiner Deutschlandreise wolle er Sichtbarkeit für die Arbeit seiner Gemeinschaft erreichen, sowie langfristige Zusammenarbeit mit deutschen Vereinen und Unterstützer*innen für den indigenen Fußball aufbauen.

Nach dem obligatorischen Kultur- bzw. Deutschlandschock auf dem Oktoberfest ging unsere Reise los: Zum Tag der deutschen Einheit am 02.10. besuchten wir die ehemalige Grenze bei Ellrich in Thüringen. Beim Schrankenlos e.V. in Nordhausen zeigten wir Fotos aus dem Stadtviertel Los Pumitas in Rosario. Oscar Talero berichtete über die Migration der Indigenen und Landbevölkerung aus dem argentinischen Chaco in die Städte. Wir schauten einen Ausschnitt aus der mehrteiligen Dokumentation „Punto Qom“ und erfuhren von der Umweltzerstörung durch die Sojamonokulturen im Chaco, die die Migration noch verstärkt.

Maradonas Erbe

Mit den Sportlern des Nordhäuser Sportvereins in der Petersberg Turnhalle. Foto: Oscar Talero
Mit den sportlichen Senioren des Nordhäuser Sportvereins NSV. Foto: Oscar Talero

Um unserem Gast die Erinnerung der Verbrechen des Nationalsozialismus nahe zu bringen, besuchten wir die Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Mittelbau Dora bei Nordhausen. Zudem nutzten wir die Gelegenheit einer interkulturellen Begegnung der sportlichen Art: wir absolvierten eine Trainingseinheit mit den älteren Herren des Nordhäuser Sportvereins NSV. Talero freute sich über die gute Stimmung beim Training. Seine drei Tore bejubelten die Nordhäuser Mitspieler augenzwinkernd mit den Worten „Der neue Maradona ist da“. Später berichtete unser Gast, Diego Maradona sei der einzige argentinische Profifussballer gewesen, der jemals seine indigene Herkunft öffentlich zur Sprache gebracht habe.

Das Thema Fußball dominierte nun ganz den Kurs unserer Reise. Ron, Platzwart des Vereins Roter Stern Leipzig, nahm uns sehr gastfreundlich bei sich auf. Im Fischladen, dem Versammlungszentrum des Vereins, berichtete Oscar Talero von der Geschichte indigener Gruppen Argentiniens, die seit Jahrhunderten gewaltsam ausgegrenzt und heute nur noch der „Vergangenheit zugeordnet“ werden. „Doch wir sind immer noch da“, sagt er, und zeigt uns Fotos der indigenen Spieler*innen im Barrio Los Pumitas. „Heute werden wir in allen Teilen der argentinischen Öffentlichkeit unsichtbar gemacht“. Indigene Personen lebten daher buchstäblich an den „Rändern der Gesellschaft“, in traditionellen Gemeinschaften oder den Peripherien der Großstädte, die sie meist mit anderen Personen aus der Unterschicht, Migrant*innen und armen Menschen, teilen. „Fussball kann ein Ausweg sein für unsere von Rassismus und Ausgrenzung betroffenen Jugendlichen, doch dafür fehlt es leider an staatlichem Engagement und finanziellen Mitteln.“

Fußball als Ausweg?! – Deutsche Vereine zeigen Solidarität

Besichtigung der Sportstätten des RSL an der Teichstraße in Connewitz. Foto: Oscar Talero
Besichtigung der Sportstätten des Roten Stern Leipzig an der Teichstraße in Connewitz. Foto: Oscar Talero

Am nächsten Tag waren wir eingeladen die Trainingsanlagen des Roten Stern Leipzig in der Teichstraße zu begutachten und das Spiel der zweiten Mannschaft gegen Stötteritz anzuschauen.
Bei der Geschichte der jahrelangen Kämpfe des Vereins für ihre Trainingsanlagen im Stadtteil Connewitz zog Talero Parallelen zu den schwierigen Aneignungsprozessen des Fussballplatzes durch seine Gemeinschaft in Rosario. Er bedankte sich zudem herzlich für die Gastfreundschaft und die Spenden für ihren Verein aus dem Erlös von Getränken am Spielfeldrand.

Auf dem Weg zur nächsten Station unserer Reise schwärmte er von dem ihm bisher ungeläufigen Wort „Solidaridad“ und dem Konzept der gegenseitigen Unterstützung, das bei den von uns besuchten Vereinen in ihrer antirassistischen Arbeit besonders groß geschrieben wird. Auch im hohen Norden Deutschlands, beim Internationalen FC Rostock, lernten wir viel über die antirassistische und internationalistische Arbeit vor Ort. Hier wurden wir vom Geschäftsführer des Vereins Martin Quade im Peter-Weiss-Haus empfangen. In unserem Vortrag beleuchteten wir das Thema rassistischer Diskriminierung und Fußball aus der persönlichen Erfahrung unseres Gastes.

Erfolg im Sport braucht gute Bedingungen und Begleitung

Der Fußballplatz in Los Pumitas war immer ein Erdplatz. Heute wird er endlich begrünt. Foto: Tobias Mönch
Der Fußballplatz in Los Pumitas war immer ein Erdplatz. Heute wird er endlich begrünt. Foto: Tobias Mönch

„Ich wuchs als Qom im Chaco mit unserer Sprache Qomla’aqtac auf und liebte nichts mehr, als Fußball zu spielen. Aber ich litt unter der offenen Diskrimnierung in der Schule, in den 70er und 80er Jahren. Durch Glück bekam ich eine Möglichkeit für ein Probetraining bei Boca Juniors in Buenos Aires. Monatelang trainierte ich hart. Doch dann erkrankte ich an Mumps und mein Traum zerplatzte. Ich fragte mich: Wofür hatte ich so viel gegeben in der Schule und auf dem Fussballplatz?? Ich wollte nie wieder etwas damit zu haben! Ich ging nach Rosario und wurde Bauarbeiter, endlich verdiente ich zum ersten Mal mein eigenes Geld.“

In der Diskussion mit den Gästen beim IFC Rostock wurde klar, dass es für sportliche Erfolge immer auch ein gutes soziales Netz aus Familie und Verein, sowie finanzielle Mittel für Sportanlagen, Material, Gerätschaften und Personal geben muss. Aufgrund sozialer Ungleichheit sind diese Voraussetzungen aber längst nicht für alle gegeben. Ein wichtiger, erfreulicher Schritt zu einem langfristigen Sportangebot für Jugendliche in Los Pumitas, so berichtete Oscar Talero, sei der Beginn der baulichen Instandsetzung des Fußballplatzes durch das argentinische Ministerium für Soziale Entwicklung.

„Love Football – Hate Racism“

Rostock wird Oscar nicht nur durch unsere Besuche am Strand des „Mar Baltico“ und der Geschichte des Pogroms von Rostock Lichtenhagen 1992 in Erinnerung bleiben. Einprägsam war auch die starke Solidarität des IFC mit den indigenen Kämpfen in Argentinien. Symbolisch dafür stand das Geschenk eines Trikots mit der Aufschritt „Love Football – Hate Racism“, überreicht von einem glühenden Fan des Internationalen FC Rostock.

Beim Zweitligisten FC St. Pauli führte uns Klara Sellheim durchs Stadion und sogar bis auf den Stuhl im Presseraum. Foto: Tobias Mönch
Beim Zweitligisten FC St. Pauli führte uns Klara Sellheim durchs Stadion und sogar bis auf den Stuhl im Presseraum. Foto: Tobias Mönch

Wir blieben im Norden Deutschlands und besuchten nun den FC St. Pauli in Hamburg. In den Fanräumen des imposanten Millerntorstadions konnten wir eine weitere Veranstaltung umsetzen. Am 11. Oktober, dem Tag der von indigenen Gemeinschaften als „letzter Tag der Freiheit“ begangen wird (am 12. Oktober 1492 gelangte Kolumbus erstmals nach Lateinamerika), stand die historische und anhaltende Gewalt gegen Indigene in Argentinien im Fokus. Abermals stand die Frage im Raum, wie Fussballclubs ihren Teil zur Reduzierung von Ausgrenzung beitragen können. „Ich möchte mich für die Möglichkeit bedanken hier in Deutschland und beim FC St. Pauli sprechen zu dürfen. Das verschafft uns die Sichtbarkeit, die wir brauchen damit die politischen Entscheidungsträger in Argentinien sich endlich für unsere Belange, auch im Sport, einsetzen.“ so Talero. Die Mitarbeiterin für Soziales Engagement des FC St. Pauli Klara Sellheim führte uns geduldig durchs Millerntorstadion unter dem riesigen Schriftzug „Kein Fussball den Faschisten“.

Mit Fußball gegen rassistische und geschlechterspezifische Gewalt

Unsere letzte Station, die Hauptstadt Berlin, erreichten wir am 13.10. Hier erwartete uns eine größere Veranstaltung, mit Live-Zuschaltung einiger Mitglieder der Gemeinschaft Qadhuoqté in Rosario und Mónica Santino vom feministischen Fussballverein La Nuestra in der Villa 31, Buenos Aires. Im intensiven Dialog wurden interessante Perspektiven aus den „peripheren Räumen“ Argentiniens deutlich. Im Fokus stand das Empowerment junger Menschen durch Sportklubs, die Sozialer Ungleichheit und Gewalterfahrungen sensibel und stärkend begegnen. Gerade heute, da diese wichtige Arbeit durch die drohende Präsidentschaftswahl ultrarechter Kandidaten gefährdet ist, wurde der gemeinsame indigene und feministische Kampf beschworen.

Auch beim Club Cono Sur e.V. in Berlin schwenkte Oscar die Wiphala, Flagge der indigenen Gruppen Lateinamerikas, um Sichtbarkeit für indigenen Fußball zu erreichen. Foto: Oscar Talero
Auch beim Club Cono Sur e.V. in Berlin schwenkte Oscar die Wiphala, Flagge der indigenen Gruppen Lateinamerikas, um Sichtbarkeit für indigenen Fußball zu erreichen. Foto: Oscar Talero

Beim Besuch der Trainingsanlagen des Fußballvereins Cono Sur Berlin e.V. am Poststadion tauschte sich Oscar Talero zudem mit den Vorstandsmitgliedern Eugenia Núñez und Magali Bertola über ihre Arbeit aus. Auch bei dieser Begegnung wurde deutlich, dass in Deutschland und Argentinien Sportvereine in ihrer täglichen Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen Räume schaffen können, die soziale Ungleichheit überwinden und Chancengleichheit herstellen. Dabei spannt sich ein enges soziales Netz um die Arbeit mit dem Ball. Solidarität und Teamgeist können gestärkt und über die Grenzen des eigenen Teams angewandt werden. Vor seiner Abreise betonte Oscar Talero seine tiefe Dankbarkeit und Erinnerung an alle Menschen, die seine Reise ermöglicht haben, die Unterkünfte, Verpflegung und Veranstaltungsorte zur Verfügung gestellt haben. Es sei ein historischer Schritt auf dem Weg zur Sichtbarkeit von Indigenität in Argentinien. Zum Abschied sagte Oscar Talero: “ Ich hoffe, dass irgendwann der erste indigene Spieler in einem der großen Clubs spielt und es so vielleicht auch bis nach Deutschland schafft.“

Auch in Zukunft besteht die Möglichkeit das Projekt des Club Social Comunitario Qadhuqoté mit Spenden zu unterstützen (paypal: auswegfussball@gmx.de). Die Projekte der Gemeinschaft könnt ihr auf Facebook verfolgen. Auf Instagram gibts aktuelle Infos zum Stand des Fussballclubs LA94 in Los Pumitas.

Hier hört ihr den deutschen Audiobeitrag von Radio onda zum Thema,

und hier das Audio auf Spanisch.

Und hier könnt ihr diesen Artikel auf Spanisch lesen.

 

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