50 Jahre nach dem Putsch

„Erinnerung entsteht gemeinsam – Mehr denn je: Nie wieder“. Über 100.000 Menschen gingen in Buenos Aires anlässlich des 24. März auf die Straße. Aber auch in anderen Städten gab es große Demonstrationen, hier beispielsweise in Córdoba. Foto: Bastian Greshake Tzovaras via flickr, CC BY-SA 4.0.

(Buenos Aires, 25. März 2026, RedEco).- Der 24. März ist ein symbolträchtiges Datum für alle Argentinier*innen. In diesem Jahr jährt sich zum 50. Mal der zivil-militärische Staatsstreich, der der blutigste in der Geschichte des südamerikanischen Landes war. Unter den Parolen “Más que nunca, nunca más” (zu dt.: „Mehr denn je: Nie wieder“) und “Que digan dónde están” (zu dt.: „Sie sollen sagen, wo sie sind“) marschierten mehr als Hunderttausend Menschen im Zentrum der Hauptstadt, um Erinnerung, Wahrheit und Gerechtigkeit einzufordern.

Es folgt eine Übersetzung des gemeinsamen Dokuments, das von den Menschenrechtsorganisationen auf der Plaza de Mayo verfasst und verlesen wurde:

„50 Jahre nach dem genozidalen Putsch stehen wir wieder gemeinsam auf diesem historischen Platz, und auf allen Plätzen des Landes, mit tiefer Überzeugung, um zu bekräftigen, dass Erinnerung durch Kampf verteidigt wird und dass es notwendig ist, die Kämpfe zu vereinen, um sie in schwierigen Zeiten zu stärken.

Es sind 30.000! Es war und ist ein Genozid. Wir vergessen nicht, wir vergeben nicht und wir versöhnen uns nicht!

Heute sind sie auf diesem Platz präsent, und wir wollen, dass die neuen Generationen und die gesamte Gesellschaft wissen, wer sie waren, wie sie dachten, wie sie lebten, welche Träume sie hatten und wofür die 30.000 kämpften. Deshalb marschieren wir heute mit ihren Fotos. Denn wir sind hier, um jener Generationen zu gedenken, die Mitte des vergangenen Jahrhunderts begannen, sich zu organisieren, um gegen diejenigen zu kämpfen, die – wie heute – Argentinien zu einer Kolonie des US-amerikanischen und europäischen Imperialismus machen wollten.

In einem Land mit starker industrieller Entwicklung kämpften Arbeiterinnen und Arbeiter gemeinsam mit den Landarbeiterinnen und Landarbeitern für gerechte Arbeitsbedingungen, würdige Löhne und Zugang zu Land. Gleichzeitig griffen breite Teile der Arbeiterbewegung historische Kampferfahrungen wieder auf, entwickelten Klassenbewusstsein und erarbeiteten politische Programme, die über bloße Forderungen hinausgingen. Beispiele dafür sind der Gewerkschaftsbewegung für nationale Befreiung, vorangetrieben durch die CGT de los Argentinos, sowie klassenkämpferische Erfahrungen in Gewerkschaften und Industriekoordinatoren großer Städte. Die Studierendenbewegung förderte die Einheit mit der Arbeiterklasse und setzte sich für eine Universität im Dienste des Volkes ein, inklusive kostenloser Hochschulbildung.

Die Einheit von Arbeiterschaft und Studierenden sowie bäuerlichen Organisationen, Priestern der Bewegung „Dritte Welt“ und Armenviertelbewegungen fand ihren Ausdruck in den heroischen Aufständen wie dem Cordobazo, Mendozazo und Tucumanazo.

In diesem Klima entstand auch der historische Streik der Arbeiter von Villa Constitución im Jahr 1975.

Die 30.000 Verschwundenen, mehr als 10.000 politische Gefangene und Tausende im Exil waren Teil dieser Volksbewegung, die sich trotz Verfolgung organisierte und kämpfte. Wir würdigen ihre Kämpfe in verschiedenen politischen Strömungen und Organisationen, die für eine Gesellschaft ohne Unterdrückung und Ausbeutung eintraten.

Diejenigen, denen das Leben genommen wurde, waren Kinder dieses Volkes – voller Freude, Träume und Hoffnung. Ihre Aufgabe, die Welt zu verändern, bleibt unvollendet und ist heute unsere Verantwortung.

Der genozidale Putsch wurde vorbereitet durch die Regierung von Isabel Perón sowie durch paramilitärische Gruppen und den Plan Cóndor.

Der Staatsstreich von 1976 führte ein neues Wirtschaftsmodell ein, basierend auf Finanzspekulation, Deindustrialisierung und Importöffnung. Ziel war es, das hohe Maß an Organisation und politischem Bewusstsein der Bevölkerung zu zerstören.

Am 24. März 1976 begann ein systematischer Plan des Verschwindenslassens und der Ermordung von Aktivistinnen und Aktivisten. Mehr als 800 geheime Haftzentren wurden eingerichtet. Hunderte Babys wurden geraubt und ihrer Identität beraubt.

Die meisten Verschwundenen wurden ermordet oder starben an Folter, viele in sogenannten „Todesflügen“. Ihre Körper wurden nie zurückgegeben. Deshalb fordern wir: Sagt, wo sie sind!

Nach dem Putsch wurden Parlament und Parteien abgeschafft, Gewerkschaften zerschlagen und jede Form sozialer Organisation verboten. Presse, Wissenschaft und Kunst wurden zensiert.

Wenn wir sagen, es sind 30.000, sprechen wir von ihren Leben, ihren Kämpfen und ihrem Engagement.

Dieser Putsch war zivil-militärisch und wurde von wirtschaftlichen Eliten, Teilen der Kirche und der US-Botschaft unterstützt.

Vor 49 Jahren veröffentlichte Rodolfo Walsh seinen offenen Brief an die Militärjunta und prangerte die geplante Verelendung an.

Selbst im Malwinenkrieg begingen Militärs Verbrechen gegen Wehrpflichtige.

Die Straflosigkeit war jahrzehntelang Staatspolitik – erst durch den unermüdlichen Kampf der Mütter und Großmütter der Plaza de Mayo sowie der Gesellschaft konnten Prozesse gegen über 1.500 Täter geführt werden.

Verbrechen gegen die Menschlichkeit verjähren nicht. Das gewaltsame Verschwindenlassen dauert an, solange das Schicksal der Verschwundenen ungeklärt ist.

Wir fordern die sofortige Öffnung aller Archive von 1974 bis 1983 sowie die Bestrafung aller Verantwortlichen.

Javier Milei verfolgt heute ein ähnliches Wirtschaftsprogramm wie während der Diktatur. Regierungen wie die von Menem und Macri vertieften dieses Modell.

Die aktuelle Regierung verstärkt die Abhängigkeit von Donald Trump und dem US-Imperialismus, greift soziale Rechte an und setzt neoliberale Reformen durch.

Diese Maßnahmen bedeuten einen Rückschritt von über einem Jahrhundert an erkämpften Rechten.

Solche Modelle können nur durch Repression durchgesetzt werden – mit Verfolgung, Überwachung und Gewalt gegen soziale Bewegungen.

Heute gibt es eine Regierung, die nicht nur den Terrorismus des Staates leugnet, sondern ihn rechtfertigt. Deshalb werden Erinnerungs- und Gerechtigkeitspolitiken abgebaut.

30.000 Verschwundene – sie sind unter uns!
Jetzt und immer!

Übersetzung: Mara Gutmann

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