„Der versuchte Femizid an der Medizinfakultät ist paradigmatisch“

Femizid
Rita Segato ist Anthropologin und forsht zu geschlechtsspezifischer Gewalt.
Foto: TitiNicola via wikimedia
CC BY-SA 4.0

(Montevideo, 9. Oktober 2026, la diaria).- Die Anthropologin und feministische Denkerin Rita Segato analysiert, was hinter der weltweiten Zunahme von Verbrechen gegen Frauen* und der Eskalation geschlechtsspezifischer Gewalt steckt, und denkt laut darüber nach, wie das heutige Männlichkeitsideal entkräftet werden kann. Segato, eine der klarsten intellektuellen Stimmen unserer Zeit, hielt sich einige Tage in Montevideo auf, leitete Diskussionsrunden an Hochschulen und Treffen mit Organisationen und politischen Vertreter*innen, hielt Vorlesungen und nahm am Donnerstag am Marsch für Palästina teil. Außerdem nahm sie sich Zeit für ein Gespräch mit „La diaria“. Zur Einladung der Wissenschaftlerin kam es im Rahmen verschiedener Aktivitäten, die die Universidad de la República organisiert hatte, um mit einem versuchten Feminizid vor einem Monat an der Medizinischen Fakultät umzugehen. Die Anthropologin bezeichnete den Fall als „paradigmatisch“ und erklärte, was vermutlich hinter der Brutalisierung der Gewalt gegen Frauen steckt und wie digitale Plattformen sowie die politischen Kräfte das Phänomen beeinflussen und die Häufung der Gewalt unterstützen. Außerdem teilte sie Ideen zur Entkräftung des Mandats der Männlichkeit und betonte, dass es auch in diesem historischen Moment Alternativen zur patriarchalische Ordnung und somit trotz allem Hoffnung auf Glück gibt.

Du bist in einem besonderen Moment nach Uruguay gekommen. Wir erleben gerade eine Eskalation der Feminizide, und vor wenigen Wochen ging die Nachricht von einem versuchten Frauenmord an der Medizinischen Fakultät, durch die Presse. Es gab Demonstrationen und Proteste; einige Behördenvertreter sprachen von einem „Einzelfall“ oder stellten eine mögliche psychiatrische Erkrankung des Täters in den Raum. Warum fällt es der Gesellschaft immer noch so schwer, Femizid und geschlechtsspezifische Gewalt im Allgemeinen als Machtverbrechen zu erkennen?

Weil es sich um ein strukturelles Problem der Gesellschaft handelt. Es ist die Spitze des Eisbergs, und ohne die riesige Masse unter Wasser gäbe es auch keine Spitze. Wer über dieses Verbrechen sprechen will, muss über die riesige Masse sprechen, die unter Wasser verborgen ist. Was ich damit meine: Du kannst ein Verbrechen als Verbrechen betrachten, es als Merkmal einer Anomalie betrachten, aber das stimmt nicht: Es ist das Ergebnis einer umfassenden Struktur, die unsere Gefühle, unsere Sichtweise auf das Leben und unsere Impulse bestimmt. Wenn man diese Gewalt als Anomalie betrachtet, die mit bestimmten Individuen zu tun hat, stützt man diejenigen, die wollen, dass die Welt so bleibt, wie sie ist, statt sich für wirklich strukturelle und tiefgreifende Veränderungen in der Geschichte einzusetzen. Wir bestimmen also einen Schuldigen, sperren ihn ein, bestrafen ihn gesellschaftlich – und das wars. Das ist mir erst kürzlich klargeworden: Gewalt gegen Frauen nimmt überall zu, weil geschlechtsspezifische Gewalt ein Symptom ist für die derzeitige Fragilität der Männer, und die wiederum ist eine Folge der außerordentlich schnellen Kapitalkonzentration. Es findet eine fortschreitende Verarmung der Menschen statt, ganz besonders der Männer, denn eine der männlichen Stärken war schon immer die Rolle des Versorgers, die Fähigkeit, eine Familie zu ernähren. Es gibt heute nur noch sehr wenige Männer, die die Gewissheit haben, dass sie mit ihrer Arbeit bis zum Ende ihres Lebens schaffen werden. Der Mann erleidet einen fortschreitenden Machtverlust, denn seine Männlichkeit wird zunehmend geschwächt.
So wie ich das sehe, sind es sieben Kräfte, die Männlichkeit formieren: sexuelle Kraft (die sich offensichtlich in einer Krise befindet, denn wenn man den Psychoanalytiker*innen glaubt, leiden Männer in den 20ern und 30ern häufig unter Potenzstörungen), muskuläre Kraft, also körperliche Stärke, und dazu kommen kriegerische, wirtschaftliche, politische, intellektuelle und moralische Kraft (denn das Amt des Richters ist seit Jahrtausenden männlich geprägt). Meine Tochter hat noch einen achten Punkt hinzugefügt, nämlich die Macht des Vermächtnisses: Männer hinterlassen ein Vermächtnis, Frauen nicht. Die wirtschaftliche Stärke, die sich in Macht manifestiert, ist heutzutage stark bedroht, und viele Männer werden daher zunehmend aggressiv. Wo stellt der Mann seine gegenüber dem Chef, dem Arbeitgeber, dem Auftraggeber verlorene Männlichkeit wieder her? Gegenüber seiner Familie, und zwar durch Gewalt. Manchmal ist Gewalt für viele Männer das Einzige, was ihnen noch bleibt. Der gewalttätige Mann ist also ein zerbrechlicher Mann, dem nichts anderes mehr bleibt als Gewalt. Und die entspringt einer Wut, einem Zorn, der unaufhaltsam ist. Es spielt keine Rolle, ob man sie alle ins Gefängnis steckt – diese Wut lässt sich nicht kontrollieren.
Deshalb muss man handeln und sich bewusst machen, dass eine ganze Struktur dahinter steht, ein Gebot – nennen wir es das Gebot des Patriarchats, das eine Machtstruktur ist. Historisch gesehen ist das Patriarchat die erste Machtstruktur der Spezies und in allen Strukturen der Macht, der Ungleichheit und der Gewalt erkennbar. In meinem Text „Die elementaren Strukturen der Gewalt“ sage ich, dass der Vergewaltiger nicht die Ausnahme darstellt, er ist kein andersartiges Wesen. Vergewaltiger werden immer als seltsame Typen hingestellt oder mit Krankheit assoziiert, doch weder das eine noch das andere trifft zu. Vergewaltigung ist ein Verbrechen, das in Gesellschaft begangen wird. Ich zitiere in dem Text einen US-amerikanischer Psychiater, der sagt, dass mehr als 50 Prozent der Vergewaltigungen im Gruppenkontext begangen werden. Und wenn es etwas ist, das man in der Gruppe tut, dann ist der Vergewaltiger kein Sonderling, sondern jemand, der in der Gesellschaft handelt, und wenn er nicht in Gesellschaft anderer handelt, sondern allein ist, dann ist zumindest in seiner Gedankenwelt jemand anwesend, jemand, der ihn sieht und dem er etwas beweisen muss. Mannsein, ist quasi eine Aufgabe, nicht einfach eine körperliche oder natürliche Kondition. Es ist ein Titel, der erworben und im Laufe des Lebens regelmäßig verteidigt werden muss.

In Uruguay und auch in anderen Ländern warnen Mitarbeiter*innen von Opferhilfeeinrichtungen und Forscher*innen vor einer Brutalisierung der Gewalt gegen Frauen in den letzten Jahren. Würdest du auch sagen, dass geschlechtsspezifische Gewalt grausamer wird? Oder ist es wie immer, lediglich angepasst an neue Realitäten?

Manchmal kommt es einem so vor, dass Verbrechen gegen Frauen stärker zur Schau gestellt werden, in der Öffentlichkeit präsenter sind. Und ja, es kann sein, dass die Grausamkeit zugenommen hat; der Krieg im Allgemeinen geht mit den Körpern von Frauen heute grausamer um. Es ist eine Zurschaustellung, die immer expliziter, immer stärker wird. Denn dieses Verbrechen – die geschlechtsspezifische, sexualisierte Gewalt, ist ausdrucksstark, das sage ich ja schon seit langem, die Täter wollen etwas ausdrücken, und zwar Macht. Der Mangel an Empathie, an Sensibilität und die Fähigkeit zur Grausamkeit müssen zur Schau gestellt werden. Wie in Gaza: Gaza ist nicht nur ein Völkermord, es ist die Zurschaustellung des Völkermords.

Was hältst du von der Position, die die Verschärfung der geschlechtsspezifischen Gewalt mit dem antifeministischen Backlash in Verbindung bringt, der sich weltweit verfestigt hat?

Darauf werde ich mit einer Frage antworten, die sehr schwer zu beantworten ist: Warum schließen sich alle politischen Kräfte, die die Akkumulation und Konzentration unterstützen, plötzlich nach dem Ende des Multikulturalismus-Programms, der vorherigen Strategie des Kapitals, zusammen, warum fördern sie die Akkumulation und Konzentration und blockieren gleichzeitig die Forderungen von Frauen? Warum? Was interessiert es einen Elon Musk an, ob eine Frau abtreibt? Warum interessiert sich ein Großkapitalist, ein Konzernchef dafür, ob eine Frau abtreibt oder nicht? Keine einfache Frage, aber ich denke, diese Mächte hinter der Akkumulation und Konzentration haben erkannt, was Frauen mit einem Genderbewusstsein für diese Welt fordern: Die Geschichte nimmt eine andere Wendung. Sie haben es früher erkannt als wir. Der Feminismus ist keine soziale Bewegung, sondern eine Bewegung der Gesellschaft, bei der es nicht um Frauen gegen Männer geht. Das ist falsch, es war ein Fehler, das so zu formulieren. Es ist eine Bewegung für die Welt, für das Leben, für die Menschheit und für eine bessere Geschichte. Und auch wenn sie sehr mächtige Gegner sind, müssen wir uns freuen, dass sie erkannt haben, welche Kraft in uns steckt, sogar eher als wir.

Vor kurzem wurde eine Gruppenvergewaltigung an der Cornell University in den USA öffentlich gemacht. Sieben Männer hatten eine Frau vergewaltigt, 50 weitere sahen am Handy zu und schauten sich die Bilder an, die in einer virtuellen Gruppe geteilt wurden. Niemand sagte irgendwas. Dieser konkrete Fall ist ein sehr anschauliches Beispiel dafür, wie sogenannte „Phratrien“ oder „Männerbruderschaften“ funktionieren. Weitere atuelle Beispiele wären der Fall Gisèle Pelicot oder die Rape Academy. In allen Fällen spielen digitale Plattformen eine wichtige Rolle: Dominique Pelicot fand die späteren Täter über verschiedene Internetseiten, die Rape Academy nutzte Telegram, und in Cornell luden die Täter über Snapchat zum Vergewaltigen ein. Inwiefern beeinflussen digitale Plattformen die Spektakularisierung von Gewalt und die Pädagogik der Grausamkeit?
Gewalt hat immer mit Spektakel zu tun. Gewalt erreicht ihr Ziel, erfüllt ihren Zweck, verwirklicht ihr Vorhaben, wenn sie zur Schau gestellt wird, wenn sie sichtbar wird. Die sozialen Netzwerke verstärken das Ganze. Denn die Struktur ist immer dieselbe: Es ist die männliche Gemeinschaft, der Status des Mannseins, und die Tatsache, dass viele Männer dem Gebot der Männlichkeit folgen, sie müssen also Teil des Clubs sein. Die digitalen Medien haben die Aufgabe, diese großen Clubs noch größer zu machen, denn für viele Männer ist Mannsein nach wie vor das Schärfste, was ihnen passieren kann. Das wird ihnen eingebläut, und das verlangt das Gebot der Männlichkeit von ihnen.
Ich habe gerade ein Vorwort für das umfangreichste Buch über den Fall Pelicot geschrieben, es stammt von einer französischen Professorin, Karine Tinat, es erscheint bei Penguin, und beim Lesen habe ich viel gelernt. Zum Beispiel berichtet Tinat, viele der 50 Verurteilten hätten vor Gericht ausgesagt, sie wären eigentlich gar nicht interessiert gewesen, aber sie hätten zustimmen müssen. Einige bekamen keine Erektion, andere konnten den Akt der Vergewaltigung nicht vollziehen, aber sie mussten zustimmen. Warum? Weil die Befehlsverweigerung bedeutet hätte, aus der männlichen Gemeinschaft, aus dem Männerclub, aus der Phratrie, der Bruderschaft, der Zunft, dem Verein ausgeschlossen zu werden. Aus dieser Struktur leitet sich also ein Befehl ab. Diesen Befehl sichtbar zu machen ist meine Aufgabe. Und so lange das nicht geschieht, werden Männer sich nicht von diesem Zwang befreien können, der dazu führt, dass sie früher sterben; in jedem Land ist die Lebenserwartung der Männer geringer als die der Frauen. Das Gebot führt zu einer Überentwicklung männlicher Gewalt; Männer sind heute zerbrechlicher als jemals zuvor in der Geschichte, und das hängt mit der Wirtschaft zusammen. Sie sind also quasi zu bestimmten Handlungen gezwungen, die sie ohne die Überentwicklung männlicher Gewalt – bedingt durch den historischen Moment, in dem wir leben – gar nicht begehen würden. Diese Karine Tinat sagt etwas, das mich sehr beeindruckt: Herr Pelicot, der hinter den massiven Misshandlungen gegenüber seiner Ex-Frau steht, hat seine Haltung als Befehlshaber während des gesamten Prozesses nie aufgegeben und die anderen immer weiter als seine Untergebenen, als seine Anhänger betrachtet. Er war schon längst am Ende, und trotzdem: Seine Körperhaltung und die Art, wie er alle ansah, war die eines Alpha-Manns, eines großen Machos, der alle zum Gehorsam zwang. Er hat also nicht nur die Frau zum „Körper-Objekt“ gemacht, sondern auch die anderen Männer zum Gehorsam gezwungen. Und während des gesamten Prozesses hat er diese stolze Haltung beibehalten. Und was den vorliegenden Fall hier an der Medizinischen Fakultät betrifft: Ich halte ihn für paradigmatisch, weil sich dort eine Vielzahl von Elementen der gesamten Gesellschaft manifestiert hat.

Auf welche Elemente beziehst du dich?
Woher der Täter kommt und woher das Opfer kommt. Ihre politischen Welten. Die beiden, der Mann und die Frau, spiegeln die politischen Lager des Landes Aber einer ist der Angreifer, der andere der Angegriffene. Ohne viel über die angegriffene Frau oder die Verletzlichkeit des Angreifers zu wissen: Bei dieser Art von Übergriff – das hatte ich bei früheren Fällen dieser Art nie gesehen, und jetzt kann ich es nur noch so sehen – werden beide Seiten angegriffen. Der Mann legt durch die sexuelle Aggression seine Verletzlichkeit offen. Wenn wir nicht die gesamte Struktur mit all ihren Komponenten verstehen, können wir weder den Lauf der Geschichte noch die Welt verändern noch die Frauen schützen, selbst wenn wir die ganze Welt hinter Gitter bringen.

Studien aus verschiedenen Ländern berichten von immer jüngeren Sexualstraftätern und Frauenmördern. Wie lässt sich das erklären?
Sie waren schon immer jung. Vielleicht macht dieses Beispiel aus Kolumbien das am besten deutlich. An der Pazifikküste gibt es ein Gebiet, das von afrokolumbianischen Bevölkerungsgruppen bewohnt wird. Gemäß der Verfassung von 1991 haben sie ein Recht auf diesen Raum. Doch dann sollten dort drei Häfen und ein Hotelkomplex gebaut werden, das Gebiet sollte für die Immobilienunternehmen frei werden, und die Bevölkerung wurde vertrieben, und zwar mit äußerst grausamen Methoden. So war die Situation, als ich dort war, zu einem Vortrag in Buenaventura, und dann fragte mich jemand aus dem Publikum: „Wie können wir diesen Krieg beenden?“ Da musste ich erst einmal nachdenken, denn darüber hatte ich mir noch keine Gedanken gemacht, und dann hab ich gesagt: „Indem wir das Mandat der Männlichkeit aufbrechen.“ Das Mandat der Männlichkeit fordert Härte und zwingt die Jungen zu töten, weil sie damit zeigen, dass sie Männer sind. Die Pädagogik der Grausamkeit hat auch damit zu tun, wie ein Mann geformt wird: durch Schmerz, durch Lebensgefahr und durch bestimmte Prüfungen, so bekommt er am Ende das Prädikat „männlich“. Er muss lernen, härter zu sein als eine Frau. Das ist uralt, das gibt es in allen möglichen Stammesgesellschaften. Manchmal, wie in diesem Fall in Kolumbien, klappt das dann auch mit der Rekrutierung für den Krieg, weil der Junge beweisen muss, dass er ein Mann ist, dass er abgehärtet ist, dass er seine Fähigkeit zur Grausamkeit unter Beweis stellen muss. Die Rekrutierung für die neuen Formen des Krieges erfordert eine Prüfung, und diese Prüfung ist die Fähigkeit zur Grausamkeit. Das ist eine Tatsache, und in den neuen Formen des Krieges ist der Feminizid omnipräsent, das Kriegsgeschehen wird sehr stark über den Körper der Frau ausgetragen. Vergewaltigungen durch junge Männer sind überall grausamer als Vergewaltigungen durch ältere Männer. Denn es gibt mehr, was man vor den Augen der anderen beweisen muss; der Vergewaltiger vergewaltigt vor den Augen der anderen.

Wo können wir damit beginnen, das Gebot der Männlichkeit zu entkräften?
Wir müssen beim Bewusstsein ansetzen, beim Reden. Warum sehen mich die Menschen so und warum folgen sie mir so, wie sie es tun? Denn  was ich sage, wissen alle, aber ich bringe es in Worte. Ich benenne es, ich beschreibe es; und das ist echt anstrengend für mich, aber was ich da benenne, das kennen die Menschen schon. Ich habe es nur in Worte gefasst. Ich glaube, diese Anstrengung zu sprechen, miteinander zu reden, haben die Menschen bisher versäumt. Vielleicht gibt es eine gewisse Scheu, vielleicht wird dabei zu sehr an empfindliche Punkte gerührt. Wir müssen miteinander reden. Ich glaube an den Diskurs und ich glaube fest an das Wort. Lasst uns reden, aber nicht mit Wut, nicht mit Hass, nicht kriegerisch – das Kriegerische ist nicht unser Ding.

Du stellst dar, das Patriarchat sei etwas „Ursprüngliches“, „erstes politische Gebot“ und Machtstruktur. Gleichzeitig plädierst du für einen Feminismus, der weder mit den Methoden des Patriarchats arbeitet noch an seinen Zielen ausgerichtet ist. Wie können wir das Patriarchat als Machtstruktur stürzen, ohne um die Macht zu kämpfen?
Indem wir Glück, Zufriedenheit andere Ziele der Selbstverwirklichung, anders definieren. Ich bin mir sicher, dass das klappt. Man kann auch auf andere Weise glücklich sein. Macht ist ein schlechtes Wort.

Du sagst, der Lauf der Geschichte werde nicht durch die Politik, sondern durch das Politische verändert: Worauf sollte die Arbeit von Politikerinnen und Frauen in staatlichen Ämtern abzielen?

Ich behaupte, dass der Weg zweigleisig ist und dass der Fehler, den wir im Feminismus oft begangen haben, darin besteht, alles auf den Staat zu setzen. Beides ist wichtig: innerhalb des Staates aktiv sein, in den Zeiten, in denen unsere Staaten etwas bessere Phasen durchmachen und sich mehr um das Wohlergehen der Bevölkerung kümmern, denn irgendetwas anderes lief auch da nicht besser; und auf keinen Fall den historischen Wandel aus dem Blick verlieren, der durch zwischenmenschliche Beziehungen zustande kommt.

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