Guerrero: Polizisten und Kriminelle erschießen sechs Menschen

von Wolf-Dieter Vogel

Auf dem Gelände der pädagogischen Hochschule Ayotzinapa in Tixtla / Guerrero. Foto: Wolf-Dieter Vogel(Berlin, 02. Oktober 2014, taz/poonal).- Im südmexikanischen Bundesstaat Guerrero ist erneut die Gewalt gegen Oppositionelle eskaliert. Bei Angriffen auf Studenten starben in der Nacht zum 27. September in der Provinzstadt Iguala sechs Personen. Polizisten und Kriminelle gingen in der von sozialen Kämpfen und Mafiabanden geprägten Region gemeinsam gegen Aktivist*innen und Unbeteiligte vor.

Kommiliton*innen der für ihre rebellische Haltung bekannten pädagogischen Hochschule Ayotzinapa hatten in Iguala Spenden gesammelt, um ihre Fahrt zu einer Demonstration in Mexiko-Stadt zu finanzieren. Dort sollte Student*innen gedacht werden, die 1968 erschossen worden waren. Doch Beamte der lokalen Polizei stoppten einen von drei Bussen, die die Lehreranwärter*innen in Beschlag genommen hatten, um zu flüchten. Weil die Studenten sich weigerten auszusteigen, nahmen die Polizisten das Fahrzeug unter Beschuss. Fenster, Reifen und Windschutzscheibe seien durchlöchert gewesen, berichten Augenzeugen. Einer der Aktivisten wurde so schwer verletzt, dass er in der Nacht starb.

25 Verletzte, 42 Verschwundene

Vier Stunden später griff eine bewaffnete Bande eine Pressekonferenz der Studenten an, die am selben Ort stattfand. Zwei weitere Kommilitonen kamen ums Leben. Die Lehrergewerkschaft Ceteg kritisierte, dass keine Sicherheitskräfte das Treffen geschützt hätten. Zuvor war ein weiterer Bus von Kriminellen beschossen worden, in dem ein Fußballteam saß, das sich auf der Heimfahrt befand. Der Fahrer, ein jugendlicher Fußballspieler sowie eine weitere Unbeteiligte starben. Offenbar sei es zu einer Verwechslung gekommen, vermutet die Tageszeitung El Sur.

25 Personen wurden durch die Angriffe in Iguala verletzt, 42 werden auch fünf Tage nach den Vorfällen noch vermisst. Bundespolizisten, Soldaten und Angehörige der Verschwundenen suchen seither nach den jungen Männern. Die Ayotzinapa-Student*innen, Professor*innen und Lehrergewerkschaften sind indes in einen unbefristeten Streik getreten. Tausende Menschen beteiligten sich zudem an der Demonstration in der Landeshauptstadt Chilpancingo. Die Demonstrant*innen zerstörten die Fensterscheiben des Parlamentsgebäudes, warfen Brandsätze und sprühten auf Mauern: “Kein Vergeben – kein Vergessen”. Sie fordern Aufklärung über den Verbleib ihrer Mitstreiter und die Absetzung des Bürgermeisters von Iguala, José Luis Abarca. Auch den Gouverneur des Bundesstaates Àngel Aguirre Rivero machen sie für die eskalierende Gewalt verantwortlich.

Polizisten verhaftet, Bürgermeister untergetaucht

“Die Antwort der Polizisten war nicht angemessen, im Gegenteil, sie war völlig übertrieben”, erklärte der Generalstaatsanwalt von Guerrero, Iñaky Blanco Cabrera, und ließ 22 Polizisten aus Iguala verhaften. Zudem ordnete er die Vorführung des umstrittenen Bürgermeisters José Luis Abarca Velázquez und seines Sicherheitschefs Felipe Flores Velázquez an – beide sind jedoch inzwischen untergetaucht. Die Ayotzinapa-Student*innen gelten als sehr rebellisch, häufig beteiligen sie sich an Aktivitäten gegen Landraub, umweltschädigende Großprojekte oder Korruption. Da in Guerrero viele Rathäuser von der Mafia kontrolliert werden, ist das gemeinsame Vorgehen von lokalen Polizisten und Kriminellen nicht ungewöhnlich. Kriminelle Banden, aber auch Sicherheitskräfte lassen immer wieder Menschen verschwinden. Deshalb ist der Verdacht, dass sich die Kommilitonen in deren Händen befinden, sehr realistisch.

Allein zwischen 2006 und 2012 sind in Mexiko nach offiziellen Zahlen 26.000 Menschen verschwunden. Im vergangenen Jahr waren es mindestens 3.000.

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