Guerrero: Identität der Leichen noch nicht abschließend geklärt

von Gerd Goertz

Demo am 8. 10. in Mexiko-Stadt. Foto: Flickr/Kinoluiggi (CC BY-NC-SA 2.0) (Mexiko-Stadt, 15. Oktober 2014, poonal).- Das für die Angehörigen kaum erträgliche Warten, Bangen und Hoffen nimmt kein Ende. Unter den am 4. Oktober in sechs Massengräbern bei der Stadt Iguala im mexikanischen Bundesstaat Guerrero entdeckten 28 Leichen befindet sich nach offiziellen Angaben keiner der seit Ende September verschwundenen 43 Studenten. Eine entsprechende Erklärung gab am Abend des 14. Oktober der mexikanische Bundesgeneralstaatsanwalt Jesús Murillo Karam nach Auswertung von DNA-Proben ab. Es fehlen aber noch die Untersuchungsergebnisse von mindestens drei weiteren Massengräbern. Zudem gibt es widersprüchliche Meldungen über zusätzliche Gräber.

Unabhängiges Forensikteam warnt vor vorschnellen Feststellungen zu Leichen in Massengräbern

Das international anerkannte Argentinische Team für Forensische Anthropologie (EAAF) mahnt jedoch zur Vorsicht bezüglich definitiver Aussagen über die 28 gefundenen Leichen. Noch könne es nicht ausschließen, dass die 28 Körper nicht die der Studenten aus Ayotzinapa seien, sagte ein Sprecher gegenüber der zur Zeitschrift proceso gehörenden Nachrichtenagentur apro. „Wir respektieren die Erklärung des Staatsanwaltes, aber unsere eigenen Resultate liegen noch nicht vor.“ Das EAAF arbeitet auf Bitten der Familienangehörigen und Kommilitonen der 43 Verschwundenen sowie mehrerer Menschenrechtsorganisationen eine eigene Expertise unabhängig von der mexikanischen Bundesgeneralstaatsanwaltschaft aus. Diese soll „innerhalb von drei Wochen“ vorliegen, so der Sprecher.

Das EAAF arbeitet vor Ort mit einem elfköpfigen interdisziplinären ExpertInnenteam aus verschiedenen Ländern. Das Labor, das die Analysen für EAAF durchführt, befindet sich in Virginia, USA. „Wir sind unabhängige Sachverständige und die Familien sind über den Zeitraum informiert, der uns für die Ergebnisse zur Verfügung steht“, zitiert apro den Sprecher, dessen Name aus Sicherheitsgründen nicht von der Agentur erwähnt wird. Das EAAF hat von den mexikanischen Behörden nur Beweisproben von 28 Leichen aus den ersten fünf entdeckten Massengräbern bekommen. Ursprünglich war von sechs Gräbern die Rede, der Widerspruch ist bisher nicht aufgeklärt worden.

EAAF durfte nicht an Exhumierung teilnehmen

Zu Anfang seiner Präsenz in Iguala wurde den Mitgliedern des EAAF die Arbeit vor allem durch die Behörden des Bundesstaates Guerrero erschwert. Dies verhinderte, dass die Mitarbeiter*innen direkt an der Exhumierung der Leichen teilnahmen. Vor allem die Familienangehörigen der 43 verschwundenen Studenten haben nachdrücklich auf der unabhängigen Begutachtung durch das EAAF bestanden. Sie erklärten ihr mangelndes Vertrauen in die technischen Kapazitäten der mexikanischen Forensik sowie in eine rückhaltlose und transparente Aufklärung durch Landes- und Bundesbehörden.

Das Argentinische Team für Forensische Anthropologie hat an der Identifizierung der sterblichen Überreste vieler mutmaßlicher Opfer von Menschenrechtsverletzungen in einer Vielzahl von Ländern mitgearbeitet: Argentinien, Kolumbien, Chile, El Salvador, Guatemala, Honduras, Haiti, Peru, Bosnien, Kosovo, Kroatien, Sierra Leone und Irak. In Mexiko untersuchte das EEAF in den vergangenen Jahren geheime Gräber ermordeter Frauen in der Stadt Juárez im Bundesstaat Chihuahua sowie die Massengräber ermordeter Migranten in San Fernando, Bundesstaat Tamaulipas.

Weitere Verhaftungen und Proteste

Student*innen der ENAH blockieren am 14.10 die Schnellstraße Periférico Sur in Mexiko-Stadt. Foto: Flickr/Rodrigo Barquera (CC BY-NC-SA 2.0)Unterdessen informierte Tomás Zeron de Lucio, Direktor der mexikanischen Kriminalbehörde, über zusätzliche Verhaftungen: Sie betreffen den Bürgermeister, den Polizeichef sowie 14 weitere Polizisten aus dem an Iguala angrenzenden Landkreis Cocula. Die Verhafteten sollen gestanden haben, die von ihren Kollegen in Iguala mit Polizeifahrzeugen verschleppten Studenten der pädagogischen Fachhochschule von Ayotzinapa entgegengenommen und an das Drogenkartell Guerreros Unidos (Vereinigte Krieger) übergeben zu haben.

Die neuen Informationen gelangen in einer Situation an die Öffentlichkeit, die der Bischof Raúl Vera vor wenigen Tagen als Dampfkessel bezeichnete. Am Montag, 13.10. hatten wütende und verzweifelte Student*innen, Lehrer*innen und Familienangehörige der Opfer in Guerreros Landeshauptstadt Chilpancingo den Regierungssitz sowie die Stadtverwaltung teilweise angezündet und verschiedene Protestaktionen durchgeführt. Am Dienstag blieb es relativ ruhig. Die Studenten besetzten vorübergehend mehrere Radiostationen und Banken. Sie forderten die lebende Rückkehr ihrer Kommilitonen. Aus den Bundesstaaten Michoacán und Oaxaca sind inzwischen mehrere hundert Lehramtsstudenten nach Guerrero gekommen, um die Proteste und Forderungen zu unterstützen. In Mexiko-Stadt riefen verschiedene Fakultäten der Nationaluniversität UNAM und der Autonomen Hauptstadt- Universität UAM einen 48-stündigen Solidaritätsstreik aus. Dieser Streik soll am 22. und 23. Oktober wiederholt werden.

Gouverneur und gesamte Politikerkaste unter Druck

Selbst aus Unternehmerkreisen werden die Rufe nach dem Rücktritt von Angel Aguirre, dem Gouverneur von Guerrero, immer lauter. Dieser klammert sich jedoch bisher an seinen Posten. Mit abgehobenen Worthülsen und einer Betroffenheit, die die Bevölkerung als gespielt wahrnimmt, hat er die angespannte Situation in den vergangen zwei Wochen noch weiter verschärft. Es geht jedoch für die gesamte mexikanische Politikerklasse um ihren Rest von Glaubwürdigkeit. „Inmitten von Schmerz und Tragödie”, verwalte die politische Klasse die Schäden, warf ihr der bekannte Journalist und politische Analyst Luis Hernández vor.

Immer mehr schon länger bekannte Einzelheiten über die Fusion staatlicher Funktionsträger mit dem organisiertem Verbrechen im Bundesstaat Guerrero – und nicht nur dort – werden in diesen Tagen konzentriert zusammengetragen. Dies wirft die Frage auf, warum Landes- und Bundesregierung erst reagierten, als die Ermordung von sechs Menschen in Iguala durch Polizei und organisiertes Verbrechen sowie das mutmaßliche Massaker an weiteren 43 Studenten die Weltöffentlichkeit alarmierte. Ihre Sorge um die als aufrührerisch geltenden Studenten von Ayotzinapa war bis dahin ebensowenig ausgeprägt wie in vielen anderen Fällen, in denen Vertreter*innen sozialer Bewegungen in den vergangenen Jahren Opfer krimineller Machenschaften wurden. „Jeder Versuch, die politische Dimension des Massakers klein zu halten, wird das Regime weiter abnutzen“, warnt Hernández.

Reaktion auf EU-Kritik

Der mexikanische Finanzminister Luis Videgaray sowie Zentralbankchef Agustín Carstens erklärten unterdessen ihre Erwartung, die Vorgänge in Guerrero würden sich nicht auf die Investitionen in Mexiko auswirken. Dies kann als eine indirekte Reaktion unter anderem auf die in weiten Teilen der mexikanischen Presse aufgenommenen Erklärung einer länderübergreifenden Gruppe von EU-Parlamentarier*innen und einigen deutschen Bundestagsabgeordneten gewertet werden. Diese hatten am Wochenende gefordert, die Neuverhandlungen des Globalabkommens zwischen der Europäischen Union und Mexiko so lange auszusetzen, bis das Vertrauen zur mexikanischen Regierung beim Thema Menschenrechte wieder hergestellt sei.

Es passt ins Bild: Für den Mittwoch plante die Wahrheitskommission von Guerrero die Vorlage ihres Bericht über den „Schmutzigen Krieg“ gegen die bewaffnete und zivile Opposition im Bundesstaat in den Jahren 1969 bis 1979. Darin wird unter anderem dokumentiert, dass die mexikanische Luftwaffe in sogenannten Todesflügen ermordete Oppositionelle über dem Meer in der Nähe des Badeortes Acapulcos abwarf. Die Kommissionsbeauftragte Pilar Noriega erklärte in einem Interview: „Für die heute fortbestehende Straffreiheit wurde in jenen Jahren die Grundlage geschaffen.“

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