Drei Jahre nach dem Brand, der 41 Mädchen tötete

Der für die Mädchen errichtete Altar auf dem Hauptplatz von Guatemala-Stadt (Foto: Frauke Decoodt)

(Guatemala-Stadt, 12. März 2020, nodal).- „Ich möchte nicht, dass mir jemand am 8. März einen schönen Frauentag wünscht“, sagt Brendy Cuy Urizar. Auch Elsa Siquín Montafúr feiert diesen Tag nicht. Brendy ist die Tante von Yohanna und Elsa die Mutter von Yemmi, zwei der 41 Mädchen, die durch das Feuer am 8. März 2017 in dem Erziehungsheim ‚Hogar Seguro‘ in Guatemala starben.

Drei Jahre nach der Tragödie wird die Schuld vor allem bei den Jugendlichen gesucht, die am Tag zuvor protestierten. Sie werden wie Kriminelle stigmatisiert, als hätten sie „durch ihre bloße Anwesenheit bei dem Protest etwas falsch gemacht“. Auch die Mütter werden als schuldig angesehen, da sie ihre Kinder „in diesem Erziehungsheim zurückgelassen haben“. Diese Kriminalisierung erreichte ihren Höhepunkt Ende 2019, als die 15 überlebenden Mädchen angeklagt wurden, für den Tod ihrer Freundinnen verantwortlich zu sein. Die Stigmatisierung und Kriminalisierung machten nicht nur die Suche nach Gerechtigkeit unmöglich, sondern entschieden auch über Leben und Tod der Mädchen und darüber, wie sie überhaupt in das Erziehungsheim kamen.

Eine angekündigte Tragödie

Am Tag vor dem Feuer protestierten und flohen zahlreiche Jugendliche aus dem Erziehungsheim „Virgen de Asunción“ in der Gemeinde San José Pinula am Rande von Guatemala-Stadt. Das Erziehungsheim war in Wahrheit kein so sicherer Zufluchtsort für die Jugendlichen, wie es eigentlich den Anschein hatte. Ebenso wenig kam das Heim seiner per Gesetz festgeschriebenen Aufgabe nach, Kinder vor Gewalt zu schützen.

Jeden Sonntag und Montag besuchte die Mutter von Yemmi ihre Tochter im Heim. Yemmi weinte oft und wollte das Erziehungsheim verlassen. „Sie klagte über verdorbenes Essen und Misshandlungen. Am letzten Sonntag, an dem ich sie sah, erzählte sie mir, sie wolle nicht länger das Erfrischungsgetränk trinken, das man ihnen gab. Die Mädchen befürchteten, dass sie dadurch Drogen verabreicht bekommen, die sie ruhigstellen sollten. Außerdem beobachteten sie, wie eines der Mädchen mitten in der Nacht weggebracht wurde. An diesem Tag gab mir Yemmi einen Brief und später wurde sie dafür bestraft.“ Yemmi hat nicht übertrieben. Zwischen 2012 und 2016 erfasste der Beauftragte für Menschenrechte Dutzende Missbrauchsklagen, darunter Misshandlungen, Vergewaltigungen und Menschenhandel zu Zwecken der Zwangsprostitution. Brendy, die Tante von Yohanna, kann gut verstehen, weshalb die Mädchen protestierten: „Das Einzige, was sie einforderten, waren ihre Rechte. Man gab ihn nicht einmal Damenbinden. Wenn sie ihre Periode hatten, musste sie stattdessen ein Stück ihrer Matratze benutzen.“

Ein Foto von Yemmi zwischen ihren Fußball-Pokalen (Foto: Frauke Decoodt)

Am 7. März 2017 wehrten sich die Jugendlichen nicht zum ersten Mal gegen die Misshandlungen. Besonders war jedoch an diesem Tag, dass der damalige Präsident Jimmy Morales anordnete, mit mehr als 100 kampfgeschulten Polizisten den Protest der Minderjährigen niederzuschlagen. Die Jugendlichen wurden zunächst verprügelt und mit Tränengas zurückgedrängt. Anschließend mussten die Gefangenen zwei Stunden lang draußen vor dem Erziehungsheim in der Kälte ausharren. Man wollte die „Artigen“ nicht mit den „Unerzogenen“ vermischen.

Daher wurden die Jungen in einen großen Saal und die Mädchen in eine 47 Quadratmeter große Aula gesperrt. Bis Mitternacht wurden die Mädchen dort festgehalten. Sie konnten weder auf die Toilette gehen noch bekamen sie etwas zu trinken. Lediglich ein paar Schaumstoffmatten gab man ihnen. Nachdem sie einen Tag und eine Nacht in dieser verzweifelten Lage ausharren mussten, legte eines der Mädchen ein Feuer. In Sekundenschnelle breiteten sich die Flammen in der gesamten Aula aus.

Neun Minuten lang hielt die stellvertretende Leiterin des Heims, Lucinda Marroquín, den Schlüssel in der Hand, ohne jedoch die Tür zur Aula zu öffnen. Überlebende sagen, dass sie die Mädchen stattdessen beleidigte und schrie, dass sie alle verbrennen sollten. 23 Mädchen verbrannten in den Flammen, 18 weitere starben innerhalb der nächsten Tage. 15 der Mädchen überlebten, jedoch erlitten sie schwere körperliche und psychische Verletzungen. „Neun Minuten“, schluchzt Brendy, während sie zu Hause in dem Zimmer sitzt, in dem die ganze Familie gemeinsam schläft. „Nicht einmal, als sie die Todesschreie der verbrennenden Mädchen hörte, öffnete sie die Tür. Niemals werden ich das verstehen können.“

Überlebende wegen Mordes angezeigt

Zwölf Personen, unter ihnen Polizist*innen, Angestellte des Erziehungsheims, eine Richterin sowie hochrangige Beamt*innen der Behörde für Soziale Wohlfahrt, müssen sich aufgrund der Ereignisse am 7. und 8. März 2017 vor Gericht verantworten. Angeklagt werden sie für Vergehen wie Misshandlung und fahrlässige Tötung – Verbrechen, die mit Strafen von drei bis acht Jahren Gefängnis geahndet werden. Doch der Prozess kommt nur langsam voran. „Die größte Herausforderung besteht darin, dass die Ermittlungen und die Strafverfahren in drei separate Prozesse aufgeteilt wurden, entsprechend der Befehls- und Entscheidungskapazität“, erklärt Esteban Celada. Er ist Anwalt der Organisation Mujeres Transformando el Mundo („Frauen verändern die Welt“), welche sich in dem Fall engagiert und drei der betroffenen Familien vor Gericht verteidigt. Doch noch weitere Hürden und Verzögerungen ziehen den Prozess immer weiter in die Länge: In der letzten Januarwoche 2020 wurde eine Anhörung abgesagt, nur deshalb, weil einer der Staatsanwälte zwei Minuten zu spät eintraf. Eine weitere Anhörung wurde vertagt, weil die Transportgenehmigung einer Verdächtigen vergessen wurde.

Esteban Celada, Anwalt von Mujeres Transformando el Mundo (Foto: Frauke Decoodt)

Eine weitere Strategie der Anwälte der Angeklagten ist es, die Schuld bei den Überlebenden und den Familien der verstorbenen Mädchen zu suchen. Dabei handelt es sich um eine Verleumdungskampagne, die auf politischer, sozialer und medialer Ebene geführt wird. Celada ist empört: „Anstatt die Mädchen als Opfer zahlreicher Misshandlungen anzuerkennen, werden sie stattdessen als schlechterzogene Jugendliche und Kriminelle dargestellt, die institutionalisiert werden mussten.“ Auch die Familien werden verhört, besonders die Mütter der Mädchen. Dabei wird angedeutet, sie würden sich nicht für ihre Töchter interessieren und hätten sie deshalb der staatlichen Obhut überlassen. Celada nimmt kein Blatt vor den Mund: „Das perverseste an dieser gezielten Kriminalisierung ist, die überlebenden Mädchen für das Unglück strafrechtlich verantwortlich machen zu wollen.“

Im September 2019 hat der Anwalt Ludwig Sandoval Klage gegen die 15 überlebenden Mädchen eingereicht, im Rahmen dessen ihnen 18 Straftaten sowie Mord vorgeworfen werden. Diese Verbrechen werden normalerweise mit 25 bis 50 Jahren Gefängnis bestraft. Sandoval hat eigentlich nichts mit dem Fall zu tun, allerdings kennt er den ehemaligen Leiter des Erziehungsheims. Die Klage wurde genau dann eingereicht, als die Staatsanwaltschaft durchgesetzt hatte, dass sieben der überlebenden Mädchen ihre Aussagen machen können, ohne diese dabei in den drei separaten Strafverfahren wiederholen zu müssen. Celada zufolge ist das Ziel der Klage nicht nur die Stigmatisierung der Mädchen, sondern auch, sie zum Schweigen zu bringen. Weiter fügt er hinzu, dass, um diese perverse Kriminalisierung einordnen zu können, man den Kontext der Stigmatisierung und der kontinuierlichen Gewalt gegen die Mädchen sehen muss, welche ihr Leben, ihre Zeit in dem Erziehungsheim, ihren Tod und nun die Suche nach Gerechtigkeit bestimmten. „Dieser Fall ist wie ein Spiegelbild Guatemalas; eine Mischung aus tödlicher Frauenfeindlichkeit, extremer Armut sowie häuslicher, staatlicher, institutioneller und krimineller Gewalt.“

Vom Staat entführt

Das Zimmer, in dem Elsas Familie schläft, mit den Kuscheltieren ihrer beiden getöteten Töchter (Foto: Frauke Decoodt)

Yemmi war 15 Jahre alt, als sie in den Flammen starb. Ihr ganzes Leben verbrachte sie in einem der ärmsten Viertel von Guatemala-Stadt. Ihr Haus wirkt mehr wie eine Sackgasse, in der man ein paar Ziegel und Latten gestapelt hatte. Obwohl sich die Küche außerhalb des kleinen Verschlags befindet, reicht der Platz kaum für das Badzimmer und die zwei kleinen Räume ohne Fußboden, in denen die ganze Familie zusammenwohnt. In das größte Zimmer passen nicht mehr als zwei Doppelbetten, die sich Yemmi, ihre Mutter, ihre drei Schwestern und ihr Bruder teilten. Der Vater starb bereits vor Jahren. Überall in den beiden kleinen Zimmer stehen Pokale, denn Yemmi spielte gerne Fußball. Draußen vor dem kleinen Verschlag hängt Wäsche zum Trocknen, denn ihre Mutter Elsa wäscht Kleidung und verkauft Essen, um irgendwie genug zum Leben zu verdienen. Nach der Schule halfen Yemmi und Carlota, ihre kleine, vierjährige Schwester, der Mutter das traditionelle Gericht Tamal vorzubereiten und zu verkaufen. „Es fehlte ihnen nie an etwas. Sie hatten immer zu Essen, auch wenn es nur Bohnen waren. Wenn eine ein Schreibheft brauchte, fand ich einen Weg, es zu besorgen. Ich bin immer Vater und Mutter zugleich gewesen und musste mich um alles kümmern.“

Nicht nur die extreme Armut bestimmte Yemmis Leben, sondern auch die Gewalt, die in Guatemala und ihrem Heimatort herrscht. Die kriminellen Banden und die Gefahr, die von ihnen ausgeht, lassen sich nicht leugnen, ebenso wenig wie Gewalt, die von den staatlichen Behörden ausgeht und wodurch die Jugendlichen in diesen verarmten Stadtvierteln als potenzielle Bandenmitglieder stigmatisiert werden. Als junge Männer zunehmend von der Polizei verfolgt wurden, änderten die kriminellen Banden ihre Strategie und beauftragten stattdessen Mädchen mit dem Schmuggel von Waffen und Drogen. So wurde Yemmi während einer Polizeikontrolle verhaftet, als sie gerade mit einer Freundin unterwegs war, die eine Waffe bei sich trug. Die Polizei erlaubte Yemmi nicht ihre Mutter anzurufen. Der Polizist, der sie verhaftete, nahm ihr das Telefon weg und gab es nie zurück. Der Richter schickte die Freundin in ein Jugendgefängnis und Yemmi in das Erziehungsheim. Ihrer Mutter Elsa wurde nie mitgeteilt, wo ihre Tochter hingebracht wurde.

Der Staat kümmert sich

Stef Arreaga ist Journalistin in Guatemala und Mitglied des Zusammenschlusses 8 Tijax. Nachdem sie von dem Brand erfahren hatte, suchte sie das Krankenhaus und die Leichenhalle auf. Seither begleitet sie einen Großteil der Familien und Überlebenden. „Was alle 56 Mädchen in dem Feuer gemeinsam hatten, war ihre Situation in extremer Armut. Außerdem lebten viele von ihnen in sogenannten roten Zonen, die als besonders gefährlich eingestuft werden. Eine weitere Gemeinsamkeit ist, dass viele der Mädchen aus Familien mit alleinerziehenden Müttern kommen. Die Gründe, wegen derer die Mädchen in das Erziehungsheim kamen, sind unterschiedlich, jedoch beging keine von ihnen eine Straftat. Einige wurden misshandelt, sogar prostituiert, andere Mütter brachten sie in das Heim, weil die kriminellen Banden sie sonst in die Finger gekriegt hätten. Ebenso gab es Mütter, die sich wünschten, dass ihre Töchter Zugang zu Bildung, zu Nahrung und zu medizinischer Versorgung erhalten. Denn sie selbst konnten ihnen das nicht geben.“ Andere Mädchen wurden so wie Yohanna von ihrer Tante Brendy aufgezogen, da ihre Eltern sie verlassen haben. „Mit 15 Jahren wurde sie rebellisch und wollte fortgehen“, erklärt Brendy in ihrem Holzhaus in dem Ort Sololá. „Yohanna bat das Gericht, sie in das Heim zu bringen.“ Stef fragt sich, ob die Richter im dem Fall das gleiche Urteil getroffen hätten, wären die Mädchen nicht aus einem der marginalisierten Stadtteilen gekommen. Außerdem bemerkt sie, dass viele der Töchter alleinerziehender Mütter unter der gesellschaftlichen Ausgrenzung litten.

„Ich liebe dich, Mami“ – Yemmis letzter Brief an ihre Mutter (Foto: Frauke Decoodt)

Elsa, die weder lesen noch schreiben kann und ihre Nachbarschaft kaum verlässt, suchte überall nach Yemmi – in Krankenhäusern, Leichenhallen, Erziehungsheimen und Gerichten in großem Umkreis. Mehrmals fragte sie beim Jugendgericht nach, das ihre Tochter verhaftet hatte. Nach einem Monat fand sie Yemmi in dem Erziehungsheim, dank des Hinweises eines Unbekannten. „Ihre Haare waren ungepflegt, ihre Kleindung und Körper schmutzig. Nicht einmal die Möglichkeit sich zu waschen hatte sie. Sie wurde von anderen Mädchen verprügelt und ihre Haut war von der Sonne verbrannt, weil man sie zur Strafe auf dem Hof eingesperrt hatte. Ich versprach ihr, sie da raus zu holen. Während der Anhörung versicherte mir der Richter, dass er sich darum kümmern werde. Aber was hat ihn Yemmi gekümmert?“, schluchzt Elsa. „Er hat sie mir tot zurückgebracht.“

„Hätte ich Geld bekommen, würde ich meine Familie aus diesem Viertel rausholen.“

Elsa und Brendy sind sich sicher: Der Staat trägt die Verantwortung für das Feuer. „Aber meine Familie und Nachbarn sagen, es wäre meine Schuld, dass meine Tochter in das Heim kam.“, bedauert Elsa. „Selbst auf dem Weg zur Leichenhalle warfen meine Mutter und Schwester mir vor, dass ich die Verantwortung für Yemmi trug.“ Brendy werden selbst außerhalb ihres Viertels verachtende Blicke zugeworfen. In ihrer Nachbarschaft hat man sie als Mörderin beschimpft. „Wir meiden diese Orte.“ Auch Elsa verkauft kein Tamal mehr an ihrem üblichen Platz – aus Angst, erpresst zu werden. Denn viele denken, dass Elsa, Brendy und die anderen Familie nach dem Unglück Geld erhalten hätten. Ihnen wird vorgeworfen, nur vor Gericht zu klagen, um eine Entschädigung zu erhalten.

„Hätte ich Geld bekommen, würde ich meine Familie aus diesem Viertel herausholen“, versichert Elsa. Kürzlich erhielt sie von einigen Nachbar*innen Morddrohungen und vor anderthalb Jahren brachten sie ihre 13-jährige Tochter Carolina um. Sie ging nur kurz in ein Geschäft in der Nähe und kehrte nie wieder zurück. Sie wurde geköpft und auf einem freien Feld zurückgelassen. Elsa weiß nicht, warum ihre Tochter ermordet wurde. „Vielleicht, weil die Leute dachten ich habe Geld erhalten oder weil sie nicht bereit war eine andere Person zu begleiten, so wie es Yemmi kurz vor ihrer Verhaftung getan hatte. Hier in Guatemala richtet sich die Gewalt vor allem gegen junge Mädchen.“

Drei Jahre ohne Gerechtigkeit

Sowohl Elsa als auch Brendy sind verzweifelt in ihrer Suche nach Gerechtigkeit, denn eine nach der anderen Anhörung wird abgesagt und verschoben. Doch zu den Gerichtsterminen zu erscheinen kostet Zeit und Geld, etwas, das viele Familien nicht haben. „Ich gehe nicht zu allen Anhörungen, denn dafür kann ich einen ganzen Tag lang nicht arbeiten“, erklärt Elsa. Brendy klagt, dass inzwischen schon drei Jahre vergangen sind und noch immer keine Gerechtigkeit herrscht. „Wir wissen, dass wir uns gegen sehr hohe und mächtige Beamte stellen.“ Es dauerte zwei Jahre, bis darüber entschieden wurde, ob einige Verdächtige vor Gericht gestellt werden.

Brendy Cuy Urizar hält ein Foto ihrer ermordeten Nichte Yohanna (Foto: Frauke Decoodt)

Die Richterin missachtete ihre Pflicht, das Unglück vom 7. März aufzuklären sowie die Sicherheit der Kinder und Jugendlichen zu gewährleisten. Andere Angeklagte hatten entfernte Beziehungen zu dem ehemaligen Präsidenten Jimmy Morales. Auch gegen ihn wurden Vorwürfe erhoben, da er den Einsatz der 100 Polizisten zur Niederschlagung der Proteste anordnete. Lange schützte ihn seine Immunität vor einer Anklage und auch jetzt profitiert er noch davon, da er im Januar 2020 zum Abgeordneten des Zentralamerikanischen Parlaments gewählt wurde. Dies geschah nur Stunden, nachdem der neue Präsident sein Amt antrat.

Celada vermutet, ein weiterer Grund für die zunehmende Behinderung der Justiz ist, dass zwei der drei Strafprozesse kurz vor dem Abschluss stehen. In dieser Endphase kommt es zu öffentlichen Debatten und es werden Beweise vorgelegt. Vielleicht wird es 2020 endlich zu Verurteilungen in dem Fall des Erziehungsheims kommen. Allerdings befürchtet Stef Arreaga der Gruppe 8 Tijax, dass es lediglich zu leichten Strafen kommen wird, da es sich in der Anklage nicht um Verbrechen wie Folter handelt, sondern um Misshandlung. Hinzu kommt, dass bei der Strafe für fahrlässige Tötung nicht jede Person einzeln betrachtet wird, sondern die Gruppe insgesamt.

Gerechtigkeit außerhalb der Gerichte

Für Brendy und Elsa ist das Denkmal, welches die Regierung im November 2019 vor dem Erziehungsheim errichtete, kein Ersatz für Gerechtigkeit. Die Namen auf dem Denkmal sind falsch geschrieben und die Familien und Überlebenden wurde nicht zur Einweihung eingeladen. Für sie bedeutet Gerechtigkeit, die Wahrheit über das Unglück zu erfahren, eine angemessene Strafe für die Schuldigen und, dass so etwas nie wieder passiert – keinem Mädchen und in keinem Erziehungsheim.

Es bleibt jedoch noch immer viel zu tun. „Es kommt weiterhin zu Aufständen in anderen Heimen, bei denen Mädchen ausbrechen und flehen, dass man ihnen zuhört“, gibt der Anwalt Celada zu bedenken. Das Schreckliche ist, dass die Gesellschaft einfach wegschaut. Die Mädchen werden weiter rebellieren, denn sie müssen uns etwas sagen, doch wir glauben nicht einmal, dass sie es wert sind gehört zu werden.“

Eine Frau bei einer Zeremonie am für die Mädchen errichteten Altar auf dem Hauptplatz von Guatemala-Stadt (Foto: Frauke Decoodt)

Celada betont daher, dass man Gerechtigkeit auch außerhalb der Gerichte suchen müsse, zum Beispiel durch den Erhalt des Altars, den zivilgesellschaftliche Organisationen und andere Engagierte auf dem Hauptplatz Guatemalas errichtet haben. Im September 2019 entfernte die Regierung ihn. Obwohl Aktivist*innen ihn wiedererrichteten, sagte die fehlende öffentliche Empörung viel über die Haltung in der Bevölkerung aus, so Celada. Dies verdeutlicht die Stigmatisierung und Kriminalisierung gegenüber den Familien und Überlebenden. „Wenn eine Gesellschaft nicht in der Lage ist, Mitgefühl für eine Tragödie wie diese zu empfinden, normalisiert sich die Gewalt. Und dann kann ein Unglück wie dieses immer wieder passieren.“

Übersetzung: Claudia Bothe

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