Minenunglück: Nach einem halben Jahr kämpfen Betroffene weiter um Entschädigung

Von Andreas Behn

Der Rest eines Hauses in Paracatú / Foto: Andreas Behn, CC BY-NC-ND.20
Der Rest eines Hauses in Paracatú / Foto: Andreas Behn, CC BY-NC-ND.20

(Rio de Janeiro, 01. Juni 2016, npl).- Vor einem halben Jahr begrub eine gewaltige Schlammlawine in Brasilien mehrere Dörfer unter sich. Das Klärbecken einer Eisenmine im Bundesstaat Minas Gerais war gebrochen. 19 Menschen kamen bei dem Unglück ums Leben. Für die Betroffenen und die Umwelt ist es eine endlose Katastrophe. Bis heute ist der Fluss Rio Doce auf Hunderten Kilometern verseucht. Diejenigen, die ihre Dörfer verlassen mussten, hoffen auf angemessene Entschädigung. Und darauf, dass sie irgendwann wieder ein normales Leben führen können.

„Das ist alles, was von meinem Haus übrig geblieben ist“

Simaria Caetana Quintão steht am Rand eines staubigen Berghangs. Über einen Fluss hinweg blickt sie auf eine lehmige, rotbraune Schlammlandschaft. Darunter liegt ihr Dorf Bento Rodriguez begraben. „Schau, dort neben dem weißen Zelt, der orangene Mauerrest. Das ist alles, was von meinem Haus übrig geblieben ist. Auf dem Hof standen zwei Mangobäume“, erinnert sich Simaria. „Und direkt daneben die Kirche, das war meine Nachbarin. Wir erkennen den Platz nur, weil die beiden Mangobäume noch stehen.“

Jedes Wochenende kommt Simaria mit ihrer Familie und Freund*innen hierher. Sie stehen in der prallen Sonne und erzählen sich Anekdoten aus ihrem früheren Leben. Dabei ist das verboten. Die Gegend wurde zum Sperrgebiet erklärt. „Ist das nicht absurd? Noch gehört uns dieses Haus dort drüben. Ich müsste doch das Recht haben, dort hinzugehen, wann es mir passt. Und sei es nur aus Sehnsucht. Es ist mein Haus, ich kam dort zur Welt, bin dort aufgewachsen, habe immer dort gewohnt.“

Simaria trägt das Haar streng zurückgekämmt. Sie wirkt nicht verbittert, eher aufmüpfig. Auf ihrer Stirn sind Schweißperlen zu sehen. Abgesehen vom Baggerlärm ist es still, fast wie auf einem Friedhof, da weit und breit niemand mehr hier wohnt.

Verseuchte Landschaften und aus ihrem Leben gerissene Bewohner*innen

Der Minenbetreiber Samarco hat sich gleich nach dem Unglück um die Betroffenen aus dem Dorf gekümmert. Rund 700 Obdachlose wurden in die nächstgelegene Kleinstadt Mariana gebracht und in Mietwohnungen untergebracht. Das Unternehmen zahlt allen eine monatliche Finanzhilfe, da der Lebensunterhalt in der Stadt teuer ist. Simaria ist dankbar, aber es reicht ihr nicht: „Ich will meine Identität zurück haben. Wir haben viel Kleidung gespendet bekommen. Aber manchmal möchte ich in ein Geschäft gehen und mir ein Kleid kaufen, das mir gefällt. So war es früher.“

Verwüstete Landschaft rings um Paracatú / Foto: Andreas Behn, CC BY-NC-ND.20
Verwüstete Landschaft rings um Paracatú / Foto: Andreas Behn, CC BY-NC-ND.20

Dem menschlichen Drama folgte eine ökologische Katastrophe. Millionen Kubikmeter giftigen Schlamms flossen in den Rio Doce und landeten schließlich im 300 Kilometer entfernten Atlantik. Der Fischfang, die wichtigste Einnahmequelle vieler Anrainer*innen, ist in zahlreichen Flussabschnitten verboten. Schwermetalle in hoher Konzentration belasten das lehmige Wasser: Blei, Kupfer, Kadmium. Einer Studie des Umweltinstituts Chico Mendes zufolge sind viele Fische verseucht, einige enthalten 140 Mal mehr Arsen im Blut als erlaubt. Simaria kennt die verzweifelte Lage flussabwärts: „Dort leben die Menschen eine richtige Notsituation. Die Leute haben ihren Lebensunterhalt verloren. Auch die Hotels sind leer. Niemand fährt mehr dorthin, was soll man da auch machen? Auf einen Schlammfluss schauen?“

MAB: Samarco beging Menschenrechtsverletzung

Die Bewegung der von Stauwerken Betroffenen, MAB, unterstützt die Familien im Kampf um ihre Rechte. Für ihren Sprecher Thiago Alves handelt es sich nicht um einen Unfall, sondern um eine Menschenrechtsverletzung: „Unserer Meinung nach war es ein Verbrechen. Samarco ist bewusst das Risiko eingegangen, dass der Damm bricht.“ Das Unternehmen habe die Produktion von Eisenerz stark erhöht und damit auch die Menge des Klärschlamms im Staubecken. „Es war ein verantwortungsloses Vorgehen, das in ein Verbrechen mündete und 19 Menschen tötete“, klagt Thiago an.

Simaria und ihre Freund*innen fahren weiter Richtung Paracatú. Das Dorf wurde rund eine Stunde nach Bento Rodriguez von der Schlammlawine überrollt. An beiden Uferseiten des Flusses ist an den rostfarbenen Markierungen der Bäume zu erkennen, dass der Schlamm hier meterhoch entlang walzte.

Jetzt sieht das Tal wie eine breite Lehmrutsche aus. Überall liegt noch Geröll herum. Airton Sales stammt aus Paracatú. Seine Eltern haben alles verloren und leben wie Simaria jetzt auch in der Kleinstadt Mariana. Der 33-Jährige schaut auf das lehmige Wasser. Er kann sich nicht vorstellen, hier irgendwann wieder zu schwimmen.

Aufräumarbeiten sollen 15 Jahre dauern

Paracatú / Foto: Andreas Behn, CC BY-NC-ND.20
Paracatú / Foto: Andreas Behn, CC BY-NC-ND.20

„Ich weiß nur, dass Samarco mit den Aufräumarbeiten am Fluss bereits begonnen hat. Das soll rund 15 Jahre dauern, “ sagt Airton bedächtig. Die Säuberung betreffe das gesamte Flusstal. Wo eine Säuberung nicht mehr möglich sei, müsse Samarco zur Kompensation Land von der Regierung kaufen. Airton ist skeptisch: „Sofern die Firma Wort hält. Samarco hat zugesagt, auf 40.000 Hektar Land die Natur wieder herzustellen.“

Umgerechnet fünf Milliarden Euro wird Samarco in einen Fonds zahlen, um die Schäden zu beheben. Der Dammbruch gilt als größte Umweltkatastrophe Brasiliens. Das meiste Geld wird die Behebung der ökologischen Schäden verschlingen. Für Airton kann es keine Wiedergutmachung geben: „Das, was wir hier verloren haben, hat keinen Preis. Egal, wie viel Entschädigung du bekommst, es wird nie mehr so sein wie früher. Es ist nie genug, um den Fehler wieder gut zu machen, den sie begangen haben.“

Dieser Beitrag ist Teil unseres diesjährigen Themenschwerpunkts „Fokus Menschenrechte“. Einen Radiobeitrag zu diesem Artikel findet ihr hier.

 

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