Kolumbien

Radio als Werkzeug zum Leben: Radio Pa´yumat – Die Stimme der Indígenas im Cauca


von Paolo Moiola

(Lima, 02. September 2009, noticias aliadas).- Die kolumbianische Bevölkerung wird von einem endlosen Bürgerkrieg gepeinigt, seit Jahrhunderten herrschen Armut und Ungerechtigkeit. In diesem Kontext müssen die Indígenas als Minderheit – sie stellen etwa ein Prozent von insgesamt 46 Millionen Einwohner*innen – mit allen Mitteln ihre Eigenheiten verteidigen und dabei oft ihr Leben aufs Spiel setzen.

Die Regierung unter Präsident Álvaro Uribe bezeichnet die Indígenas ohne Umschweife als „Terroristen“, weil sie in vielen Fällen in direkter Nachbarschaft mit den Operationsbereichen der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens FARC (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia) leben. Die Vertreter*innen der verschiedenen indigenen Gemeinschaften setzen angesichts der Gewalt des kolumbianischen Militärs und der Paramilitärs, die sich in letzter Zeit als „Schwarze Adler“ („Águilas Negras”) bezeichnen, ihr Leben aufs Spiel. Trotz dieser schwierigen Situation werden die Forderungen der kolumbianischen Indígenas von den offiziellen Medien verschwiegen.

Da sie vom Staat keine Unterstützung erwarten konnten, haben die Indígenas in den letzten Jahren ihr Leben und ihren Widerstand selbst organisiert, zum Teil mit Hilfe von Missionaren und internationalen Organisationen, wobei sie aus ihren eigenen, tief verwurzelten Traditionen Kraft schöpften.

Eine der aktivsten, bekanntesten und am besten strukturierten Indígena–Organisationen ist die Vereinigung der indigenen Gemeinderäte im Norden des Departements Cauca ACIN (Asociación de Cabildos Indígenas del Norte del Cauca). Ihr gehören Gemeinden der Nasa (früher Paez genannt) an. Der „Plan de Vida“ („Lebensplan“) der ACIN besteht aus fünf Projektbereichen bzw. „tejidos“, also Geweben oder Netzwerken: Wirtschaft und Umwelt, Menschen und Kultur, Gerechtigkeit und Harmonie, Schutz des Lebens, Kommunikation und Außenbeziehungen.

Nicht existent für die Massenmedien

Dora Muñoz, eine junge Nasa–Indígena, ist sich der zahlreichen Schwierigkeiten sehr bewusst, weshalb sie ihren Beruf als Journalistin mit Hingabe ausübt. Sie arbeitet für das Radio Pa’yumat von ACIN, das aus der Stadt Santander de Quilichao im Departement Cauca im Südwesten Kolumbiens sendet.

„Wir bezeichnen uns als ‚tejido de comunicación’, also als Kommunikationsnetzwerk, weil wir mit unserer Arbeit Fäden, Knoten und Löcher in einer Struktur zusammenbringen und ein Gewebe daraus formen. Das tun wir durch unser Basisradio, eine andere Gruppe arbeitet mit Video. Außerdem haben wir einen Internetauftritt, auf dem wir vor allem nach außen darüber berichten, was hier vor sich geht. In Kolumbien sprechen die Massenmedien nicht von den Indígenas und nicht von unserem ‚Lebensplan’. Wenn es nur nach ihnen ginge, wüsste gar niemand, dass es uns gibt. Sie erwähnen uns höchstens, um zu sagen, dass wir Terroristen sind.“

Es gibt einen einfachen Grund für all die Ablehnung: „Unsere Territorien sind militärisch von linken und rechten Gruppierungen besetzt. Vom kolumbianischen Heer, von den Guerillabewegungen und nicht zuletzt von den multinationalen Konzernen. Sie alle wollen sich das Territorium und die darauf befindlichen Ressourcen aneignen, ohne sich um die Menschen zu kümmern, die hier leben. Für die indigenen Gemeinschaften sind das Territorium und die natürlichen Ressourcen keine Ware, sondern lebensspendende Güter, die deshalb geschützt werden.“ Kurz: die Indígenas stören, sie sind ein Hindernis für die Interessen vieler, deshalb werden sie vernichtet.

Pa’yumat: Die Bitte, um eintreten zu dürfen

Das Basisradio von ACIN heißt Pa’yumat. In der Sprache der Nasa wird dieser Begriff verwendet, wenn sich jemand einem Haus der Gemeinschaft nähert – er kündigt damit sein Kommen an und bittet darum, eintreten zu dürfen. Das Wort ist zu jeder Tageszeit zu hören. Radio Pa’yumat sendet von 7 bis 17 Uhr, „bei dringenden Vorkommnissen“ jedoch, so Muñoz, „ohne Unterbrechung.“ Das indigene Radio hat schätzungsweise 110.000 Hörer – Indígenas, Stadtbevölkerung und Afrokolumbianer*innen. „Die Finanzlage von Radio Pa’yumat und dem Kommunikationsnetzwerk insgesamt ist ziemlich schwierig“, erklärt Muñoz weiter. „Die indigenen Gemeinderäte zahlen einen jährlichen Beitrag. Außerdem nehmen wir einiges mit unseren Produktionen ein, und ab und zu erhalten wir eine Unterstützung von Organisationen und Institutionen. Dennoch entscheiden wir uns trotz der permanenten Finanzknappheit oftmals dafür, die Hilfe von denjenigen, die uns Bedingungen diktieren wollen, abzulehnen.“

Seit dem 14. Dezember 2008 kann Radio Pa’yumat nicht mehr senden: „Direkt nach der von uns geleisteten Informationsarbeit während der sozialen und gemeinschaftlichen Minga [einer Protestaktion der Indígenas von Oktober bis Dezember letzten Jahres, bei der die Indígenas bis nach Bogotá zogen] haben Kriminelle die Sendeanlagen auf dem Berg Cerro de Munchique oberhalb von Santander de Quilichao zerstört. Wir wissen nicht genau, wer die Täter waren, aufgrund von Nachforschungen gibt es allerdings einige Verdächtige. Es ist für uns aber gefährlich, sie zu nennen, ganz zu schweigen davon, die Namen in der Presse zu veröffentlichen.“

„Wir führen eine Minga durch, d.h., wir arbeiten gemeinsam und sammeln Unterstützung, um das Radio Pa’yumat wieder in Betrieb zu nehmen und die Stimme des Volkes der Nasa weiterhin für die gesamte Gemeinschaft hörbar zu machen.“ Ist das übertrieben? Keinesfalls. Immer wieder werden Aktivist*innen und Vertreter*innen der Indígenas ermordet. Zwischen dem 23. Juni und dem 6. Juli wurden der Nasa–Vertreter Marino Mestizo im Landkreis Caloto im Departement Cauca und Héctor Betancourth Domicó, Gemeindevorsteher der Emberá–Katío in Changarra im Departement Córdoba, ermordet.

Anm. Poonal: Auch dieses Jahr sind seit dem 11. Oktober wieder Tausende Indígenas im Rahmen der „Minga de Resistencia Social y Comunitaria“ in verschiedenen Regionen Kolumbiens unterwegs, um ihrem Protest und ihren Forderungen Ausdruck zu verleihen und über zukünftige Wege zu beratschlagen. Am 14. Oktober kam es in Popayán zu gewaltsamen Übergriffen der Polizei auf Demonstrant*innen, es gab Verletzte und Festnahmen. http://www.nasaacin.org/

Für Ende August wurde eine Einladung zur Wiedereröffnung von Radio Pa’yumat auf Facebook veröffentlicht. Auf der Homepage von ACIN können einige aktuelle Radiobeiträge angehört werden: http://www.nasaacin.org/

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