Mexiko

Verschüttete GVO: Kriminelle Gleichgültigkeit


von Elena Álvarez-Buylla*

Maisverladung / Foto: JohnLillis CC BY-NC-ND 2.0, flickr(Mexiko-Stadt, 06. Februar 2015, la jornada).- In diesem neuen Jahr ist es entscheidend, unseren Mais und unser Maisfeld, die Milpa, zu verteidigen. Damit setzen wir auf unsere Kultur, unsere Umwelt und unsere Gesundheit. Zu einem wesentlichen Ausmaß hängen diese von der kleinbäuerlichen Produktion ohne Agrargrifte ab. Ein biologischer Landbau, der gesunde Lebensmittel produziert und weder die Umgebung schädigt noch die biologische Vielfalt in Mexiko zerstört, baut auf Wissen sowie auf die Vielfalt von Anbau, Technologie und gemeindebasierter Organisation. All dies ist von unschätzbarem Wert, um die Ernährungssouveränität zurückzugewinnen.

Komplizenschaft der Behörden

Die agrarindustriellen Unternehmen haben es sich in Komplizenschaft mit der mexikanischen Regierung zur Aufgabe gemacht, dieses zivilisatorische Projekt im Namen des Business zugrunde zu richten. Ein Beleg dafür ist der Bericht der Zeitschrift Contralínea vom vergangenen 18. Januar über wiederholte Waggonentgleisungen von 2010 bis 2013 (s. Poonal 1127). Dabei wurden 800 Tonnen Genmais und Genbaumwolle in den Bundesstaaten Chihuahua, Guanajuato und Veracruz verschüttet. Verantwortlich sind drei Unternehmen, die gentechnisch verändertes Saatgut produzieren und/oder verwenden.

Die Interministerielle Kommission für die Biosicherheit gentechnisch veränderter Organismen (Cibiogem) und die Landesbehörde für Gesundheit, Unbedenklichkeit und landwirtschaftliche Ernährungsqualität (Senasica) wurden darüber informiert. Es ist empörend, dass beide Einrichtungen nicht die notwendigen Nachforschungen unternommen bzw. keine Fachberichte veröffentlicht haben. Diese müssten genau belegen, wie verhindert wurde, dass die verschütteten Körner keine einheimischen Maispflanzungen kontaminieren und nicht an Orte gelangen konnten, wo ihre Verwendung verboten ist.

Risiko der Verunreinigung durch verschüttete GVO

Es ist wissenschaftlich nachgewiesen: genveränderte Organismen (GVO) können sich über die Ketten des Saatgutaustausches über tausende von Kilometern bewegen. Wenn sie einmal keimen und die Pflanzen reifen, blühen und Pollen produzieren, dann bewegen sich die Transgene über hunderte von Kilometern. Die verschütteten GVO bargen das Risiko, zu Ausgangspunkten für die Verunreinigung zu werden. Die Expert*innen der mexikanischen Regierung, die damit beauftragt sind, so etwas zu verhindern und zu verfolgen, haben ihre Pflicht vernachlässigt. Dem muss unter Klärung der Verantwortlichkeiten dringend Abhilfe geschaffen werden.

Insgesamt müssen wir überprüfen, ob der Genmais weiterhin unsere einheimischen Sorten kontaminiert, die über das ganze Land verteilt sind. Mexiko ist Ursprungsland und Vielfaltszentrum des Maisgetreides. Die mit der Biosicherheit beauftragten Fachkräfte waren nicht in der Lage, die 2001 von Quist und Chapela in Oaxaca berichtete Verunreinigung zu bestätigen. Doch verschiedene unabhängige Labors, darunter jenes, an dem ich arbeite*, wiesen die Kontamination in Oaxaca und an weiteren Orten nach. Glücklicherweise gibt es noch die Chance zur Umkehr. Aber die GVO lassen sich nicht auf ihren Feldern zurückhalten. Sie verbreiten sich über den Pollen und den Saatguttransport.

Gleichgültigkeit und Verantwortungslosigkeit

Statt die Verunreinigung um jeden Preis zu verhindern und ihre Verantwortung hinsichtlich der Biosicherheit wahrzunehmen, ist die Regierung gleichgültig oder steckt mit den Konzernen, und dem öffentlichen Interesse entgegen gerichtet, unter einer Decke. Sie genehmigt zudem neue Produkte für Konsum und Aussaat wie die Soja. Das hat ebenfalls unheilvolle Auswirkungen: Bienen und die mexikanische Honigproduktion, die zu den besten der Welt zählt, können endgültig geschädigt werden.

Wir dürfen nicht hinnehmen, dass die Regierung unser Grundnahrungsmittel Mais ungeschützt lässt. Gesundheitsdaten aus den USA zeigen eine erhöhte Prävalenz von 22 Krankheiten, darunter mehrere Krebsformen (La Jornada, 28.11.2014), was unter anderem mit der schrecklichen Zunahme von Glyphosat in Verbindung gebracht wurde. Glyphosat wird seit den 1990er Jahren im GVO-Anbau benutzt. Angesichts dieser Situation muss die Verwendung von GVO-Pflanzen in verarbeiteten Lebensmitteln unbedingt vermieden werden.

Verstärkte Hinweise auf Schäden durch Glyphosat

In Argentinien haben die Fälle von Missbildungen bei Neugeborenen von Müttern, die in der Nähe von Gensoja-Feldern leben, zugenommen. In Brasilien wies eine Personengruppe, die mit dem Gensoja-Anbau in Berührung kommt, stärkere genetische und zelluläre Anomalien auf als eine Kontrollgruppe.

Ratte Edans CC BY 2.0 flickr2011 publizierten Seralini und seine Mitarbeiter*innen Studien, die von der erstveröffentlichenden Zeitschrift zurückgezogen und dann in einer anderen Zeitschrift nach strenger Bewertung neu verbreitet wurden. Die Studien verstärken die Hinweise, dass mit GVO gefütterte Ratten Schäden verschiedener Organe einschließlich Leber und Nieren aufweisen. Sie sterben eher und entwickeln mit höherer Wahrscheinlichkeit Krebs als die mit nicht-transgenem Futter ernährten Ratten.

Die fehlende Etikettierung macht es unmöglich, eine Kausalbeziehung zwischen dem Konsum von GVO und der Krankheitsneigung von Menschen nachzuweisen. Aber die angehäuften Informationen sind höchst besorgniserregend. Sie legen nahe, dass die Nahrungsmittelproduktion auf der Grundlage dieser seit den 1990er Jahren angewandten agrarindustriellen Technologie der Gesundheit abträglich ist.

Gentechnisch veränderte Maisstärke in Lebensmitteln?

Die kleinbäuerlichen Produktionsformen benötigen unsere Unterstützung. Zusammen mit einer wirklichen Wissenschaft, die sich Gesellschaft und Umwelt verpflichtet fühlt, wird diese Art Landbau unabdinglich für ein gesamtheitliches Landwirtschaftsprogramm sein, das die Ernährungssouveränität zurückgewinnt, ohne Umwelt und biologische Vielfalt zu zerstören.

Aufgrund der angesammelten Belege wird in den USA die Etikettierung transgener Lebensmittel gefordert. In Europa ist dies Pflicht. Aber in Mexiko hat die Regierung eine bedeutende Zahl von GVO-Produkten genehmigt. Das führt möglicherweise dazu, dass inzwischen eher hier Genmais enthaltende Produkte zu finden sind, als in Europa.

Was drin ist in Essen aus Mais, weiß man oft nicht / Foto: Maisritual beim TTP, Foto CeccamIm Widerspruch zu dem, was Wissenschaft und Realität aufzeigen – und was kongruent mit unserer Biosicherheit sowie der Ernährungs- und Gesundheitssouveränität wäre – scheint die Bundesregierung trübe Vereinbarungen mit den großen GVO-Produzent*innen und mit in das Geschäft eingestiegenen Unternehmen getroffen zu haben.

Zu nennen sind [der Maismehlproduzent] Maseca oder die Vermarkter des Glyphosat-Mittels Faena. Diese Unternehmen sind bereit zu lügen oder die wissenschaftlichen Daten zum Thema zu ignorieren. In den ärmsten ländlichen Gebieten, beispielsweise entlang der Wege, die ins Hochland von Chiapas führen, sind überall enorme Werbetafeln für diese Produkte zu finden. Diese Produkte haben Eingang in die ländlichen Zonen und die einfachsten Familienhaushalte gefunden.

Wir wissen nicht, in welchem Ausmaß diese Derivate aus dem GVO-Anbau in unsere Tortillas, Totopos, Tostadas, Pozoles, Tamales, Tlacoyos, Atoles, Tejuinos, Memelas, Quesadillas, Chalupas, Sopes [eine kleine Auswahl von mit Mais zubereiteten Lebensmitteln; d. Ü.] gelangen. Und in so viele andere Varianten, die unser Grundnahrungsmittel Mais auf dem Esstisch annimmt. Wir müssen dringend untersuchen, ob Maismasse, Stärke, Sirup, Tortilla-Mais und andere Grundnahrungsmittel, die im Handel sind, noch immer – wie vor Jahren dokumentiert – GVO enthalten.

*Forscherin des Ökologie-Institutes der UNAM, Kampagnen-Koordinatorin der UCCS (www.uccs.mx)

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