Brasilien

“Vielen Landbesitzer*innen gehören auch Medienanstalten”


von Paolo Moiola

(Lima, 29. April 2011, noticias aliadas).- Interview mit Marta Valéria Cunha (Koordinatorin der Katholischen Landpastorale CPT (Comissão Pastoral da Terra) im Bundesstaat Amazonas

 

Die Katholische Landpastorale ist eine für ihren Aktivismus bekannte Institution. Ihre Kämpfe, Studien und Initiativen – wie etwa das Referendum zur Begrenzung von Landbesitz (Referendo sobre poner límites a la propiedad de la tierra), das im September letzten Jahres durchgeführt wurde oder die Kampagne gegen Sklavenarbeit (Campaña contra el trabajo esclavo) oder auch die jährlichen Berichte zu Landkonflikten finden stets eine große Resonanz. Die CPT lässt sich von niemanden bremsen: Weder von der Regierung – dies gilt auch für progressive Regierungen, wie die von Luiz Ignácio Lula da Silva (2003-2010) oder die jetzige von Dilma Rouseff – und noch viel weniger von Großgrundbesitzer*innen und Parteien, die von Großgrundbesitzer*innen unterstützt werden und die stets eine starke Präsenz im Parlament haben. Ebenso wenig lässt sich die CPT von der Nationalen Bischofskonferenz CNBB (Conferência Nacional dos Bispos do Brasil) aufhalten, aus der sie selbst hervorgegangen ist.

Marta Valéria Cunha ist Koordinatorin der CPT im Amazonas, dem größten Bundesstaat Brasiliens. Sie übt diese Tätigkeit bereits seit sieben Jahren aus. Zuvor war sie dort bereits seit den 1990er Jahren als Freiwillige aktiv. Paolo Moiola, Mitarbeiter bei Noticias Aliadas, führte mit Cunha in Manaus, dem Sitz der CPT, ein Gespräch über die Organisation und den Kampf ums Land.
 

Noticias Aliadas: Wie sieht die Arbeit der CPT aus?

Cunha: Wir arbeiten mit traditionellen Gemeinden zusammen – mit Flussvölkern, Quilombos (Gemeinden der afrikanischstämmigen Bevölkerung) und indigenen Gemeinden, sowie mit Kleinbauern und –bäuerinnen. Wir kämpfen für die Verteidigung ihrer Rechte, den Schutz ihrer Territorien, um Landtitulierung und um die Legalisierung von kollektivem Landbesitz.

Noticias Aliadas: Letztendlich dreht sich alles um einen Punkt: die Landverteilung. Wie würdest du das Problem beschreiben?

Cunha: Es ist nicht nur das. Wir mischen uns in die Konflikte zwischen Anwohner*innen und Großgrundbesitzer*innen ein, aber auch in Konflikte zwischen Flussanwohner*innen und professionellen Fischer*innen, die große Schiffe benutzen. Die Landfrage ist jedoch eine sehr komplexe Angelegenheit. In Brasilien gäbe es genügend Land für alle, doch befindet es sich in den Händen einiger weniger. Es gibt ein paar Menschen, denen gehören riesige Ländereien und es gibt Millionen von Menschen, denen gar nichts gehört. Die Landkonzentration forciert zudem Umweltzerstörung und Sklavenarbeit.

Im Bundesstaat Amazonas, dem mit mehr als 1,5 Mio. Quadratkilometern größten Bundesland Brasiliens gibt es immer noch Sklavenarbeit. Das nahm in der Kautschuk-Epoche von 1890 bis 1920 seinen Anfang und ist bis heute so geblieben.
 

Noticias Aliadas: Warum braucht man eine Agrarreform?

Landlosenbewegung MST  /The Boy From Cerrado, FlickrCunha: Weil hinter der Armut das Problem der Konzentration von Landbesitz steckt. Mit einer Agrarreform würden diejenigen, die auf diesem Land produzieren möchten, Landbesitz erhalten und nicht Spekulant*innen, die ein Grundstück kaufen und danach den Preisanstieg abwarten. In Manaus gibt es 200.000 Landlose. Artikel 184 der brasilianischen Verfassung von 1988 legt fest, dass der Staat zum Zweck einer Landreform auch Landbesitz enteignen kann. Allerdings heißt es im darauffolgenden Artikel 185, dass produktives Land nicht enteignet werden kann. Aus diesem Grund hat die Riege der Großgrundbesitzer*innen im Parlament es niemals zugelassen, dass Indizes für Produktivität bestimmt wurden. Solch ein Index würde festlegen, ob ein Gutsbesitz als produktiv oder nicht produktiv anzusehen ist. Ohne Indizes bleibt jedoch alles so wie es ist.
 

Noticias Aliadas: Was hat es mit dem Phänomen der “Grilagem” auf sich, also der illegalen Aneignung von Land mittels falscher Landtitel?

Cunha: Die „Grilagem“ betrifft hauptsächlich – zu etwa 90 Prozent – öffentliches Land, auf dem traditionelle Völker oder Kleinbauern und -bäuerinnen leben, die sich niemals um die Legalisierung der von ihnen genutzten Felder Gedanken gemacht haben. Dann kommen Leute von außen und eignen sich diese Länder mittels „Grilagem“ an, dazu benutzen sie sogar das Gesetz 11.592 von 2009. Dieses Gesetz hat die Legalisierung von „terras griladas“ begünstigt.
 

Noticias Aliadas: An dem von der CPT im September 2010 durchgeführten Referendum über die Begrenzung der Landbesitzgröße haben 500.000 Wähler*innen teilgenommen, von denen sich 95 Prozent für eine Begrenzung ausgesprochen haben. Das sind nicht viele Menschen, bedenkt man die Wichtigkeit dieses Anliegens. Außerdem haben die Medien sehr wenig über das Referendum berichtet.

Cunha: Ich würde das nicht so sagen. Nach unserer Ansicht ist es ein gutes Ergebnis. Man muss bedenken, dass während der zwei Regierungsperioden von Präsident Lula mehrere soziale Bewegungen still gehalten haben. Lula sahen sie immer als einen der ihren an und viele Gruppen haben es daher vorgezogen, einen Schritt zurück zu machen, um Konfrontationen mit ihm zu vermeiden.

In Brasilien sind viele Gutsbesitzer*innen zudem gleichzeitig Eigentümer*innen von Medienanstalten oder sie sind Politiker*innen. Die Medien – das Fernsehen, genauso wie die Presse – verteufeln die sozialen Bewegungen wegen der Landfrage. Man muss nur an die schrecklichen Geschichten denken, die sie über die Bewegung der Landlosen MST (Movimento dos Trabalhadores Rurais Sem Terra) schreiben und sagen.
 

Noticias Aliadas: Ihr beschäftigt euch mit den Kleinbauern und -bäuerinnen. Aber die Landfrage, insbesondere in Amazonien, betrifft auch indigene Bevölkerungsgruppen.

Cunha: Die CPT arbeitet mit ländlichen Gemeinden, während eine andere landesweite Organisation, der Missionsrat für indigene Völker CIMI (Conselho Indigenista Missionário), der ebenfalls mit der Bischofskonferenz CNBB verbunden ist, speziell mit indigenen Gruppen zusammenarbeitet. Jedoch kümmern wir uns im Amazonasgebiet ebenfalls um indigene Gruppen.
 

Noticias Aliadas: Wie muss man sich im Jahr 2011 Sklavenarbeit vorstellen?

Cunha: Es gibt Arbeiter*innen, die von morgens bis abends schuften und dafür kein Geld, sondern nur Lebensmittel erhalten. Andere verschulden sich immer mehr, obwohl sie arbeiten. Im Amazonasgebiet wurden im vergangenen Jahr 40 Personen befreit, die für einige Großgrundbesitzer*innen als Sklav*innen gearbeitet hatten.
 

Noticias Aliadas: Folglich sind für die Sklavenarbeit vor allem Großgrundbesitzer*innen verantwortlich…

Cunha: Nicht immer. Im Bezirk Presidente Figueiredo befindet sich beispielsweise „Jayoro“, ein Gutshof, der zu Coca-Cola gehört. Das dazugehörige Land weist unglaubliche Dimensionen auf: Es ist fast 60.000 Hektar groß. Auf diesem Land baut der US-Multi Zuckerrohr an, das er zur Produktion von Zuckersirup für seine Getränke verwendet. Und auch Coca-Cola wurde wegen entwürdigender Arbeitsbedingungen und Sklavenarbeit angeklagt. Und abgesehen davon sind anfangs für diese Zuckerrohrplantagen rund 10.000 Hektar Urwald abgeholzt worden.
 

Noticias Aliadas: Ihr seid eine katholische Organisation, aber es ist bekannt, dass ihr innerhalb der Kirche viele Gegner*innen habt. Die Unterstützung und die Ressourcen für eure Aufgaben nehmen also ab?

Cunha: Die CPT erhält fast alle Ressourcen von katholischen Institutionen, obwohl nicht alle mit uns einverstanden sind. Auch innerhalb der CNBB gibt es erhebliche Meinungsunterschiede. Sicher ist jedoch, dass diejenigen Bischöfe, die uns unterstützen, inzwischen schon alt oder bereits in Rente gegangen sind. Die neuen Bischöfe sind weniger progressiv als diejenigen der Vergangenheit. Uns bereitet diese Situation sehr große Sorgen. Unter anderem nimmt auch die finanzielle Unterstützung durch ausländische Organisationen, wie beispielsweise aus Deutschland, ab. Vielleicht liegt es daran, dass Brasilien als achtgrößte Wirtschaftsmacht der Welt angesehen wird.

Nur, obwohl Brasilien die achtgrößte Weltmacht ist, nehmen Landkonflikte immer mehr zu, während sich unsere Ressourcen in der CPT stetig verringern und damit auch unsere Möglichkeiten, tätig zu werden. Ja, meiner Meinung nach sieht die Zukunft sehr kompliziert aus.


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