Deutschland

Angehörige von Verschwundenen weihen Gedenkstein ein


Protestaktion anlässlich der Einweihung des Gedenksteins. Foto: Fdcl(Parral-Chile, 16. März 2014, fdcl).- Etwa 100 Angehörige von während der Pinochet-Diktatur Verschwundenen sind gestern erneut zur Deutschensiedlung Colonia Dignidad gezogen, um Straflosigkeit zu beklagen. Drei Wochen nach der Entdeckung von Leichenteilen auf dem Gelände einer Dependance der Colonia Dignidad weihten sie an einer kürzlich fertiggestellten Brücke über den Perquilauquén Fluß einen Gedenkstein ein. Er trägt die Inschrift:

„Wenn Du in diesen Fluß schaust, siehst Du die Schatten unserer Freunde und Angehörigen durch die Erinnerung unseres Volkes segeln – In Gedenken an die Märtyrer der Repression der Colonia Dignidad deren Körper in den Perquilauquén geworfen wurden (1973-1990) Organisation der Angehörigen der Verschwundenen Talca – Linares – Parral“

Obwohl Angehörige und Menschenrechtsorganisationen seit Jahren Deutschland und Chile zur Unterstützung von Gedenkmaßnahmen für die Colonia Dignidad-Verbrechen auffordern sind staatliche Aufarbeitungsschritte bislang gänzlich unterblieben. Mit der Einweihung des in Eigenregie errichteten Gedenksteins wurde nun ohne staatliche Hilfe ein erster Schritt im Hinblick auf die Errichtung einer Gedenkstätte an der Siedlung gemacht.

„Schluss mit den Staatsgeheimnissen“

Margarita Romero, Mitglied der Mesa de Trabajo Colonia Dignidad (Arbeitstisch Colonia Dignidad) forderte bei der Einweihung des Gedenksteins die in der Woche zuvor angetretene chilenische Regierung von Michelle Bachelet sowie die deutsche Bundesregierung auf, sich stärker für die Aufklärung der Verbrechen der Deutschensiedlung zu engagieren und Aufarbeitungsmaßnahmen zu unterstützen. Es müsse endlich „Schluss sein mit den Staatsgeheimnissen. Alle noch unter Verschluss gehaltenen Geheimdokumente zur Colonia Dignidad müssen endlich geöffnet werden – auch das 2005 gefundene Geheimarchiv“, so Romero. Beide Staaten müssten die Justiz bei der Aufklärung der Verbrechen unterstützen.

An die Bewohner*innen der Colonia Dignidad gerichtet sagte Romero: „Wir wissen, dass nicht alle Bewohner der Colonia von diesen Verbrechen wussten, einige von ihnen wurden auch Opfer der internen Repression der Siedlung, mussten Zwangsarbeit leisten und wurden gefoltert. Wir wissen aber auch, dass heute hier noch Menschen wohnen, die sehr wohl von den hier begangenen Menschenrechtsverbrechen wissen. Wir forden sie auf, dazu beizutragen, die Morde an den hier Verschwundenen Personen aufzuklären.“

Colonia Dignidad macht weiter – als „Bayrisches Dorf“

Gerichtliche Aussagen von Mitgliedern der Colonia Dignidad haben bereits vor vielen Jahren Erschießungen von dutzenden Personen auf dem Koloniegelände bestätigt. Diese Massenexekutionen fanden in den Jahren nach dem Militärputsch von 1973 statt. Einige Jahre später seien die Leichen mithilfe von Chemikalien verbrannt und die Asche in den Perquilauquén-Fluß geschüttet worden.

Trotz dieser Aussagen gibt es wegen dieser Verbrechen bislang keine rechtskräftigen Verurteilungen von Colonia-Dignidad-Mitgliedern. Die Colonia Dignidad, in der heute noch etwa 150 deutsche Siedler*innen wohnen, setzt heute auf Gastronomie und touristische Angebote, die verbrecherische Vergangenheit als Folter- und Mordstätte wird verschwiegen.

Leichenteile gefunden

Die Ende Februar auf dem Steinbruch der Colonia Dignidad bei Bulnes gefundenen Leichenteile wurden vom Servicio Médico Legal (Gerichtsmedizinischer Dienst – SML) am vergangenen Montag per Diplomatenpost in die USA geschickt. Laut Pressemitteilung des SML soll ein dortiges Labor mithilfe der sogenannten „14 C-Datierung oder Radiokarbonmethode“ das Todesdatum der Personen feststellen. Genauere Angaben über die Anzahl der Leichen wurden nicht gemacht. Presseversionen sprechen von Überresten von vier bis sechs Personen, darunter mindestens ein Neugeborenes und ein heranwachsendes Kind. Ein Erwachsenenschädel soll ein Einschussloch aufweisen. Erst in 2-3 Monaten soll feststehen, ob es sich anhand des Todesdatums um Verschwundene aus der Zeit der Pinochetdiktatur (1973-1990) handeln könnte.

CC BY-SA 4.0 Angehörige von Verschwundenen weihen Gedenkstein ein von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.


Das könnte dich auch interessieren

Colonia Dignidad: Bewegung in Chile und Deutschland Colonia Dignidad: Bundestag fordert Aufklärungs- und Hilfskonzept für die Opfer. Landgericht Krefeld beschließt Haft für Sektenarzt Hartmut Hopp in Deutschland. Endlich kommt Bewegung in die Aufarbeitung der Geschichte der Colonia Dignidad – übersetzt: „Kolonie der Würde“. 1961 hatte der deutsche Laienprediger Paul Schäfer die Sektensiedlung im Süden Chiles gegründet. Sexueller Missbrauch, sklavenartige Arbeitsverhältnisse, Misshandlungen gehörten zum Alltag der etwa 3...
Colonia Dignidad: Endlich Aufarbeitung? Von David Rojas-Kienzle, Lateinamerika Nachrichten Eines der Massengräber der Colonia Dignidad, in dem Überreste von gewaltsam Verschwundenen der Militärdiktatur in Chile gefunden wurden. Foto: Zazil-Ha Troncoso 2 (CC by-sa 4.0) (Berlin, 24. September 2017, amerika21).- In der von deutschen Aussiedlern gegründeten Sektensiedlung Colonia Dignidad in Südchile herrschte ein jahrzehntelanges Schreckensregime mit Zwangsarbeit, der Verabreichung von Psy...
Straflosigkeit in Uruguay: Alles damit niemand redet Proteste gegen die Straflosigkeit in Uruguay. Foto: Antje Vieth (Berlin, 14. September 2017, npl).- Als in Uruguay 2004 das linke Bündnis Frente Amplio zum ersten Mal in die Regierung gewählt wurde, verbanden viele Menschen damit die Hoffnung, dass nun endlich die Verbrechen aus der Diktatur von 1973 bis 1985 aufgeklärt würden und Schluss sein würde mit der Straflosigkeit für die verantwortlichen Militärs. Sie sollten sich täuschen. Bis heute ist das Amnestiegesetz in Kra...
Argentinischer Aktivist bleibt verschwunden Von Jessica Zeller und Darius Ossami Wo ist Santiago Maldonado? Am 1. September, einen Monat nach Verschwinden des Aktivisten, protestieren Argentinier*innen auf der ganzen Welt. Hier auf dem Berliner Wittenbergplatz in Berlin, unweit der argentinischen Botschaft. Foto: Jessica Zeller (Berlin, 7. September 2017, npl).- In Argentinien herrscht weiterhin Unklarheit über den Verbleib von Santiago Maldonado. Am 1. August war der linke Aktivist bei Protesten der indigenen M...
onda-info 416 Während wir uns mit der Frage beschäftigen, ob der Herbst nun golden oder nasskalt wird, haben andere Menschen richtige Probleme: In Mexiko bebte die Erde, fast hundert Menschen sind dabei um Leben gekommen. In Argentinien hält die Ungewissheit über den Verbleib des Aktivisten Santiago Maldonado an. Am 1. August wurde er bei Protesten der indigenen Mapuche im Süden des Landes von der Gendamerie verhaftet und in einen Mannschaftswagen verfrachtet. Seitdem fehlt von dem jungen ...

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.