Morena Herrera: „Wir sollen unterwürfig und untergeordnet sein“

Morena Herrera, Aktivistin aus El Salvador. Foto: Markus Plate

(Mexiko-Stadt, 31. Mai 2021, poonal).- Morena Herrera wurde 1960 in El Salvador geboren und lebt in Suchitoto, etwa 40 km nordöstlich der Hauptstadt San Salvador. Die ehemalige FMLN-Guerrillera ist Feministin und Koordinatorin bei der Asociacion Colectiva Feminista para el Desarrollo Local (CFDL), einer Partnerorganisation von Brot für die Welt. Das Netzwerk fördert Frauenrechte und arbeitet zur Gleichberechtigung der Geschlechter. Anfang Mai hat Brot für die Welt auf einer Online-Veranstaltung einen Atlas der Zivilgesellschaft präsentiert. Morena Herrera berichtete dort über die Situation der Zivilgesellschaft in El Salvador mit besonderem Blick auf die Situation von Frauen und geht dabei auch auf die Regierung des amtierenden Präsidenten Nayib Bukele und die Pandemie ein. Wir haben dieses Interview für poonal leicht redigiert. Das Interview führte Markus Plate.

Frau Herrera, wie steht es um die salvadoranische Gesellschaft?

Morena Herrera: Unsere gesamte Geschichte ist durch eine fortwährende Konfrontation gekennzeichnet, die sich speist aus der Konzentration des Reichtums in den Händen weniger – und einer in weiten Teilen verarmten Gesellschaft. Frauen und Mädchen tragen die Hauptlast dieser Konzentration von Reichtum und Ungleichheit. Sie sind diejenigen, die die schlechtesten Jobs ausüben, sie sind diejenigen, die unbezahlt die Hausarbeit erledigen und für ihre Familien sorgen. El Salvador ist dazu eine sehr gewalttätige Gesellschaft. Der Mangel an echten Alternativen vor allem für junge Menschen hat in den letzten Jahren zu skandalösen Gewalttaten geführt. Dies geschieht mit einer ideologischen Unterstützung, die patriarchalische Kultur, Neoliberalismus und extremem Individualismus kombiniert. Auf diese Weise haben Morde, und im Fall von Frauen die Femizide zugenommen. Gewalt wurde normalisiert, die sexualisierte Gewalt an Mädchen wurde normalisiert, sogar innerhalb von Familien.

Nun herrschen ja vielerorts In Lateinamerika noch sehr traditionelle Rollenbilder. Wie ist die Situation der Frau speziell in El Salvador?

Für die Gesellschaft und insbesondere für die politische und herrschende Klasse haben Frauen vor allem Mütter zu sein! Es spielt keine Rolle, dass wir andere Träume haben und anderes machen wollen. Um eine Frau zu sein, hast Du Mutter zu sein. Wir sollen unterwürfig und untergeordnet sein und dies als unser Los akzeptieren. So ist El Salvador zu einem der Länder mit den höchsten Femizidraten und eine der wenigen Gesellschaften der Welt geworden, die Abtreibung in all ihren Formen verurteilt und kriminalisiert: Dem liegt zum einen die Annahme zu Grunde, dass Abtreibung ein Verbrechen sei. Gleichzeitig wird mit der Praxis der Abtreibung dieses Gebot, ausschließlich als Mutter eine Daseinsberechtigung zu haben, in Frage gestellt. Und deshalb wurde dieses absolute Abtreibungsverbot verhängt. Und deshalb suchen sie nach Verbrecherinnen, wo es keine gibt. So haben wir zum Beispiel Situationen der Kriminalisierung eines geburtshilflichen Notfalls erlebt, in denen die Frau nichts getan hat, wo aber das Ungeborene gestorben ist.

El Salvador gehörte ja lange zu den Ländern mit den höchsten Mordraten und Femiziden auf der Welt, zusammen mit den Nachbarländern Guatemala und Honduras. Was sind die Gründe dafür?

Die extreme Gewalt wird auch durch extreme Ungleichheiten verursacht. Keine Regierung hat sich um Präventionsmaßnahmen geschert. Um Gewalt zu verhindern, müssen die Bedingungen überwunden werden, die die Gewalt verursachen. Um die Gewalt gegen Frauen zu bekämpfen, müssen die Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen überwunden werden. Es geht darum, die patriarchalische Kultur zu überwinden, die Männern die ideologische und psychologische Rechtfertigung liefert, um Frauen zu kontrollieren, zu misshandeln, zu vergewaltigen und zu töten. Gerade durch die Covid-Pandemie leben wir Frauen in großer Unsicherheit. In unserem 85-tägigen Lockdown gab es mehr als 400 Schwangerschaften bei Mädchen unter 14 Jahren, sogar unter 10 Jahren. Gleichzeitig wurden nicht nur sexuelle und reproduktive Gesundheitsdienste, sondern auch der Zugang zur Justiz stark eingeschränkt.

Seit zwei Jahren ist die politische Polarisierung aus rechter ARENA und der linken Ex-Guerilla FMLN durchbrochen. Präsident Nayib Bukele hat die Parlamentswahlen haushoch gewonnen. Wie sehen Sie Bukele und seine Partei „Nuevas Ideas“?

Wir bewegen uns in Richtung sehr autoritärer Regierungsformen. Die Regierung von Nayib Bukele mag keine kritischen Stimmen, die die Probleme unserer Gesellschaft benennen. Und hier sind es vor allem die Journalistinnen, die es am Schlimmsten trifft. Auf sie wird Druck ausgeübt, weil sie Teil der Medien sind, insbesondere, wenn sie sich einem unabhängigen Journalismus verpflichtet sehen. Es wird aber auch Druck und Gewalt speziell gegen Journalistinnen ausgeübt, weil sie Frauen sind. Das ist eine sehr schwierige Situation und wir hoffen, dass die Regierung erkennt, dass kritische Stimmen für den Aufbau der Demokratie notwendig sind. Auch wir wollen es besseres El Salvador. Wenn es Frauen besser geht, gewinnt die gesamte Gesellschaft. An diesem Punkt könnten wir uns treffen.

El Salvador hat aber seit vielen Jahren eine aktive und auch kämpferische Zivilgesellschaft. Was macht Ihnen Hoffnung?

Wir sind eine Gesellschaft, die viele Probleme hat. Wir sind aber auch eine Gesellschaft, die darum kämpft, Gerechtigkeit, Freiheiten und Demokratie zu erringen. Vor allem junge Menschen organisieren sich in El Salvador gerade. Und in der feministischen Bewegung beteiligen sich immer mehr junge Frauen an den Kämpfen gegen Ungleichheit, gegen die Gewalt gegen Frauen und auch für die Entkriminalisierung der Abtreibung. Wir sind eine Gesellschaft, die die Hoffnung auf ein besseres Leben nicht verliert.

Sie sind Mutter von vier Töchtern, die in diesem El Salvador, das Sie uns schildern, aufgewachsen sind. Was ist Ihnen bei der Vorbereitung Ihrer Töchter und Enkelinnen auf das Leben in der salvadoranischen Gesellschaft wichtig?

Ich bin Feministin und Mutter von vier Frauen. Ich hatte eigentlich keine andere Wahl, als Feministin zu sein (lacht). Ich habe meine Töchter unterstützt, damit sie studieren und einem Beruf nachzugehen. Ich war sehr radikal in der Information, die sie von mir bekommen haben. Sie sollten in der Lage sein, Entscheidungen zu treffen und autonome Frauen zu sein, damit sie von niemand anderem abhängig sind. Ich ermutige sie, ihre Gedanken und Gefühle auszudrücken, um glücklich zu sein. Und ich bin sehr stolz auf die Enkelinnen, die ich in meinem Leben habe.

Morena Herrera ist Feministin und soziale Aktivistin aus El Salvador. Für Ihren jahrelangen Kampf für die Rechte von Frauen und die Entkriminalisierung der Abtreibung wurde sie übrigens 2016 von der BBC zu einer der 100 wichtigsten Frauen erklärt.

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