Poonal Nr. 358


Deutsche Ausgabe des wöchentlichen Pressedienstes lateinamerikanischer Agenturen Nr. 358 vom 23. Oktober 1998

Inhalt


CHILE

URUGUAY

ARGENTINIEN

BRASILIEN

BOLIVIEN

HONDURAS

KOLUMNE – Von Juan José Dalton*

GUATEMALA


CHILE

Die Caseroleras trommeln wieder

Von Leonel Yañez

(Santiago de Chile, 21. Oktober 1998, npl).- Die Wohnviertel der Wohlhabenden in der chilenischen Hauptstadt befinden sich wieder einmal im Aufruhr. Jeden Abend finden sich wütende Demonstranten vor den Botschaften Großbritanniens und Spaniens ein, Flaggen und Fotografien der englischen Königin werden verbrannt. Ihnen gegenüber stehen Polizisten mit Knüppeln und Wasserwerfern. Nachmittags trommeln Hausfrauen in den Bezirken Providencia und Las Condes auf Kochtöpfen – ein schepperndes Konzert, das schon einmal von den sogenannten „caseroleras“ (caserola=Kochtopf, die Red.) intoniert wurde, um gegen Präsident Allende zu protestieren.

Auch diesmal handelt es sich um Solidaritätsbekundungen mit Augusto Pinochet, Autor des blutigen Putsches von damals und langjährigen Diktators, der während seines Krankenhausaufenthalts in London auf Antrag der spanischen Justiz festgenommen wurde. Die Bewohner der Nobelviertel, darunter die steinreiche Oberschicht des südamerikanischen Landes sowie hohe Militärs, halten ihrem Helden die Stange. Sie erklärten britische wie spanische Diplomaten zu unerwünschten Personen, nicht einmal mehr die Müllabfuhr versieht ihren Dienst in den kulturellen Einrichtungen dieser Länder. Zu einem Boykott von Waren aus den beiden europäischen Staaten rief die Senatorin Evelyn Matthei auf, deren Vater Luftwaffenkommandeur unter Pinochet war. Die Abgeordneten zweier rechter Oppositionsparteien begannen inzwischen damit, die Sitzungen des Parlaments zu bestreiken.

Am Dienstagabend ging jedoch auch die Linke auf die Straße. Tausende Studenten legten das Zentrum von Santiago de Chile lahm und feierten die Festnahme des Mannes, der für Folter und Mord an Oppositionellen während der Diktatur (1973- 1990) verantwortlich ist. Im Anschluß kam es zu heftigen Auseinandersetzungen mit der Polizei, die Tränengas einsetzte und über 50 Demonstranten festnahm. Menschenrechtsgruppen kündigten für die kommenden Tage weitere Kundgebungen an.

Die Proteste richten sich gegen die Regierungskoalition von Christdemokraten und Sozialisten, die sich vehement gegen die Maßnahme der britischen Behörden aussprach. Die Festsetzung Pinochets widerspreche diplomatischem Gepflogenheiten und sei eine Einmischung in die chilenische Rechtsprechung, so Präsident Eduardo Frei. Der renommierte Rechtsexperte Hernan Montealegre hingegen meint, daß die dem Ex-Diktator vorgeworfenen Verbrechen durchaus eine internationale Strafverfolgung rechtfertigten.

Trotz aller Emotionen in Chile liegt das Schicksal Pinochets derzeit in Händen europäischer Richter und Politiker. Madrids Untersuchungsrichter Baltasar Garzon will den 82jährigen sobald wie möglich vernehmen und bereitet einen Auslieferungsantrag vor. Dann soll ihm wegen der Ermordung spanischer Staatsbürger während der Diktatur und Verbrechen gegen die Menschlichkeit der Prozeß gemacht werden.

Die zuständige Staatsanwaltschaft bezweifelt jedoch die Zuständigkeit spanischer Gerichte. Generalstaatsanwalt Jesus Cardenas erklärte am Dienstag in der spanischen Hauptstadt, zuerst werde nun diese Frage geprüft. Über das weitere Vorgehen müsse dann das Oberste Gericht entscheiden, da Pinochet in Chile Senator auf Lebenszeit ist. Viele Juristen bezweifeln dies, da es sich um Verbrechen handelt, für die es keine Immunität geben könne.

Die Politik zieht es vor, in der heiklen Affäre keine Position zu beziehen. London will den Fall den Gerichten überlassen. Auch Spaniens Regierungschef Jose Aznar hofft, daß der Kelch an ihm vorüberzieht: „Vielleicht muß sich die Regierung gar nicht zu dem Fall äußern,“ sagte Aznar vor Journalisten. Sollte die Auslieferung beantragt werden, liegt die endgültige Entscheidung darüber jedoch in Händen der Politiker.

Hinter den Kulissen hat das Tauziehen offenbar begonnen. Niemand will sich öffentlich für Pinochet einsetzen, andererseits würde ein Verfahren die guten Beziehungen zu Chile und einflußreichen Kreisen in anderen Ländern Lateinamerikas stören. Britische Zeitungen berichten, daß auch die USA versuchten, eine Auslieferung zu verhindern, damit keine Details über ihre Beteiligung an dem Militärputsch 1973 bekannt werden. Den Berichten zufolge sollen mehrere Hundert US-Berater Pinochet bei seiner Machtergreifung unterstützt haben.

Der General hinter Gittern

Von Luis Sepúlveda*

(19. Oktober 1998, Poonal**).- Ich braust über Autobahn in der Nähe von Udine, als ich die Nachricht im Radio hörte. Bremsen quietschten, die Fahrer hinter mir beschimpften mich, aber das spielte keine Rolle.

Der Diktator verhaftet. Pinochet. Für einige Minuten, für einige Stunden, hoffentlich Jahre. Einer Freiheit benommen, die er nicht verdient, denn der Ort der Kriminellen, der Verbrecher, ist das Gefängnis.

Wie alle Chilenen, die wir seinen Hochmut, seine krankhafte Persönlichkeit erleiden mußten, empfing ich die Nachricht mit Freude und als ich von den Protesten der chilenischen Regierung erfuhr, trübte der Zorn ein bißchen das Glück, sich den Tyrannen vorzustellen, wie er stotternd die unsicheren Worte eines Feiglings von sich gibt.

Es ist unwichtig, wie lange Pinochet verhaftet bleibt. Es ist auch unwichtig, ob er nach Spanien, Deutschland, Schweden oder Argentinien ausgeliefert wird. Das sind die Länder, in denen es offene Verfahren gibt, mit Anklagen, die ihn als Verantwortlichen vieler Morde ausweisen. Was wichtig ist, daß mit dem Gefühl der Straffreiheit Schluß gemacht wird und daß die Verhaftung von Pinochet dazu dienen muß, daß die chilenische Regierung eine beschämende Situation beendet.

Pinochet darf nicht weiterhin eine Rolle im politischen Leben Chiles spielen. Sein Posten als Senator auf Lebenszeit disqualifiziert das gesamte Parlament Chiles und ein Diplomatenpaß in seinen Händen diskreditiert und beleidigt die Diplomaten in aller Welt.

1991 wiesen sie ihn aus Holland aus, wo er mit falschen Papieren hinkam – er wies sich als „Señor Escudero“ (übersetzbar mit „Herr Waffenträger“; die Red.) aus. In Chile sprach damals kaum jemand von der Angelegenheit.

Heute, 25 Jahre nach dem Militärputsch von 1973, dem Tod von Allende und tausenden Chilenen, haben die englische Justiz und die chilenische, die Gelegenheit, viele Fehler zu korrigieren.

Pinochet muß an die Länder ausgeliefert werden, wo es laufende Prozesse gegen ihn gibt, genauso wie Milosevic, Mladic und alle Kriegsverbrecher des alten Jugoslawiens ausgeliefert werden müssen.

Vielleicht kann ein Exempel statuiert werden, daß Justitia die absurde Binde abnimmt, die ihr die Augen bedeckt.

Augusto Pinochet, verhaftet. Welch denkwürdige Nachricht. Ich biete ihm an, was ich nicht hatte, was keines seiner Opfer hatte: die Bezahlung eines Anwaltes, der ihn verteidigt und ihm ein gerechtes Verfahren mit vollem Respekt vor seiner körperlichen Unversehrtheit garantiert.

*Luis Sepúlveda ist chilenischer Schriftsteller. Sepúlveda mußte nach dem Putsch Pinochets sein Heimatland verlassen. Heute lebt er überwiegend in Mexiko. **Sein Beitrag ist der spanischen Tageszeitung „El Pais“ entnommen.

Festnahme Pinochets läßt Chile kopfstehen

Von Leonel Yañez

(Santiago de Chile, 19. Oktober 1998, npl).- Die Festnahme von Ex-Diktator Augusto Pinochet in London hat in Chile zu heftigen Debatten und handfesten Auseinandersetzungen geführt. Wie bereits am Samstagabend protestierten Anhänger des Generals am Sonntag von der britischen Botschaft. Einige der an die 10.000 Demonstranten versuchten, das Gelände der diplomatischen Vertretung zu stürmen. Mit Wasserwerfern und Tränengas gelang es der Polizei, die aufgebrachte Menge zu zerstreuen. „Ich danke den Chilenen für ihre tapfere Unterstützung meines Vaters,“ erklärte der Sohn Pinochets während der Demonstration von einen Lautsprecherwagen aus.

Zuvor war die Hauptstadt Chiles Schauplatz spontaner Kundgebungen der Gegner Pinochets, der erst Anfang dieses Jahres das Oberkommando über die Armee abgegeben hatte und jetzt Senator auf Lebenszeit ist. Tausende sammelten sich vor dem ehemaligen Regierungssitz der Diktatur, die 1973 die gewählte Regierung des sozialistischen Präsidenten Salvador Allende mit einem blutigen Putsch stürzte. Eine Versammlung der Kommunistischen Partei, auf der die Vorsitzende Gladys Marin ihre Kandidatur für die Präsidentschaftswahl 1999 öffentlich bekanntgab, verwandelte sich in ein Freudenfest mit unerwartet vielen Teilnehmern. Allseits war die Hoffnung zu spüren, daß Pinochet für seine Verbrechen in den 17 langen Jahren der Diktatur doch noch zur Rechenschaft gezogen wird.

Die überraschende Festnahme geht auf ein Ersuchen der spanischen Justiz zurück, die seit mehreren Jahren gegen südamerikanische Militärs wegen „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ und der Ermordung spanischer Staatsbürger unter den Diktaturen ermittelt. Pinochet war mit seiner Familie nach London gekommen, um sich einer Operation zu unterziehen. Jetzt ist er in seinem Krankenzimmer unter Arrest gestellt. Noch diese Woche wollen ihn die spanischen Ermittler vernehmen. Dann haben sie fünf Wochen Zeit, eine Auslieferung zu beantragen.

Die zumeist konservative Presse in Chile ist erzürnt. „Protest gegen die britische Regierung“ titelte am Sonntag die größte Tageszeitung „El Mercurio“. Was die politische Rechte von der Affäre hält, sprach der konservative Abgeordnete Alberto Cardemil im Fernsehen aus: Die Festnahme sei eine Frechheit, es handele sich um „einen internationalen Komplott“ gegen Pinochet und Chile. Anders Jaime Gazmuri, sozialistischer Abgeordneter der Regierungskoalition. Es sei ausschließlich eine juristische Frage, die die Diskussion um die Menschenrechte im Land vertiefen werde. „Danach wird Chile ein neues Land sein.“

Fürwahr befindet sich der Patriarch Pinochet in einer schwierigen Lage. Zwar hat der christdemokratische Präsident Eduardo Frei bereits formalen Protest bei der britischen Regierung „wegen Mißachtung der chilenischen Gesetze“ eingelegt. Auch wies er darauf hin, daß Pinochets Diplomatenpaß ihm Immunität gewähre. Dieser soll chilenischen Quellen zufolge jedoch schon am 9. Oktober abgelaufen sein. Außerdem erklärte London, nur offiziell akkreditierte Personen genössen diplomatischen Schutz.

Die spanischen Ermittler können immerhin einen von Interpol ausgestellten internationalen Haftbefehl gegen Pinochet vorweisen. Laut Zeugenaussagen soll der Ex-Diktator viele Morde und Folterungen persönlich angeordnet haben. In seiner Heimat kann ihm kein Prozeß gemacht werden, da eine von ihm selbst erlassene Amnestie die Täter vor rechtlicher Verfolgung schützt.

Nach Spanien haben auch Gerichte anderer europäischer Länder – unter anderem der Gerichtshof Nürnberg – Ermittlungen gegen südamerikanische Militärs eingeleitet. Insbesondere in Argentinien hat das Drängen der Justiz Wirkung gezeigt: Elf Verantwortliche der dortigen Diktatur werden international gesucht und würden festgenommen, sollten sie ihr Land verlassen. Der frühere Diktator Jorge Videla wurde sogar wegen Kindesentführung unter Hausarrest gestellt. Dieses Verbrechen fällt nicht unter die Amnestie, die Argentiniens Präsident zum Schutz der ehemaligen Generäle erlassen hat.

Unklar ist bislang, wie energisch sich Chiles Regierung für den umstrittendsten Mann des Landes einsetzen wird. Am Sonntag sandte sie bereits den Juristen Santiago Benadava nach London, um Pinochet rechtlichen Beistand zu gewähren. Über die Ergebnisse eines Treffens zwischen Innenministerium und der Armeespitze wird Stillschweigen gewahrt. Als Gerücht erwies sich am Sonntag die Meldung, daß die Armee in die Kasernen mobilisiert worden sei.

Beobachter vermuten, daß die jahrelang guten Beziehungen zwischen Chile und Großbritannien großen Einfluß auf den Ausgang der Affäre haben werden. Pinochet, der 1990 erst nach 17 Jahren Diktatur demokratische Wahlen zuließ, war stets ein gerngesehener Staatsgast und soll sich nicht zuletzt aufgrund identischer wirtschaftspolitischer Vorstellungen bestens mit Ex-Premierministerin Margaret Thatcher verstanden haben. In England kaufte er einen Großteil der Rüstungsgüter für seine Armee. Und es waren Flugzeuge britischer Bauart, mit denen Pinochet am 11. September 1973 den Regierungspalast von Salvador Allende bombardierte.

URUGUAY

Wer im Glashaus sitzt…. – Reaktionen auf Pinochet-Verhaftung

Von Eduardo Curuchet

(Montevideo, 19. Oktober 1998, comcosur-Poonal).- Die Solidarisierung des uruguayischen Präsidenten Julio María Sanguinetti mit Chiles Ex-Diktator Augusto Pinochet hat in Uruguay eine ganze Reihe von Reaktionen ausgelöst. Nur bei einigen Mitgliedern seiner regierenden Colorado-Partei stieß Sanguinetti mit seinen Äußerungen auf Verständnis. Diese hatten zum Inhalt, daß Pinochet als „Bürger mit Immunität“ nicht verhaftet werden könne, die spanische Justiz habe „keine Handlungskompetenz“. In Uruguay wäre so etwas nicht passiert, erklärte der Präsident.

Dagegen kommentierte Montevideos Bürgermeister Mariano Arana von der Linkskoalition Frente Amplio/Encuentro Progresista: „Irgendjemand mußte das irgendwann tun. Es handelt sich um einen Völkermörder.“ Er fügte ironisch hinzu, er hege keinerlei Zweifel daran, daß es „unter den derzeit gegebenen Umständen“ zu keiner Verhaftung Pinochets in Uruguay gekommen wäre. Der Abgeordnete Alem García, dessen Nationalpartei immerhin mit den Colorados die Regierung bildet, gab sich wenig überrascht über das Verhalten des Staatschefs, denn „Sanguinetti war der große Fürsprechers des Pardons für die Folterer und Mörder“.

Die Kommission der sozialen Organisationen, Menschenrechtseinrichtungen und der Gewerkschaftsdachverband riefen zu einer Kundgebung auf dem geschichtsträchtigen Platz der Freiheit in Montevideo auf, um die Nationalhymne zu singen und der spanischen Justiz ihre Unterstützung auszudrücken. In einer Erklärung hieß es: „Wir sahen den Präsidenten nicht so besorgt, als (die Nordamerikaner) Noriega mitnahmen.“

Der Madrider Richter Baltasar Garzón hat auch vier uruguayische Despoten aus Diktaturzeiten vorgeladen. Sie sollen über das Verschwinden mehrerer spanischer Bürger*innen in Argentinien aussagen. Bei den vieren handelt es sich um die Militärs Nino Gavazzo, Manuel Cordero und Jorge Silveira sowie den Polizeikommissar Hugo Campos Hermida. Sie waren wie Pinochet an den koordinierten Unterdrückungsmaßnahmen der Streitkräfte des Cono Sur beteiligt. Die länderübergreifende Aktion ist auch unter dem Namen „Operation Condor“ bekannt geworden.

Vor einigen Monaten löste die Beförderung des Oberst Jorge Silveira zum Mitglied des Stabs um den Armeekommandanten heftige Proteste in Uruguay aus. Bereits damals wurde Präsident Sanguinetti vorgeworfen, nicht nur die Untersuchungen über zurückliegende Menschenrechtsverletzungen in seinem Land zu verhindern, sondern den Verantwortlichen für „Morde, Folter, Entführung mit anschließendem Verschwindenlassen und heimlicher Überführung von etwa hundert uruguayischen Bürger*innen von Argentinien nach Uruguay“ zu belohnen.

ARGENTINIEN

Ex-Gouverneur wieder oben auf

(Córdoba, 17. Oktober 1998, recosur-Poonal).- Der ehemalige Gouverneur der Provinz Córdoba, Eduardo César Angeloz, sitzt wieder auf seinem Senatsposten. Er hatte zeitweise seine Immunität verloren. Gegen Angeloz waren zahlreiche Vorwürfe der illegalen Bereicherung während seiner Regierungszeit von 1983 bis 1995 erhoben worden (vgl. frühere Poonalausgaben). Vor Gericht erhielt er jedoch für viele überraschend ebenso einen Freispruch wie die 14 Mitangeklagten, darunter seine zwei Söhne und ein Schwiegersohn. Die Urteilsbegründung steht noch aus. Dennoch hat der Freispruch bereits viele Diskussionen ausgelöst. Der Fall hat eine besondere Bedeutung in Argentinien, weil erstmals ein Gouverneur unter dem Verdacht, seine Macht zugunsten des eigenen sowie dem Vermögen von Familienangehörigen und Freunden ausgenutzt zu haben, tatsächlich auf die Anklagebank kam.

Gegenläufige Tendenzen bei Gericht und Senat

(Buenos Aires, 16. Oktober 1998, comcosur-Poonal).- Der Oberste Gerichtshof gab mit einem Urteil der Familie des früheren Guerillaführers Benito Urteaga recht, die eingeklagt hatten, den Ort zu erfahren, an dem sein Leichnam begraben ist. Urteaga fiel 1976 bei einem Gefecht mit den Soldaten der argentinischen Militärdiktatur in der Stadt Villa Martelli. Er gehörte der Führung der Revolutionären Volksarmee (ERP) an. Bei dem erwähnten Gefecht kam auch der Gründer der Guerillabewegung, Roberto Santucho, um. Seine Leiche gilt ebenfalls als verschollen.

Demgegenüber stimmte der argentinische Senat der Beförderung von zwei Militärs zu, die aufgrund ihrer Beteiligung am „schmutzigen“ Krieg gegen die Opposition während der Diktatur äußerst umstritten sind. Die künftigen Oberste Luciano Parszyk und Ricardo Frecha sind von Menschenrechtsorganisationen angeklagt worden. Parszyk soll in der Provinz Cordoba Personen verhaftet haben, die in geheime Gefängnisse gebracht wurden. Frecha wird mit dem Handel des entwendeten Besitzes der Verhafteten in Verbindung gebracht.

BRASILIEN

Nach der Wahl die harte Realität – IWF stellt Bedingungen

(Rio de Janeiro, 20. Oktober 1998, pulsar-Poonal).- Mit seinen bekannten Rezepten hat der Internationale Währungsfonds (IWF) ein Hilfsprogramm für Brasilien vorgestellt, das den Niedergang der Wirtschaft stoppen soll. Vertreter der Finanzorganisation machten allerdings zur Bedingung, daß das Land selbst 20 Milliarden Dollar aufbringt, um im Gegenzug weitere 40 Milliarden vom IWF als Kredit zu erhalten. Weitere Forderungen beziehen sich auf eine Reduzierung der sozialen Ausgaben, höhere Steuern und eine bessere Steuereintreibung. Voraussehbar sind in Brasilien auch höhere Kreditzinsen. Das wird vor allem die Bankkunden treffen, die zu flexiblen Zinsen Geld geliehen haben. Die Wirtschaftskrise soll in ihrer ganzen Schärfe im kommenden Jahr spürbar werden. Pessimistische Schätzungen gehen davon aus, daß dreieinhalb Millionen Arbeitsplätze verloren gehen könnten. Um bei den Staatsausgaben sparen zu können, dürften viele öffentliche Angestellte von der Regierung entlassen werden.

Die Wiederwahl

Von Osvaldo León

(Brasilia/Quito, Oktober 1998, alai-Poonal).- Am vergangenen 4. Oktober gingen die brasilianischen Wähler*innen zu den Urnen, um den zukünftigen Staatschef, alle Bundesabgeordneten und ein Drittel des Senats zu bestimmen. Außerdem standen die 27 Gouverneursämter in den Bundesstaaten und die Sitze der entsprechenden Regionalparlamente zur Disposition. Doch es war das Rennen um die Präsidentschaft, das alle Aufmerksamkeit auf sich zog. Einmal mehr trugen die Medien und die Umfrageunternehmen weitaus mehr als nur ein eine Kleinigkeit dazu bei, den Ausgang der Wahl zu beeinflussen, bei der Amtsinhaber Fernando Henrique Cardoso sich auf den ersten Blick einen beeindruckenden Sieg sicherte.

Charakterisch für diesen Wahlprozeß war die Tatsache, daß die Eliten geschlossen und am Rande der Regeln agierten. Wenn sich Cardoso 1994 den Rückhalt der Machtgruppen sicherte, dann deswegen, weil er sich als Mann des Augenblicks darstellte, der die „Bedrohung“ eines von Lula angeführten Volkstriumphs verhindern konnte. Diesmal war es anders: Seine Kandidatur hatte einen strategischen Sinn bekommen. In vier Jahren Regierung gelang es Cardoso nicht nur, die Ängste zu verscheuchen, die noch in den Gemütern der Eliten angesichts seiner Vergangenheit als brillianter Abhängigkeitstheoretiker herumgeisterten. Er bewies darüberhinaus, einer der besten Verwalter dieser Abhängigkeit zu sein. Zugleich zeigte er eine große Fähigkeit, Abkommen und Bündnisse zu schmieden.

In seinem Bestreben, sich um jeden Preis wiederwählen zu lassen, bestand einer seiner meisterlichen Schachzüge darin, die Änderung des Wahlgesetzes durch das Parlament zu erreichen, das eine direkte Wiederwahl verbot. Die Summe öffentlicher Gelder, die für dieses Ziel benutzt wurden, ist allerdings erschreckend. Es war der Beginn einer Kampagne, in der bis April, Mai dieses Jahres alles auf dem besten Weg für Fernando Henrique Cardoso zu sein schien. Zu diesem Zeitpunkt begann dann die Kandidatur von Lula – der zum dritten Mal für die Präsidentschaft antrat, diesmal für das Bündnis Volksunion – an Gewicht zu gewinnen. Für einige Tage zog Lula in den Umfragungsergebnissen gleich.

Da kein Risiko eingegangen werden durfte, setzte sich eine gewaltige Regierungsmaschinerie in Gang. Sie wurde geölt von den Geldmitteln und anderen Ressourcen, die der Macht zur Verfügung stehen. Die Medien, vor allem das Fernsehen wurden mit der offensichtlichen Zustimmung derer, die unentgeltlich und freiwillig zur Förderung des Kandidaten-Präsidenten beitrugen, ko-optiert. Marketing und Umfragen besorgten den Rest.

Die Wirkung dieser konzertierten Aktion war unbestreitbar. Lula selbst ging auf seiner Abschlußveranstaltung darauf ein: „Die Massenmedien haben der Regierung geholfen, der Bevölkerung die wirkliche Lage des Landes zu verbergen.“ Und: „Die herrschende Elite kann nicht akzeptieren, daß ein Migrant aus dem Nordosten, ein einfacher Schlosser, das Land regiert.“

Die Fehler in den Wahlumfragen waren teilweise von einem derartigen Ausmaß, daß dies eine intensive Debatte über ihre Rolle ausgelöste. Der Vorsitzende der brasilianischen Anwaltsvereinigung, Reginaldo Castro, ließ keinen Zweifel daran, daß es sich in einigen Fällen um bewußte „Manipulation“ gehandelt haben könnte. Seine Organisation wolle sich für eine stärkere Reglementierung der Befragungen einsetzen. Die politische Opposition verständigt sich derzeit darauf, eine parlamentarische Untersuchungskommission zu fordern, die die Meinungsforschungsinstitute unter die Lupe nimmt.

Die größten Unterschiede zwischen tatsächlichem und vorausgesagten Ergebnis gab es vor allem bezüglich der Arbeiterpartei (PT) Lulas. Der nachhaltigste Fall war der der PT-Gouverneurskandidatin Marta Suplicy in Sao Paulo. Die Umfragen setzen sie auf einen aussichtslosen vierten Platz. Tatsächlich verpaßte sie nur um ein halbes Prozent die Stichwahl am 25. Oktober. Lula selbst sollte am Ende nicht mehr die 25-Prozentmarke überschreiten, wäre es nach den Umfrage-Unternehmen gegangen. Immerhin erreichte er fast 35 Prozent der Wählerstimmen.

Unter den gegebenen Umständen erreichten die PT und die Linke allgemein ein annehmbares Ergebnis. Vor allem in den Provinzhauptstädten und in den Industriezentren schnitten sie überdurchschnittlich gut ab. Von einem Persilschein der Bevölkerung für den wiedergewählten Präsidenten Cardoso kann nicht die Rede sein.

BOLIVIEN

Koka-Konflikt auf Kosten der Bäuer*innen beendet

(La Paz, 15. Oktober 1998, alai-Poonal).- Die Bilanz für die Kokabäuer*innen ist ernüchternd. Fast zwei Monate lang kämpften sie mit verschiedenen Mitteln dafür, den „Anti-Drogenplan für die Würde“ der Regierung von Hugo Bánzer zum Scheitern zu bringen (vgl. zurückliegende Poonal-Ausgaben). Doch sie konnten der Regierung keine entscheidenden Zugeständnisse abringen.

Anfang Oktober brachen die Campesinos ihren Hungerstreik ab und kehrten in die Region Cochabama zurück. Zuvor hatten sie mit der Regierung eine 12 Punkte umfassende Absichtserklärung unterzeichnet, die ihnen so gut wie keine konkreten Ergebnisse sichert. Unter anderem wird in dem Dokument erwähnt, daß die alternative Entwicklung und die freiwillige Reduzierung der Koka-Pflanzungen abgesprochen werden sollen. Das Innenministerium verpflichtet sich, die Lage der Verhafteten zu „analysieren“ – die im Zuge der wochenlangen Konflikte festgenommen wurden – um ihre baldige Freilassung zu erreichen.

Am 10. August waren die Kleinproduzent*innen der Kokapflanze aus der Region Cochabamba zu Fuß in Richtung Hauptstadt La Paz aufgebrochen. Zu ihren wichtigsten Zielen gehörten die Entmilitarisierung des Chapare-Gebietes, ein Stop der erzwungenen Vernichtung der Pflanzungen sowie die Suspendierung des sogenannten Würdeplans der Regierung.

Frauen und Männer brauchten 24 Tage, um die 700 Kilometer bis nach La Paz zurückzulegen. Regierungssprecher und die US-Botschafterin Donna Hrinak entblödeten sich nicht, in gemeinsamen Verlautbarungen von einem „Narcomarsch“ zu reden, der über die Drogenhändler finanziert sei. In der Hauptstadt angekommen begann der 20tägige Hungerstreik, der von anderen Protestaktionen wie beispielsweise Straßenblockaden begleitet wurde. Es gab mindestens sechs Verletzte bei Auseinandersetzungen mit den Sicherheitskräften, zehn Personen sind noch inhaftiert.

Es war der vierte Marsch der Kokaleros in den vergangenen Jahren. Der erste fand im August 1994 statt und dauerte einen Monat. Der zweite wurde ein Jahr später von Frauen organisiert. Sie verlangten die Achtung von Leben und Menschenrechten im Chapare. Das Leitmotive des dritten Zug 1996 in die Hauptstadt war das Recht auf Land und Territorium.

Dieses Mal griff die Regierung Bánzer zu der alten Devise „teile und herrsche“, um die Aktion der Koka-Bäuer*innen zu schwächen. Sie zeigte sich einerseits offen, mit der Führung des bolivanischen Gewerkschaftsdachverbandes COB zu diskutieren, der die Kokaleros unterstützt, weigerte sich andererseits, den Anführer der Campesinos und Bundesabgeordneten Evo Morales zu empfangen.

Die Regierung stellt sich gegenüber den Forderungen der Kokaleros stur. Sie läßt keinen Zweifel daran aufkommen, daß sie entschlossen ist ihren Anti-Drogenplan unverändert durchzuziehen. Vorgesehen ist die Vernichtung von insgesamt 38.000 Hektar Anbaufläche für die Kokapflanze in den kommenden fünf Jahren. Der Plan wird hauptsächlich von den USA finanziert. Diese gehen davon aus, daß Bolivien nach Peru und Kolumbien drittgrößter Koka-Produzent in der Welt ist. 95 Prozent der gesamten Ernte im Chapare würden in den Drogenhandel gehen, so die USA.

Die Drogenbekämpfungsstrategie der bolivianischen Regierung hat offiziell zum Ziel, das Land innerhalb von fünf Jahren aus dem Kreislauf Koka-Kokain herauszubringen. Vorbeugeaktionen, Feldervernichtung, alternative Entwicklung und Pflanzverbote sind die Hauptkomponenten. In der Praxis hat sich das jedoch als ein autoritäres Vorgehen herausgestellt. Es ähnelt der Strategie des internen Krieges, in dem die Kleinproduzent*innen der Koka-Pflanze als Feinde betrachtet werden, die ausgeschaltet werden müssen.

Umsetzbare sichere Alternativen für den Lebensunter der Campesinos bietet die Regierung aber nicht. Stattdessen wird die Region um Cochabamba mit der Zone des Chapare immer mehr militarisiert. Die Pflanzungen werden nicht freiwillig, sondern gegen den Widerstand der Campesinos gewaltsam vernichtet. Allein in diesem Jahr forderten die Aktionen 13 Tote und Dutzende von Verwundeten. Mehr als 400 Personen sind verhaftet worden.

Die Kokaleros haben kein Vertrauen in die staatlichen Programme für eine alternative Entwicklung. Versuche, die Kokapflanze durch anderen Anbau wie Ananas, Zwergpalme, Maracuja, Ingwer und Reis zu ersetzen, sind im vergangenen Jahrzehnt stets gescheitert. Die dafür zur Verfügung gestellten Mittel, verschwanden im allgemeinen in den Händen der Verwaltung statt die Produktionsgrundlage zu verändern. Zudem haben die Bäuer*innen Schwierigkeiten, ihre landwirtschaftlichen Erzeugnisse zu vermarkten. Fehlende Straßen und niedrige Preise sind zwei wichtige Gründe dafür. So bleibt die die Kokapflanze das attraktivste Anbauprodukt.

Das Problem ist aber noch tiefgründiger. Denn letztlich ist die Situation der Kokaleros Folge der strukturellen Defizite in der bolivianischen Landwirtschaft. Fehlende Einkommensquellen zwingen viele Bäuer*innen nach Cochabamba und in den Chapare zu migrieren. Der Anti-Drogenplan von Bánzer gesteht diese Realität zwar ein, hat aber keine Antworten auf diese strukturellen Mißstände. Stattdessen sind Verbote und Repressionsmaßnahmen verschärft worden, um die ökonomische Hilfe der USA zu bekommen.

HONDURAS

Muskelspiel – Multifunktionales Militär

Von Juan José Dalton

(Tegucigalpa/San Salvador, 19. Oktober 1998, Poonal).- Am Mittwoch der zurückliegenden Woche glaubten viele Honduraner*innen, es habe einen dieser traditionellen Staatsstreiche gegeben. Soldaten in Tarnanzügen patroullierten die Straßen in den wichtigsten Städten des Landes. Sie hielten Fahrzeuge an und hatten Posten an strategischen Punkten in Tegucigalpa, San Pedro Sula, Comayaguela, Olancho und anderen Orten aufgestellt.

Mehr als 5.000 Soldaten, davon ein Fünftel in den Städten und der Rest auf dem Land, werden für unbegrenzte Zeit in Honduras für Polizeiaufgaben eingesetzt. Die Gesamtstärke des honduranischen Heeres beträgt 13.000 Mann. Die Militärs sollen abschreckend auf potentielle Delinquenten wirken. In den vergangenen Tagen hat die hohe Kriminalitätsrate für Aufsehen in dem kleinen mittelamerikanischen Land gesorgt. In der Hauptstadt explodierte eine Autobombe, die Nichte von Präsident Carlos Flores wurde entführt sowie ein Bauunternehmer nach seiner Entführung ermordet. Zudem liefern sich die honduranischen Mafiabanden untereinander einen Krieg. Dennoch sind einheimische und mittelamerikanische Organisationen nicht vom Einsatz der Armee überzeugt.

„Es überrascht uns, daß die Streitkräfte autorisiert wurden, an zivilen Aktionen zur Bekämpfung der Kriminalität teilzunehmen. Das scheint eher eine Form zu sein, einer Einrichtung Beschäftigung zu geben, die wegen ihres politischen und sozialen Verhaltens kritisiert wird. Nicht nur aufgrund des fehlenden Respektes gegenüber den Menschenrechten, sondern aufgrund ihres straffreien Handelns in einem straffreien Raum“, kommentiert Elena Martell vom Zentralamerikanischen Zusammenschluß der Entwicklungsorganisationen die Militärpräsenz.

Und der Guatemalteke Factor Méndez, Koordinator der Zentralamerikanischen Menschenrechtskommission (CODEHUCA) meint zum Einsatz der Soldaten: „Unserer Auffassung nach ist es eine schlechte Entscheidung, die nicht zur Stärkung der entstehenden Demokratien in der Region beiträgt.“ Méndez weist auf ähnliche Maßnahmen in El Salvador und Guatemala hin. Weit davon entfernt, die Probleme mit der Kriminalität zu lösen, sei diese dort noch angestiegen.

Die von Präsident Flores abgesegnete Aktion könnte das Ergebnis von Verhandlungen zwischen Regierung und Streitkräften sein. In den vergangenen Wochen hatte es angespannte Momente zwischen beiden gegeben. Nach Verfassungsänderungen, die ab Februar 1999 Gültigkeit erlangen, wird das Militär seine Autonomie verlieren und völlig der zivilen Macht unterstellt. Damit besteht für die Streitkräfte aus ihrer Sicht die Gefahr, den entscheidenden Einfluß auf die Gesellschaft aufgeben zu müssen, den sie ein halbes Jahrhundert lang ausübten. Es könnten auch die die bisher herrschenden schönen Zeiten für die Mitglieder der Streitkräfte vorbei sein, in denen die gedeckt werden, die früher am „schmutzigen Krieg“ gegen die Opposition beteiligt waren und die heute verdächtigt werden, am Drogenhandel und organisierten Verbrechen direkt beteiligt zu sein.

Der Politologe Hato Hasbún aus dem Vorstand der Stiftung für wirtschaftliche und soziale Entwicklung Zentralamerikas (FUNDESCA) bezeichnet in diesem Zusammenhang das Verhalten der honduranischen Regierung als „absurd“. Der Schwerpunkt der Verbrechensbekämpfung müsse in den Ländern der Region, „wo die Armut mehr als 60 Prozent der Bevölkerung betrifft“ darauf liegen, ein „Gleichgewicht zwischen sozialen und ökonomischen Programmen zu schaffen“. Den Versuch einer militaristischen Heransgehensweise an das Problem hält Hasbún für völlig verfehlt. Es sei in den vergangenen Jahrzehnten mehr als ausreichend bewiesen worden, daß der Militarismus „nur Kriege, Konflikte, Chaos und Straffreiheit“ hervorgerufen habe.

KOLUMNE – Von Juan José Dalton*

Neue Zeiten für die FMLN

Zum Ende des 20. Jahrhunderts macht die salvadoreanische Linke eine schwere Krise durch, die einige als post-kommunistisch und andere als fehlende Identität oder Richtung bezeichnen. Meiner Meinung nach haben beide Konzepte ihre Berechtigung. Im wesentlichen kommt die Krise in der Entwicklung zum Ausdruck, die sich jüngst bei der Nominierung des Kandidatengespanns für die Präsidentschaftswahlen im März 1999 zeigte.

Die ehemalige Guerilla Frente Farabundo Martí para la Liberación Nacional (FMLN) hat als politisches und gesellschaftliches Phänomen ihre Ursprünge in drei Strömungen, die von jeweils sehr unterschiedlichen und stark abgegrenzten Denkweisen geprägt sind: die Kommunistische Partei, die universitäre Studentenbewegung und die radikalisierte Basis der katholischen Kirche.

Aus deren Verquickung in verschiedenen revolutionären Zirkeln – die später zu politisch-militärischen Organisationen wurden – erwuchs die organisierteste, politisch am besten artikulierte, national und international bedeutendste und am besten bewaffneste Aufstandsbewegung, die es in Lateinamerika in diesem Jahrhundert gab.

Nur das erklärt die während zwölf Kriegsjahren beibehaltene Kraft, die Fähigkeit zum bewaffneten Kampf und die Effizienz auf der politisch-diplomatischen Ebene. Dies mündete in die in Mexiko-Stadt unterzeichneten Friedensverträge von Chapultepec im Januar 1992.

Aber der salvadoreanische Friede brachte große Veränderungen für die FMLN mit sich. Eine Bewegung, die während des Krieges eine geheime militärische Struktur hatte, mußte sich in eine legale und zivile Einrichtung wandeln. Außerdem bestand die Notwendigkeit, sich anderen Gesellschaftsgruppen zu öffnen. Die Führung oder die Führungsspitzen hatten nicht mehr die alles überragende Bedeutung, wenn es um Entscheidungen ging. Gleichzeitig wurde das Prinzip von Oben nach Unten durchbrochen. Dabei handelte es sich allerdings um einen recht holprigen Weg.

Was brach tatsächlich? Zweifellos das leninistische Konzept des demokratischen Zentralismus, das die Partei als proletarische Avantgarde des gesamten Volkes begreift. Das war das ABC des wissenschaftlichen Kommunismus.

Im Zuge der Institutionalisierung der FMLN begingen ihre Mitglieder mehrere Fehler: Per „Dekret“ fusionierten sie die fünf Einzelorganisationen ohne jemals die Ideologie zu definieren. Mit der Zeit mußte die Existenz von Richtungen oder Strömungen akzeptiert werden. Aber bis heute verkörpert keine Strömung eine festgelegte Ideologie, die mit ihrer Praxis übereinstimmt. Und die, die mit der FMLN brachen wie die Gruppe von Ex-Guerillakommandant Villalobos und die Demokratische Partei (PD) gründeten, verbündeten sich mit der neoliberalen Rechten, obwohl sie sich den Worten nach der sozialdemokratischen Ideologie verpflichtet fühlten.

Die demokratisch-revolutionäre, die demokratische, die revolutionäre und die erneuernde Strömung der FMLN, sie alle haben ideologische gesprochen diffuse Vorstellungen. Alle bezeichnen sich als demokratisch, revolutionär, sozialistisch und pluralistisch. Was sind also die Unterschiede? Sie sind nicht klar und das gibt der These Nachdruck, beim jüngsten Konflikt zwischen den Strömungen ging es um nichts anderes als die Versuche, die Kontrolle über den institutionellen Apparat der Partei zu übernehmen, über den Machtquoten im Staat erlangt werden können.

Wenn diese Selbstzerfleischung weitergeht, zerstört die FMLN sich aus eigener Kraft. Der salvadoreanischen Christdemokratie ist es so ergangen. Doch der Weg könnte ein anderer sein. Das Überleben der FMLN in der aktuellen Realität erfordert eine wirkliche Erneuerung in ihrem Denken und Verhalten. Die „Verschwörungen“ zwischen Einzelpersonen und Gruppen müssen dem aufrichtigen Verstehen Platz machen. Die Ideologie, die die strategische Richtung der wichtigsten Gruppierung der Linken markiert, muß neu definiert werden. Es muß eine Debatte mit Niveau geben, die mit den Schemata und Traditionen bricht und auf den Stand der Dinge in der Welt eingeht.

Wenn alle den Markt akzeptieren, wenn das Konzept der Freiheit wichtig ist, wenn der soziale Charakter des (Zukunfts-)Projektes ernstgenommen wird, kann nicht weiterhin für alles der Marxismus-Leninismus angeführt werden. Es wäre eine dumme und antihistorische Sturheit, ihn aufs äußerste in El Salvador verteidigen zu wollen. Die salvadoreanische Linke ist visionär gewesen. Sie hat zu große Opfer gebracht, nicht nur an Leben, sondern Intellekt, Arbeit und Willen, um jetzt nicht die Augen gegenüber den neuen Zeiten und dem neuen Denken zu öffnen.

In Europa stehen die großen sozialdemokratischen oder sozialistischen Führer wie Blair, Jospin, Guterres und Schröder für einen „Dritten Weg“, den sie als Alternative zu neoliberalen Politik definieren. Das beinhaltet ihnen nach eine weniger ideologisierte Sprache, die Kombination des ökonomischen Realismus mit der Notwendigkeit, den verlorenen sozialen Zusammenhalt nach Jahren der Vorherrschaft der „konservativen Revolution“ wiederzugewinnen; den Schutz der Umwelt ihm Rahmen einer Politik der nachhaltigen Entwicklung anstelle des reinen nicht-harmonischen Wachstums; Vollbeschäftigung als „machbare Utopie“ und Zurückgewinn des sozialen Ansehens der Politik als Grundlage für eine qualitative Demokratie.

Worin unterscheidet sich grundsätzlich der Kampf der salvadoreanischen Linken gegenüber diesen Forderungen? In Nichts, es gäbe Nuancen und Prioritäten, die mit Maßnahmen gegen die extreme Armut verbunden sind, zugunsten von Bildung, Gesundheit und Sicherheit.

Wenn auch die vorrangige Herausforderung der FMLN darauf konzentriert sein wird, die kommenden Wahlen zu gewinnen, ist es wichtig, daß Basis und Führung auf die koherente Bildung eines strategischen Programmes für die Mehrheit im Parlament und auf kommunaler Ebene achten, das denjenigen nützt, die sie repräsentieren wollen. Sonst käme ein Scheitern zu teuer zu stehen.

(*Juan José Dalton ist Sohn des großen salvadoreanischen Dichters Roque Dalton, der von den eigenen Guerillagefährten fälschlicherweise als CIA-Spion und Verräter bezeichnet und deswegen hingerichtet wurde. Er steht innerhalb der FMLN auf der Seite der „moderaten“ Strömung. Er arbeitet als Journalist und als Pressebeauftragter des Bürgermeisters von San Salvador. Die Poonal-Redaktion möchte an dieser Stelle darauf hinweisen, daß dieser und andere Beiträge, die zukünftig als „Kolumne“ gezeichnet werden, nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wiedergeben.)

GUATEMALA

Verfassungsänderungen

(Guatemala-Stadt, 15. Oktober 1998, cerigua-Poonal).- Nach monatelangen Verhandlungen im Parlament ist mit der Verabschiedung von insgesamt 50 Verfassungsänderungen begonnen worden. Bis zum 15. Oktober stimmten die Abgeordneten bereits 18 Neuordnungen der Carta Magna zu. Widerstand gab es nur von der rechten FRG. Zu den durchgegangenen Änderungen gehören vier, die ein direktes Ergebnis der Friedensabkommen von 1996 sind. Guatemala wird jetzt in der Verfassung als „plurikulturelle Nation mit verschiedenen Sprachen und Ethnien definiert. Indianische Spiritualität, Gebräuche und Kleidung werden genauso anerkannt wie die 23 Indígena-Sprachen, die im Land außer Spanisch gesprochen werden.

Weitere Reformen, die in den Friedensabkommen festgeschrieben wurden und nun in die Verfassung einfließen, sind der Respekt vor der Indígena-Rechtsprechung sowie die Verpflichtung des Staates, die Indígenas zu allen sie betreffenden Entscheidungen zu konsultieren. Wichtige Änderungen gibt es auch in Bezug auf das Militär: Der Zivildienst wird zukünftig als Alternative zur Wehrpflicht angeboten. Die Präsidentengarde muß durch eine zivilie Einrichtung ersetzt werden.

Die übrigen Verfassungsänderungen betreffen unter anderem die Verpflichtung des Staates, eine umfassende kostenlose Gesundheitsversorgung zur Verfügung zu stellen und den Staatsangestellten bei Entlassungen ein zeitlich unbefristetes Recht einzuräumen, Entschädigungszahlungen einzufordern. Dem Parlament wird nach der neuen Verfassung die Möglichkeit gegeben, Minister vor das Abgeordnetenhaus zu zitieren.

Mehr Militärs in Gerardi-Fall verwickelt

(Guatemala-Stadt, 14. Oktober 1998, cerigua-Poonal).- Im Zusammenhang mit dem inzwischen sechs Monate zurückliegenden Mord an Bischof Gerardi wird auch gegen den Oberst Juan Gullermo Oliva Carrera ermittelt. Er war bisher nicht erwähnt worden. Sein Name und seine Telefonnummer tauchten im Adressbuch der im Pfarrhaus von Gerardi beschäftigten Köchin auf. Gegen die Köchin besteht der Verdacht auf eine Mittäterinnenschaft.

Oliva Carrera arbeitete jahrelang in der berüchtigten Präsidentengarde (EMP). Gegen ihn und zwei andere Militärs läuft eine Anklage wegen des 1990 begangenen Mordes an der Anthropologin Myrna Mack. Carrera soll zu den Auftraggebern gehört haben. Obwohl das Verfahren seit sechs Jahren läuft, gibt es noch kein abschließendes Gerichtsurteil in dem Fall.

Nur wenige Tage, bevor die neuen Vorwürfe gegen den Oberst öffentlich wurden, verfügte die Armeespitze seine Entlassung. In Militärkreisen wird von einem routinemäßigen Vorgehen gesprochen, das Mitglieder ohne feste Aufgaben betreffe. An dieser Version gibt es aber erhebliche Zweifel. Die drei weiteren mit Oliva entlassenen Offiziere müssen sich aufgrund ihrer Verbindungen zu einem großen Schmuggelring gerichtlichen Untersuchungen stellen.

Inzwischen habe vier weitere Militärs zu dem Mord an Bischof Gerardi ausgesagt. Dies erfolgte zum Teil auf Veranlassung des erzbischöflichen Menschenrechtsbüros der Justizbehörden. Das Büro ist überzeugt davon, daß die Verantwortlichen für das Verbrechen aus Militärkreisen kommen. Major Francisco Escobar gab gegenüber dem Sonderstaatsanwalt zu, von einem Vorgesetzten kurz nach der Entdeckung des Mordes zum Tatort geschickt worden zu sein. Ein anderer Militär habe ihn informiert, daß jemand in der Nähe des Nationalpalastes ermordet worden sei. Überzeugende Hinweise auf den oder die Täter fehlen allerdings nach wie vor.

Budget der Wahrheitskommission gesichert

(Guatemala-Stadt, 10. Oktober 1998, cerigua-Poonal).- Eine Spende der Europäischen Union in Höhe von 100.000 US-Dollar schloß die letzte Lücke im Haushalt der Wahrheitskommission, die die Verbrechen des internen Krieges untersucht. Das Geld wurde dem Kommissionsvorsitzenden Christian Tomuschat symbolisch übergeben. Die Mitarbeiter*innen haben nun ausreichend Mittel, bis Anfang kommenden Jahres die gesammelten Zeugnisse auszuwerten und den Abschlußbericht zu verfassen. Der ursprüngliche Zeitplan, nach dem die Arbeit im August 1998 hätte abgeschlossen sein müssen, konnte aufgrund der Fülle des Materials nicht eingehalten werden. Die Wahrheitskommission erhielt seit August 1997 insgesamt 9,4 Millionen US-Dollar. Gut 800.000 Dollar kamen von der guatemaltekischen Regierung, der Rest aus privaten Institutionen und von ausländischen Regierungen. So stellten die USA, Norwegen und Holland jeweils über 1 Million Dollar zur Verfügung.

Indígenas die Ärmsten der Armen

(Guatemala-Stadt, 13. Oktober, cerigua-Poonal).- Neun von zehn guatemaltekischen Indígenas sind arm. Fast alle davon leben sogar in extremer Armut und können ihren Grundbedarf an Lebensmitteln nicht ausreichend decken. Einen entsprechenden Bericht über diese dramatische Situation arbeitete die landesweite Maya-Organisation MENMAGUA mit fachlicher und finanzieller Hilfe des UNO-Entwicklungsprogrammes und der Internationalen Arbeitsorganisation aus.

In allen Bereichen geht es indigenen Bevölkerung im Durchschnitt wesentlich schlechter als der nicht-indigenen Bevölkerung. Am krassesten äußert sich dies bei der Lebenserwartung. Das von MENMAGUA kalkulierte Durchschnittsalter der verschiedenen Maya-Gruppen liegt bei nur 44 Jahren. Demgegenüber liegt der landesweite Durchschnitt sonst bei 67 Jahren. Diese Ziffer hinterläßt dann noch gravierenderen Eindruck, wenn in Betracht gezogen wird, daß die Mayas über 60 Prozent der Gesamtbevölkerung stellen.

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