Nähmaschine statt Gewehr – vom schwierigen Weg aus dem Guerillakampf

(Berlin, 06. Januar 2020, npla).- Mit Protesten und Generalstreiks haben im November Millionen Kolumbianer*innen ihrer Wut Luft gemacht. Wut auf den Präsidenten Duque, seine neoliberale Politik und seine Verschleppungstaktik beim Friedensabkommen mit der Guerilla-Gruppe FARC. Duque setzt nicht um, was die Vorgängerregierung im Friedensabkommen Ende 2016 garantiert hatte: eine Land- und Agrarreform und Unterstützung für die ehemaligen Kämpfer*innen der FARC bei ihrem Weg zurück in die zivile Gesellschaft. Passiert ist seither wenig, zumindest aus Sicht der meisten FARC-Mitglieder. Sie kämpfen in kleinen Kooperativen mühsam um das wirtschaftliche Überleben in einem System, das stark von Ungleichheit und der Konzentration von Land in den Händen einiger weniger geprägt ist. In der Kooperative TejPaz nähen ehemalige Kämpfer*innen der FARC Blumenponchos – und kämpfen mit der Wiedereingliederung in eine ungleiche Gesellschaft.

Modenschau mit Message
Foto: Manifiesta

Drei Jahre nach dem Friedensabkommen kein Frieden in Sicht

Es ist Ende August 2019, als Ivan Márquez in grüner Militärkleidung vor die Kamera tritt. Márquez, einer der Anführer der kolumbianischen Guerrilla-Gruppe FARC, ist umringt von Kämpferinnen und Kämpfern in Camouflage-Kleidung, die Kalaschnikows im Anschlag. Er kündigt an, dass ein Teil der FARC in den bewaffneten Widerstand zurückkehren wird. „Als Antwort auf den staatlichen Verrat am Friedensabkommen von Havanna“, sagt er. Und das fast auf den Tag genau drei Jahre, nachdem Vertreter der kolumbianischen Regierung und der FARC im August 2016 das Friedensabkommen präsentiert hatten. Das Abkommen spricht von einem „neuen Kapitel“ für Kolumbien, von sozialer Inklusion, von Entwicklung des ländlichen Raumes.
Auch Ivan Márquez hat diesen Friedensvertrag mit seinen weitgehenden Zielen mit ausgehandelt. Dieser sollte den Bürgerkrieg beenden, der seit 50 Jahren in Kolumbien herrscht. Dabei bekämpften sich unter anderem staatliche Gruppen, rechte Paramilitärs und linke Guerillagruppen. Über 200.000 Menschen verloren ihr Leben. Fast acht Millionen wurden innerhalb des Landes vertrieben. Mit dem Friedensvertrag verpflichtete sich die FARC, ihre Waffen abzugeben. Im Gegenzug sollte die Regierung tiefgreifende Land- und Agrarreformen einleiten und die Wiedereingliederung der ehemaligen Kämpfer*innen garantieren. Das hat sie aber nicht – so sehen es viele der FARC Kämpfer*innen. Inzwischen sind rund 1300 in den bewaffneten Kampf zurückgekehrt. Kolumbien ist also weit von tatsächlichem Frieden entfernt. Und das hat viel mit wirtschaftlichen Gründen zu tun.

Wiedereingliederungshilfen bleiben aus

Rund 120 Kilometer südlich von Bogota liegt die Wiedereingliederungszone Icononzo. Das eigens für den Friedensprozess erbaute Dorf liegt auf einem Bergkamm. Hinter den einfachen weißen Häusern erstrecken sich die grünen Täler der Anden. Hier leben rund 300 Menschen, der überwiegende Teil von ihnen ehemalige Kämpfer*innen der FARC. In solchen Wiedereingliederungszonen sollen sie auf ihre Rückkehr in die Gesellschaft vorbereitet werden. Einer von ihnen ist Gonzalo. 17 Jahre hatte er bei der FARC gekämpft, bis er nach dem Friedensprozess seine Waffe abgegeben hat. Jetzt ist er frustriert von der Regierung. Während die ehemaligen Kämpfer*innen trotz Schwierigkeiten und Verfolgung ihr Wort hielten, tue die Regierung nichts, klagt Gonzalo. Rund 160 von ihnen sind seit der Unterzeichnung des Friedensvertrages ermordet worden. Außerdem ist die wirtschaftliche Lage der Ex-Guerrillerxs oft schlecht. Eigentlich sieht der Friedensvertrag vor, dass sie sich in Kooperativen organisieren. Gonzalo zum Beispiel arbeitet mit rund 20 anderen FARC-Mitgliedern in der Textilkooperative TejPaz. Das steht für Tejiendo Paz, „Frieden spinnen“. Für solche Kooperativen sollten sie eigentlich eine Wiedereingliederungshilfe von umgerechnet rund 2000 Euro bekommen, außerdem technische Unterstützung. Doch in der Realität sind die ehemaligen Kämpfer*innen meist auf sich allein gestellt.
„Alles, was ihr hier von den Projekten sehen könnt, haben wir uns selber aufgebaut“, sagt Gonzalo. Die Kooperative müsse die Werkstatt ausbauen, die nötigen Maschinen für die Produktion kaufen und die Infrastruktur verbessern. Doch bisher wurde Gonzalo und seiner Kooperative die Wiedereingliederungshilfe nicht ausgezahlt, und das drei Jahre nach der Unterzeichnung des Friedensabkommens. Dazu kommen bei anderen Projekten oft bürokratische Schwierigkeiten. Eine eigene Agentur soll die ehemaligen FARC-Kämpfer*innen eigentlich unterstützen. In der Realität macht sie ihnen das Leben eher schwer und genehmigt zum Beispiel Projekte erst sehr spät oder gar nicht. Das ist fatal, denn kleine Kooperativen haben es sowieso schon extrem schwer in Kolumbien. „Das kolumbianische Wirtschaftsmodell stützt sich sehr stark auf Bergbau, auf die Kontrolle großer Landflächen, also agrarindustrielle Nutzung und den Export von spezialisierten Produkten. Die FARC-Kooperativen stehen dem völlig entgegen und bräuchten einen enormen Anschub, um überhaupt überleben zu können“ erklärt die Sozialwissenschaftlerin Alke Jenss vom Arnold-Bergsträsser-Institut in Freiburg.

Der politische Wille fehlt

Der Friedensvertrag sieht aber nicht nur vor, dass die ehemaligen FARC-Kämpfer*innen wirtschaftlich unterstützt werden. Die Bedingungen in der Agrarwirtschaft sollten sich grundlegend ändern. Land- und Agrarfläche sind in Kolumbien sehr stark konzentriert, die soziale Ungleichheit ist enorm. „Das gilt als ein zentraler Faktor für den Konflikt, aber auch als ein zentraler Faktor für den Friedensprozess“, so Alke Jenss. Schließlich wurde der jahrzehntelange Guerillakampf der FARC stark von der ungleichen Verteilung von Land getrieben. Eine andere Agrarpolitik zugunsten der Landbevölkerung ist deswegen ein wesentlicher Punkt des Friedensvertrags. Dieser sieht vor, einen Strukturwandel im ländlichen Raum anzustoßen. Hierbei sollen angemessene Landnutzung gefördert, Landrechte formalisiert werden, Vertriebene sollen ihr Land zurückerhalten und der Boden insgesamt gerechter verteilt werden. „Dadurch“, so heißt es im Abkommen, „wird schrittweise der Zugang zu Landbesitz für die Landbevölkerung gefördert, besonders für Frauen und andere schutzbedürftige Bevölkerungsgruppen. Landbesitz wird reguliert und demokratisiert, gleichmäßige Verteilung gefördert, und so die soziale Funktion von Land erfüllt.“
Doch genau dieser Teil des Friedensvertrages ist der kolumbianischen Regierung unter Präsident Duque und ihren Anhänger*innen ein Dorn im Auge. „Es gibt in Kolumbien gesellschaftliche Kräfte, die daran interessiert sind, die Landkonzentration, wie sie jetzt ist, beizubehalten“, beobachtet Alke Jenss. Zahlenmäßig machen diese Kräfte, von denen die Sozialwissenschaftlerin spricht, einen relativ kleinen Teil der Gesellschaft aus. Oft sind es Unternehmer, die sich große Landflächen teilweise gewaltsam angeeignet haben. Doch wie Alke Jenss erklärt, ist die Regierung unter Duque auf ihrer Seite und sucht immer neue rechtliche Mittel, um den Friedensprozess zu verschleppen. Auch Gonzalo als FARC Mitglied spürt, dass der politische Wille fehlt, das Friedensabkommen umzusetzen. Er glaubt, dass die vielen Hindernisse ihnen absichtlich in den Weg gestellt werden, damit sie „müde werden und aufhören zu kämpfen.“ Doch seine Kooperative erhält auch Unterstützung aus der Zivilgesellschaft.

Foto: Malin Gütschow

Zivilgesellschaftliche Unterstützung wächst

War es am Anfang noch vor allem die Bevölkerung auf dem Land, die sich für den Friedensprozess einsetzte, so sind inzwischen auch viele Menschen in den Städten für den Frieden aktiv. Gonzalos Textilkooperative zum Beispiel näht Kleidung für das Modelabel Manifiesta der Politikwissenschaftlerin Angela Herrera aus Bogota. „Manifiesta ist ein Modeprojekt, das versucht, eine Alternative zur globalen Textilindustrie zu schaffen“, erklärt die Bogotanerin. „Mit dem Projekt versuchen wir, Arbeitsplätze für einige ehemalige Kämpfer*innen zu schaffen. Wir stellen die Kleidung mit ihnen zusammen her und versuchen so, ihnen einen würdevollen Wiedereingliederungsprozess zu garantieren.“  Herrera entwirft die Kleidung mit ihren großflächigen Blumenmustern, beschafft die Stoffe und bringt sie in die Wiedereingliederungszone. Später holt sie die fertigen Produkte ab und vermarktet sie in Bogotá. Doch der Krieg wirkt nach in der Zusammenarbeit.
Die Diskussionen auf Augenhöhe, die sich Herrera wünscht, sind für die ehemaligen Kämpfer*innen keine Selbstverständlichkeit. „Es fällt ihnen schwer, ihre Meinung zu sagen, weil sie anscheinend nie danach gefragt wurden“, erklärt Herrera. Doch auch wenn es nicht immer leicht ist, läuft es gut für das Modelabel. Erst Anfang Dezember wurden Stücke von Manifiesta auf einer Modenschau im kolumbianischen Kongress gezeigt. Angela Herrera sieht in dem Erfolg des Projekts eine wichtige Botschaft an die frischgebackenen Schneider*innen: „Es ist eine gute Methode, um zu zeigen, dass es doch Versöhnung in diesem Land gibt und dass die Menschen ihnen dankbar sind und es wertschätzen, dass sie eine Nähmaschine in der Hand haben und kein Gewehr.“

 

Den onda-Beitrag zu diesem Artikel findet ihr hier.

CC BY-SA 4.0 Nähmaschine statt Gewehr – vom schwierigen Weg aus dem Guerillakampf von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

Das könnte dich auch interessieren

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Webseite möchte Cookies für ein optimales Surferlebnis und zur anonymisierten statistischen Auswertung benutzen. Eine eingeschränkte Nutzung der Webseite ist auch ohne Cookies möglich. Siehe auch unsere Datenschutzerklärung.

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen