Der Traum der ersten Liga

(Rosario, 20. Dezember 2022, enREDando) Im Barrio Los Pumitas, Rosario, hat die Qom-Gemeinschaft Qadhuoqté das Ziel, Jugendlichen durch Sportangebote eine Zukunft zu ermöglichen – in der Hoffnung, eines Tages jemanden aus ihrer Gemeinschaft in der ersten argentinischen Fußball-Liga spielen zu sehen. Um diesen Traum zu verwirklichen, hat die Gemeinschaft kürzlich den Fussballverein „Club Social Comunitario Qadhuoqté“ gegründet. Für den Vorsitzenden Oscar Talero ist dies ein weiterer Schritt auf dem Weg des „kollektiven territorialen Aufbaus“ (“construcción colectiva territorial”) der urbanen indigenen Gemeinschaft Qadhuoqté.

Auf dem Bolzplatz in Los Pumitas, Rosario ist immer was los. Foto: Tobias Mönch

Am Anfang gab es hier nur Erde, etwas Rasen und einen Fußball. Genau so sehen sicherlich die Anfänge der meisten heute professionell tätigen Fußballer*innen des Landes aus: wie angestochen über den Platz rennend, sich Pässe mit Freund*innen zuspielend und von dem Traum erfüllt, eines Tages in einem Profisportverein spielen zu können. Doch bei weitem nicht jeder Person wird dieser Traum erfüllt. Um Profi zu werden, bedarf es nicht nur Talent, sondern auch der intensiven Begleitung durch ein familiäres Netz und starke Sportinstitutionen, die den Weg für jene ebnen, die es zu etwas bringen wollen.

Im Barrio Los Pumitas, in dem sich seit fast zwei Jahrzehnten die Qom-Gemeinschaft Qadhuoqté befindet, gibt es einen Bolzplatz, auf dem sich jedes Wochenende die Jugendlichen treffen. Dort zocken sie, dribbeln und jagen über den Platz, um für einen Moment ihre Nöte zu vergessen und sich wie ihre großen Idole in einem echten Stadion zu fühlen. Es ist genau hier, wo schon bald der Fußballverein „Club Social Comuntario“ seine Arbeit aufnehmen wird. Unter dem selben Namen wie das Kulturzentrum „Qadhuoqté“, was in der indigenen Sprache der Qom-Indigenen „Basis“ oder „Fundament“ bedeutet. Denn genau das ist es, was die 300 Qom-Familien mit all ihren Projekten seit Jahren versuchen aufzubauen. Die Grundschule, die Sekundarstufe, die Einrichtung für Erwachsenenbildung EEMPA, der Gemeinschafts-Radiosender und nun der Fußballverein bieten das soziale Fundament des Viertels, deren Bewohner*innen alle eigenen Mittel aufbringen, um das Fehlen von Zukunfsperspektiven für die Mitglieder ihrer Gemeinschaft zu bekämpfen.

„Wir träumen von indigenen Spielern in der Primera División

Mit der Gründung des Fußballvereins greife man den Wunsch jener Jugendlichen des Barrios auf, die ambitioniert Sport treiben und einfach keine Einrichtungen vorfinden, die sie dabei langfristig begleiten, berichtet Vereinsvorsitzender Oscar Talero. „Wir haben den Traum, dass dies eines Tages der Ort sein wird, von dem aus wir indigene Spieler in die Primera División (die höchste argentinische Liga) bringen können“, sagt Talero gegenüber der Agentur EnREDando. „Es ist ein langfristiges Projekt“ fügt er hinzu. Der Fußballverein Qadhuoqté bilde derzeit seinen ersten Vorstand, verfüge aber bereits über den Ort, an dem er seine Aktivitäten entwickeln wird. „Es ist derselbe Platz, auf dem die Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen jedes Wochenende bis spät in die Nacht spielen und den wir seit einiger Zeit sogar mit Flutlicht beleuchten können“, erklärt Talero stolz und deutet auf das Grundstück direkt vor dem Gemeinschaftszentrum. Es handelt sich auch um den selben Platz, den Mitglieder der Gemeinschaft in den vergangenen Jahren mehrfach gegen Besetzungsversuche von Personen verteidigt haben, die laut Talero nicht zur Nachbarschaft gehörten und versuchten, die Grünfläche für Profitzwecke zu übernehmen.

Gemeinschaftsmitglieder bringen ein Schild für den gegründeten Fussballverein an. Foto: enREDando

„Was wir anstoßen wollen, ist ein dauerhafter kollektiver territorialer Aufbau“

Einen eigenen Fußballverein zu gründen sei eine Möglichkeit, das Engagement derjenigen zu stärken, die die Jugendlichen des Barrios begleiten, sowie eine Organisationsform ins Leben zu rufen, um sich mit anderen Sporteinrichtungen der Stadt zu vernetzen. „Was wir anstoßen wollen, ist ein dauerhafter kollektiver territorialer Aufbau“, so Talero. Auftaktveranstaltung des neuen Vereins waren Freundschaftsspiele, die Ende November 2022 zwischen Gemeinschaftsmitgliedern, lokalen Musiker*innen und ehemaligen Malvinas-Soldaten stattfand, die zur Unterstützung der Initiative gekommen waren. „Wir knüpfen immer Verbindungen zu anderen Mitstreiter*innen“, erklärt Talero.

Für den Vorsitzenden ist der Sport eines der wichtigsten Themen, die in der Nachbarschaft Los Pumitas umgesetzt werden müssen. Deshalb, so sagt er, wird die neue Einrichtung auch die „Unterstützung der Territorialpolitik seitens des Staates“ erfordern. In Los Pumitas unterstützen die Qom-Familien Bildungsorte, in denen Kinder, die in diesem Viertel aufwachsen, von klein auf begleitet werden. Sie wollen aber auch diejenigen auffangen, die aufgrund der Probleme des Umfelds, insbesondere im Jugendalter, nicht in der Lage sind, ihre Ausbildung fortzusetzen. Talero erklärt: „Wir sehen immer wieder Kinder, die hervorragend Fußball spielen, bis sie 12 oder 14 Jahre alt sind, dann aber aus verschiedenen Gründen die Schule abbrechen. Wenn dann noch die Drogenproblematik hinzukommt, ist es vorbei.“

Sport als Ausweg aus Armut und Drogengewalt

Talero ist sich bewusst, dass die Realität in Los Pumitas genauso von Drogengewalt geprägt ist wie in den anderen Barrios der Stadt: „Wir sind ein Teil von Rosario. Viele sehen in unserem Viertel ein Gefahrengebiet. Deshalb kämpfen wir für diese Art von Projekten, um zu zeigen, dass es hier auch Werte und Talente gibt“. Bildungsräume wie die Schule in Los Pumitas werden durch die Selbstverwaltung der Gemeinschaftsmitglieder während des ganzen Jahres betrieben. Talero sagt dazu: „Wir haben schon immer kämpfen müssen. Wir haben z.B. auch keinen eigenen Unterrichtsraum und müssen überall um Bänke, Tafeln und Kreide bitten. Wir besorgen alles selbst. Der Staat schickt uns nur die Lehrer*innen. Aber wir sind diejenigen, die unter großen Herausforderungen den Ort, an dem der Unterricht stattfindet, eingerichtet und einen Weg gesucht haben, um die Miete zu bezahlen. Das macht uns nichts aus, denn wir denken aktiv darüber nach, wie wir die Kinder in unserer Gemeinschaft fördern können. Und wir werden dasselbe in dem neuen Verein tun. Wir werden uns auf die Suche nach Fußbällen und Kegeln machen, die notwendige technische Ausrüstung auftreiben und von dort aus nach Möglichkeiten zur Förderung von indigenen Spielern suchen. Das ist unser Traum.“

Indigene Fußballspieler in Argentinien?

Oscar Talero ist es wichtig zu erwähnen, dass es in der Geschichte Argentiniens keine Profifußballer gibt, die aus von indigenen Familien direkt verwalteten Einrichtungen hervorgegangen sind. Daher soll dies eines der charakteristischen Elemente des Club Social Comunitario Qadhuoqté sein. Zum Ende des Jahres zieht Oscar Talero auch eine Bilanz des Jahres 2022 für seine Organisation und geht dabei auf die Probleme ein, von denen die gefährdeten Gesellschaftsgruppen betroffen sind. Er erklärt dass sie als Indigene schon immer kämpfen mussten und dass sie nicht über „Erfolge oder Misserfolge“ nachdenken, sondern eher an die Kontinuität der von ihnen durchgeführten Maßnahmen. „Wir haben schon immer viele Probleme in der Nachbarschaft“, sagt der Vorsitzende und hebt besonders die andauernde Schwierigkeit des Zugangs zu Wasser hervor, vor allem angesichts der extrem hohen Temperaturen in Rosario. „Wir bewältigen die anderen Probleme, so gut wir können und bemühen uns, dass niemand in der Nachbarschaft zu sehr leiden muss. Aber das Wasserproblem bleibt unser größtes Problem“.

Die indigene Gemeinschaft im Barrio Los Pumitas hofft, im neuen Jahr die nötige Unterstützung auftreiben zu können, damit der Fussballverein der Gemeinschaft Qadhuoqté seine Arbeit als Institution aufnehmen kann. Dabei setzen die Mitglieder weiterhin auf den kollektiven territorialen Aufbau als Mittel zur Bewältigung aller Widrigkeiten. Sie glauben an den Sport als mögliche Alternative für jene Kinder, für die es nicht leicht ist, Zugang zu Bildungsinstitutionen zu erhalten. „Wir wissen, dass es hier nichts umsonst gibt, und deshalb kämpfen wir weiter. Wir schlagen immer wieder neue Ideen vor und versuchen, sie auszubauen“, sagt Oscar Talero zum Ende unseres Gesprächs.

Übersetzung: Tobias Mönch

Hier könnt ihr mehr über die Qom-Gemeinschaft Qadhuoqté in Rosario erfharen und habt die Möglichkeit ihre Arbeit mit einer Spende zu unterstützen.

CC BY-SA 4.0 Der Traum der ersten Liga von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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