Dekret zur Enteignung von Teilen der Ex Colonia Dignidad unterzeichnet

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Im „Kartoffelkeller“ der Colonia Dignidad wurden politische Gefangene gefoltert. Er soll Teil eines Gedenkortes werden. Foto: Ute Löhning 2016

(Santiago de Chile/Berlin, 22. Juli 2025, taz/npla).- Nun ist es offiziell: die chilenische Regierung hat per Dekret beschlossen, dass der Kernbereich der ehemaligen deutschen Sektensiedlung Colonia Dignidad enteignet werden soll, um freien Zugang zu dem bisher privaten Gelände zu ermöglichen und in Zukunft eine Gedenkstätte und einen „Ort der Reflexion“ zu errichten. Die Minister für Justiz und Menschenrechte, Jaime Gajardo, für Wohnen und Stadtplanung, Carlos Montes, und für nationale Vermögenswerte, Francisco Figueroa, unterzeichneten am 7. Juli 2025 ein Dekret über die Enteignung von 117 Hektar der heute als Villa Baviera bekannten Siedlung. Am 22. Juli wurde dieses Dekret im chilenischen Amtsblatt Diario Oficial veröffentlicht und ist damit rechtsgültig. Doch viele Fragen sind noch offen, es kann auch zu langwierigen juristischen Auseinandersetzungen kommen.

Das zu enteignende Gebiet umfasst sechs Zonen, auf denen sich die historisch relevanten Orte befinden, die für Leid und Misshandlung in der ehemaligen deutschen Sektensiedlung stehen, wie sexualisierte Gewalt und Zwangsarbeit an Bewohner*innen der 1961 gegründeten Siedlung, Folter und Mord an politischen Gefangenen während der chilenischen Diktatur (1973 bis 1990) auf diesem Gelände. Innerhalb der 117 Hektar befinden sich aber auch Wohnhäuser von etwa 130 Personen, die noch heute in der Villa Baviera leben, und auch von diesen geführte Landwirtschaftsbetriebe und sowie ein Hotel-Restaurant im bayerischen Stil. Das frühere Wohnhaus des erst 2005 verhafteten und 2010 verstorbenen Anführers der Siedlung, Paul Schäfer, steht in besonderer Weise für sexualisierte Gewalt an deutschen und chilenischen Minderjährigen aus der Umgebung der Siedlung, das sogenannte „Zippelhaus“ war Ort von Zwangsarbeit und vielfacher Prügelorgien. In dem als Kartoffelkeller bezeichneten Schuppen wurden chilenische Oppositionelle nach dem Pinochet Putsch 1973 eingesperrt und gefoltert, die Leichen der Ermordeten in anonymen Gräbern verscharrt, später wieder ausgegraben und verbrannt. Alle diese Orte stehen bereits 2016 unter Denkmalschutz und sind Teil des Enteignungsdekrets.

Urteil wegen Beteiligung an Verschwindenlassen

Am 30. Mai 2025 war Willi Malessa, ein früherer Bewohner der Siedlung, wegen Beteiligung am Verschwindenlassen von politischen Gefangenen auf dem Gelände der Colonia Dignidad, zu sechs Jahren Haft verurteilt worden. Als Baggerfahrer hatte er Leichen von politischen Gefangenen aus anonymen Massengräbern ausgegraben und Autos von politischen Gefangenen zerlegt und vergraben. In dem Verfahren ging es um das Verschwindenlassen der 1976 verhafteten Juan Maino, Elizabeth Rekas und Antonio Elizondo von der linken Partei MAPU.
Mariana Maino, die Schwester von Juan Maino, begrüßte das Urteil gegen Willi Malessa als einen kleinen Schritt hin zu Gerechtigkeit. Vom deutschen Staat erwartet sie, dass dieser endlich auch zur juristischen Aufklärung beitrage. Vor der deutschen Justiz sind jedoch alle in der Colonia Dignidad begangenen Verbrechen straflos geblieben. Der in Chile rechtskräftig wegen Beihilfe zu Vergewaltigung und Missbrauch zu fünf Jahren Haft verurteilte ehemalige Leiter der Krankenhauses der Colonia Dignidad, Hartmut Hopp, lebt seit 2011 in Krefeld. Ein Antrag auf Haftvollstreckung seiner chilenischen Strafe in einem deutschen Gefängnis wurde abgelehnt, eigenständige Ermittlungen der deutschen Justiz eingestellt.

Das Dekret zur Enteignung von Teilen der deutschen Siedlung bezeichnet Mariana Maino als einen „wichtigen Schritt, mit dem der chilenische Staat sich den Ort wieder aneignet und ihn in ein Symbol des Respekts vor den Menschen, ihrer Würde und Rechte verwandelt“. Für die Angehörigen sei es besonders wichtig, „Orte des Trauerns zu haben“, erklärt sie und setzt darauf, dass die Enteignung auch konkret umgesetzt wird. Verbände von ehemaligen Gefangenen und von Angehörigen von verschwundenen politischen Gefangenen fordern seit langem den Stopp des Tourismusbetriebs und die Errichtung eines Gedenkortes in der heutigen Villa Baviera. Die meisten Bewohner*innen der Siedlung stehen dem grundsätzlich offen gegenüber, fordern aber, in den Prozess einbezogen zu werden. Intern gibt es große Konflikte wegen der Konzentration von Macht und Vermögen bei wenigen Familien.

Geteilte Meinungen der Bewohner*innen

Die Leitung der als Firmenholding strukturierten Villa Baviera lässt über die von ihr beauftragte Lobbyfirma Extend erklären, die Bewohnerinnen und Bewohner der Siedlung würden durch die fehlende Einbeziehung in die Enteignungsdebatte retraumatisiert. Führungspersonen der Holding hatten bereits vor Monaten angekündigt, auch mit rechtlichen Schritten gegen eine Enteignung vorgehen zu wollen. Das könnte den Enteignungsprozess um Jahre verzögern.
Der Rechtsanwalt Winfried Hempel, der selbst in der Colonia Dignidad aufgewachsen ist und heute mehrere ihrer Opfer vertritt, erklärt in einer Zeitungskolumne, in der heutigen Villa Baviera seien alte Machtstrukturen und Verhaltensmuster konserviert. Gelernte Unterdrückungsmethoden wiederholten sich, teils würden die früheren Opfer nun zu Tätern. Eine Enteignung durch den Staat sei für einige Bewohner*innen zunächst ein Schock, doch auf lange Sicht würde sie zur „psychologischen Befreiung und zur Wiederherstellung der Würde“ der Bewohner*innen beitragen, so Hempel. Seine Hoffnung: “Ich bin sicher, dass dieselben Bewohner*innen das im Laufe der Jahre wahrnehmen werden“.

Heutige und frühere Bewohner*innen, die die internen Machtstrukturen innerhalb der Villa Baviera kritisieren und sich zur Vereinigung für Wahrheit, Gerechtigkeit, Entschädigung und Würde der Ex Colonos (ADEC) zusammengeschlossen haben, erklärten in einem Schreiben an Chiles Präsident Boric im März, dass sie die Pläne für die Enteignung und die Errichtung einer Gedenkstätte unterstützten. Sie fordern jedoch, die Zahlung für die geplante Enteignung sollte als Entschädigung der Opfer verwendet werden und nicht an die Leitungen der Aktiengesellschaften gehen.

Gedenkstätte noch nicht in Sicht

Justizminister Montes erklärt, in den kommenden Monaten werde ein Wertgutachten des Geländes erstellt, dann die Auszahlung des zu zahlenden Preises an die Besitzer*innen beantragt, und danach erst erfolge der Akt der eigentlichen Enteignung. Diese Schritte sollen im Jahr 2025 umgesetzt werden.
Während Präsident Gabriel Boric in seiner Regierungserklärung im Juni 2024 die Enteignung einiger historischer Gebäude angekündigt hatte, umfassen die gegenwärtigen Enteignungspläne mit 117 Hektar riesige Flächen. Unklar bleibt, wie eine Gedenkstätte eines solchen Ausmaßes finanziert und bewirtschaftet werden könnte.

Justizminister Gajardo betont die Bedeutung von Gedenkstätten, die den Staat und die Bevölkerung an die Gräuel der Diktatur erinnern sollen, die sich nicht wiederholen dürften. Er wirbt für eine menschenrechtsorientierte Ausrichtung staatlicher Politiken und deutet damit bereits darauf hin, dass auch die nächste – möglicherweise rechte Regierung – diese einhalten sollte. Denn im November und Dezember finden die Präsidentschaftswahlen in Chile statt, in den aktuellen Umfragen liegen die drei rechten Kandidat*innen weit vorn. Und klar ist: Vor Ende der aktuellen Regierungszeit im März 2026 wird es auf dem Gelände der heutigen Villa Baviera keine Gedenkstätte und kein Dokumentationszentrum geben. Zwar hatte ein von einer deutsch-chilenischen Regierungskommission beauftragtes Expert*innenteam bereits 2021 ein Konzept für einen Gedenk-, Dokumentations- und Lernort vorgelegt. Doch gibt es bis heute keine Fortschritte bei der dringend anstehenden Gründung einer Trägergesellschaft oder sonstigen vorbereitenden Arbeiten.

Aus dem Auswärtigen Amt heißt es, die Bundesregierung begrüße die Pläne, Teile der heutigen Villa Baviera zu enteignen, um dort eine Gedenkstätte und ein Dokumentationszentrum einzurichten. Sie habe die chilenische Seite gebeten, die Interessen der derzeitigen Bewohner*innen der Villa Baviera zu berücksichtigen. Insgesamt hält sich die Bundesregierung seit Jahren eher zurück und bezeichnet ihre Rolle als Unterstützung für chilenische Initiativen. Um der geteilten Verantwortung des chilenischen und des deutschen Staates an den in der Colonia Dignidad begangenen Verbrechen und deren Duldung gerecht zu werden, bleibt es jedoch Aufgabe beider Regierungen, eine Gedenkstätte und ein Dokumentationszentrum aufzubauen.

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2 Antworten zu “Dekret zur Enteignung von Teilen der Ex Colonia Dignidad unterzeichnet”

  1. MUCHAS GRACIAS UTE POR ESCRIBIR ESTE ARTICULO Y COMPARTIRLO A TRAVES DE ESTE MEDIO ONLINE
    LA INFORMACION ES FUNDAMENTAL PARA GENERAR ESPACIOS DE REFLEXION Y BUSQUEDA DE VERDADES OCULTAS.
    LA VERDAD ES Y SERA UN PILAR FUNDAMENTAL PARA LA JUSTICIA , REPARACION Y LA DIGNIDAD DE QUIENES SUFRIRON Y FUERON MUERTOS EN ESE LUGAR. OJALA EL GOBIERNO ALEMAN COLABORE MAS CONCRETAMENTE PARA ESCLARECER ESTOS HECHOS POR LA SANACION DE TODOS LOS INVOLUCRADOS COMO VÍCTIMAS, VICTIMARIOS, COMPLICES Y ENCUBRIDORES. TANTO EN NUESTRO PAIS COMO EN ALEMANIA.

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