Machtfaktor Agrarindustrie

Foto: Joe Brusky
CC BY-NC 2.0

(Caracas, 4. Februar 2022, desinformémonos).- Die Prognose aus dem Jahr 2020, durch Covid-19 bedingte Ausfälle in der Agrar- und Ernährungsindustrie könnten die Lebensmittelversorgung auf globalem Niveau gefährden, hat sich als falsch erwiesen. Zwar ist die Zahl der Hunger leidenden Menschen weltweit gestiegen, jedoch nicht in dem Ausmaß wie zuvor angenommen. Die globale Agrarindustrie ist nicht kollabiert und hat sich bereits in 2021 schneller erholt als andere Wirtschaftssektoren. Auf regionalem oder nationalem Niveau und auch in einigen Teilsektoren gab es zwar negative Entwicklungen, die Gesamtproduktion erzielte jedoch weiterhin Rekordwerte.  Treibende Kraft waren dabei auch die hohen Preise für Nahrungsmittel. Diese Entwicklung ist das Ergebnis eines industriellen Systems, das auf extensiver Landwirtschaft, Landnahme, der Kontrolle über Wasservorräte und Biodiversität sowie dem Einsatz fossiler Energie beruht – vor allem in Lateinamerika. Denn die Region ist weltweit größter Produzent und Exporteur von Nahrungsmitteln, allen voran Brasilien und Argentinien. Auf der Liste der Länder, die am meisten Fläche für den Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen nutzen, stehen diese beiden weit oben auf Platz zwei und drei, lediglich übertroffen von den USA.

Das größte Wachstum von Agrarflächen bis 2050

Noch sind in Lateinamerika Wasser, Land und natürliche Energieressourcen in großen Mengen verfügbar. Laut einer Prognose des ernährungspolitischen Blogs Alimentos y Poder („Ernährung und Macht“) wird daher die landwirtschaftlich genutzte Fläche in der Region (und in Subsahara-Afrika) bis zum Jahr 2050 so stark wachsen wie sonst nirgendwo auf der Welt. Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (Food and Agriculture Organization of the United Nations, FAO) sieht jedoch in einem Bericht von 2021 bereits Hinweise für eine „beschleunigte Erschöpfung der Land- und Wasserressourcen und damit einhergehend einen Verlust an Biodiversität.“ Verschiedene Faktoren übten einen nie dagewesenen Druck auf die natürlichen Vorkommen aus, heißt es in dem Bericht. Etwa der weltweite Konkurrenzkampf um die Ressourcen, ihre exzessive und missbräuchliche Nutzung, die Bodendegradation und Umweltverschmutzung und nicht zuletzt der Verlust nutzbarer Flächen: Nach Ansicht der FAO gefährden Trockenheit und Erosion die landwirtschaftliche Produktion und somit auch die ausreichende Versorgung mit Lebensmitteln in der Zukunft. Außerdem habe sich das aktuelle Modell einer industrialisierten Landwirtschaft als nicht nachhaltig erwiesen. Dennoch sind es nach wie vor die großen Unternehmen, die 70 Prozent der weltweiten Agrarflächen bewirtschaften.

Amazonien: Die Ausbeutung durch die Agrarindustrie nimmt zu

Im Amazonasgebiet operieren viele der Agrarunternehmen, die die weltweite Produktion von Weizen, Mais und Reis dominieren. Die drei Grundnahrungsmittel machen 60 Prozent der von der Weltbevölkerung verzehrten Kalorien aus. Auch Soja gehört zu den Anbauprodukten der Unternehmen, wird aber hauptsächlich zur Fütterung von Zuchttieren oder zur Gewinnung von Sojaöl verwendet. Die industrielle Landwirtschaft ist in Brasilien in den vergangenen Jahren stetig gewachsen. Seit 2019 beschleunigt die Politik des Präsidenten Jair Bolsonaro diese Entwicklung noch. Im vergangenen Jahr hat seine Regierung den umstrittenen Gesetzentwurf PL 510/2021 vorgelegt, der quasi die Legalisierung von Abholzung, Brandrodung und illegaler Landnahme vorsieht. Der Entwurf entspricht damit genau jenem aktuellen Modell, das nicht nachhaltig ist, Lebensmittelproduktion und Umweltschutz nicht zusammendenkt und kleinere Produzent*innen in ihrer Existenz bedroht. Während die Diskussion darüber sich über das ganze Jahr zog, veröffentlichte das Staatliche Institut für Weltraumforschung (Instituto Nacional de Pesquisas Espaciais, INPE) neue Daten, die zeigen, dass im Amazonasgebiet von August 2020 bis Juli 2021 eine Fläche von 13.235 Quadratkilometern abgeholzt wurde. Das sind 22 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum und der höchste Wert seit 15 Jahren. Einen Großteil davon machen Brandrodungen aus. Zwischen Januar und September 2021 hatte das INPE über seine Satelliten 13.015 Brände gezählt, 23 Prozent mehr als im selben Zeitraum ein Jahr zuvor. Es war die dritte Steigerung in Folge, verbunden mit einem zunehmenden Verlust bewaldeter Flächen. Seitdem sinkt zwar in Brasilien die Zahl der Brände deutlich, ebenso in Argentinien, wo bereits im ganzen vergangenen Jahr ein Rückgang der brennenden Flächen zu beobachten war, von 1.136.534 Hektar im Vorjahr auf 331.000 Hektar. Die Gesamtbilanz bleibt aber verheerend. Ein Bericht des World Wide Fund for Nature (WWF) vom Januar 2021 kommt zu dem Ergebnis, dass zwischen 2004 und 2017 in Lateinamerika, Subsahara-Afrika, Südostasien und Ozeanien insgesamt 43 Millionen Hektar Wald vernichtet wurden. In Lateinamerika, vor allem in Amazonien und im brasilianischen Savannengebiet Cerrado, ist die industrielle Landwirtschaft die Hauptursache für die Entwaldung. Insbesondere der Anbau von Soja und die Viehhaltung fallen hier ins Gewicht. Damit unterscheidet sich Lateinamerika von anderen Regionen. In Subsahara-Afrika etwa ist es vor allem die kleinbäuerliche Landwirtschaft, die die Abholzung vorantreibt. Im Weltmaßstab sind dennoch die großen Agrarunternehmen hauptsächlich verantwortlich für das Verschwinden von Wäldern. Zwar machen große Agrarfirmen nur ein Prozent der weltweit landwirtschaftlich tätigen Unternehmen aus, allerdings kontrollieren diese 70 Prozent der globalen Ackerfläche. 84 Prozent der Unternehmen sind kleinere Betriebe mit weniger als zwei Hektar Land, die jedoch nur 12 Prozent der Gesamtfläche bewirtschaften. Auch in diesem Verhältnis spiegelt sich jenes aktuelle, nicht nachhaltige Modell wider.

Brasilien ebnet den Weg für genveränderten Weizen

Auch wie die Flächen genutzt werden, ist Teil dieses Modells. Seit Ende 2020 ist in Argentinien der Anbau des genveränderten Weizens HB4 erlaubt. Den Prozess angestoßen hatten der Rat für Wissenschaftliche und Technische Forschung (Consejo Nacional de Investigaciones Científicas y Técnicas, CONICET) und das Biotech-Unternehmen Bioceres. Die Erlaubnis erfolgte allerdings erst, nachdem Brasilien als größter Abnehmer argentinischen Weizens den Import von HB4 genehmigte hatte: Die CNTBio, die Technische Kommission für Biosicherheit der brasilianischen Regierung, hatte den Anbau als unbedenklich eingestuft. Nach Angaben des argentinischen Instituts für Saatgut (Instituto Nacional de Semillas, INASE) wurde HB4 im vergangenen Jahr auf 52.755 Hektar ausgebracht, was 0,8 Prozent der landesweiten Flächen für den Weizenanbau entspricht. HB4 ist das Produkt aus einem Joint Venture von Bioceres und dem Unternehmen Florimond Desprez, einem der 20 größten Verkäufer von Saatgut auf der Welt mit Sitz in Frankreich. In der Europäischen Union ist der Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen stark reglementiert. Lediglich eine Maissorte ist bisher zugelassen. Allerdings dürfen mehrere andere genveränderte Getreidesorten für die Verarbeitung in der Lebens- und Futtermittelindustrie importiert werden, wenn sie bestimmte Sicherheitsanforderungen erfüllen.  Die Zulassungen in Argentinien und Brasilien sind ein völlig neues Experiment, das trotz aller Warnungen und kritischen Stimmen seinen Weg in die praktische Umsetzung gefunden hat, unter anderem, weil HB4 unempfindlich gegen das Herbizid Glufosinat ist, das nun wahrscheinlich noch häufiger zum Einsatz kommt. Agrarunternehmen in beiden Ländern verwenden es bereits, obwohl es noch giftiger als Glyphosat ist. In der EU ist es mittlerweile verboten. Befürworter*innen preisen die Zulassung von HB4 hingegen als Teilschritt innerhalb des „ökologischen Wandels“ und als Möglichkeit, mit dürreresistenten Pflanzen die Lebensmittelversorgung auch unter Bedingungen des Klimawandels sicherzustellen.

Die Diktatur des Glyphosat

Pflanzen genetisch zu verändern, um sie resistent gegen die Inhaltsstoffe von Herbiziden zu machen, gehört zum Geschäftsmodell der Agrarindustrie. Denn so kann sie große Mengen des Giftstoffs Glyphosat weltweit auf die Felder bringen. Seit vergangenem Jahr schränkt Deutschland den Gebrauch des Gifts bis mindestens 2023 stark ein. Eine Entscheidung der EU, ob sie die Zulassung über 2022 hinaus verlängert, steht noch aus. In Mexiko hat die Entscheidung der Regierung von Manuel López Obrador, den Einsatz von Glyphosat und den Anbau von genverändertem Mais zunächst zu reduzieren und bis 2024 zu untersagen, zu juristischen Auseinandersetzungen geführt. Agrarunternehmen, allen voran Bayer-Monsanto, forderten die Aussetzung eines entsprechenden Dekrets von Ende 2020. Bayer-Monsanto stellt das weltweit meistverkaufte Herbizid „Roundup“ her, das auch Glyphosat beinhaltet. Mit seiner Klage hatte das Unternehmen zumindest zeitweise Erfolg. Zunächst hatte ein Gericht die einstweilige Aussetzung angeordnet, ein anderes Gericht hob diese Entscheidung wieder auf. Für die Agrarindustrie war das noch keine endgültige Niederlage. Denn mittlerweile hat sie den mexikanischen Staat auf Ersatz für den zu erwartenden wirtschaftlichen Schaden verklagt. Dennoch prognostiziert Mexiko für 2022 eine Reduzierung der Glyphosatimporte um 50 Prozent. Brasilien hingegen, einer der größten Akteure im weltweiten Agrarbusiness und somit auch einer der größten Verbraucher von Herbiziden und Pestiziden, hat im vergangenen Jahr so viel Gift auf seinen Felder versprüht wie in keinem Jahr zuvor. Produkte von 550 verschiedenen Herstellern kamen dabei zum Einsatz. In 2022 wird sich zeigen, ob Bayer-Monsanto sich mit den in einigen Ländern angestoßenen Beschränkungen der Glyphosat-Nutzung arrangiert. Oder ob diese überhaupt etwas bewirken. Denn einige Länder, vor allem in Lateinamerikas und der Karibik, nutzen Glyphosat trotz eines bereits bestehenden Verbots.

Einige Überlegungen zum Schluss

Im Jahr 2021 betrug der Beitrag der Landwirtschaft am Bruttoinlandsprodukt in Argentinien mit 16 Prozent so viel wie nie zuvor. Einen großen Einfluss hatten dabei auch die hohen Weltmarktpreise für Grundnahrungsmittel. Da landwirtschaftliche Produkte 67 Prozent der argentinischen Exporte ausmachen, sind sie ein wichtiger Devisenbringer für ein Land, das gerade eine wirtschaftliche Krise durchmacht, beim Internationalen Währungsfond schwer verschuldet ist und obendrein mit den Auswirkungen der Corona-Pandemie umgehen muss.  Auch Brasiliens Landwirtschaft hat im vergangenen Jahr Rekordwerte erzielt. Die Exporte beliefen sich auf 120,59 Millionen US-Dollar, eine Steigerung von 19,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Somit hatte der Agrarsektor mit 43 Prozent den bisher höchsten Anteil an den gesamten Exporten des Landes. Diese sind allerdings um 5,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gesunken. Der größte Teil der landwirtschaftlichen Exporte entfällt mit 39,8 Prozent auf die Ausfuhr von Soja. Im Jahr 2020 hatte die Agrarwirtschaft noch mit 26,6 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt beigetragen, für 2021 liegen die Schätzungen schon bei ungefähr 30 Prozent. Auch hier ist also die Agrarindustrie ein wichtiger Wirtschaftsfaktor in einem von Pandemie und Rezession gebeutelten Land.

Die wirtschaftliche Bedeutung der Agrarindustrie hat sich für Lateinamerika und die Karibik und vor allem für Brasilien und Argentinien während der aktuellen Krisen noch verstärkt. Dabei erscheint es irrational, ein Modell der Agrarökonomie zu verfolgen, das auf Gentechnik setzt und die verheerenden Auswirkungen auf Land, Gewässer und  Biodiversität insbesondere in Amazonien in Kauf nimmt: Wenn dieses Modell verschwenderisch und missbräuchlich mit den Ressourcen umgeht, sie durch Überbeanspruchung und Verschmutzung unbrauchbar macht, liegt dann nicht genau hier die größte Gefährdung der zukünftigen Ernährungssicherheit? Oder des Lebens auf diesem Planeten? Oder ist Produktivität das einzige, was zählt?

Übersetzung: Patrick Schütz

 

 

CC BY-SA 4.0 Machtfaktor Agrarindustrie von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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