Der lange Kampf gegen Paramilitärs, Guerilla und Ölkonzerne

Brandstiftung auf dem Gelände der Encisos, Februar 2020. Foto: Fundación Enciso

(Berlin, 30. Juni 2020, npla).- Die Gemeinde Los Kioscos liegt im kolumbianischen Department Meta, mitten in den Llanos Orientales: Weite Ebenen, die fast nur aus Feuchtsavannen und flachem Weideland bestehen. Meta gilt als „caliente“, als gefährliche Gegend: Seit den 1980er Jahren waren hier mal die FARC-Guerilla, mal verschiedene paramilitärische Verbände an der Macht. Der kolumbianische Staat existierte hier praktisch kaum, ab und zu schickte er die Armee. Inzwischen sind die Ebenen Ölfördergebiet. Hier lebt der Campesino und Menschenrechtsaktivist Eliceo Enciso Quevedo.

Im weißen Pick-up kommt er zum Busbahnhof von Villavicencio, der Hauptstadt des Meta; kariertes Hemd, stattlicher Bauch, breitkrempiger Hut. Der Wagen kommt vom staatlichen Personenschutzprogramm. Im Fahrzeug sitzen zwei wortkarge, untersetzte Männer, Knarre im Hosenbund. Sie sind seit vier Jahren Eliceos Leibwächter. Nach acht Stunden Autofahrt, ab Puerto Gaitán fast zweihundert Kilometer auf einer roten Sandpiste, erreicht der Pick-up Eliceos Finca in der Gemeinde Los Kioscos, mitten in der Savanne. Es ist schwülwarm, die Trockenzeit geht gerade zu Ende. Hühner und Ziegen laufen herum. Das schlichte Gebäude ist neu, Paramilitärs hatten es vor Jahren in die Luft gesprengt. In der Umgebung gibt es keine Zäune, Dörfer oder Strommasten und kaum Bäume ‒ nur spärlich grüne Hügel, eine unglaubliche Weite.

Vier Vertreibungen, mehrere Morddrohungen

Eliceo Enciso neben den Resten seiner früheren Finca. Foto: D. Ossami

„Don Eliceo“, wie er auch respektvoll genannt wird, ist 48 Jahre alt, sieht aber deutlich älter aus. Das harte Landleben hat seine Spuren hinterlassen – aber auch die jahrzehntelangen Auseinandersetzungen mit bewaffneten Gruppen, dem kolumbianischen Staat und der Justiz. „Ich bin schon dreimal von hier vertrieben worden“, beginnt er zu erzählen. „Zuerst von der Guerilla 1998, dann von den Paramilitärs zehn Jahre später.“ Zuletzt wurde seine Finca vor zwei Jahren mit Granaten beschossen. „Ich halte mich nicht für einen schlechten Menschen; aber mir stößt immer etwas zu.“

1965 kam sein Vater in die Region und kaufte die Finca Veladero, wo Eliceo 1971 geboren wurde. Damals war die Gegend nur mit dem Pferd erreichbar. Heute leben in der Gemeinde Los Kioscos ein paar hundert Menschen auf 200.000 Hektar, das ist mehr als doppelt so groß wie das Bundesland Berlin. Auf den endlosen Weideflächen züchteten der Vater und seine Nachbarn damals Rinder; dafür sind die Llanos Orientales bekannt. Eliceos Eltern betrieben zudem ein Restaurant und einen Laden.

1980, da war Eliceo neun Jahre alt, tauchte die marxistische FARC-Guerilla in der Gegend auf. „Damals war die Guerilla gut“, erinnert er sich. „Sie sorgte für Recht und Ordnung, während der Staat uns total allein ließ.“ Doch ab etwa 1985 habe die Guerilla begonnen, mit Drogen zu handeln. Sie sei zu einer Bande von Narcos und Verbrechern geworden, die Angst und Schrecken verbreitet hätten.

Drogenkorridor bis nach Venezuela

In Meta und dem südlich gelegenen Department Guaviare wurde Marihuana angebaut, später auch Koka.

Munition von Paramilitärs, gefunden auf dem Gelände der Encisos, Januar 2020. Foto: Fundación Enciso

Drogenkartelle und Paramilitärs machten sich breit. Die Gemeinde Los Kioscos wurde Teil eines strategischen Korridors vom Amazonas-Tiefland bis nach Venezuela. Mal wurde das Gebiet von der Guerilla, mal von den Paramilitärs beherrscht. Oft bekämpften sie sich, oft kauften Paramilitärs aber auch Kokablätter von der Guerilla, kristallisierten diese in Drogenlaboren vor Ort und brachten die Kokapaste über mehrere Stationen zu den Kartellen in den Norden. Eliceo kannte einige der Bewaffneten, die zuvor als Jugendliche auf der Farm seines Vaters gearbeitet hatten.

1993 kam die kolumbianische Armee und nutzte ungefragt Restaurant und Laden der Familie Enciso als Militärbasis. Als sie vier Jahre später wieder abzog, kehrte die Guerilla zurück. Sie zündete die nun leerstehenden Gebäude an, konfiszierte den Encisos im Mai 1998 ihr sämtliches Vieh und verlangte ein Schutzgeld von fünf Millionen Pesos. So viel Geld hatte die Familie nicht, sie musste ihr Land verlassen.

Eliceo kaufte eine andere Finca, die aber dann von Paramilitärs angezündet wurde („eine Verwechslung“), arbeitete danach im Norden als Taxifahrer und kehrte erst Ende 2006 nach Los Kioscos zurück. Diesmal ließ ihn die Guerilla in Ruhe, denn er kannte den Anführer. Die Paramilitärs waren im selben Jahr offiziell aufgelöst worden, doch eine große Gruppe von rund 1000 Paramilitärs wollte sich nicht demobilisieren lassen. Sie nannte sich ERPAC und kontrollierte bald die Llanos. Offiziell kämpfte die Truppe gegen die Guerilla und hatte gute Verbindungen zur Armee, andererseits arbeitete sie im Drogenhandel mit den FARC zusammen. Angeführt wurde sie vom Drogenhändler „Loco“ Barrera und dem Paramilitär Cuchillo; dieser galt als gewalttätig und impulsiv. Auch ihn kannte Eliceo: „Sein Vater arbeitete mit meinem Vater als Viehzüchter zusammen. Die Söhne waren alle beim Militär und haben danach die Paramilitärs reorganisiert.“

Zum militärischen Ziel erklärt

2008 verlangte der ERPAC von den Landwirten aus der Gegend, dass sie Koka anbauen sollten. Eliceo war in der Gegend bekannt und als er auf einer öffentlichen Versammlung begründete, warum er kein Koka anpflanzen werde, begann ein erbitterter Kampf um seine Finca. Immer wieder wurde er von Paramilitärs bedroht. Am 15. Dezember 2008 legte er sich mit deren Finanziers aus dem Norden an. Am Abend erhielt er einen Anruf von einem Subkommandanten der Paramilitärs, erzählt Eliceo: „Er sagte: ‚Ich habe eine schlechte Nachricht. Sie haben dich zum militärischen Ziel erklärt. Cuchillo hat den Befehl gegeben, dich zu töten. Sieh zu, dass du wegkommst, morgen früh werden sie bei dir sein!‘

Der Subkommandant war mit dem Befehl seines Chefs nicht einverstanden und versprach Eliceo freies Geleit. Zwei Wochen später wurde er selbst dafür von Cuchillo erschossen. Eliceo und seine Familie rafften ihre Sachen zusammen und flüchteten Hals über Kopf nach in die nächst größere Stadt Villavicencio. Tatsächlich kamen sie durch. Um fünf Uhr morgens waren die Paramilitärs auf seiner Finca, riefen ihn auf seinem Satellitentelefon an und drohten, ihn und seine Familie umzubringen.

Doch Eliceo zeigte daraufhin die militärischen Schulungszentren und Drogenlabore des ERPAC bei der kolumbianischen Staatsanwaltschaft an. Armee, Antidrogenpolizei und der (später aufgelöste) Inlandsgeheimdienst DAS führten zwei Razzien gegen die Paramilitärs durch, an denen Eliceo aufgrund seiner Ortskenntnis teilnahm. Er saß zum ersten Mal in seinem Leben im Hubschrauber. Eliceo berichtet, wie er am Abend der zweiten Razzia einen Anruf vom DAS bekam: „’Hören Sie, Enciso“, habe der Anrufer gesagt; „Man hat sieben Milliarden Pesos (1,6 Mio. Euro) bezahlt, damit die Operation abgebrochen wird, und Sie sollen als Kanonenfutter dort gelassen werden. Es gibt einen Bus, steigen Sie da ein und hauen Sie von dort ab!’“ Das Geld soll an einen damals sehr hohen Befehlshaber gegangen sein; dessen Namen will Eliceo aber nicht veröffentlicht sehen.

Paramilitärs bestechen Militärführung, Operation abgebrochen

Die Operation wurde wirklich abgebrochen, wieder musste Eliceo fliehen und sich verstecken. Kurz darauf entging er knapp einem Mordkomplott, in das ein bestechlicher Staatsanwalt aus Villavicencio verwickelt war. „Das war der Moment, in dem ich am meisten Angst hatte“, sagt Eliceo. Er wirkt plötzlich sehr müde und ringt nach Fassung. „Die Paramilitärs hatten es so sehr auf mich abgesehen, weil ich praktisch derjenige war, der den Widerstand anführte. Und sobald die Anführer aus der Gegend vertrieben sind, taucht merkwürdigerweise ein multinationaler Konzern auf.“

Tatsächlich begann die Ölfirma Pacific Rubiales Anfang 2009, kurz nach seiner Vertreibung, auch auf dem Gebiet

Ölpipeline in Meta. Foto: D. Ossami

der Encisos mit Probebohrungen,. Die Llanos sind ein wasserreiches Gebiet. Um das Öl zu fördern, werden die Quellgebiete angezapft, die Flüsse drohen, auszutrocknen. Das Wasser wird mit Chemikalien verschmutzt und zurück ins Grundwasser gepumpt, was die Umweltschäden noch größer macht.

Fünfjähriger Rechtsstreit um sein Land

Doch Eliceo machte 2012 als einer der ersten von dem neuen Gesetz 1448 Gebrauch, mit dem viele vertriebene Kolumbianer*innen ihr Land zurückerhalten sollen. Aber auch das erwies sich als harter Kampf, der zermürbende Rechtsstreit sollte fünf Jahre dauern. Erst trat ein Strohmann des Drogenhändlers „Loco“ Barrera mit gefälschten Papieren als Eigentümer seiner Finca auf und Eliceo musste nachweisen, dass er rechtmäßiger Besitzer des Landes ist. Dann ermittelte der Richter gegen Eliceo wegen „Verabredung zu einer schweren Straftat“. Als der Prozess bereits fast entschieden schien, wurde plötzlich behauptet, die Ländereien seien „unrechtmäßig besetztes Brachland“. Ein paar Tage nach dieser Nachricht starb Eliceos Vater an einem Herzinfarkt. Erst nach fünf Jahren, am 3. August 2017 bekam Eliceo seine Farm zurück.

„Unsere Ländereien sind ihre Goldgrube“

Reste der ehemaligen Finca von Eliceo Enciso. Foto: D. Ossami

Inzwischen lebt Eliceo wieder auf seiner Farm – allerdings ohne seine Frau und seine Kinder, sie sind aus Sicherheitsgründen woanders. Er zeigt auf die Reste seines alten Hauses, als dem er Ende 2008 flüchten musste. „Als ich zurückkam, war es völlig zerstört.“ Cuchillo soll angeblich auf der Flucht vor der Polizei ums Leben gekommen sein. „Loco“ Barrera sitzt mittlerweile in Haft, aber seine Strohmänner leben immer noch auf mehreren der Nachbar-Fincas und immer noch sichern Bewaffnete den Drogenkorridor. Eliceo versucht zu erreichen, dass sie enteignet werden, doch das ist immer noch nicht geschehen. Im Department Meta, sagt er, arbeiten Staatsanwaltschaft, Armee und Polizei oft gemeinsam mit den örtlichen Paramilitärs zusamment: „Unsere Ländereien sind ihre Goldgrube.“

Aber Eliceo ist nun nicht mehr der „Campesinito“, das Bäuerlein von früher. Er ist jetzt ein landesweit vernetzter Menschenrechtsaktivist und hat einflussreiche Kontakte nach Bogotá. Deswegen, sagt er, „haben sie ein bisschen Respekt vor uns und deshalb sind wir noch am Leben.“

Frontera Energy: „Fortschritt ist der Weg“

Doch jetzt, wo die bewaffneten Gruppen abgezogen sind, kämpft Eliceo gegen die Regierung, die hohe Steuern verlangt, aber keine Kredite gewährt – und gegen die Ölfirma. Das 2009 vom damaligen Präsidenten Álvaro Uribe verabschiedete Gesetz 1274 erklärt die Öl- und Bergbauindustrie zum öffentlichen Interesse. Landbesitzer sind verpflichtet, Rohstoffabbau und Infrastrukturmaßnahmen auf ihrem Land zuzulassen ‒ gegen Entschädigung. Zum Schutz der Anlagen ist das Militär auf dem Gebiet der Firma stationiert.

Dagegen klagen die Encisos, und auch dagegen, dass sie 80 Prozent ihrer Ländereien an die Ölfirma abtreten sollen, die jetzt Frontera Energy heißt. Frontera will nun nicht mehr mit ihnen verhandeln. Ihr Motto lautet: „Fortschritt ist der Weg“. Es klingt wie eine Drohung.

Der Kampf geht weiter

Umkämpftes Land: Eliceos Schwester Sandra und ihre Tochter zeigen auf ihr Land, auf dem die Ölfirma nach Öl bohren will. Foto: D. Ossami

Wohl auch deswegen träumen die Encisos nun vom Ökotourismus. Eliceos Schwester Sandra betreibt die Stiftung Enciso de Corazón. Sie pflanzt ökologisch erzeugtes Obst und Gemüse und will Boden und Weideland nachhaltig bewirtschaften. Sie hofft auf Touristen, die eine (noch) ungestörte Tierwelt und die unglaubliche Weite genießen wollen. Doch am Horizont sieht man schon einen Ölbohrturm.

Im Januar 2020 hat Eliceo ein Depot von Paramilitärs mit Kleidung und Munition gefunden und angezeigt. Kurz darauf wurden die Felder einer seiner Fincas angezündet; Er vermutet einen Racheakt. Im März wurden ihm seine staatlichen Leibwächter entzogen. Kurz darauf kamen Polizei und Militär und durchsuchten seine Finca. Eliceo glaubt, dass die Ölfirma dahintersteckt. Mit juristischen Mitteln und seinem Netzwerk will er sich weiter wehren – und mit einem Dokumentarfilmprojekt. „Wir nehmen den Kampf auf“, sagt er zum Abschied: Das sei schwierig, aber nicht unmöglich.

Zu dieser Reportage gibt es bei Radio onda einen Podcast, auch in einer Langversion.

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